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Biographie Ramana Maharshi I     Inhaltsverzeichnis

von T. M. P. MAHADEVAN, M. A., Dr. Phil.

Professor der Philosophie, Universität von Madras

Herausgegeben von
V. S. RAMANAN
Präsident des Treuhänderausschusses
SRI RAMANASRAMAM
TIRUVANNAMALAI 606-603
SOUTH INDIA

Nachgedruckt aus Ramana Maharshi and His Philosophy of Existence

© Sri Ramanasramam, Tiruvannamalai 606-603, Tamil Nadu, India 1989


VORWORT

Die vorliegende Abhandlung wurde ursprünglich für ein Buch über The Saints (Die Heiligen) geschrieben und erschien als allgemeine Einleitung in einem Werk über Bhagavan mit dem Titel „Ramana Maharshi and his Philosophy of existence“. Weil dieses Essay wahrscheinlich für die allgemeine Leserschaft von Interesse ist, wurde es auch separat in Form eines kleinen Buches herausgegeben.

Möge Bhagavan diese Gabe annehmen!

Aradhana-Tag, T.M.P. Mahadevan, 5. Mai 1959.


GEBET

O Vinayaka, der du auf eine Rolle (die Abhänge des Berges Meru) die Worte des großen Weisen (Vyasa) schriebst, und der du auf dem siegreichen Arunachala wohnst - beseitige die Krankheit (maya), welche die Ursache unserer Wiedergeburten ist und beschütze gnädig den großen edlen Glauben (die Philosophie und Religion der Upanishaden), der voll des Honigs des Selbstes ist!

Das ist ein Gebet an Gott Ganesa, dem Beseitiger aller Hindernisse, welches von Bhagavan Sri Ramana verfaßt wurde. Es bezieht sich auf eine Geschichte aus den Puranas, nach der Ganesa Vyasa als Schreiber gedient und das Mahabharata niedergeschrieben hat. Hier wird seine Gnade zum Schutze der Vedanta-Philosophie angerufen. Der gedruckte Tamil-Vers ist eine Reproduktion von Bhagavans eigener Handschrift.


Bhagavan Ramana

Ramana MaharshiDie Schriften sagen uns, daß es genau so schwer ist, den Weg eines Weisen nachzuvollziehen, wie den Flug eines Vogels in der Luft. Die meisten Menschen müssen sich mit einer langsamen und mühevollen Reise zum Ziel zufrieden geben. Aber einige wenige sind als Adepten geboren, die geradewegs auf das gemeinsame Zuhause aller Wesen - das höchste Selbst - zufliegen. Die Allgemeinheit der Menschheit fasst sich ein Herz, wenn ein solcher Weiser erscheint. Obwohl sie nicht imstande ist, mit ihm Schritt zu halten, fühlt sie sich in seiner Gegenwart erhoben und bekommt einen Vorgeschmack der Glückseligkeit, gegenüber der die Freuden der Welt zu nichts verblassen. Zahllose Menschen, die währen der Lebenszeit Sri Ramana Maharshis nach Tiruvannamalai kamen, hatten diese Erfahrung. Sie sahen in ihm einen Weisen ohne die geringste Spur von Weltlichkeit, einen Weisen von einzigartiger Reinheit, einen Zeugen der ewigen Wahrheit des Vedanta. Es kommt nicht oft vor, daß ein spiritueller Genius von der Größe Sri Ramanas die Erde besucht. Aber wenn es geschieht, bringt das der ganzen Menschheit Nutzen, und es öffnet sich vor ihr eine neue Zeit der Hoffnung.

Tamil NaduUngefähr dreißig Meilen südlich von Madurai, eine Stadt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu (rot markiert), gibt es ein Dorf namens Tirucculi mit einem alten Siva-Tempel, den zwei der großen Tamil-Heiligen, Sundaramurti und Manikkavacakar, besungen haben. In diesem heiligen Dorf lebten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein unbescheinigter Anwalt, Sundaram Aiyar mit seiner Frau Alagammal. Frömmigkeit, Hingabe und Güte charakterisierten dieses ideale Paar. Sundaram Aiyar war außerordentlich großzügig. Alagammal war eine ideale Hindufrau. Am 30. Dezember 1879 wurde ihnen Venkataraman - später bekannt als Ramana Maharshi - geboren. Es war ein verheißungsvoller Tag für die Hindus - der Ardra-darsanam-Tag. An diesem Tag wird jedes Jahr das Bild des tanzenden Sivas - Nataraja - in Prozessionen aus den Tempeln herausgetragen, um die göttliche Gnade des Herrn zu feiern, die ihn vor Heiligen wie Gautama (Buddha), Patanjali (Yoga), Vyaghrapada und Manikkavacaka erscheinen ließ.

Am Ardra-Tag des Jahres 1879 wurde das Nataraja-Bild (Shiva Nataraja = Shiva als Gott des Tanzes) mit allen dazugehörigen Zeremonien aus dem Tempel in Tirucculi herausgeholt, und gerade als man es wieder hereinbrachte, wurde Venkataraman geboren. In Vekataramans frühen Jahren gab es keine auffallenden Besonderheiten. Er wuchs wie ein gewöhnlicher Durchschnittsjunge auf. Er wurde in eine Grundschule in Tirucculi geschickt und dann für eine einjährige Ausbildung in eine Schule in Dindigul. Als er zwölf war, starb sein Vater. Deshalb mußte er zusammen mit seiner Familie nach Madurai gehen und dort bei seinem väterlichen Onkel Subbaiyar wohnen. Dort wurde er zur „Scotts Middle School“ und dann zur „American Mission High School“ geschickt. Er war ein mittelmäßiger Schüler, der seine Studien nicht gerade ernst nahm. Aber er war ein gesunder und kräftiger Junge. Seine Schulkameraden und andere Gefährten hatten Angst vor seiner Stärke. Wenn manche von ihnen Streitigkeiten mit ihm hatten, trauten sie sich nur dann, ihm einen Streich zu spielen, wenn er schlief. Was das betraf, war er eher ungewöhnlich: Er wusste von nichts, was mit ihm während des Schlafes geschah. Man trug ihn fort oder schlug ihn sogar, ohne dass er dabei aufwachte.

Scheinbar durch Zufall hörte Venkataraman vom Arunachala, mit 980 m einer der heiligsten Berge Indiens, als er sechzehn Jahre alt war. Eines Tages besuchte ein älterer Verwandter die Familie in Madurai. Der Junge fragte ihn, wo er herkäme. Der Verwandte antwortete: „Vom Arunachala!“. Der Name „Arunachala“ wirkte wie ein Zauberspruch auf Venkataraman, und mit sichtbarer Aufregung stellte er dem älteren Herrn die nächste Frage: „Was, vom Arunachala? Wo ist das?“. Und er bekam die Antwort, der Arunachala, mit seinem kahlem Kegel aus rötlichem Vulkangestein, erhebt sich über der südindischen Stadt Tiruvannamalai, ca. 150 km entfernt von Chennai (volle Namensform: Chennappattanam, bis 1996 Madras), der  Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu. Chenmai ist eine ist eine lang gestreckte Hafenstadt an der Ostküste Süd-Indiens am Golf von Bengalen mit 4.328.416 Einwohnern in der eigentlichen Stadt und 6.849.102 in der Agglomeration - außerhalb der Stadtgrenzen (Stand jeweils 1. Januar 2005).

Chenmai (rot markiert), die Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu ca. 150 km von Tiruvannamalai entfernt, dem Ort, wo sich der Heilige Berg Arunachala und der Shiva Tempel befindet, wo Ramana Maharshi lebte

Sich auf dieses Ereignis beziehend, sagt der Weise später in einer seiner Hymnen an den Berg Arunachala: „O großes Wunder! Er steht als ein lebloser Berg. Seine Funktion ist für jeden schwer zu verstehen. Seit meiner Kindheit erschien Arunachala meinem Verstand als etwas sehr großartiges. Aber sogar, als mir jemand sagte, daß er das gleiche wie Tiruvannamalai (Stadt) war, verstand ich seine Bedeutung nicht. Als er sich zu mich hinaufzog, meinen Geist beruhigte und ich ihm nahe kam, stellte ich fest, dass er das Unbewegliche ist.“

Der Arunachala - (aruna = Licht oder Morgenröte, achala = Hügel)

Kurz nach jenem Zwischenfall, der Venkataramans Aufmerksamkeit auf Arunachala gelenkt hatte, folgte ein weiteres Ereignis, das dazu beitrug, das Interesse des Jungen auf tiefere spirituelle Werte zu richten. Zufällig fiel ihm ein Exemplar von Sekkilar’s Periyapuranam in die Hände, welches von den Leben der 63 Shiva-Heiligen (63 Nayanmar - in Englisch) erzählt. Er las das Buch und war davon gefesselt. Das war das erste Stück religiöser Literatur, das er las. Das Beispiel der Heiligen faszinierte ihn, und in den inneren Tiefen seines Herzens fand er eine zustimmende Antwort. Ohne irgendeine sichtbare frühere Vorbereitung stieg in ihm ein Verlangen auf, den Geist der Entsagung und Hingabe, der das Wesen eines heiligen Lebens darstellte, nachzuahmen.

Die spirituelle Erfahrung, die sich Venkataraman nun sehnlichst wünschte, kam bald und ganz unerwartet. Es war Mitte des Jahres 1896, Venkataraman war damals sechzehn. Eines Tages saß er allein im ersten Stock im Haus seines Onkels. Er war gesund wie immer. Aber plötzlich ergriff ihn eine unverkennbare Todesangst. Er fühlte, daß er sterben wird. Warum er dieses Gefühl hatte, wußte er nicht. Trotzdem entmutigte ihn das Gefühl des bevorstehenden Todes nicht. Er dachte in Ruhe darüber nach, was er tun sollte. Er sagte zu sich selbst: „Nun, der Tod ist gekommen. Was bedeutet das? Was ist es, das stirbt? Dieser Körper stirbt.“

Unmittelbar danach legte er sich auf den Boden, streckte Arme und Beine aus und hielt sie so steif, als ob die Leichenstarre eingesetzt hätte. Er hielt seinen Atem an und seine Lippen fest geschlossen, so dass sein Körper vom äußeren Anschein her eine Leiche war. Nun, was würde geschehen? Er dachte folgendes: „Nun, dieser Körper ist tot. Er wird auf den Scheiterhaufen gelegt und zu Asche verbrannt. Aber bin ich mit dem Tod dieses Körper tot? Ist der Körper „Ich“? Dieser Körper ist stumm und leblos. Aber ich fühle die volle Kraft meiner Persönlichkeit und die Stimme des „Ich“ unabhängig vom Körper. Also bin ich der GEIST, der den Körper transzendiert.

Der Körper stirbt, aber der GEIST, der ihn transzendiert, kann vom Tod nicht berührt werden. Das bedeutet, ich bin der unsterbliche GEIST.“ Als Bhagavan später diese Erfahrung seinen Devotees (Jüngern) erzählte, sah es so aus, als ob das ein Vorgang des Denkens war. Aber er legte Wert darauf, zu erklären, dass das nicht so war. Die Verwirklichung durchfuhr ihn wie ein Blitz. Er erkannte die Wahrheit direkt. „Ich“ war etwas sehr Wirkliches, das einzig Wirkliche. Die Todesangst war ein für allemal verschwunden. Von da an blieb das „Ich“ wie die Sruti-Note, die allen anderen zugrunde liegt. So fand sich der junge Venkataraman auf dem Höhepunkt der Spiritualität ohne irgendein mühsames oder langes Sadhana (spirituelle Praxis). Das Ego war in der Flut des Selbstgewahrseins verloren. Ganz plötzlich wurde der Junge, der Venkataraman genannt wurde, zu einem Weisen und Heiligen.

Man bemerkte einen völligen Wandel im Leben des jungen Weisen. Die Dinge, die er früher schätzte, verloren nun ihren Wert. Die spirituellen Werte, die er bis dahin ignoriert hatte, wurden die einzigen Objekte seiner Aufmerksamkeit. Schulstudien, Freunde, Verwandtschaft - nichts von dem hatte jetzt noch eine Bedeutung für ihn. Er wurde äußerst gleichgültig gegenüber seiner Umgebung. Demut, Sanftmut, Widerstandslosigkeit und andere Tugenden wurden zu seiner Zierde. Er mied Gesellschaft und zog es vor, allein dazusitzen - ganz versunken in Konzentration auf das Selbst. Jeden Tag ging er zum Minaksi-Tempel und erfuhr eine Begeisterung, wenn er vor den Bildern der Götter und Heiligen stand. Tränen flossen aus seinen Augen. Die neue Vision war ständig in ihm. Sein Leben war nun vollständig verwandelt.

Venkataramans älterer Bruder beobachtete den großen Wandel, der sich bei ihm vollzog. Er rügte ihn mehrmals für sein gleichgültiges und Yogi-artiges Verhalten. Ungefähr sechs Wochen nach dem großen Wandel kam die Wende. Es war am 29. August 1896. Venkataramans Englischlehrer hatte ihm aufgetragen, als Strafe für sein Desinteresse an seinen Studien eine Lektion aus Bain’s Grammatik dreimal abzuschreiben. Der Junge schrieb sie zweimal ab, aber hörte auf, als ihm die völlige Sinnlosigkeit dieser Aufgabe bewusst wurde. Er warf sein Buch und die Unterlagen weg, setzte sich hin, schloss seine Augen und wandte sich in Meditation nach innen. Der ältere Bruder, der Venkataramans Benehmen die ganze Zeit über beobachtet hatte, ging zu ihm und sagte: „Was hat das alles für einen Sinn für jemanden wie dich?“

Das war offensichtlich als ein Tadel für Venkataramans unweltliche Art und sein Vernachlässigen der Studien gemeint. Venkataraman gab keine Antwort. Er gestand sich selbst ein, dass es keinen Sinn hatte, so zu tun als ob er studierte und als ob er so wie vorher wäre. Er entschied sich, sein Zuhause zu verlassen und erinnerte sich daran, dass es einen Ort gab, wo er hingehen kann - nämlich Tiruvannamalai. Aber wenn er seine Absicht seiner Familie darlegen würde, würden sie ihn nicht gehen lassen. Also musste er eine List anwenden. Er sagte seinem Bruder, dass er diesen Mittag in die Schule geht und eine besondere Klasse besucht. Daraufhin bat ihn sein Bruder, fünf Rupees unten aus der Büchse zu nehmen und seine Studiengebühr in dem College, wo er studierte, zu bezahlen. Venkataraman ging nach unten, seine Tante gab ihm eine Mahlzeit und die fünf Rupees. Er nahm einen Atlas, der im Haus war und stellte fest, dass der nächste Bahnhof bei Tiruvannamalai in Tindivanam war.

Tatsächlich wurde aber eine Zweiglinie nach Tiruvannamalai selbst gelegt, aber da es ein alter Atlas war, war diese Strecke darin nicht verzeichnet. Er rechnete aus, dass drei Rupees für die Reise reichen würden. Also nahm er sich gerade so viel, und ließ den Rest zusammen mit einen Brief an einer Stelle im Haus, wo sein Bruder ihn leicht finden konnte, und machte sich auf den Weg nach Tiruvannamalai. In dem Brief schrieb er folgendes: „Ich bin aufgebrochen auf der Suche nach meinem Vater gemäß seinem Befehl. Dieser (sich selbst meinend) hat ein tugendhaftes Unternehmen begonnen. Deshalb sollte niemand hierüber betrübt sein. Und es braucht kein Geld ausgegeben zu werden, um diesen zu suchen. Eure Studiengebühr wurde nicht bezahlt. Anbei zwei Rupees.“

Es lag ein Fluch auf Venkataramans Familie - in Wahrheit war es ein Segen - dass einer aus jeder Generation ein Bettelmönch werden soll. Dieser Fluch wurde von einem Wanderasketen verhängt, der - so sagt man - im Hause von einem von Venkataramans Vorfahren um Almosen bat, und zurückgewiesen wurde. Ein väterlicher Onkel von Sundarama Aiyer (sein Vater) wurde ein Sannyasin, genauso wie Sundarama Aiyer’s älterer Bruder. Nun war Venkataraman an der Reihe, obwohl niemand vorhersehen konnte, dass sich der Fluch auf diese Weise verwirklicht. Leidenschaftslosigkeit fand Platz in Venkataramans Herzen, und er wurde ein Parivrajaka (ein Bettelmönch).

Es war eine epische (lyrische, erzählende) Reise, die Venkataraman von Madurai nach Tiruvannamalai machte. Ungefähr zur Mittagsstunde verließ er das Haus seines Onkels. Er ging zum Bahnhof, der etwa eine halbe Meile entfernt war. Zum Glück hatte der Zug an diesem Tag Verspätung, sonst hätte er ihn verpasst. Er schaute auf den Fahrpreisplan und stellte fest, dass die Fahrt dritter Klasse nach Tindivanam zwei Rupees und dreizehn Annas kostete. Er kaufte sich eine Fahrkarte, und behielt die restlichen drei Annas. Hätte er gewusst, daß es eine Eisenbahnstrecke direkt bis nach Tiruvannamalai gab, und hätte er auf den Fahrpreisplan geschaut, dann hätte er festgestellt, dass die Fahrt genau drei Rupees gekostet hätte. Als der Zug ankam, stieg er ruhig ein und setzte sich hin.

Ein Maulvi, ein islamischer Mullah, ein islamischer Rechtsgelehrte, der auch in dem Zug reiste, begann ein Gespräch mit Venkataraman. Von ihm erfuhr Venkataraman, dass es eine direkte Zugverbindung nach Tiruvannamalai gab, und dass man nicht bis Tindivanam fahren musste, sondern in Viluppuram umsteigen konnte. Das war eine nützliche Information. Als der Zug in Tiruccirappalli ankam, wurde es bereits dunkel. Venkataraman hatte Hunger. Er kaufte sich für ein halbes Anna zwei Wildbirnen, und seltsamerweise war sein Hunger mit dem ersten Biß gestillt. Etwa um drei Uhr morgens kam der Zug in Viluppuram an. Dort stieg Venkataraman aus dem Zug mit der Absicht aus, den Reist der Reise nach Tiruvannamalai zu Fuß zurückzulegen.

Bei Tagesanbruch ging er in die Stadt und suchte den Wegweiser nach Tiruvannamalai. Er sah eine Schildertafel, auf der „Mambalappattu“ stand, aber er wusste nicht, dass Mambalappattu auf dem Weg nach Tiruvannamalai lag. Bevor er sich weiter bemühte, herauszufinden, welchen Weg er nehmen musste, wollte er sich stärken, weil er Hunger hatte und müde war. Er ging in ein Hotel und bat um Essen. Er musste bis zum Mittag warten, bevor das Essen fertig war. Nachdem er seine Mahlzeit gegessen hatte, bot er zwei Annas als Bezahlung an. Der Hotelbesitzer fragte ihn, wieviel Geld er hatte. Als ihm Venkataraman sagte, dass er nur zweieinhalb Annas hatte, lehnte er ab, das Geld anzunehmen. Von ihm erfuhr Venkataraman auch, daß Mambalappattu ein Ort auf dem Weg nach Tiruvannamalai war. Venkataraman ging zurück zum Bahnhof von Viluppuram und kaufte eine Fahrkarte nach Mambalappattu, wofür sein Geld gerade reichte.

Irgendwann am Nachmittag kam Venkataraman in Mambalappattu mit dem Zug an. Von da aus machte er sich nach Tiruvannamalai zu Fuß auf den Weg. Er ging etwa zehn Meilen, und es war spät am Abend. In der Nähe war der Tempel von Arayaninallur, der auf einem großen Felsen gebaut ist. Dort ging er hin, wartete, bis die Türen geöffnet wurden, und setzte sich in die Säulenhalle. Dort hatte er eine Vision - eine Vision glänzenden Lichtes, das den ganzen Ort umgab. Es war kein gewöhnliches Licht körperlichen Ursprungs. Es leuchtete eine Weile und verschwand dann. Venkataraman blieb in einer Stimmung tiefer Meditation sitzen, bis er von den Tempelpriestern geweckt wurde, die die Türen abschließen und zu einem anderen Tempel eine dreiviertel Meile von Kilur entfernt zum Dienst gehen wollten.

Venkataraman folgte ihnen, und als er im Tempel war, war er wieder in Samadhi verloren. Nachdem die Priester ihre Pflichten erfüllt hatten, weckten sie ihn auf, aber gaben ihm nichts zu essen. Der Tempeltrommler, der das unhöfliche Benehmen der Priester beobachtet hatte, flehte sie an, dem fremden Jungen seinen eigenen Anteil des Tempelessens zu geben. Als Venkataraman nach etwas Trinkwasser fragte, wurde er zum Haus eines Sastris (brahmanischer Lehrer) geschickt, welches sich in einiger Entfernung befand. Als er in dem Haus war, wurde er ohnmächtig und fiel zu Boden. Nach ein paar Minuten kam er wieder zu sich und sah, wie ihn eine kleine Gruppe Menschen neugierig anschaute. Er trank das Wasser, aß etwas, legte sich hin und schlief.

Am nächsten Morgen wachte er auf. Es war der 31. August 1896, der Gokulastami-Tag, der Tag von Sri Krishnas Geburt. Venkataraman setzte seine Reise fort und ging ein Stück zu Fuß. Er war müde und hatte Hunger. Also wollte er zuerst etwas essen, und dann nach Tiruvannamalai gehen - wenn möglich mit dem Zug. Es kam ihm der Gedanke, dass er sich der beiden goldenen Ohrringe, die er trug, entledigen könnte, und so das notwendige Geld aufbringen könnte. Aber wie sollte er das machen? Er ging weiter und stand vor einem Haus, das einem gewissen Muthukrishna Bhagavatar gehörte. Er bat den Bhagavatar (göttliche Inkarnation) um Essen, und wurde zur Hausfrau geschickt. Die gute Frau freute sich, den jungen Sadhu (Bettelmöch) zu empfangen, und gab ihm am Geburtstag Sri Krishnas zu Essen. Nach dem Essen ging Venkataraman noch einmal zum Bhagavatar und sagte ihm, dass er seine Ohrringe für vier Rupees verkaufen wollte, um seine Pilgerreise vollenden zu können. Die Ohrringe waren etwa zwanzig Rupees wert, aber soviel Geld brauchte er nicht.

Der Bhagavatar untersuchte die Ohrringe, gab ihm das Geld, um das er gebeten hatte, notierte die Adresse des Jungen, schrieb seine eigene auf ein Stück Papier und sagte ihm, dass er die Ohrringe jederzeit zurückkaufen könnte. Venkataraman aß im Haus des Bhagavatars sein Mittagessen. Die fromme Dame gab ihm ein Päckchen Süßigkeiten, das sie zum Gokulastami-Tag vorbereitet hatte. Venkataraman verabschiedete sich, zerriss die Adresse, die ihm der Bhagavatar gegeben hatte, weil er nicht vorhatte, die Ohrringe zurückzukaufen, und ging zum Bahnhof. Da vor dem nächsten Morgen kein Zug mehr fuhr, verbrachte er die Nacht dort. Am Morgen des 1. Septembers 1896 stieg er in den Zug nach Tiruvannamalai ein. Die Reise dauerte nicht lange. Er stieg aus dem Zug aus und eilte zum großen Arunacalesvara-Tempel. Alle Tore standen offen - sogar die des inneren Heiligtums. Im Tempel waren keine Menschen - nicht einmal die Priester. Venkataraman betrat das Allerheiligste, und als er vor seinem Vater Arunacalesvara (Shiva-Tempel) stand, erfuhr er tiefe Ekstase und unaussprechliche Freude. Die epische Reise war zu Ende. Das Schiff hatte den Hafen sicher erreicht.

Tiruvanamalai

Tempel des Arunachaleshvara Shiva in Tiruvannamalai

Den Rest seines Lebens verbrachte Ramana - so werden wir ihn ab jetzt nennen - in Tiruvannamalai. Ramana wurde nicht formell in Sannyasa (Weltentsagung, Leben als Mönch) eingeweiht. Als er aus dem Tempel herauskam und durch die Straßen der Stadt ging, rief jemand und fragte, ob er seinen Haarbüschel entfernt haben wollte. Er stimmte gleich zu, und wurde zum Ayyankulam-Wasserbecken gebracht, wo ihm ein Barbier den Kopf rasierte. Dann stand er auf den Stufen des Beckens und warf sein restliches Geld ins Wasser. Er entledigte sich auch des Päckchens mit Süßigkeiten, das ihm die Frau des Bhagavatars gegeben hatte. Das nächste, was gehen musste, war die heilige Brahmanenschnur, die er trug. Als er zum Tempel zurückging, fragte er sich, ob er seinem Körper den Luxus eine Bades gewähren sollte - als ihn ein plötzlicher Regenguss durchnäßte.

Ramanas erster Aufenthaltsort in Tiruvannamalai war der große Tempel. Ein paar Wochen lang blieb er in der Halle der tausend Säulen. Aber er wurde von Jungen belästigt, die ihn, als er in Meditation saß, mit Steinen bewarfen. Er verzog sich in dunkle Ecken und sogar in ein unterirdisches Gewölbe, bekannt als Patala-lingam. Ungestört verbrachte er mehrere Tage in Meditation. Bewegungslos saß er in Samadhi, und nahm nicht einmal die Bisse des Ungeziefers wahr. Aber die bösartigen Jungen entdeckten bald das Versteck und vertrieben sich die Zeit damit, den jungen Swami mit Scherben zu bewerfen. Zu dieser Zeit gab es in Tiruvannamalai einen älteren Swami mit Namen Seshadri.

Die, die ihn nicht kannten, hielten ihn für einen Verrückten. Manchmal bewachte er den jungen Swami und verjagte die Bengel. Schließlich wurde er von Devotees (Anhängern) aus diesem Keller herausgetragen, ohne daß er sich dessen bewusst war, und wurde in der Nähe eines Subrahmanya-Heiligtums (Subrahmanya ist der Sohn von Siva und von Parvati. Subrahmanya bedeutet: "einer, der sich für spirituelles Wachstum interessiert“) untergebracht. Von da an gab es immer jemanden, der sich um Ramana kümmerte. Der Aufenthaltsort musste oft gewechselt werden. Gärten, Wälder und Heiligtümer wurden ausgesucht, um den Swami zu beschützen. Der Swami selbst sprach nie. Nicht etwa, dass er ein Schweigegelübde abgelegt hätte - er hatte einfach kein Bedürfnis zu sprechen. Manchmal wurden ihm Texte wie Vasistham und Kaivalyanavanitam vorgelesen.

Etwas weniger als sechs Monate nach seiner Ankunft in Tiruvannamalai verlegte Ramana seinen Aufenthaltsort in ein Heiligtum Namens Gurumurtam auf die ernste Bitte seines Inhabers hin, eines Mannes Namens Tambiransvami. Als die Zeit verging und sich Ramanas Ruhm ausbreitete, kamen immer mehr Pilger und Touristen zu ihm. Nach einem etwa einjährigen Aufenthalt im Gurumurtham zog der Swami - in der Gegend bekannt als Brahmana-Swami - in einen nahegelegenen Mangogarten um. Hier machte ihn einer seiner Onkel - Nelliyappa Aiyar - ausfindig. Nelliyappa Aiyar war ein Anwalt zweiten Grades in Manamadurai. Da er von einem Freund gehört hatte, daß Venkataraman ein verehrter Sadhu in Tiruvannamalai war, ging er zu ihm, um ihn zu sehen. Er versuchte sein Bestes, Ramana nach Manamadurai mitzunehmen. Aber der junge Weise antwortete nicht. Er zeigte kein Zeichen von Interesse an dem Besucher. Also ging Nelliyappa Aiyar enttäuscht nach Manamadurai zurück. Trotzdem überbrachte er Alagammal - Ramanas Mutter - die Nachricht.

Die Mutter ging, begleitet von ihrem ältesten Sohn, nach Tiruvannamalai. Ramana lebte zu der Zeit in Pavalakkunru, einem der östlichen Ausläufer des Berges. Mit Tränen in den Augen flehte sie Ramana an, mit ihr zurückzukommen. Aber für den Weisen gab es kein Zurück. Nichts berührte ihn, nicht einmal das Klagen und Weinen seiner Mutter. Er schwieg und gab keine Antwort. Ein Devotee, der die Bemühungen der Mutter mehrere Tage mit angesehen hatte, bat Ramana, doch wenigstens aufzuschreiben, was er zu sagen hatte. Der Weise schrieb folgende unpersönlichen Worte auf ein Stück Papier: „Das Schicksal des einzelnen wird durch sein Prarabdha (Prarabdha Karma = Karma aus dem jetzigen Leben) bestimmt. Was nicht geschehen soll, wird nicht geschehen, so sehr man sich auch bemüht. Und was geschehen soll, wird geschehen, was man auch tut, um es zu verhindern. Das ist gewiss. Das Beste ist deshalb, zu schweigen.“

Enttäuscht und mit schwerem Herzen ging die Mutter nach Manamadurai zurück. Irgendwann hiernach ging Ramana auf den Berg Arunachala und lebte in der Virupaksa-Höhle, die nach einem gleichnamigen Heiligen benannt wurde, der hier lebte und beerdigt ist. Die Menschen kamen auch hierhin, und unter ihnen befanden sich ein paar ernste Sucher. Jene letzteren stellten ihm Fragen über spirituelle Erfahrung oder brachten Bücher mit, um sich einige Punkte erklären zu lassen. Manchmal schrieb Ramana seine Antworten und Erklärungen auf. Eines der Bücher, das in dieser Zeit zu ihm mitgebracht wurde, war Shankaras Vivekacudamani, welches er später in Tamil-Prosa übersetzte. Es kamen auch einfache und ungebildete Leute zu ihm, die Trost und spirituelle Führung suchten. Eine von ihnen war Echammal. Sie hatte ihren Mann, ihren Sohn und ihre Tochter verloren und war untröstlich, bis sie das Schicksal zu Ramana brachte. Sie bestand darauf, den Swami jeden Tag zu besuchen, und nahm die Aufgabe auf sich, das Essen für ihn und für die, die mit ihm lebten, zu bringen.

Im Jahre 1903 kam ein großer Sanskritgelehrter und Savant (Lehrer, Gelehrter) nach Tiruvannamalai. Sein Name war Ganapati Sastri, auch bekannt als Ganapati Muni (Muni = Mönch) - wegen der Askese, der er sich unterzog. Er hatte den Titel Kavya-Kantha - (einer, der Poesie auf der Zunge hat), und seine Schüler redeten ihn mit Nayana (Vater) an. Er verehrte die göttliche Mutter. Er besuchte Ramana ein paar mal in der Virupaksa-Höhle. Irgendwann im Jahre 1907 befielen ihn Zweifel, die seine spirituellen Übungen betrafen. Er ging auf den Berg, sah Ramana allein in der Höhle sitzen und sagte zu ihm: „Alles, was man lesen muss, habe ich gelesen; sogar Vedanta Sastra habe ich vollständig verstanden; ich habe nach Herzenslust Japa (Mantrameditation) geübt; und doch habe ich bis jetzt noch nicht verstanden, was Tapas (Askese) ist.

Swami Sivananda

Tapas ist Askese. Ichlosigkeit und selbstloses Dienen sind die größten Formen von Tapas. Demut und Wunschlosigkeit sind die größten Formen von Askese. Übe sie durch unaufhörlichen, unermüdlichen selbstlosen Dienst. Übe die drei Arten von Tapas, die in der Gita beschrieben werden. 1. Fasten, 2. das Studium heiliger Schriften 3. Hingabe an Gott

Disziplinübungen wie Fasten, usw. fallen auch unter Tapas. Während Du fastest, wirst Du in meditative Stimmung kommen. Swadhyaya ist das Studium heiliger Bücher. Mantrawiederholung wird auch als Swadhyaya betrachtet. Dann hast Du Ishwara Pranidhana (Hingabe an Gott). Gib Dich Gott hin. “Ich bin Dein, alles ist Dein, mein Herr; Dein Wille geschehe”, ist das Mantra für Selbsthingabe.

Deshalb habe ich bei euren Füßen Zuflucht gesucht. Bitte klärt mich über das Wesen von Tapas auf!“ Ramana antwortete - nun sprechend: „Wenn man beobachtet, von wo die Vorstellung ‘Ich’ aufsteigt, dann löst sich der Geist dort auf. Das ist Tapas. Wenn man ein Mantra wiederholt und beobachtet, von wo der Mantra-Klang aufsteigt, dann löst sich der Geist dort auf. Das ist Tapas.“ Für den Gelehrten kam das als eine Offenbarung; er fühlte, wie ihn die Gnade des Weisen einhüllte. Er war es, der erklärte, dass Ramana der Maharshi (Maharshi bedeutet „Großer Weiser“ von maha = groß, rishi = Weiser) und Bhagavan (Göttlicher, Gott) ist. Er komponierte Sanskrithymnen, die den Weisen priesen, und schrieb auch die Ramana-Gita, die seine Lehren erklärt.

Ramanas Mutter, Alagammal, verlor nach ihrer Rückkehr nach Manamadurai ihren ältesten Sohn. Zwei Jahre später stattete ihr jüngster Sohn, Nagasundaram, Ramana einen kurzen Besuch ab. Sie selbst ging einmal nach einer Pilgerreise nach Varanasi und noch einmal während eines Besuches in Tirupati dorthin. Dabei wurde sie krank und litt mehrere Wochen lang mit Typhussymptomen. Ramana zeigte sich sehr besorgt, sie zu pflegen und wieder gesund zu machen. Er komponierte sogar eine Hymne, die Arunachala anfleht, sie von ihrer Krankheit zu heilen. Der erste Vers dieser Hymne geht folgendermaßen: „O Medizin, in Gestalt eines Berges, der auftauchte, um die Krankheit aller Geburten zu heilen, die wie Wellen aufeinanderfolgen. O Herr! Es ist deine Pflicht, meine Mutter, die nur deine Füße als ihre Zuflucht hat, zu retten, indem du ihr Fieber heilst.“

Er betete auch, dass seiner Mutter die göttliche Vision gewährt werden solle und dass sie von Weltlichkeit befreit werde. Es ist unnötig zu sagen, dass beide Gebete beantwortet wurden. Alagammal erholte sich wieder und ging zurück nach Manamadurai. Aber nicht lange nachdem sie nach Tiruvannamalai zurückkehrte, folgte wenig später ihr jüngster Sohn, Nagasundaram, der in der Zwischenzeit seine Frau verloren hatte, die ihm einen Sohn hinterließ. Es war Anfang des Jahres 1916, als Alagammal (Mutter) kam und sich entschloss, den Rest ihres Lebens mit Ramana zu verbringen. Kurz nach der Ankunft seiner Mutter zog Ramana von der Virupaksa-Höhle in den Skandasramam um, der etwas höher auf dem Berg liegt. Die Mutter erhielt Ausbildung in intensivem spirituellem Leben. Sie zog das ockerfarbene Gewand an und übernahm die Ashramküche.

Ramanas jüngster Bruder Nagasundaram wurde auch ein Sannyasin (Mönch) und nahm den Namen Niranjanananda an. Unter Ramanas Devotees (Jüngern) wurde er allgemein als Chinnaswami (der jüngere Swami) bekannt. Im Jahre 1920 ließ die Gesundheit der Mutter nach und sie bekam Altersleiden. Ramana pflegte sie mit Sorge und Zuneigung und verbrachte sogar schlaflose Nächte, in denen er bei ihr wachte. Das Ende kam am 19. Mai 1922, am Bahulanavami-Tag im Monat Vaisakha (2. hinduistischer Monat). Ihr Körper wurde den Berg heruntergebracht, um beerdigt zu werden. Die ausgewählte Stelle war der südlichste Punkt zwischen dem Palitirtham-Wasserbecken und dem Daksinamurti-Mantapam.

Während die Zeremonien durchgeführt wurden, stand Ramana selbst dabei und schaute schweigend zu. Ihr Sohn Niranjanananda Swami nahm seinen Wohnsitz in der Nähe des Grabes auf. Ramana, der weiter im Skandasramam lebte, besuchte das Grab jeden Tag. Nach etwa sechs Monaten blieb auch er hier - wie er später sagte, nicht aus eigenem Entschluss, sondern in Gehorsam auf den göttlichen Willen. So wurde der Ramanasramam gegründet. Über dem Grab wurde ein Tempel errichtet und im Jahre 1949 geweiht. Im Laufe der Jahre wuchs der Ashram ständig, und Menschen nicht nur aus Indien, sondern von allen Kontinenten der Welt kamen, um den Weisen zu sehen und von ihm Hilfe in spirituellen Dingen zu bekommen.

Ramanas erster westlicher Devotee war F. H. Humphrys. Er kam 1911 nach Indien, um einen Posten im Polizeidienst von Vellore aufzunehmen. Da er zum Okkultismus geneigt war, suchte er einen Mahatma. Von seinem Privatlehrer wurde er Ganapati Sastri (Sanskritdichter und Gelehrter) vorgestellt, und der Sastri brachte ihn zu Ramana. Der Engländer war tief beeindruckt. In einem Artikel in der Zeitung International Psychic Gazette schrieb er: „Nachdem wir die Höhle erreicht hatten, saßen wir vor ihm, zu seinen Füßen, und sagten nichts. Wir saßen so eine lange Zeit, und ich fühlte mich aus meinem Körper herausgehoben. Eine halbe Stunde lang sah ich in die Augen des Maharshis, welche nie ihren Ausdruck von tiefer Kontemplation veränderten.... 

Der Maharshi ist ein Mensch jenseits von Beschreibung in seinem Ausdruck von Würde, Güte, Selbstkontrolle und ruhiger Überzeugungsstärke.“ Humphry’s Vorstellungen von Spiritualität veränderten sich zum Besseren als Folge des Kontaktes mit Ramana. Er wiederholte seine Besuche bei dem Weisen. Er zeichnete seine Eindrücke in seinen Briefen an einen Freund in England auf, die in der oben erwähnten Zeitung veröffentlicht wurden. In einem von ihnen schrieb er: „Du kannst dir nichts Schöneres vorstellen als sein Lächeln.“ Und wieder: „Es ist seltsam, was es für eine Veränderung in einem bewirkt, wenn man in seiner Gegenwart war!“

Es waren nicht nur gute Menschen, die zum Ashram kamen. Manchmal tauchten auch schlechte auf - sogar schlechte Sadhus (Bettelmönche). Im Jahre 1924 brachen Diebe zwei mal auf der Suche nach Beute ein. Beim zweiten Mal schlugen sie den Maharshi sogar, als sie feststellten, dass sie nicht viel mitnehmen konnten. Als einer der Devotees den Weisen um Erlaubnis fragte, die Diebe zu bestrafen, verbot er es ihm und sagte: „Sie haben ihr Dharma, wir haben unseres. Wir müssen ertragen und Geduld haben. Wir wollen uns nicht einmischen.“ Als einer der Diebe ihm einen Schlag auf den linken Oberschenkel gab, sagte er zu ihm: „Wenn du noch nicht zufrieden bist, kannst du das andere Bein auch noch schlagen.“ Nachdem die Diebe wieder fort waren, erkundigte sich einer der Devotees nach dem Schlag. Der Weise sagte: „Ich habe auch etwas Puja (Verehrung) bekommen“ wobei er mit dem Wort „Puja“ spielte, welches „Gottesdienst“ bedeutet, aber auch „Schläge“ heißen kann.

Der Geist der Harmlosigkeit, der den Weisen und seine Umgebung durchdrang, ließ sogar Vögel und Tiere mit ihm Freundschaft schließen. Er erwies ihnen die gleiche Rücksicht wie den Menschen, die zu ihm kamen. Wenn er über sie sprach, benutzte er die Wörter „er“ oder „sie“ und nicht „es“. Vögel und Eichhörnchen bauten ihre Nester in seiner Nähe. Kühe, Hunde und Affen fanden Asyl im Ashram. Alle von ihnen verhielten sich intelligent - besonders die Kuh Laksmi. Er kannte sie alle ganz genau. Er achtete darauf, dass sie richtig und gut gefüttert wurden. Und wenn ein Tier starb, wurde sein Körper mit angemessener Zeremonie beerdigt. Das Leben im Ashram ging ruhig dahin. Mit der Zeit kamen immer mehr Besucher - einige von ihnen nur für einen kurzen Aufenthalt, andere blieben länger.

Die Ausmaße des Ashrams nahmen zu, ein paar Dinge und Abteilungen kamen dazu - ein Kuhstall, eine Schule für das Studium der Vedas, eine Abteilung für Veröffentlichungen und der Tempel der Mutter mit regelmäßigem Gottesdienst u.s.w. Ramana saß die meiste Zeit in der Halle, die für diesen Zweck gebaut wurde, als Zeuge dessen, was um ihn herum geschah. Das heißt nicht, dass er nicht aktiv war. Er heftete Blattteller zusammen, bereitete Gemüse zu, machte Vorschläge für Antworten auf Briefe u.s.w., und doch sah man, dass er von allem fern war. Es gab zahlreiche Einladungen für ihn, Reisen zu unternehmen. Aber er ging nie von Tiruvannamalai weg, und in den späteren Jahren nicht einmal aus dem Ashram. Die meiste Zeit, jeden Tag, saßen Menschen vor ihm. Sie saßen meistens in Schweigen. Manchmal stellte einer von ihnen Fragen, und manchmal antwortete er ihnen. Es war eine großartige Erfahrung, vor ihm zu sitzen und in seine strahlenden Augen zu schauen. Viele spürten, wie die Zeit zum Stillstand kam und erfuhren eine Stille und einen Frieden jenseits jeder Beschreibung.

Das goldene Jubiläum von Ramanas Ankunft (1. September 1896) in Tiruvannamalai wurde 1946 gefeiert. Im Jahre 1947, Ramana war mittlerweile 68 Jahre alt, begann seine Gesundheit nachzulassen. Er war noch keine siebzig, doch er sah viel älter aus. Gegen Ende des Jahres 1948 zeigte sich ein kleiner Knoten unter dem Ellenbogen seines linken Armes. Als er wuchs, schnitt ihn der Arzt, der für die Ashramapotheke zuständig war, heraus. Aber innerhalb eines Monats kehrte der Knoten zurück. Es wurden Chirurgen aus Madras geholt, und sie operierten. Die Wunde heilte nicht, und der Tumor kam wieder. Bei weiteren Untersuchungen wurde diagnostiziert, dass es sich um ein Sarkom (bösartiger Tumor) handelte.

Die Ärzte empfahlen, den Arm über dem betroffenen Teil zu amputieren. Ramana erwiderte mit einem Lächeln: „Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Der Körper selbst ist eine Krankheit. Soll er sein natürliches Ende haben. Warum ihn verstümmeln? Einfaches Verbinden der betroffenen Stelle reicht aus.“ Zwei weitere Operationen mussten durchgeführt werden, aber der Tumor kehrte zurück. Man versuchte es mit einheimischen Medizinsystemen und auch mit Homöopathie. Die Krankheit fügte sich nicht der Behandlung. Der Weise war ganz uninteressiert, und völlig gleichgültig gegenüber dem Leiden. Er war wie ein Zuschauer, der beobachtet, wie die Krankheit den Körper verzehrt.

Aber seine Augen leuchteten so hell wie immer, und seine Gnade floss allen Wesen zu. Die Menschen kamen in großer Anzahl. Ramana bestand darauf, dass ihnen erlaubt wird, seinen Darsana zu haben. Devotees wünschten sich von ganzem Herzen, dass er seinen Körper durch Anwendung von übernatürlichen Kräften heilen würde. Einige von ihnen dachten, dass sie selbst den Nutzen aus diesen Kräften hatten, welche sie Ramana zuschrieben. Ramana hatte Mitleid mit denen, die über sein Leiden trauerten, und er versuchte sie zu trösten, indem er sie an die Wahrheit erinnerte, daß Bhagavan nicht der Körper ist: „Sie halten diesen Körper für Bhagavan und schreiben ihm Leiden zu. Wie schade! Sie sind verzweifelt weil sie glauben, dass Bhagavan sie verläßt und fortgeht - aber wohin kann er gehen, und wie?

Das Ende kam am 14. April 1950. An diesem Abend gab der Weise den Devotees, die kamen, Darsana (Treffen von Schüler und Meister). Alle, die im Ashram waren, wussten, dass das Ende nahte. Sie saßen und sangen Ramanas Hymne an Arunachala mit dem Refrain Arunachala-Siva. Der Weise bat seine Betreuer, ihn hinzusetzen. Er öffnete seine leuchtenden und gnädigen Augen für einen kurzen Moment, ein Lächeln, eine Träne der Seligkeit tropfte aus seinen äußeren Augenwinkeln, und um 8.47 Uhr hörte er auf zu atmen. Es gab keinen Kampf, keinen Anfall, keines der Todeszeichen. Genau in diesem Augenblick zog ein Komet langsam über den Himmel, erreichte den Gipfel des heiligen Berges Arunachala und verschwand dahinter.

Ramana Maharshi schrieb selten, und die wenigen Schriften, die er in Prosa oder Versform verfasst hat, wurden geschrieben, um den speziellen Bedürfnissen seiner Devotees gerecht zu werden. Er selbst sagte einmal: „Irgendwie fällt es mir nie ein, ein Buch zu schreiben oder Gedichte zu verfassen. Alle Gedichte, die ich geschrieben habe, waren auf jemandens Bitte hin oder in Verbindung mit einem bestimmten Ereignis.“ Das wichtigste dieser Werke sind die "Vierzig Verse" (The Forty Verses on Existence). Im Upadesa Saram (siehe unten), welches auch ein Gedicht ist, wird die Quintessenz des Vedanta dargelegt. Der Weise komponierte fünf Hymnen an Arunachala. Einige von Shankaras (ein Advaita Vedante-Philosoph, etwa 788-820 n. Chr.) Werken wie Vivekacudamani und Atma-bodha wurden von ihm in Tamil übersetzt. Das meiste von dem, was er schrieb, ist in Tamil. Aber er schrieb auch in Sanskrit, Telugu und Malayam.

Die Philosophie von Sri Ramana - welche die gleiche ist wie die von Advaita-Vedanta - hat die Selbstverwirklichung zum Ziel. Der zentrale Weg, der in dieser Philosophie gelehrt wird, ist die Ergründung der Natur des Selbst, des Inhaltes des Gedankens „Ich“. Gewöhnlich verändert sich der Bereich des „Ich“ und bedeckt eine Vielzahl von Faktoren. Aber diese Faktoren sind nicht in Wirklichkeit das „Ich“. Zum Beispiel sprechen wir vom Körper als „Ich“ - wir sagen „Ich bin dick“, „Ich bin schlank“ u.s.w. Man braucht nicht lange, um zu entdecken, dass das eine falsche Gewohnheit ist. Der Körper selbst kann nicht „Ich“ sagen, weil er selbst leblos ist. Sogar der unwissendste Mensch versteht, was der Ausdruck „mein Körper“ beinhaltet. Trotzdem ist es nicht einfach, die falsche Identität des „Ich“ mit dem Ego (Ahankara) aufzulösen. Das liegt daran, weil der ergründende Geist das Ego ist, und um die falsche Identifikation zu beseitigen, er sich sozusagen selbst sein Todesurteil verhängen muss. Das ist keineswegs eine einfache Angelegenheit. Die Opferung des Egos im Feuer der Weisheit ist die höchste Form des Opfers.

Die Unterscheidung des Selbst vom Ego ist wie gesagt nicht einfach. Aber es ist nicht unmöglich. Alle von uns können diese Unterscheidung haben, wenn wir über den Zustand des Tiefschlafs nachdenken. Im Schlaf „sind wir“, obwohl das Ego nicht da ist. Im Schlaf funktioniert das Ego nicht. Und doch gibt es das „Ich“, welches Zeuge der Abwesenheit des Egos sowie der Objekte ist. Wenn es das „Ich“ nicht geben würde, könnte man sich beim Aufwachen nicht an seine Schlaferfahrung erinnern und sagen „Ich habe gut geschlafen. Ich wusste nichts“. Also haben wir zwei „Ichs“ - das pseudo- „Ich“, welches das Ego ist, und das wahre „Ich“, das Selbst. Die Identifikation des „Ich“ mit dem Ego ist so stark, dass wir das Ego selten ohne seine Maske sehen. Weiterhin dreht sich unsere gesamte relative Erfahrung um das Ego. Mit dem Aufsteigen des Ego beim Erwachen vom Schlaf erhebt sich gleichzeitig die gesamte Welt. Deshalb sieht das Ego so wichtig und unangreifbar aus.

Aber das ist in Wirklichkeit nur eine Festung aus Karten. Wenn einmal der Prozess der Ergründung begonnen hat, wird man feststellen, dass es zerbröckelt und sich auflöst. Um diese Ergründung durchführen zu können, muss man einen scharfen Verstand besitzen - viel schärfer, als er zur Enträtselung der Geheimnisse der Materie sein muss. Mit dem gesammelten Intellekt kann man die Wahrheit sehen (drsyate tu agraya buddhya). Es stimmt, dass sich sogar der Intellekt auflösen muss, bevor die letzte Weisheit aufdämmert. Aber bis zu diesem Punkt muss man ergründen - unbarmherzig ergründen. Die Weisheit ist mit Sicherheit nicht für die Faulen.

Die Ergründung „Wer bin Ich?“ darf nicht als eine geistige Bemühung angesehen werden, die dazu dient, die Natur des Geistes zu verstehen. Ihr Hauptzweck liegt darin, „den gesamten Geist an seinem Ursprung zu sammeln“. Der Ursprung des „Pseudo-Ich“ ist das Selbst. Was man bei der Selbstergründung tut, ist, sich gegen die geistige Strömung zu bewegen anstatt mit ihr, und schließlich das Gebiet der mentalen Veränderungen zu transzendieren. Wenn man dem „Pseudo-Ich“ bis zu seinem Ursprung nachspürt, verschwindet es. Dann erstrahlt das Selbst in all seiner Herrlichkeit - und das wird Verwirklichung oder Befreiung genannt.

Das Bestehen oder Nicht-Bestehen des Körpers hat nichts mit der Befreiung zu tun. Der Körper mag weiterhin existieren und die Welt weiterhin erscheinen, wie im Falle des Maharshi. Das macht überhaupt keinen Unterschied für das Selbst, welches verwirklicht ist. In Wirklichkeit gibt es für ihn weder Körper noch Welt - es gibt nur das Selbst, die ewige Existenz (Sat), die Intelligenz (Cit), die höchste Seligkeit (Ananda). Eine solche Erfahrung ist uns nicht vollkommen fremd. Wir haben sie im Schlaf, wo wir weder der äußerlichen Welt der Dinge noch der inneren Welt der Träume bewusst sind. Aber diese Erfahrung liegt unter der Hülle der Unwissenheit. Und so kommen wir zu den Phantasien der Welt der Träume und des Wachzustandes zurück. Das Nicht-Zurückkehren zur Dualität ist nur möglich, wenn die Unwissenheit beseitigt ist. Das möglich zu machen, ist das Ziel des Vedanta. Auch den niedrigsten von uns Hoffnung zu geben und uns aus dem Sumpf der Verzweiflung zu ziehen - darin liegt die größte Bedeutung von so berühmten Beispielen wie dem Maharshi.


Sri Ramanasramam, Tiruvannamalai

Ideale und Aktivitäten

Der Sri Ramanasramam, wo Bhagavan Sri Ramana Maharshi gelebt und seine ewige Botschaft des Advaita Vedanta gelehrt hat, liegt an einem wunderschönen Ort am Westende der heiligen Stadt vom Arunachala - Tiruvannamalai - und die Atmosphäre von Stille, Frieden und Schönheit, die in den edlen Gebäuden vorherrscht, welche den Ashram bilden und in denen verschiedene Aktivitäten durchgeführt werden, muss man erfahren haben um sie zu glauben.

Der gesamte Ashram ist ein idealer Ort zur ruhigen und stillen Meditation. Menschen aller Nationalitäten sehen ihn als ihr Zuhause an.

Devotees von Bhagavan Sri Ramana Maharshi, die seit seinem Mahanirvana (Tod) noch nicht in Kontakt mit dem Ashram gekommen sind, haben ständige Nachfragen über die Arbeit des Ashrams seit diesem Zeitpunkt gemacht. Als Antwort auf solche Nachfragen sagen wir, dass Sri Ramanasramam wie in den Tagen vor Sri Ramana Maharshis Mahanirvana funktioniert. Die normalen Aktivitäten sind folgende:

1. Sri Ramanasramam ist durchdrungen von der Gnade Bhagavan Sri Ramanas, und der größte Nutzen, den er den Devotees aller Religionen gegeben hat, ist geistiger Friede, Seligkeit und Glück.

Das Hauptanliegen des Ashrams ist es, allen Devotees, die den besagten Nutzen suchen, jede mögliche Hilfe zu geben. Viele Devotees versammeln sich morgens und abends zur stillen Meditation und zum Gebet, und sie bekommen alle Hilfe und Annehmlichkeiten, die sie brauchen.

2. Morgens und abends wird am Mahasamadhi (Todestag) von Sri Bhagavan und an dem seiner Mutter, Sri Mathrubhuteswarar, Puja (Verehrungsfeier) durchgeführt.

3. Veda Parayana (Vorlesen der Veden) wird täglich morgens und abends durchgeführt. Devotees sammeln sich zu beiden Zeiten an den Heiligtümern zur Zeit des Arathi (Schwenken von Lichtern)

4. Die alte Halle, in der Bhagavan immer saß, ist ein sehr inspirierender Ort, und Devotees sammeln sich dort zur Meditation.

5. Der Raum, in dem Bhagavans Brahma Nirvana stattfand, ist ein sehr heiliger Ort für alle seine Devotees.

6. Studiengruppen treffen sich in der neuen Halle und diskutieren Sri Bhagavans Lehren.

7. Um der Lehre Sri Bhagavans weitere Verbreitung zu geben, gibt der Ashram vierteljährlich das Magazin The Mountain Path (Der Bergpfad) heraus, welches in entfernte Teile der Welt geht.

Abonnementpreise: Jährlich: In Indien 30 Rs., andere Länder 15 US-Dollar (ca. 23 DM) per Land-/Seeweg. Luftpostzuschlag ist von Land zu Land unterschiedlich. Lebenslanges Abonnement: 500 Rs. in Indien, 250 US-Dollar (ca. 380 DM) andere Länder.

8. Die Devotees von Sri Bhagavan besuchen den Ashram von nah und fern; sie werden im Ashram untergebracht, und es werden keine Mühen gescheut, ihren Aufenthalt bequem zu gestalten, so dass sie den Frieden von Sri Bhagavans Gegenwart, welcher den Ashram durchdringt, genießen können.

9. Der Veda Patasala ist ein Teil des Ashrams, und die Jungen, die dort studieren, bekommen kostenlose Ausbildung, Verpflegung und Unterkunft. Sie bekommen Ausbildung in Yajur Veda, Sanskritliteratur, Englisch, Tamil, Mathematik und Allgemeinwissen.

10. Das SRI CHAKRA* (Meru Prasthara), welches Sri Bhagavan durch seine Berührung gesegnet hat, befindet sich im Heiligtum der Mutter und bekommt eine spezielle Puja an jedem Freitag, dem Vollmondtag und dem Masa Pravesa-Tag (dem 1. Tag des Tamil-Monats). Die Devotees von Sri Bhagavan nehmen sehr gerne an diesen Pujas Teil, um den Nutzen aus dem Gottesdienst zu erhalten.

*(Ein Sri Chakra, dieses höchste Mandala der Göttlichen Mutter, wird als Ausdruck der Universellen Mutter verstanden und verehrt.)

11. Der Gosala (Kuhstall?) wird wie zuvor in einem hervorragenden Zustand instand gehalten. Die Milchversorgung für die Bedürfnisse des Ashrams und der besuchenden Devotees ist angemessen und selbsttragend.

12. Die Ashramküche funktioniert wie zuvor und versorgt etwa 75 Einwohner, besuchende Devotees und eine Reihe armer Menschen.

13. Die kostenlose Apotheke funktioniert wie zuvor , und der Arzt gibt seine uneingeschränkten ehrenamtlichen Dienste drei mal pro Woche.

14. Der Ashram beschäftigt sich auch damit, neue Veröffentlichungen herauszugeben und die alten in allen Sprachen nachzudrucken. Die gesprochenen Worte Sri Bhagavans, welche damals dort aufgezeichnet wurden, werden veröffentlicht. Preisliste auf Anfrage.

15. Der Ashram hat eine hervorragende Bibliothek von etwa 4000 bis 5000 Büchern in verschiedenen Sprachen über philosophische und religiöse Themen für den kostenlosen Gebrauch der Devotees.

16. Es wird jede Bemühung gemacht, den Ashram zu einem Zentrum zu machen, von wo aus die Botschaft Sri Bhagavans ausstrahlt.

17. Der Ashram hat eine dauerhafte Liste von lebenslangen Mitgliedern, und Devotees von Bhagavan Sri Ramana Maharshi tragen sich darin ein, indem sie 100 Rs. (30 US-Dollar, ca. 45 DM) bezahlen. Sie werden durch Mitteilungen in Kontakt mit dem Ashram gehalten - wenigstens vor und nach dem JAYANTHI und ARADHANA von Sri Bhagavan. ---- Seit 1993 nicht mehr möglich

18. Der Ashram lebt ausschließlich von freiwilligen Spenden der Devotees.

Möge seine Gnade jederzeit mit allen sein.

Ramana Maharshi oder als PDF-Dokument     Inhaltsverzeichnis


Biographie Ramana Maharshi II     Inhaltsverzeichnis

Venkataraman, der spätere Ramana Maharshi (Maharshi bedeutet "Großer Weiser", von maha - groß + rishi - Weiser), wurde am 30. Dezember 1879 in Tiruchuli, einem Dorf ca. 48 km südlich von Madurai im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu geboren. Gestorben ist er am 14. April 1950 in Tiruvannamalai am Berg Arunachala (Tamil Nadu). Er war einer der großen Rishis (Weisen), wie sie der altindischen Tradition des Advaita-Vedanta entsprechen. (Advaita = Nicht-Zweiheit, die Grundlehre des Vedanta, das Ende und zugleich die Erfüllung der Veden). Nach einem Erleuchtungserlebnis in jungen Jahren wandelte sich sein Leben schlagartig und vollständig. Er lebte fortan 54 Jahre als selbstverwirklichter Weiser am Berg Arunachala, wo ihn Menschen aller Nationen und aller Glaubensrichtungen aufsuchten, um seine machtvolle und stille Gegenwart auf sich wirken zu lassen und ihm ihre Fragen vorzulegen.

Ramana, wie er von nun an bezeichnet werden soll, dessen Vater Sundaram Iyer Brahmane (ein Angehöriger der obersten Kaste) war, arbeitete als unstudierter Anwalt in Tiruchuli. Seine Mutter Alagammal war schon als Kind mit Sundaram verheiratet worden. Beide führten ein frommes Leben und pflegten ausgesprochen großzügige Gastfreundschaft. Venkataraman kam am Montag, dem 30. Dezember 1879, als zweiter von drei Söhnen und einer Tochter eine Stunde nach Mitternacht zur Welt. Die Umstände seiner Geburt sind insofern erwähnenswert, als in ganz Südindien ein hoher Shiva-Festtag (der Arudra Darshan) gefeiert wurde, an dem die Statue Shiva Natarajans (der tanzende Shiva) in feierlicher Prozession durch die Straßen der Dörfer und Städte getragen wird. Um 1 Uhr nachts, als die Prozession den Tempel in Tiruchuli wieder erreichte, war Ramanas Geburtsstunde.

Venkataramans Jugend war durch keine Besonderheiten gekennzeichnet, außer dass er ungewöhnlich tief schlief. Des Nachts kamen seine Freunde zu ihm, um ihm allerlei Possen zu spielen. Sie schleppten ihn außer Haus und schubsten ihn herum, ohne dass er sich dessen bewusst war. Ansonsten war er ein normaler Junge, der lieber spielte, Sport trieb und Streiche ausheckte, als sich der Schule zu widmen. Er war gesund und stark und wurde von seinen Mitschülern und Freunden geachtet. In Tiruchuli besuchte er die Grundschule und anschließend für 1 Jahr eine weiterführende Schule in Dindigul.

Als er 12 Jahre alt war, starb sein Vater. Er und sein älterer Bruder Nagaswami wurden bei Subba Iyer, einem Onkel väterlicherseits, in Madurai untergebracht, während seine Mutter mit den beiden anderen Kindern bei dem anderen Onkel Nelliappa Iyer in Manamadurai unterkam. Fortan lebte die Familie getrennt. Venkataraman besuchte die Scotts Middle School und später die American Mission High School in Madurai.

Ein Vorbote seines Erleuchtungserlebnisses war eine Begegnung mit einem Verwandten kurz vor seinem 16. Geburtstag. Von ihm hörte er zum ersten Mal vom heiligen Berg Aruanchala (Berg der Morgenröte), bei der Stadt Tiruvannamalai in der weiten Ebene Südindiens gelegen. Geologisch gehört er zum ältesten Bestand der Erde, gilt als einer der großen Wallfahrtsorte Indiens und wird als Manifestation Shivas verehrt. Der Verwandte erzählte dem jungen Ramana, er käme gerade von dort. Ramana der die Geschichten kannte, die sich um den heiligen Berg ranken, aber bis dahin keinen realen Ort damit verbinden konnte, war die Tatsache, dass es diesen Berg tatsächlich gibt, wie eine Offenbarung. Der heilige Name "Arunachala" war von Kindheit an in seinem Herzen gegenwärtig gewesen. Auch las er in dieser Zeit das erste spirituelle Buch seines Lebens, die Legenden der 63 Shiva-Heiligen, die in Sekkilars Periyapuranam gesammelt sind. Diese Heiligen hatten ihr Zuhause verlassen und allem entsagt, um die Gnade Shivas zu erlangen.

Mitte Juli 1896 ereignete sich die große Wende in seinem Leben. Eines Tages, als er allein Zuhause war, wurde er von einer plötzlichen, aber unmissverständlichen Todesangst ergriffen, obwohl er keine gesundheitlichen Beschwerden hatte. Er dachte: "Ich sterbe jetzt!" Die Panik bewirkte, dass er seine ganze Aufmerksamkeit nach innen wandte und sich fragte, was denn der Tod eigentlich bedeute, wer oder was es ist, das stirbt? Er sagte sich, es sei der Körper und spielte die Todesszene nach, indem er den Atem anhielt, seine Glieder streckte und sich steif hielt, als hätte die Totenstarre eingesetzt. Er stellte sich vor, wie seine Leiche zum Verbrennungsplatz getragen und zu Asche werden würde. Er fragte dabei tief im Innern, ob dieser Körper "ich" sei, ob er selbst nun tatsächlich gestorben sei. In diesem intensiven Prozess erkannte er schlagartig und völlig klar, dass es etwas in ihm gab, das unsterblich war und dass dies das wahre "Ich" (Selbst/Atman) ist, das unabhängig vom Körper existiert.

Er beschreibt seine Erfahrung folgendermaßen: "Der materielle Körper stirbt, aber der ihn transzendierende Geist kann vom Tod nicht berührt werden. Deshalb bin ich unsterblicher Geist"."Ich" war etwas Wirkliches, in dem Zustand das einzig Wirkliche überhaupt, und die gesamte bewusste Aktivität, die mit meinem Körper verbunden war, war jetzt daraufhin konzentriert. Von diesem Zeitpunkt an hielt eine machtvolle Faszination meine gesamte Aufmerksamkeit am ‚Ich' oder meinem Selbst fest. Die Todesangst war ein für allemal verschwunden. Das Verschmolzensein im Selbst hat von diesem Moment an bis heute fortbestanden. Andere Gedanken mögen kommen und gehen wie die verschiedenen Noten bei einem Musiker, aber das ‚Ich' besteht fort wie die Grundnote, die alle anderen Noten begleitet und sich mit ihnen vermischt. Mochte der Körper mit Sprechen, Lesen oder etwas anderem beschäftigt sein, ich war immer auf das ‚Ich' konzentriert."

Nach diesem Todeserlebnis verlor der junge Ramana jedes Interesse an Sport und Spiel, an seinen Freunden, ja selbst am Essen, und das letzte Interesse an der Schule war verschwunden. Er saß oft zuhause und meditierte mit geschlossenen Augen, doch er sprach mit niemandem über sein Erlebnis. Er verhielt sich allem gegenüber völlig indifferent. Er wurde sanftmütig und verteidigte sich nicht mehr wie früher. Er berichtet: "Als ich mit ausgestreckten Gliedern dalag, im Geist die Todesszene spielte und mir bewusst wurde, dass ich lebte, obwohl der Körper weggetragen und verbrannt werden würde, stieg eine Kraft in mir hoch - nenne sie die Kraft des Selbst (Atman) oder anders - und nahm von mir Besitz. Damit wurde ich wiedergeboren und ein neuer Mensch. Ich wurde allem gegenüber gleichmütig und hatte weder Vorlieben noch Abneigungen."

Auch spürte er eine tiefe Neigung zu Bhakti (Hingabe an Gott) und begann, regelmäßig den berühmten Meenakshi-Tempel zu besuchen, in dessen Nähe er wohnte. Dort stand er vor den Götterstatuen und Heiligenbildern und vergoss Tränen. Er beschreibt es als ein "Überfließen der Seele". Sein älterer Bruder machte sich über sein Verhalten lustig, nannte ihn einen "Erleuchteten" und meinte höhnisch, er möge sich doch, wie die alten Seher der Vorzeit, in einen dichten urzeitlichen Wald zurückziehen.

Am 29. August, etwa 6 Wochen nach seinem großen Erlebnis, kam es zu einer Krise. Er hatte als Strafarbeit eine Englischlektion aufbekommen, die er dreimal abschreiben musste. Nach der zweiten Abschrift hielt er inne, da ihm diese Tätigkeit völlig sinnlos vorkam. Er räumte die Arbeit beiseite und setzte sich kerzengerade in Yogihaltung hin. Als das sein älterer Bruder Nagaswami sah, meinte er, einer, der sich so aufführe, habe kein Recht mehr auf die Annehmlichkeiten des häuslichen Lebens. Diesmal traf der Schuss ins Schwarze. Ramana entschloss sich spontan, sein Zuhause zu verlassen und zum Arunachala zu gehen. Ohne Bescheid zu sagen (er hinterließ nur eine kurze Notiz, dass er fortgegangen sei und sich niemand um ihn zu sorgen brauche), brach er zu der ersten und letzten längeren Reise seines Lebens auf, die 3 Tage dauern sollte. Ein Zufall hatte ihm 5 Rupien in die Hände gespielt, womit er den ersten Abschnitt seiner Reise mit dem Zug bezahlen konnte.

Auf abenteuerliche Weise und mit großen Entbehrungen erreichte er am 1. September 1896 sein Ziel: Arunachala. Dort angekommen eilte er in den innersten Schrein des großen Arunachaleswara-Tempels in Tiruvannamalai, dessen Türen wie zum Willkommen offen standen, obwohl weder Besucher noch Priester zu sehen waren, und verbrachte dort eine Zeit lang in Ekstase. Danach entledigte er sich allem, was er noch besaß (etwas Geld, einige Süßigkeiten, die ihm eine Frau mit auf den Weg mitgegeben hatte, und seine Brahmanenschnur - ein Zeichen seines Standes). Seinen Dhoti (indisches Kleidungsstück für Männer) riss er in Stücke und trug fortan nur noch ein Lendentuch. Den Kopf ließ er sich kahl scheren. Obwohl dies alles Zeichen für die Lebensform eines Wandermönchs (Sannyasins) sind, ließ er sich nie formell als Mönch einweihen.

Zunächst lebte er im berühmten Arunachaleswara-Tempel in Tiruvannamalai. Er war so sehr in sein inneres Sein versunken (Samadhi), dass er weder die Folge von Tag und Nacht, noch Hunger und Durst spürte, genauso wenig das Ungeziefer, das ihn biss und stach. Hätten nicht andere ihm zu essen gebracht, ja ihn gefüttert, da er nichts von dem anrührte, was man vor ihn hinstellte, hätte er nicht überlebt. Die ersten Wochen verbrachte er in der Tausendsäulenhalle des Tempels. Als er dort von Straßenjungen belästigt wurde, die mit Steinen und Scherben nach ihm warfen, suchte er im Patala Lingam (einem unterirdischen, fensterlosen Schrein unterhalb der Tausendsäulenhalle) Zuflucht. Der Schrein war völlig verwahrlost und wurde nie gereinigt. Es wimmelte dort nur so von Ungeziefer wie Asseln, Ameisen, Wespen und Moskitos. Doch der junge Swami saß bewegungslos mit gekreuzten Beinen im Yogasitz und spürte nichts von alledem.

Die Unterseiten seiner Schenkel waren bald mit Geschwüren bedeckt, aus denen Blut und Eiter flossen. Die Narben blieben bis zu seinem Lebensende sichtbar. Als ein Besucher auf seinen Besorgnis erregenden körperlichen Zustand hinwies, brachte man ihn aus diesem Verließ und setzte ihn beim Subrahmanian-Schrein ab. Ramana wohnte danach in verschiedenen Bereichen des Tempels: im Tempelgarten, im Lagerraum der Tempelwagen und unter einem großen Illupai-Baum (Breiapfelbaum?) im äußeren Bereich des weitläufigen Tempelgeländes. Keiner wusste, woher er kam und wie er hieß. Man nannte ihn "Brahmana Swami" (der Swami vom Brahmanengeschlecht). Diesen Namen hatte ihm Seshadri Swami gegeben, der als Sadhu (Wandermönch) ebenfalls im Tempel lebte, den jungen Asketen sehr verehrte und versuchte, ihn gegen die Jungen zu schützen.

Bald stellten sich die ersten Verehrer ein, die sich sporadisch um Ramana  kümmerten und ihn schließlich nach Gurumurtam (einem kleinen Schrein am Stadtrand) brachten, wo es stiller war und er ungestörter leben konnte. Doch auch dort stellten sich zunehmend Besucher ein. Ramana war wegen seines tiefen Samadhi (Versenkung) und der völligen Gleichgültigkeit seinem Körper gegenüber berühmt geworden. Seine Haare waren lang und verfilzt, seine Fingernägel wurden nie geschnitten, und auch sonst kümmerte er sich nicht um sein Äußeres. An der Stelle, wo er saß, wimmelte es nur so von Ameisen, die ihn bissen, doch er spürte es nicht. Schließlich setzten ihn seine Anhänger auf einen Stuhl und stellten die Stuhlbeine in Wasserkrüge, doch die Ameisen liefen die Wand hinauf und bissen ihn in den Rücken, den er an die Wand gelehnt hatte.

Eines Tages wurde dort seine Anonymität gelüftet. Ein Besucher bedrängte ihn so lange, seine Herkunft preiszugeben, bis er nachgab und Name sowie Geburtsort niederschrieb, da er zu dieser Zeit nicht sprach. Als erster ständiger Begleiter gesellte sich schließlich Palaniswami zu Ramana und kümmerte sich beständig um ihn. Er schütze ihn vor den Besuchermassen, brachte ihm das Essen und sorgte auch dafür, dass er regelmäßig badete. Später verbrachten die beiden ein halbes Jahr lang alleine und ungestört in einem angrenzenden Mangohain und lebten dort in zwei winzigen Unterständen. Palaniswami, der Zugang zur Bibliothek der Stadt hatte, brachte Bücher in tamilischer Sprache über Vedanta mit. Als Ramana sie las, verstand er spontan, dass seine eigene Erfahrung sich mit dem Inhalt dieser Bücher deckte. Auf diese Weise begann er, die reichhaltige Vedanta-Literatur kennen zu lernen.

Die Nachricht von Ramanas Aufenthalt war inzwischen bei seinen Verwandten angelangt. Es war in diesem Mangohain im Mai 1898, als sein Onkel Nelliappa Iyer ihn aufspürte und ihn bedrängte, nach Hause zu kommen. Doch Ramana blieb standfest und reagierte nicht. Der Onkel musste unverrichteter Dinge von Dannen ziehen. Bald darauf begann Ramana, sich selbst um seine Nahrung zu kümmern und ging in Tiruvannamalai betteln. Zu Weihnachten 1898 kam ihn seine Mutter in Begleitung seines Bruders Nagaswami besuchen. Auch sie versuchte alles, ihren Sohn nach Hause zurückzuholen, flehte und weinte, doch es war wiederum vergeblich.

Ramana schrieb für sie folgende Worte auf ein Stück Papier: "Der Schöpfer waltet über das Schicksal der Seelen nach ihren früheren Taten, wie es ihrem Prarabdhakarma (die aus früherem Karma sich ergebende Lebenssituation) entspricht. Was immer bestimmt ist, nicht zu geschehen, wird nicht geschehen, wie sehr du es auch herbeiführen möchtest. Was immer bestimmt ist zu geschehen, wird geschehen, was immer du auch unternimmst, es aufzuhalten. Das ist gewiss. Deshalb ist es das Beste zu schweigen."

Bald darauf ließ sich Ramana in verschiedenen Höhlen auf dem Berg nieder. Von 1899-1916 bewohnte er die Virupaksha-Höhle, die etwa 100 Meter oberhalb des Arunachaleswara-Tempels am Südosthang liegt und im innersten Bereich die Überreste des Heiligen Virupakshadeva enthält (eines Heiligen aus dem 13. Jh., der sich dort strengen Bußübungen unterzogen hatte). Ramana lebte dort mit einigen Gefährten, die sich ihm inzwischen angeschlossen hatten, ein äußerst einfaches Leben in völliger Besitzlosigkeit. Manchmal war nicht genügend zum Essen da, doch er lehrte sie, mit allem zufrieden zu sein und um nichts zu bitten und teilte stets alles mit allen. Einfaches Volk kam zu ihm und suchte seine Nähe und Führung, so z. B. Echammal, die ihre Familie verloren hatte und in Ramanas Gegenwart die lang ersehnte innere Ruhe fand. Sie wohnte fortan in seiner Nähe und legte das Gelübde ab, erst dann selbst zu essen, wenn sie ihm eine Mahlzeit gebracht hatte. Kinder kamen aus eigenem Antrieb den Berg hinauf. Auch Tiere fühlten sich von Ramana angezogen. Vögel und Streifenhörnchen bauten ihre Nester in seiner Nähe.

Virupaksha

Die Virupaksha-Höhle, in der Ramana von 1899 bis 1916 lebte

Unter den Besuchern waren zunehmend spirituell Suchende wie Gambiram Seshayya und Sivaprakasam Pillai, die ihm ihre Fragen stellten oder spirituelle Bücher brachten, aus denen sie einige Punkte erläutert haben wollten. Da Ramana immer noch schwieg, schrieb er die Antworten entweder mit Kreide auf Schiefertafeln oder auf kleine Zettel. 1900-1902 entstanden auf diese Weise zwei Sammlungen aus Fragen und Antworten, die später als die frühesten Werke Ramanas veröffentlicht wurden: Vichara Sangraham (Selbstergründung) und Nan Yar (Wer bin ich?). Vor allem Nan Yar enthält die volle Quintessenz dessen, was Ramana sein Leben lang lehrte und beschreibt den Weg der Selbstergründung, die Suche nach der Quelle des Ich.

Eine Besonderheit Ramanas ist sein inniger Bezug zum Berg Arunachala. Er kannte ihn wie seine Westentasche und liebte es, ihn zu erkunden und ihn im Uhrzeigersinn zu umrunden (Giripradakshina), was eine alte und viel geübte Form der Verehrung und Meditation im Hinduismus ist. Er empfahl diese Praxis auch seinen Anhängern und Besuchern, die ihn oft auf seiner Wanderschaft begleiteten. Arunachala spielte für Ramana in gewissem Sinn die Rolle eines Gurus. Dies kommt in den 5 Hymnen zum Ausdruck, die er 1913-1914 zum Lobpreis an Arunachala schrieb. Davon am bekanntesten ist sein Lied "Die Hochzeitsgirlande", das aus 108 Versen besteht und in dem die Braut (der Verehrer/Bhakta, die Seele) dem Bräutigam (dem Geliebten, dem Selbst in Form des Berges) huldigt und seine höchste Liebe zum Ausdruck bringt. Es gehört in den Bereich religiöser Liebeslyrik. Eine Gruppe der Gefährten Ramanas ging in die Stadt hinunter, um sich die Nahrung für die Gemeinschaft zu erbetteln und sang dabei diese Hymne. Die Stadtbewohner wussten dann, dass es sich um Anhänger Ramanas handelte.

Am 18. November 1907 fand die schicksalhafte Begegnung Ganapati Munis mit Ramana statt. Ganapati Muni war ein in Indien bekannter Sanskritgelehrter und -dichter, der sich intensiven spirituellen Übungen (v.a. Mantra-Japa) unterzog und einen eigenen Schülerkreis hatte. Mit seinen Übungen verfolgte er auch ein sozial-politisches Ziel, denn er träumte von einem erneuerten Indien. Als er an jenem Tag, von inneren Zweifeln über seine spirituelle Praxis geplagt, Ramana auf dem Berg aufsuchte, brach Ramana zum ersten Mal sein langjähriges Schweigen und lehrte mündlich: "Wenn man beobachtet, wo die Vorstellung des ‚Ich' ihren Ursprung nimmt, wird der Geist von diesem Ursprung aufgesogen. Das ist Tapas (Askese oder Bußübung). Wenn man ein Mantra wiederholt und seine Aufmerksamkeit auf den Ursprung lenkt, wo der Laut des Mantra erzeugt wird, wird der Geist von diesem Ursprung aufgesogen. Das ist Tapas."

Als Ganapati Muni die Antworten auf seine Fragen vernahm, erkannte er in Ramana seinen spirituellen Meister und machte ihn in Indien als "Bhagavan Sri Ramana Maharshi" (erhabener großer Seher Ramana) bekannt. Seitdem wird von "Ramana Maharshi" gesprochen. Im Gegenzug brachte er dem Maharshi vieles aus der Sanskrit-Literatur nahe. Auf seine Veranlassung hin schrieb Ramana seinen ersten Vers in Sanskrit, der die Quintessenz seiner Lehre enthält, und der in der "Ramana Gita" Ganapati Munis (eine Sammlung der Lehre Ramanas) Einlaß fand: "Mitten in der Höhle des Herzens scheint allein Brahman. Es strahlt dort als Atman, das Selbst, und wird unmittelbar als ‚Ich-Ich' erfahren. Dringe ein in dieses Herz, indem du Selbstergründung übst oder in ihm tief untertauchst oder den Atem unter Kontrolle hältst, und bleibe beständig im Selbst."

1911 kam der Engländer Frank H. Humphreys als erster westlicher Schüler zu Ramana Er war als Polizist in der Gegend stationiert. Über seine erste Begegnung mit Ramana schreibt er: "Eine halbe Stunde lang schaute ich in seine Augen, die ihren Ausdruck tiefer Versenkung nie veränderten. Das Verständnis dämmerte in mir, dass  der Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist. Unwillkürlich spürte ich, dass sein Körper nicht der Mann war, sondern das Instrument Gottes, nur ein bewegungslos dasitzender Leichnam, aus dem Gott furchterregend ausstrahlte. Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben." Einige Jahre später gab Humphreys seinen Posten bei der Polizei auf und trat in ein christliches Kloster in England ein. Dort verlieren sich seine Spuren.

1912 ereignete sich in Ramanas Leben eine Art zweiter Todeserfahrung, die diesmal auf eine reale körperliche Situation zurückzuführen war. Er hatte mit seinen Gefährten Palaniswami, Vasudeva Sastri und anderen ein Bad im Wasserspeicher des Pachaiamman-Tempels genommen und war in der stechenden Sonne auf dem Rückweg zur Virupaksha-Höhle. Als er den Tortoise Felsen (Schildkröten-Felsen) erreichte, setzte plötzlich sein Herzschlag aus und sein Körper verfärbte sich dunkel. Seine Gefährten dachten, er sei gestorben. Wiederum war er sich währenddessen des Flusses des Selbst bewusst. Dann kehrte wieder Leben in ihn zurück. Zuweilen ist in den Biographien zu lesen, dass dieses Ereignis den endgültigen Übergang Rmanas zu einem äußerlich normalen Leben auslöste. Seit einiger Zeit hatte er wieder zu sprechen und regelmäßig zu essen begonnen. Er pflegte seinen Körper und verrichtete allerlei häusliche Arbeiten. Er schnitzte gerne Spazierstöcke sowie Löffel und Tassen, die er dann verschenkte. In der Folge entwickelte er viel Talent für allerlei häusliche Arbeiten wie z.B. für das Kochen. Er war äußerst reinlich, sparsam im Umgang mit allen Dingen und umsichtig in allem Tun.

1916 stieß seine Mutter Alagammal zu der kleinen Gemeinschaft, denn sie hatte Angehörige verloren und wollte ihren Lebensabend bei ihrem mittleren Sohn verbringen. Die Virupaksha-Höhle war für die wachsende Gemeinschaft zu klein geworden. Deshalb errichtete ein Anhänger namens Kandaswami etwas weiter oben am Berg den nach ihm benannten Skandashram. Von 1916-1922 wohnte die Gemeinschaft dort. Die Mutter begann, einen geregelten Haushalt zu führen und für die Gemeinschaft zu kochen. 1918 stieß auch der jüngere Bruder Nagasundaram, der inzwischen Witwer geworden war, zu Ramana und führte ein Leben als Sannyasin. Man nannte ihn fortan "Chinnaswami" ("kleiner Swami"), da er der Bruder des großen Swami war.

1922 wurde seine Mutter Alagammal ernsthaft krank. Ramana kümmerte sich um sie und verbrachte viele Stunden an ihrem Bett. Am 19. Mai 1922, ihrem Sterbetag, saß er an ihrer Seite, legte seine rechte Hand auf ihre Brust (dem Ort des spirituellen Herzens, auf der rechten Seite der Brust) und seine linke auf ihre Stirn, bis sie ruhig wurde. Er ließ seine Hände in dieser Position liegen, bis sie gestorben war, und auch noch einige Zeit danach. Dann war er sicher, dass sie die letzte Befreiung erlangt hatte. Diese Praxis hat Ramana  auch bei Palaniswami und einigen Tieren vollzogen. Die Handauflegung soll dem Geist (engl. "mind") helfen, in seiner Quelle, dem spirituellen Herzen, unterzugehen. Wenn das geschieht, wird damit die endgültige Befreiung erreicht. Das spirituelle Herz lokalisiert Ramana auf der rechten Seite der Brust (nicht zu verwechseln mit dem Herz-Chakra im Yoga, das sich in der Mitte befindet). Er macht aber auch wiederholt deutlich, dass das Herz letztlich kein körperliches Zentrum ist, sondern die Mitte oder der Grund von allem, was existiert.

Ramanas Mutter, Alagammal, wurde mit allen Ehren am Fuße des Berges begraben. Über ihrem Grab wurde ein einfacher Schrein errichtet. Fortan wurde dort regelmäßig die Puja (Gottesdienst) gefeiert und Ramana und seine Gefährten besuchten täglich den Schrein. Im Dezember 1922 siedelten er und seine Gefährten endgültig zum Grab der Mutter um. Das war die Geburtsstunde vom Ramanashram, der über die Jahre wuchs und anfangs nur aus wenigen Hütten bestanden hatte. Ab 1929 übernahm sein jüngerer Bruder Chinnaswami die Ashram-Verwaltung. 1928 wurde die berühmte Alte Halle fertig gestellt. Dort war Ramana Tag und Nacht anzutreffen. Der Besucherstrom nahm zu. Es hatte sich ein Schülerkreis gebildet, der aus Anhängern bestand, die ständig bei ihm wohnten und solchen, die regelmäßig zu Besuch kamen.

Unterkünfte für die Besucher, Küche und Speisesaal, Büro, Buchladen und eine Apotheke, der Kuhstall und die Veda-Schule folgten. 1925 war neben dem Ashram die Sadhu-Kolonie Palakothu (Sadhu = Bettelmöch) entstanden, in der Schüler des Maharshi wohnten, die sich ganz der Meditation widmeten. Für Familien entstand ein kleines Wohngebiet in der Nähe namens "Ramana Nagar". Der Maharshi legte ein natürliches Talent für die Planung der Bauprojekte an den Tag. Die meisten Bauten entstanden nach seinen einfachen Plänen. Das größte Bauvorhaben, der Tempel der Mutter, der den einfachen Schrein über ihrem Grab ablöste, wurde allerdings von einem örtlichen Tempelbaumeister ausgeführt. Nach 10jähriger Arbeit wurde er 1949 zusammen mit der Neuen Halle fertig gestellt und eingeweiht.

In den früheren Jahren im Ashram betätigte sich Ramana als umsichtiger Koch und führte die Küche. Später war das wegen des zunehmenden Besucherstroms und der zahlreichen Bauprojekte nicht mehr möglich. Besucher saßen meist in Stille bei ihm in der Alten Halle. Manche stellten ihre Fragen und er beantwortete sie. Viele dieser Gespräche sind überliefert worden und geben ein reiches Zeugnis von den täglichen Ereignissen in der Halle. Ramana war auch ein hervorragender Geschichtenerzähler und bediente sich dazu gerne der Erzählungen aus dem Periyapuranam und anderer spiritueller Werke. Ramana war stets für Menschen und Tiere zugänglich. Einladungen nahm er nie an, denn dann wäre er für die Besucher nicht mehr verfügbar gewesen. Der Stundenplan im Ashram unterlag zunehmend strenger Regelungen. In späteren Jahren war er ständig von Menschen umlagert. Er musste so eingeschränkt wie ein Gefangener leben und konnte keinen Schritt mehr ohne Begleitung tun.

Zu Ramanas Verehren und Schülern zählten Menschen aus allen Ständen und jeder Bildung. Unter ihnen war auch der bekannte Tamil-Poet Muruganar, der in einigen tausend Versen die Lehre Ramanas poetisch niederlegte. Kunju Swami, Echammal, Narasimha Swami, Yogi Ramiah, Munagala S. Venkataramiah, S.S. Cohen, Suri Nagamma waren weitere Devotees, um nur einige Namen zu nennen. Später stießen auch westliche Verehrer zu ihm wie Paul Brunton (der durch sein Buch: "A Search in Secret India" den Maharshi im Westen bekannt gemacht hat), Major Chadwick und Arthur Osborne. Mercedes De Acosta, Somerset Maugham und Henri Le Saux besuchten ihn und einmal hätte beinahe ein Treffen mit Mahatma Gandhi stattgefunden. Nicht erwähnt sind all die Vielen, die keinen bekannten Namen tragen.

Tiere fühlten sich in Ramanas Nähe besonders wohl. Er behandelte sie mit Verständnis und Respekt und sprach mit ihnen. Affen, Streifenhörnchen, Kühe, Spatzen, Hunde, sie alle kamen zu ihm. Es gibt zahllose Tiergeschichten. Das berühmteste der Ashramtiere war aber die Kuh Lakshmi. Auch ihr verhalf Ramana zur letzten Befreiung, wie er es bei seiner Mutter getan hatte. Lakshmis Grab findet sich neben anderen Tiergräbern auf dem Ashramgelände.

Ramanas Gesundheit war nie besonders stabil. In späteren Jahren litt er zunehmend an Rheumatismus. 1949 (mit 70 Jahren, ein Jahr vor seinem Tod) wurde ein Krebsgeschwür an seinem linken Arm (unterhalb des Ellenbogens) entdeckt. Das Geschwür wurde viermal operiert. Über ein Jahr lang wurden alle möglichen Heilmethoden an ihm ausprobiert. Als ein Arzt ihm vorschlug, den Arm zu amputieren, weigerte er sich: "Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Der Körper selbst ist eine Krankheit. Lass ihn sein natürliches Ende nehmen." Der Besucherstrom nahm in dieser Zeit erhebliche Ausmaße an, doch Ramana bestand darauf, dass alle ihn sehen konnten, so weit das möglich war. Er blieb gelassen und war der ruhende Pol in all dem geschäftigen Treiben.

Am 14. April 1950 starb Ramana Maharshi ohne Todeskampf, mit einem gütigen Lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen, während Devotees das Akshara Mana Malai ("Die Hochzeitsgirlande") sangen. In der Todesminute um 20:47 Uhr wurde von vielen Menschen ein meteorähnliches Gebilde (Leuchterscheinung am Himmel, der durch einen Meteoriten verursacht wird) am Horizont wahrgenommen, das langsam Richtung Arunachala zog und hinter dem Gipfel des Berges verschwand. Am 16. April 1950 wurde R. feierlich bestattet.

Die Anhänger Ramanas reagierten zunächst schockiert. Nach seinem Tod verließen die meisten den Ashram, der dadurch in finanzielle Nöte geriet und nahezu verwaiste und verkam. Allmählich erkannten seine Anhänger jedoch, dass der Meister nicht wirklich fortgegangen war, sondern in ihren Herzen weiterlebte. Es setzte eine große Rückkehrwelle ein. Heute ist Ramanashram ein international viel besuchtes spirituelles Zentrum.

Sri Ramanas Lehre ist von großer Schlichtheit geprägt. Zeitlebens hat er nur wenige Schriften selber verfasst und auch nur dann, wenn er dazu veranlasst worden war. Neben den bereits erwähnten Sammlungen von Fragen und Antworten (Nan Yar und Vichara Sangraham) schrieb er 1914 seine fünf berühmten Hymnen Arunachala zu Ehren. 1912-1929 waren Upadesa Undiyar (Dreißig Merksprüche), Upadesa Manjari (Die spirituelle Unterweisung) und Ulladu Narpardu (Vierzig Verse) mit Ergänzungsversen entstanden.

Ramana war im Laufe der Jahre durch den Umgang mit gebildeten Devotees vieles aus der Advaita-Literatur bekannt geworden. Teile daraus, die ihm besonders wichtig waren, übersetzte er in den 30er und 40er Jahren ins Tamil. So stellte er z. B. 30 Verse aus der Bhagavad Gita zusammen, übersetzte Teile aus Shankaras (Philosoph des Advaita vedante) Werken und aus den Agamas (heilige Hinduschriften), die allesamt in den "Collected Works" enthalten sind. Des Weiteren dichtete er Fünf Sanskritstrophen auf den Arunachala (Arunachala Pancharatna) und übersetzte 1927 sein eigenes tamilisches Werk der Dreißig Merksprüche (Upadesa Undiyar) ins Sanskrit (Upadesa Saram, siehe unten), ins Malayalam und ins Telugu.

Ramanas Lehre stellt nichts wesentlich Neues dar. Er lehrte vorwiegend Atma Vichara (Selbstergründung), wobei er auf die Bedürfnisse jedes einzelnen einging und auch alle anderen spirituellen Wege unterstützte. Allerdings war er der Auffassung, dass jeder spirituelle Pfad letztendlich in Atma Vichara (Selbstergründung) münden würde und dass Atma Vichara der direkteste Weg von allen sei. Bei der Selbstergründung wird bei dem bereits Bekannten angesetzt, nämlich beim eigenen Ich-Empfinden. Es wird erforscht, wo seine Quelle ist. Der Ich-Gedanke ist die Wurzel aller anderen Gedanken. Er erhebt sich nach dem Erwachen am Morgen und geht im Tiefschlaf wieder unter. Er ist also nicht beständig. Doch woher kommt dieses Ich-Bewußtsein? Nach Ramanas Lehre geht man den Weg des auswärts strebenden Geistes zurück und wendet ihn sich selbst zu. Man verfolgt, woher dieses "Ich" eigentlich kommt.

Ramana empfiehlt, sich die Frage "Wer bin ich" zu stellen. Die Antwort darauf kann der Intellekt nicht geben, aber wenn die Zeit gekommen ist und die Übung (Sadhana) intensiv betrieben wird, wird sie sich von selbst einstellen und als das ewige und unzerstörbare pulsierende "Ich" (Ramana nennt es "Ich-Ich") des Selbst (Atman = Seele, Brahman = Gott) beständig erstrahlen. Damit ist dann das Ego endgültig in seine Quelle untergegangen und das wahre Selbst tritt an seine Stelle, was zuletzt zu einer unverrückbaren und unumkehrbaren Erfahrung wird. Dieser Zustand wird im Advaita auch als "Sein-Bewußtsein-Seligkeit" (sat chit ananada) umschrieben. Dies entspricht der Lehre der Upanishaden und des Vedanta. Zugleich betont Ramana, dass dieses Sadhana (spirituelle Übung) des Atma Vichara (Selbstergründung) die höchste Form von Hingabe (Bhakti) ist.

Ramanas Besonderheit war, dass er weniger durch Worte, als vielmehr durch Schweigen lehrte. Der intensive Blick seiner Augen und die Ausstrahlung seiner ganzen Person waren so machtvoll, dass Menschen auf ihre ursprüngliche Bewusstseinsebene zurückgezogen wurden. Er sagte nie von sich selbst, er sei ein Guru. Dennoch erlebten und erleben seine Schüler ihn als Sat-Guru (vollkommen erleuchteter Meister).

Ramana Maharshi gilt als der größte und bekannteste Weise und Vertreter des Advaita-Vedanta im 20. Jahrhundert. Doch beschränkt sich seine Bedeutung nicht nur darauf. Indirekt trug er auch zum interreligiösen Dialog bei, denn zu seinen Anhängern gehörten und gehören Menschen aller Religionen und Anschauungen, die in seiner Lehre die Essenz ihrer eigenen Religion und das Verbindende aller Religionen, aber auch das, was die Religion übersteigt, entdecken können. Zeit seines Lebens wurden Schriften und Personen aller Religionen in der Halle thematisiert und gewürdigt. Die Lehre des Advaita-Vedanta hat in den letzten Jahren gerade auch im Westen eine enorme Anhängerschaft gefunden. Leider findet man in ihrer Präsentation oft nur eine Verwässerung der ursprünglichen und direkten Lehre Ramana Maharshis und eine gewisse Kommerzialisierung. Oft wird seine Lehre des Atma Vichara (Selbstergründung) einfach unter den Tisch gekehrt. Man gewinnt zuweilen den Eindruck, dass die gegenwärtige Neo-Advaita-Bewegung sich des Namens Ramana Maharshis bedient, um in der allgemein beliebten Fastfood-Esoterik-Welle mitzuschwimmen.

Autor: Gabriele Ebert     Inhaltsverzeichnis


Die Lehre Ramana Maharshi's - Wer bin ich?     Inhaltsverzeichnis

Einführung

WER BIN ICH? ist der Titel einer Sammlung von Fragen und Antworten, die sich auf Selbst-Erforschung beziehen.

Die Fragen wurden Bhagavan Sri Ramana Maharshi um das Jahr 1902 von Sri M. Sivaprakasam Pillai gestellt.

Sri Pillai, von seiner akademischen Ausbildung her Philosoph, arbeitete zu jener Zeit in der Steuerbehörde des Distrikts South Arcot. Während einer Dienstreise nach Tiruvannamalai besuchte er die Virupaksha-Höhle auf dem Berg Arunachala und begegnete dort dem Maharshi.

Er erhoffte sich spirituelle Unterweisung und bat den Maharshi eindringlich um Antwort auf seine Fragen zur Selbst-Erforschung. Da Bhagavan zu jener Zeit nicht sprach - nicht, weil er ein Gelübde abgelegt hätte, sondern weil er keinerlei Neigung zu sprechen verspürte - beantwortete er die Fragen schriftlich. Es waren dreizehn Fragen und Antworten, die Sri Pillai später aus seiner Erinnerung aufzeichnete und erstmals 1923 (in tamilischer Sprache) veröffentlichte, zusammen mit einigen eigenen Gedichten über das gnadenvolle Wirken Bhagavans, der seine Zweifel beseitigt und ihn aus einer Lebenskrise geführt hatte.

WER BIN ICH? ist später viele Male veröffentlicht worden, in einigen Ausgaben finden sich dreizehn Fragen und Antworten, in anderen achtundzwanzig. Es gibt eine weitere Veröffentlichung in Form eines Essay. Die zunächst überlieferte englische Fassung stammt von dem Essay; die vorliegende Fassung ist eine Übersetzung des aus achtundzwanzig Fragen und Antworten bestehenden Textes.

Zusammen mit Vicharasangraham (Selbst-Erforschung) enthält Nan Yar (Wer bin ich?) die erste Sammlung von Unterweisungen in den eigenen Worten des Meisters; es sind zugleich die einzigen Prosatexte unter den Werken Bhagavans. Beide Texte machen deutlich, dass Selbst-Erforschung der unmittelbare Weg zur Befreiung ist - der Kern der Lehre Bhagavans. Die Übungsmethode der Selbst-Erforschung ist in Nan Yar klar erläutert. Der Geist* besteht aus Gedanken. Der "Ich"-Gedanke ist der zuerst entstehende Gedanke. Durch beharrliches Nachforschen "Wer bin ich?" werden alle Gedanken aufgelöst, am Ende auch der "Ich"-Gedanke. Was dann bleibt, ist das jenseits der Dualität liegende Selbst.

Die irreführende Identifikation des Selbst mit den Erscheinungsformen Körper und Geist endet, Sakshatkara tritt ein, Erleuchtung. Die Übung der Selbst-Erforschung ist nicht ganz einfach. Sobald man fragt: "Wer bin ich?", kommen andere Gedanken. Es wäre falsch, diesen Gedanken Raum zu geben; stattdessen sollte die Selbst-Erforschung umgehend mit der Frage: "Wem kommen diese Gedanken?" fortgesetzt werden, was wache Aufmerksamkeit erfordert. Durch unbeirrtes Nachforschen kann der Geist dazu gebracht werden, in seiner Quelle zu bleiben, statt im selbst erschaffenen Labyrinth der Gedanken umherzuschweifen.

Andere Methoden, wie Atem-Kontrolle oder die Meditation über eine der Formen Gottes, sind als Hilfs-Methoden geeignet. Sie können bewirken, dass der Geist ruhig und konzentriert wird. Ist der Geist in der Lage, sich zu konzentrieren, ist Selbst-Erforschung weniger schwierig.

Letztendlich werden alle Gedanken aufgelöst, das Selbst wird erkannt - jene vollkommene Wirklichkeit, in der es keinen "Ich"-Gedanken mehr gibt, jene Erfahrung, die allein Stille genannt werden kann.

Dies ist zusammengefasst die Lehre Bhagavan Sri Ramana Maharshis in Nan Yar (Wer bin ich?).

T.M.P.Mahadevan
Universität Madras
30. Juni 1982

*Das englische Wort "mind" (Sanskrit: manas) wird in dem vorliegenden Text mit "Geist" übersetzt. Gemeint ist der aus Gedanken bestehende menschliche Geist, nicht der Heilige Geist Gottes.

In anderen Übersetzungen spiritueller Texte wird "mind" (manas) bisweilen auch mit "Gemüt" übersetzt.

OM NAMO BHAGAVATHE SRI RAMANAYA 

WER BIN ICH? (Nan Yar)

Jedes lebende Wesen wünscht sich dauerhaftes und ungetrübtes Glück, jeder liebt vor allem sich selbst, und Liebe strebt allein nach Glück. Um jenes Glück erfahren zu können, das unsere wahre Natur ist, und das wir - jenseits des Denkens - in tiefem Schlaf erleben, sollten wir uns selbst erkennen. Der beste Weg zu dieser Erkenntnis ist der des Erforschens "Wer bin ich?".

1. Wer bin ich?

Der aus den sieben Elementen (dhatus) bestehende physische Körper bin ich nicht; ich bin auch nicht die fünf Organe der Wahrnehmung, mit denen ich höre, fühle, sehe, schmecke, rieche und Klang, Berührung, Farbe, Geschmack und Geruch wahrnehme; auch bin ich nicht die fünf Organe der Tätigkeiten des Sprechens, der Bewegung, des Greifens, der Ausscheidung und der Zeugung mit ihrer jeweiligen Aktion; ebenso bin ich nicht eine der fünf Formen der Lebensenergie (prana, usw.), die Atmung und Stoffwechsel bewirken. Mein denkender Geist bin ich nicht und auch nicht die meinem Geist unbewusst bleibenden Eindrücke.

2. Wenn ich dies alles nicht bin, was bin ich dann?

Was bleibt, wenn alles eben Genannte als "dieses nicht" ausscheidet, ist allein das Gewahrsein - und das bin ich.

3. Was ist Gewahrsein seinem Wesen nach?

Gewahrsein ist seinem Wesen nach Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit (Sat-Chit-Ananda).

4. Wann ist die Erkenntnis des Selbst erreicht?

Wenn die Welt, also das Sichtbare, verschwunden ist, ergibt sich die Erkenntnis des Selbst, welches der Sehende ist.

5. Kann es nicht sein, dass das Selbst erkannt wird, auch wenn man die Welt als real betrachtet?

Nein, das ist nicht möglich.

6. Warum nicht?

Mit dem Sehenden und dem betrachteten Objekt verhält es sich wie mit dem Seil und der Schlange. Das Seil wird solange nicht als Seil erkannt, wie die falsche Vorstellung, es handele sich um eine Schlange, nicht verschwunden ist. Ebenso ist das Erkennen des Selbst solange nicht möglich, wie die falsche Vorstellung, die Welt sei real, nicht beendet ist.

7. Wann wird die Welt als sichtbares Objekt verschwinden?

Wenn der Geist, der alle Wahrnehmung und Tätigkeit verursacht, still und bewegungslos geworden ist, verschwindet die Welt.

8. Was ist der Geist seinem Wesen nach?

Was wir "Geist" nennen, ist eine wundersame Kraft, die dem Selbst entspringt und Gedanken entstehen lässt. Ohne Gedanken gibt es keinen Geist. Der Geist ist also seinem Wesen nach Denken. Ohne Denken gibt es nichts, was Welt genannt werden könnte. Im Tiefschlaf existieren weder Denken noch Welt; während des Wachzustands und während des Traums erfahren wir sowohl Denken als auch Welt. Wie eine Spinne ihr Netz aus sich heraus spinnt und es dann wieder verschlingt, so entwirft der Geist die Welt aus sich heraus und löst sie wieder in sich auf. Sobald der Geist aus dem Selbst heraus in Erscheinung tritt, tritt auch die Welt als real in Erscheinung, und das Selbst ist nicht mehr erkennbar; wenn aber das Selbst aufleuchtet und in Erscheinung tritt, verschwindet die Welt. Sucht man beharrlich nach dem Wesen des Geistes, wird der Geist aufhören zu existieren - was bleibt, ist das Selbst. Selbst und Atman sind dasselbe, Geist und jiva sind dasselbe; das Selbst (Atman) existiert für sich; der Geist, die feinstoffliche, individuelle Seele (jiva) kann nicht allein, sondern nur in Verbindung mit etwas Grobstofflichem existieren.

9. Wie kann das Wesen des Geistes verstanden werden?

Was im Körper als "Ich" in Erscheinung tritt, ist der Geist. Erforscht man, woher der "Ich"-Gedanke kommt, stellt man fest, dass er aus dem Herzen aufsteigt. Dort also hat der Geist seinen Ursprung, dorthin wird man auch geführt, wenn man beständig "Ich-Ich" denkt. Von allen Gedanken ist der "Ich"-Gedanke der erste, andere Gedanken können vor ihm nicht entstehen. Erst nachdem die erste Person in Erscheinung getreten ist, erscheinen auch die zweite und die dritte Person; ohne "Ich" kann es "Du" und "Er, Sie, Es" nicht geben.

10. Wie kann der Geist zur Ruhe gebracht werden?

Durch das Nachfragen "Wer bin ich?". Der Gedanke "Wer bin ich?" löst alle anderen Gedanken auf; so wie das Holzstück, mit dem das Feuer entfacht wird, am Ende selbst verbrennt, wird sich auch der "Ich"-Gedanke am Ende auflösen. Was sich dann ergibt, ist Selbst-Erkenntnis.

11. Wie kann man ständig an dem Gedanken "Wer bin ich?" festhalten?

Wenn andere Gedanken auftauchen, sollte man ihnen nicht nachgehen, sondern fragen: "Wem kommen diese Gedanken?". Wie viele Gedanken auch auftauchen mögen, man sollte unbeirrt fragen: "Wem ist dieser Gedanke gekommen?". Die Antwort wird sein: "Mir". Wenn sich dann die Frage anschließt: "Wer bin ich?", wird der Geist zurück zu seiner Quelle gelenkt, und die Gedanken versiegen. Mit zunehmender Übung entwickelt der Geist die Fähigkeit, in seiner Quelle zu verharren.

Der Geist ist feinstofflich. Wenn er Gehirn und Sinnesorgane durchdringt, die grobstofflich sind, entstehen Namen und Formen; wenn der Geist im Herzen ruht, verschwinden Namen und Formen. Den Geist nicht nach außen schweifen zu lassen, sondern im Herzen zurückzuhalten, wird antarmukha, Introversion, Nach-Innen-Gekehrtsein, genannt. Den Geist aus dem Herzen heraustreten zu lassen, wird bahirmukha, Extraversion, Nach-Außen-Gekehrtsein, genannt. Wenn der Geist im Herzen ruht, gibt es kein "Ich", keine Gedanken, nur das ewige strahlende Selbst.

Gleich, welche Tätigkeit man verrichtet, der Gedanke "Ich handele" sollte vermieden werden, dann kann alles als Siva (Gott) erkannt werden.

12. Kann der Geist nicht auch anders zum Schweigen gebracht werden?

Es gibt kein anderes Mittel als das nachforschende Fragen. Jeder Versuch, den Geist auf andere Weise zu beherrschen, wird ihn nur vorübergehend ruhig stellen. Atemkontrolle bewirkt einen Zustand der Ruhe, aber nur solange der Atem beherrscht ist; danach wird der Geist aufgrund verbliebener Eindrücke wieder umherschweifen.

Geist und Atem entspringen derselben Quelle. Denken ist das Wesen des Geistes, der "Ich"-Gedanke, das Ego, ist der erste Gedanke. Ego und Atem haben also denselben Ursprung. Daher ist der Atem still, sobald der Geist bewegungslos wird, und umgekehrt wird der Geist still, sobald der Atem beherrscht ist.

Allerdings steht während des Tiefschlafs der Atem nicht still, obwohl der Geist bewegungslos ist. Nach Gottes Willen soll zum Schutz des Körpers während des Schlafs für andere nicht der Eindruck entstehen, der Körper sei tot.

Wenn aber im Zustand des Wachseins, auch im Zustand des Samadhi (Erleuchtung), der Geist still wird, ist auch der Atem still.

Der Atem ist grobstofflicher Geist und bleibt bis zum Zeitpunkt des Todes im Körper; stirbt der Körper, nimmt der Geist den Atem mit sich fort. Die Übung der Atemkontrolle kann also nur helfen, den Geist zu beruhigen (manonigraha), aufgelöst (manonasa) wird der Geist keineswegs.

Wie Atemübungen sind auch Meditationen über die Formen Gottes, das Wiederholen von Mantras, Nahrungsbeschränkungen, usw. nur Hilfen, den Geist zu beruhigen.

Durch Meditation über eine der Formen Gottes oder das Wiederholen von Mantras wird der Geist auf ein Ziel gerichtet. Der Geist ist immer bestrebt umherzuschweifen. Wie der Rüssel eines Elefanten nach nichts anderem greift, wenn er eine Kette festhält, so greift auch der Geist, der auf etwas konzentriert ist, nach nichts anderem. Zerstreut sich der Geist in unzähligen Gedanken, ist jeder einzelne Gedanke schwach; wenn aber die Gedanken sich nach und nach auflösen, wird der Geist konzentriert und stark. Für einen derart gestärkten Geist ist Selbst-Erforschung nicht schwierig.

Von allen Verhaltensregeln ist die, nur reine (sattvic) Nahrung in begrenzter Menge zu sich zu nehmen, die beste. Die Einhaltung dieser Regel bewirkt, dass die Sattva-Eigenschaft des Geistes gestärkt wird, was für die Selbst-Erforschung hilfreich ist.

13. Die von Objekten herrührenden Sinneseindrücke scheinen endlos wie die Wellen des Ozeans zu sein. Wann sind sie insgesamt ausgelöscht?

Je intensiver die Meditation über das Selbst wird, desto mehr Gedanken verlöschen.

14. Können auch Eindrücke gelöscht werden, die seit uralten Zeiten bestehen, kann man gleichwohl die Erfahrung des reinen Selbst erlangen?

Man sollte beharrlich an der Meditation über das Selbst festhalten, ohne den Zweifel, ob es möglich sei oder nicht, im geringsten nachzugeben. Auch wer viele Sünden begangen hat, sollte nicht klagen: "Ich bin ein Sünder, wie kann ich gerettet werden?". Schon den Gedanken "Ich bin ein Sünder" sollte man vollständig verbannen und die Meditation auf das Selbst konzentrieren, dann wird man sicher das Ziel erreichen. Der Mensch hat nur einen Geist, nicht zwei - einen guten und einen bösen. Die bestehenden Eindrücke sind es, die günstig oder ungünstig sind. Steht der Geist unter dem Einfluss günstiger Eindrücke, nennen wir ihn gut, steht er unter dem Einfluss ungünstiger Eindrücke, böse.

Man sollte dem Geist nicht gestatten, sich weltlichen Dingen zuzuwenden und mit Angelegenheiten anderer Menschen zu befassen. Wie schlecht andere Menschen sich auch verhalten mögen, man sollte sie niemals hassen. Sowohl Begehren als auch Hass sind zu vermeiden. Was man einem anderen gibt, erhält man in Wahrheit selbst. Wer diese Wahrheit verstanden hat, kann sicher nicht anders als freigebig sein. Wenn man als Person in Erscheinung tritt, tritt alles in Erscheinung; wenn man selbst zur Ruhe kommt, wird alles still. In dem Maße, in dem man sich demütig verhält, wird Gutes bewirkt. Ist der Geist zum Schweigen gebracht, kann man überall leben.

15. Wie lange soll die Übung des Erforschens praktiziert werden?

Solange sich im Geist überhaupt noch Eindrücke finden, ist das Nachforschen "Wer bin ich?" notwendig. Wenn ein Gedanke sich erhebt, sollte er sogleich am Ort seines Entstehens mit Hilfe dieser Frage zerstört werden. Sich der Meditation über das Selbst ohne Unterbrechung zu widmen, führt zur Erkenntnis des Selbst, nichts anderes ist erforderlich. Solange es Feinde in der Festung gibt, werden sie sich regen; wenn sie vernichtet werden, sobald sie sich zeigen, wird die Festung uns in die Hand fallen.

16. Was ist das Wesen des Selbst?

In Wahrheit existiert nichts als das Selbst. Wie Perlmutt als Silber erscheint, erscheint das Selbst als Welt, individuelle Seele und Gott; diese drei treten zugleich in Erscheinung und versinken zugleich. Das Selbst ist dort, wo keinerlei "Ich"-Gedanke ist. Das nennt man Stille. Das Selbst selbst ist Welt, "Ich" und Gott in einem. Alles ist Siva, das Selbst.

17. Ist nicht alles das Werk Gottes?

Ohne Wunsch, ohne Plan und ohne Absicht geht die Sonne auf; ihre bloße Gegenwart lässt Feuer im Brennglas entstehen, den Lotus blühen, Wasser verdampfen und Menschen ihr Tagewerk verrichten. Die bloße Gegenwart des Magneten genügt, um die Nadel in Bewegung zu bringen, und die bloße Gegenwart der Kraft Gottes bewirkt, dass die Seelen entsprechend ihrem jeweiligen Karma tätig sind oder ruhen, gelenkt durch die drei kosmischen Prinzipien oder die fünf Formen göttlichen Wirkens. Gott verfolgt keinerlei Absicht, kein Karma bindet ihn, ebenso wenig wie die Aktivitäten der Welt die Sonne tangieren und das Spiel der vier anderen Elemente den sie umfassenden Raum - das fünfte Element - berührt.

18. Welcher Devotee ist der beste?

Wer sich dem Selbst, das mit Gott identisch ist, überantwortet, ist der wahre Devotee. Sich Gott ergeben heißt, fortwährend im Selbst zu sein und keinem anderen Gedanken Raum zu lassen.

Welche Last auch immer Gott aufgebürdet wird, er trägt sie. Da es Gott selbst ist, dessen Kraft jedes Geschehen ermöglicht - welchen Sinn hat es, sich ihm nicht zu überantworten und sich stattdessen fortwährend um das eigene Tun und Lassen zu sorgen? Es ist der Zug, der die Ladung trägt; welchen Sinn sollte es haben, während der Fahrt das Gepäck auf dem Kopf zu behalten, anstatt es abzulegen und bequem zu reisen?

19. Was ist Nicht-Anhaftung?

Gedanken noch am Ort ihres Entstehens restlos auszulöschen, ist Nicht-Anhaftung. Wie der Perlentaucher einen Stein an seinen Körper bindet, um auf den Grund des Meeres zu sinken und die Perlen zu ernten, so sollten wir uns mit Nicht-Anhaftung ausstatten, nach innen tauchen und die Perle des Selbst ernten.

20. Ist es nicht möglich, dass Gott oder der Guru die Befreiung der Seele bewirken?

Gott und Guru weisen nur den Weg, sie heben die Seele nicht in den Zustand der Befreiung.

Tatsächlich sind Gott und Guru aber nicht voneinander verschieden. Wie das Opfer aus den Zähnen des Tigers nicht mehr entkommen kann, so werden diejenigen, die in den gnadenvollen Blick des Guru gelangt sind, nicht verloren gehen, sondern sicher errettet werden. Und doch sollte jeder mit eigener Anstrengung dem von Gott oder Guru gewiesenen Weg der Befreiung folgen. Nur mit dem eigenen Auge der Weisheit kann man sich selbst erkennen, nicht mit dem eines anderen. Ist die Hilfe eines Spiegels notwendig, damit Rama weiß, dass er Rama ist?

21. Ist es erforderlich, das Wesen der Elemente und Prinzipien (tattvas) zu erforschen, wenn man Befreiung erlangen will?

Es ist nutzlos, etwas zu analysieren, von dem man weiß, dass man es wegwirft; ebenso nutzlos ist es, die Zahl und Eigenschaften der tattvas zu untersuchen, wenn man das Selbst erkennen will. Im Gegenteil: man muss alle Kategorien, die das Selbst verschleiern, verwerfen. Die Welt sollte als Traum betrachtet werden.

22. Ist zwischen Wachen und Traum kein Unterschied?

Der Wachzustand ist lang, der Traumzustand kurz, einen anderen Unterschied gibt es nicht. Wie Ereignisse des Wachzustands nur im Wachzustand real erscheinen, erscheinen die des Traums nur dort als wirklich. Während des Traums befindet sich der Geist in einem anderen Körper als im Wachzustand. In beiden Zuständen gibt es gleichermaßen Gedanken, Namen und Formen.

23. Ist es sinnvoll Bücher zu lesen, wenn man nach Befreiung strebt?

Alle Texte sagen dasselbe: um Befreiung zu erlangen, muss der Geist still werden, entscheidend ist also, dass der Geist zum Schweigen gebracht wird. Wenn dies verstanden worden ist, ist es unsinnig, endlos Bücher zu lesen. Um den Geist still werden zu lassen, braucht man nur das eigene Selbst zu ergründen, wie könnte dies mit Hilfe von Büchern geschehen? Man erkennt das Selbst mit dem eigenen Auge der Weisheit. Das Selbst befindet sich innerhalb der fünf Körperhüllen, Bücher befinden sich außerhalb. Da das Selbst nur erforscht und erkannt werden kann, wenn die fünf Hüllen durchdrungen und zurückgelassen werden, ist die Suche in Büchern nutzlos. Es kommt der Zeitpunkt, in dem man alles Gelernte vergessen muss.

24. Was ist Glück?

Glückselige Freude ist das Wesen des Selbst; Glück und Selbst sind daher nicht voneinander verschieden. Es gibt keinen Gegenstand auf der Welt, der Glück in sich birgt. Nur aufgrund unserer Unwissenheit glauben wir, dass Glück weltlichen Dingen entspringt. Wenn sich der Geist nach außen wendet, erfährt er Leid. Geht sodann ein Wunsch in Erfüllung, kehrt der Geist zu seinem Ursprung zurück und erlebt dort die Freude des Selbst, so verhält es sich in Wahrheit. Wie im Tiefschlaf, im Samadhi oder während einer Ohnmacht wendet sich der Geist immer auch dann nach innen, wenn entweder etwas Erwünschtes erlangt oder etwas Unerwünschtes abgewendet worden ist, und erfährt hier das dem Selbst innewohnende Glück. So wandert der Geist rastlos zwischen seiner Quelle und der äußeren Welt hin und her. Bei glühender Hitze sucht man den schattenspendenden Baum und genießt die Kühle. Wer den Baum immer wieder verlässt und sich der Hitze aussetzt, nur um erneut in den Schatten zu fliehen, ist ein Narr. Der Kluge bleibt im Schatten. Ebenso wird der, der die Wahrheit erkannt hat, Brahman niemals verlassen, im Gegensatz zu dem Unwissenden, der sich der Welt zuwendet, dort Leid erfährt, und jeweils für kurze Momente zu Brahman zurückkehrt, um Glück zu erleben.

Tatsächlich ist das, was die Welt genannt wird, nichts als ein Gedanke. Wenn die Welt versinkt, also kein Gedanke vorhanden ist, erlebt der Geist Glück, wenn aber die Welt in Erscheinung tritt, erlebt er Leid.

25. Was ist Weisheitskenntnis?

Still zu bleiben ist Kenntnis der Weisheit. Still zu bleiben heißt, den Geist im Selbst aufzulösen. Gedankenlesen, Wahrsagen oder Hellsehen bewirken keine Weisheitskenntnis.

26. Welche Beziehung besteht zwischen Wunschlosigkeit und Weisheit?

Wunschlosigkeit ist Weisheit. Wenn der Geist sich keinerlei Objekten mehr zuwendet, bedeutet dies Wunschlosigkeit. Weisheit ist, ein Objekt gar nicht erst entstehen zu lassen. Mit anderen Worten: die Weigerung, etwas anderes als das Selbst zu suchen, ist Nicht-Anhaftung oder Wunschlosigkeit; das Selbst gar nicht erst zu verlassen, ist Weisheit.

27. Worin liegt der Unterschied zwischen Erforschung und Meditation?

Erforschung heißt, den Geist im Selbst zu halten. Meditation heißt zu denken,  Brahman, Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit, zu sein.

28. Was ist Befreiung?

Das Ergründen des in Fesseln liegenden eigenen Wesens und das Erkennen der wahren eigenen Natur ist Befreiung.

Sri Ramanarpanam Astu

Die Lehre des Bhagavan Sri Ramana Maharshi     Inhaltsverzeichnis


Die Lehre Ramana Maharshi's - Selbsterforschung     Inhaltsverzeichnis

(Self Enquiry - Vichara Sangraham)

von Bhagavan Sri Ramana Maharshi

Übersetzung des Originals aus dem Tamil ins Englische von
Dr. T.M.P. Mahadevan, M.A., Ph.D.

Herausgeber:
V.S. Ramanan
President, Board of Trustees
Sri Ramanasramam
Tiruvannamalai 606-603
South India

Einführung

Der hier vorliegende Text behandelt in vierzig Fragen und Antworten die Gesamtheit spiritueller Wege, die zur Erlösung (Moksha) führen. Die Fragen wurden von Gambhiram Seshayya, einem frühen Anhänger Bhagavan Sri Ramana Maharshis gestellt, der um 1900 Gemeindeinspektor in Tiruvannamalai war.

Gambhiram Seshayya war nicht nur ein leidenschaftlicher Ramabhakta (Verehrer Ramas), er interessierte sich auch