von Leo Tolstoi
(Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi) Zur freien Verteilung. Das Kopieren für den privaten Gebrauch ist genehmigt. The
kingdom of god it within you (English Version) Inhaltsverzeichnis Inhalt VII. Die Bedeutung der allgemeinen
Wehrpflicht Top Die
gebildeten Menschen der höheren Gesellschaftsklassen bemühen
sich, die immer mehr und mehr erwachende Erkenntnis der Notwendigkeit
der Veränderung der gegenwärtigen Lebensordnung zu
unterdrücken. Das Leben aber, das sich fortgesetzt in der
früheren Richtung entwickelt und verwickelt und die
Widersprüche und die Leiden der Menschen steigert, führt sie
bis zu der äußersten Grenze des Widerspruchs, über die
es nicht hinausgeht. Eine solche äußerste Grenze des
Widerspruchs, über die es nicht hinausgeht, ist die allgemeine
Wehrpflicht. Man glaubt gewöhnlich, die
allgemeine Wehrpflicht und die mit ihr verbundenen, immer wachsenden
Rüstungen und infolge dessen immer wachsenden Steuern und
Staatsschulden bei allen Völkern sei eine zufällige
Erscheinung, die aus einer bestimmten politischen Lage Europas
hervorgegangen ist und die vielleicht durch gewisse politische
Gestaltungen beseitigt werden kann ohne Veränderung der inneren
Lebensordnung. Das ist aber vollständig
falsch. Die allgemeine Wehrpflicht ist nur der bis zur
äußersten Grenze geführte, und bei einem gewissen Grade
materieller Entwicklung bis zur Evidenz klar gewordene innere
Widerspruch, der sich in die gesellschaftliche Lebensauffassung
eingeschlichen hat. Die gesellschaftliche Lebensauffassung besteht
jedoch darin, dass der Sinn des Lebens von der Person auf die
Gemeinschaft und ihre Nachfolge übertragen wird, auf den Stamm,
die Familie, das Geschlecht oder den Staat. Nach der gesellschaftlichen
Lebensauffassung wird angenommen, da der Sinn des Lebens in der
Gemeinschaft der Persönlichkeiten besteht, opfern die
Persönlichkeiten selbst freiwillig ihre Interessen den Interessen
der Gemeinschaft. So war es auch, und so ist es in Wirklichkeit bei
gewissen Formen der Gemeinschaft: in der Familie oder im Stamme,
gleichviel, was vorher gewesen ist, aber auch im Geschlecht und sogar
im patriarchalischen Staate. Infolge der Gewohnheit, die durch die
Erziehung überliefert und durch die Einprägung
religiöser Grundsätze befestigt wird, haben die Personen ohne
Zwang ihre Interessen mit den Interessen der Gemeinschaft vereinigt und
haben die ihrigen für die Allgemeinheit geopfert. Je komplizierter aber die
Gesellschaften wurden, je größer sie wurden, je
häufiger besonders Eroberungen die Ursachen der Vereinigung von
Menschen zu Gesellschaften wurden, desto häufiger streben die
Personen, zum Schaden des Allgemeinen, nach der Erreichung ihrer
eigenen Ziele, und desto häufiger wurde zur Einschränkung
dieser unfügsamen Personen die Anwendung der Macht, d.h. die
Gewalt, notwendig. Die Verteidiger der gesellschaftlichen
Lebensauffassung bemühen sich gewöhnlich, den Begriff der
Macht, das heisst der Gewalt, mit dem Begriff des geistigen Einflusses
zu vermischen, aber diese Vermischung ist durchaus unmöglich. Geistiger Einfluss ist eine
solche Einwirkung auf den Menschen, infolge deren sich die Wünsche
des Menschen verändern und mit dem zusammenfallen, was man von ihm
verlangt. Ein Mensch, der sich einem geistigen Einfluss fügt,
handelt seinen eigenen Wünschen entsprechend. Macht aber, wie man
gewöhnlich dieses Wort auffasst, ist ein Mittel, den Menschen zu
zwingen, gegen seine Wünsche zu handeln. Ein Mensch, der sich der
Macht fügt, handelt nicht, wie er will, sondern wie ihn die Macht
zu handeln zwingt. Einen Menschen aber zu zwingen, nicht das zu tun,
was er will, sondern das, was er nicht will, vermag nur physische
Gewalt oder die Androhung solcher, das heißt Freiheitsberaubung,
Prügel, Verstümmelung oder eine leicht ausführbare
Drohung, solche Handlungen zu vollziehen. Darin besteht und bestand
immer die Macht. Trotz der unaufhörlichen
Bemühungen der in der Macht befindlichen Menschen, dies zu
verbergen und der Macht eine andere Bedeutung beizulegen, ist die Macht
nichts als ein den Menschen angelegter Strick, eine Kette, mit der man
ihn bindet und schleppt, oder eine Knute, mit der man ihn peitscht,
oder Messer und Äxte, mit denen man ihm Arme, Beine, Nase, Ohren
und den Kopf abhaut, die Anwendung dieser Mittel oder die Androhung
ihrer Anwendung. So war es zur Zeit Neros und Dschingis-Khans, und so
ist es jetzt bei der liberalen Regierung, in der amerikanischen und
französischen Republik. Wenn sich die Menschen der Macht
fügen, so geschieht es nur, weil für den Fall des
Nichtfügens diese Handlungen gegen sie angewendet werden. Alle
Forderungen der Regierung, Steuernzahlen, die Erfüllung der
Gemeinschaftsangelegenheiten, die Unterordnung unter die
verhängten Strafen, Ausweisungen und so weiter, denen die Menschen
sich, wie es heißt, freiwillig fügen, beruhen stets auf
körperlicher Gewalt oder die Androhung dieser. Die Grundlage der Macht ist die
körperliche Gewalt. Die Möglichkeit aber, eine
körperliche Gewalt über die Menschen auszuüben, gibt vor
allem eine solche Organisation bewaffneter Menschen, bei der alle
bewaffneten Menschen einmütig handeln und sich einem Willen
fügen. Eine solche Vereinigung bewaffneter Menschen, die sich
einem Willen fügen, bildet das Heer. Das Heer war immer und ist
auch jetzt die Grundlage der Macht. Stets befindet sich die Macht in
der Hand derer, die das Heer befehlen. Und stets sind alle Machthaber
von den römischen Cäsaren bis zu den russischen und deutschen
Kaisern vor allem anderen um ihr Heer besorgt gewesen und
begünstigen das Heer, denn sie wissen, solange das Heer mit ihnen
ist, ist die Macht in ihren Händen. Und eben die Bildung und
Vergrößerung des Heeres, das zur Befestigung der Macht
notwendig ist, war es, die in die gesellschaftliche Lebensauffassung
den Keim der Auflösung gebracht hat. Das Ziel der Macht und ihrer
Berechtigung besteht in der Beschränkung der Menschen, die gern
ihre eigenen Interessen, zum Schaden der Interessen der Gemeinschaft,
durchführen möchten. Ob aber die Macht durch die Bildung
eines neuen Heeres, durch Erbschaft oder Wahl erworben wurde, die
Menschen, die durch die Heere Macht innehaben, haben sich durch nichts
von den anderen Menschen unterschieden und waren ebensowenig wie die
anderen Menschen geneigt, ihre eigenen Interessen den Interessen der
Gemeinschaft unterzuordnen, ja, im Gegenteil, da sie die
Möglichkeit hatten, es zu tun, waren sie mehr als andere geneigt,
die allgemeinen Interessen ihren eigenen unterzuordnen. So viel Mittel
die Menschen auch ersannen, um den Menschen, die an der Macht waren,
die Möglichkeit zu nehmen, die allgemeinen Interessen ihren
eigenen unterzuordnen oder auch nur die Macht nur makellosen Menschen
zu übergeben, hat man doch bis zum heutigen Tage kein Mittel
gefunden, das eine oder andere zu erreichen. Alle Methoden, die man angewandt
hat: des göttlichen Segens und der Wahl, der Erbschaft, der
Abstimmung, der Wahlen, der Versammlungen, der Parlamente, der Senate,
alle diese Maßregeln erwiesen und erweisen sich noch als
unwirksam. Jedermann weiß, dass auch nicht einer dieser Methoden,
das Ziel erreicht, weder das Ziel, die Macht nur in die Hände
Makelloser zu geben, noch das, ihren Missbrauch zu verhüten.
Jedermann weiß, dass vielmehr die Menschen, die sich an der Macht
befinden, seien es Kaiser, Minister, Polizeimeister, Schutzleute, stets
eben darum, weil sie Macht haben, mehr zur Unsittlichkeit neigen, das
heisst zur Unterordnung der allgemeinen Interessen unter ihre
persönlichen, als die Menschen, die keine Macht haben; und es kann
auch nicht anders sein. Die gesellschaftliche
Lebensauffassung war nur so lange gerechtfertigt, als alle Menschen
freiwillig ihre Interessen den Interessen der Allgemeinheit
unterordneten. Sobald aber Menschen auftraten, die ihre Interessen
nicht freiwillig opferten und die Macht notwendig wurde, das
heißt, die Gewalt zur Einschränkung dieser Personen, kam in
die gesellschaftliche Lebensauffassung und die auf ihr beruhende
Ordnung, der zersetzende Keim der Macht, das heißt. die Gewalt
der einen Menschen über die anderen. Damit die Macht der einen
Menschen über die anderen ihr Ziel der Einschränkung der
Menschen erreichte, die, zum Schaden der Allgemeinheit,
persönlichen Zwecken nachstreben, war es nötig, dass sich die
Macht in den Händen Makelloser befand, wie das bei den Chinesen
angenommen wird, oder wie man im Mittelalter annahm, oder wie es jetzt
noch der Fall ist bei Menschen, die an die Heiligkeit der Salbung
glauben. Nur unter dieser Voraussetzung hat die gesellschaftliche
Ordnung ihre Berechtigung gehabt. Da aber das fehlt, und da viel
mehr die Menschen, die die Macht innehaben, eben infolge des Besitzes
der Macht, stets nicht-heilig sind, kann die gesellschaftliche Ordnung,
die auf der Macht beruht, keine Berechtugung mehr haben. Wenn es eine Zeit gab, in der bei
einem gewissen niedrigen Grade von Sittlichkeit und bei der allgemeinen
Geneigtheit des Menschen zur Gewalt über den Nebenmenschen, das
Vorhandensein der Macht, die diese Gewalt beschränkt, vorteilhaft
war, als die Gewalt der Personen übereinander, so muss man doch
einsehen, dass eine solche Höherwertung der Staatsherrschaft
über ihr Nichtvorhandensein nicht dauernd sein konnte. Je mehr bei
den Personen das Streben nach Gewalt abnahm, je mehr die Sitten milder
wurden und je mehr die Macht infolge ihrer Schrankenlosigkeit sich
lockerte, desto geringer wurde die Höherwertung. In dieser
Veränderung des Verhältnisses zwischen der sittlichen
Entwicklung der Massen und der Ausartung der Regierung besteht die
ganze Geschichte der letzten zwei Jahrtausende. In ganz einfacher Form hat sich
die Sache vollzogen: die Menschen lebten in Stämmen, Familien und
Geschlechtern, feindeten sich an, übten Gewalt übereinander,
vernichteten, töteten sich. Diese Gewalttaten vollzogen sich in
geringerem und größerem Maßstab: Personen
kämpften mit Personen, Stamm mit Stamm, Familie mit Familie,
Geschlecht mit Geschlecht, Volk mit Volk. Die größere,
stärkere Gemeinschaft der Menschen unterjochte die
schwächere, und je größer und stärker die
Gemeinschaft der Menschen wurde, desto weniger innere Gewalt kam in
ihnen vor und desto gesicherter schien die Dauer des Lebens der
Gemeinschaft. Glieder eies Stammes oder einer
Familie, die sich zu einer Gemeinschaft verbanden, befehden sich
weniger untereinander, und ein Stamm und eine Familie stirbt nicht wie
ein Mensch, sie setzt ihre Existenz fort. Zwischen den Gliedern eines
Staates, die einer Macht unterworfen sind, erscheint der Kampf noch
schwächer, und das Leben des Staates scheint noch gesicherter. Diese Vereinigungen zu immer
größeren und größeren Gemeinschaften vollzogen
sich nicht, weil die Menschen mit Bewusstsein solche Verbindungen als
vorteilhafter für sich erkannten, wie es in dem Märchen von
der Herbeirufung der Waräger (skandinavische bewaffnete
Männerbünde im 8. bis 12. Jahrhundert) erzählt wird,
sondern einerseits infolge des natürlichen Zuwachses, andererseits
des Kampfes und der Eroberungen. Wenn die Eroberung vollzogen ist,
macht die Macht des Eroberers wirklich den inneren Kämpfen ein
Ende, und die gesellschaftliche Lebensauffassung erhält ihre feste
Begründung. Aber diese Begründung ist nur eine zeitweilige.
Die inneren Bürgerkämpfe hören nur in dem Grade auf, in
dem der Druck der Macht auf die vorher sich befehdeten
Persönlichkeiten sich vergrößert. Die Gewalt der
inneren Kämpfe, die die Macht vernichtet, nistet sich in der Macht
selbst ein. Die Macht befindet sich in der Hand von Menschen, die wie
alle anderen sind, das heißt, solcher Menschen, die stets oder
oft bereit sind, ihrer Persönlichkeit das allgemeine Wohl zu
opfern, nur mit dem Unterschied, dass diese Menschen nicht die ihre
Kräfte mäßigende Gegenwirkung der Vergewaltigten haben
und ganz dem entarteten Einfluss der Macht unterliegen. Darum
vergrößert sich das Übel der Gewalt, wenn es in die
Hände der Macht gelangt, immer mehr und mehr und wird mit der Zeit
größer als das Übel, das es zu zerstören scheint,
während in den Mitgliedern der Gesellschaft die Neigung zur Gewalt
immer schwächer und die Gewalt der Macht immer weniger nötig
wird. Die staatliche Macht vernichtet
zwar die innere Gewalt, trägt aber stets neue Gewalt in das Leben
der Menschen, die nach dem Maße ihrer Dauer und ihrer
Steigerung immer größer und größer wird.
Wenn daher auch im Staate die Gewalt der Macht weniger merklich ist,
als die Gewalt der Mitglieder der Gesellschaft untereinander, weil sie
sich nicht im Kampf ausdrückt, sondern in Gehorsam, so ist die
Gewalt darum nicht weniger vorhanden, meist sogar im höheren Grade
als früher. In jüngster Zeit hat im
deutschen Reichstag der Reichskanzler auf die Frage, wozu man Geld
brauche, um den Unteroffizieren das Gehalt zu erhöhen, gerade
heraus erklärt, man brauche zuverlässige Unteroffiziere, um
gegen den Sozialismus zu kämpfen. Caprivi (deutscher Reichskanzler
von 1890 bis 1894) hat nur laut ausgesprochen, was jedermann
weiß, wenn es auch den Völkern verborgen wird. Er hat
ausgesprochen, weshalb die Schweizer und Schottischen Garden von den
französischen Königen und den Päpsten gemietet wurden,
weshalb man in Russland eifrig die Rekruten umquartiert, so dass
Regimenter, die in den Zentren stehen durch Rekruten aus den
Grenzländern, und die Regimenter in den Grenzländern durch
Mannschaften aus dem Zentrum Russlands ergänzt werden. Der Sinn
von Caprivis Rede ist, ins Gewöhnliche übertragen, der: Man
braucht das Geld nicht, um äußeren Feinden entgegen zu
wirken, sondern zur Bestechung der Unteroffiziere, damit sie bereit
sind, gegen das geknechtete arbeitende Volk zu wirken. Caprivi hat von ungefähr
ausgesprochen, was jedermann sehr wohl weiß, und wenn er es nicht
weiß, fühlt, dass nämlich die bestehende Ordnung des
Lebens ist, wie sie ist, nicht weil sie so sein muss, nicht, weil das
Volk will, dass sie so sei, sondern weil die Gewalt der Regierung, das
Heer mit seinen bestochenen Unteroffizieren, Offizieren und
Generälen sie so aufrecht erhält. Wenn der Arbeiter keinen Boden
hat, wenn er nicht die Möglichkeit hat, das natürliche Recht
jedes Menschen zu genießen, aus dem Boden für sich und seine
Familie die Mittel seiner Ernährung zu ziehen, so ist das nicht
deshalb so, weil das Volk es will, sondern weil einigen Menschen, den
Grundbesitzern, das Recht zuerkannt ist, die Arbeitenden zuzulassen
oder nicht zuzulassen. Und diese widernatürliche Ordnung wird
durch das Heer aufrecht erhalten. Wenn die ungeheuren Reichtümer,
die die Arbeiter aufgehäuft haben, nicht als allen, sondern nur
ausgesuchten Personen gehörig betrachtet werden, wenn die Macht,
Steuern von der Arbeit einzusammeln und diese Gelder für das
verwenden, was sie für nötig halten, einigen Menschen
vorbehalten ist; wenn den Ausständen (Streiks) der Arbeiter
entgegengewirkt wird und die Ausstände der Kapitalisten
(Aussperrung) begünstigt werden; wenn man einigen Menschen
vorbehält, die Art des religiösen und bürgerlichen
Unterrichts und der Erziehung ihrer Kinder zu wählen, und einigen
Personen das Recht vorbehalten bleibt, Gesetze zu machen, denen sich
alle fügen müssen, und Bestimmungen zu treffen über das
Vermögen und das Leben der Menschen, so geschieht das alles nicht,
weil das Volk dies will und weil es natürlich so sein muss,
sondern weil dies zum eigenen Vorteil die Regierungen und die
herrschenden Klassen wollen und vermöge der physischen Gewalt
über die Körper der Menschen es so bestimmen. Wer das noch nicht weiß, erkennt es sofort bei jedem
Versuch, den er machen wird, sich nicht zu fügen oder diese
Ordnung der Dinge zu verändern. Daher sind die Heere jeder
Regierung und der herrschenden Klassen vor allem dazu nötig, die
Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten, die nicht nur nicht den
Bedürfnissen des Volkes entspringt, sondern ihnen oft geradezu
widerspricht und nur für die Regierungen und herrschenden Klassen
vorteilhaft ist. Das Heer braucht jede Regierung vor allem dazu, ihre
Untertanen im Gehorsam zu erhalten und ihre Arbeit auszunützen.
Aber die Regierung ist nicht allein: neben ihr ist eine zweite
Regierung, die ebenso mit Gewalt ihre Untertanen ausnützt, und die
stets bereit ist, der anderen Regierung die Arbeit ihrer schon zur
Knechtschaft gebrachten Untertanen zu rauben. Darum braucht jede
Regierung ein Heer nicht nur zu inneren Zwecken, sondern auch zum
Schutze ihrer Beute vor raublutigen Nachbarn. Jeder Staat ist
infolgedessen unwillkürlich dazu genötigt, dem andern
gegenüber seine Heere zu vergrößern. Die
Vergrößerung seiner Heere aber wirkt ansteckend, wie dies
schon vor 150 Jahren Baron de Montesquieu (französischer
Philosoph, Schriftsteller und Staatstheoretiker, 1689 - 1755) bemerkt
hat. Jede Vergrößerung der Heere in einem Staate, die
gegen die eigenen Untertanen gerichtet ist, wird auch für den
Nachbar gefährlich und ruft eine Vergrößerung in den
Nachbarstaaten hervor. Die Heere sind nicht nur dadurch zu den
Millionen angewachsen, zu welchen sie gegenwärtig angewachsen
sind, dass die Staaten von den Nachbarn bedroht waren. Es kam vor allen
daher, dass man die Empörungsversuche der Untertanen
unterdrücken musste. Die Vergrößerung der Heere
entspringt gleichzeitig zwei Ursachen, von denen die eine die andere
hervorruft. Die Heere sind notwendig sowohl gegen die inneren Feinde,
als auch dazu, das eigene Land gegen die Nachbarn zu verteidigen. Das
eine bedingt das andere. Der Despotismus der Regierung wächst
stets nach dem Maße der Vergrößerung und
Verstärkung der Heere, und der Angriff der Regierungen
vergrößert sich nach dem Maße der Verstärkung des
inneren Despotismus. Infolgedessen sind die europäischen Regierungen, eine
immer früher als die andere, bei der stetigen Vermehrung ihrer
Heere zu der unausbleiblichen Notwendigkeit der allgemeinen
Wehrpflicht gelangt, denn die allgemeine Wehrpflicht war das beste
Mittel, für die Zeit des Krieges die größte Zahl von
Soldaten bei den geringsten Ausgaben zu erhalten. Deutschland war das
erste Land, das auf diesen Ausweg verfiel. Und sobald dies ein Staat
gemacht hatte, mussten es die anderen auch tun, und sobald das geschah,
geschah es, dass alle Bürger unter die Waffen traten, um all die
Ungerechtigkeiten zu stützen, die gegen sie verübt wurden,
dass alle Bürger die Bedrücker (Unterdrücker) ihrer
selbst wurden. Die allgemeine Wehrpflicht war die notwendige unausbleibliche
logische Notwendigkeit, zu der man durchaus kommen musste. Zugleich
aber ist sie der letzte Ausdruck des inneren Widerspruchs der
gesellschaftlichen Lebensauffassung, der zu der Zeit eintrat, als zu
seiner Aufrechterhaltung die Gewalt nötig wurde. In der
allgemeinen Wehrpflicht ist dieser Widerspruch offenkundig geworden. In
der Tat, der Sinn der gesellschaftlichen Lebensauffassung besteht doch
darin, dass der Mensch, der die Grausamkeit des Kampfes der Personen
untereinander und der Vergänglichkeit der Personsn selbst erkannt
hat, den Sinn seines Lebens in die Gemeinschaften der Personen
überträgt. Bei der allgemeinen Wehrpflich dagegen ergibt
sich, dass die Menschen, die alle Opfer gebracht haben, die man von
ihnen verlangt, damit sie sich von der Grausamkeit des Kampfes und von
der Unzuverlässigkeit des Lebens befreien, nach allen Opfern, die
sie gebracht haben, wieder zu all den Gefahren aufgerufen werden, von
denen sie sich glaubten befreit zu haben. Außerdem wird die
Gemeinschaft der Staaten, um deretwillen die Personen auf ihre eigene
verzichtet haben, wieder der Gefahr der Vernichtung ausgesetzt, der
vorher die Person unterlag. Die Regierungen hätten die Menschen von der Grausamkeit
des Kampfes der Personen befreien und ihnen die Zuversicht auf die
Unverletzbarkeit der staatlichen Lebensordnung geben sollen. Statt
dessen bürden sie den Personen die Notwendigkeit desselben Kampfes
auf und verwandeln sie nur aus dem Kampfe mit den nächsten
Personen zu dem Kampfe mit Personen anderer Staaten, lassen aber die
gleiche Gefahr der Vernichtung der Personen sowohl wie des Staates
bestehen. Die Einrichtung der allgemeinen Wehrplicht gleicht dem, was
mit einem Menschen geschähe, der ein einstürzendes Haus
stützen wollte: die Wände haben sich nach innen geneigt, man
hat Stützen darunter gesetzt; die Diele hat sich geneigt, man hat
eine andere darunter gelegt; zwischen den Stützen hängen
Bretter hinab, man stellt wieder Stützen auf; es kommt endlich so
weit, dass die Stützen zwar das Haus aufrecht erhalten, dass man
aber in dem Hause vor lauter Stützen nicht mehr wohnen kann. So steht es mit der allgemeinen Wehrpflicht. Sie zerstört
alle die Vorteile des gesellschaftlichen Lebens, die sie zu
schützen berufen ist. Die Vorteile des gesellschaftlichen Lebens
bestehen in dem Schutze des Eigentums, der Arbeit, in der Mitwirkung an
der gemeinsamen Vervollkommnung des Lebens. Die allgemeine Wehrpflicht
vernichtet all dies. Die Steuern, die man von dem Volke eintreibt, um
den Krieg vorzubereiten, verschlingen den größten Teil der
Erzeugnisse der Arbeit, die das Heer beschützen soll. Das
Herausreißen aller Männer aus dem gewohnten Lebensgang
zerstört die Möglichkeit der Arbeit selbst. Die drohende
Gefahr des Krieges, der jeden Augenblick beginnen kann, macht alle
Vervollkommnung des geselschaftlichen Lebens unnütz und
überflüssig. Wenn man früher dem Menschen sagte, er würde, wenn
er sich der Macht des Staates nicht fügte, den
Überfällen böser Menschen ausgesetzt sein, innerer und
äußerer Feinde, er würde genötigt sein, selber mit
ihnen zu kämpfen, sich dem Totschlag aussetzen, es sei darum
vorteilhaft für ihn, gewisse Entbehrungen zu ertragen, um sich von
diesen Nöten zu befreien, so konnte der Mensch das glauben, da die
Opfer, die er dem Staate brachte, nur einzelne Opfer waren und ihm die
Hoffnung auf ein ruhiges Leben in einem unvernichtbarem Staate gaben,
um dessenwillen er seine Opfer brachte. Jetzt aber, wo diese Opfer
nicht nur um das Zehnfache gewachsen sind und die versprochenen
Vorteile fehlen, muss jedem natürlich der Gedanke kommen, dass
sein Gehorsam gegen die Macht vollständig unnütz ist. Aber nicht darin allein besteht die verhängnisvolle
Bedeutung der allgemeinen Wehrplicht als einer Erscheinung des
Widerspruchs, der in der gesellschaftlichen Lebensauffassung liegt. Die
Haupterscheinung dieses Widerspruchs besteht darin, dass bei der
allgemeinen Wehrpflicht jeder Bürger, indem er Soldat wird, eine
Stütze der staatlichen Ordnung wird und ein Teilnehmer alles
dessen, was der Staat tut und dessen Gesetzmäßigkeit er
nicht anerkennt. Um sich davon zu überzeugen, dass jeder Mensch, der seine Militärpflicht erfüllt, Teilnehmer solcher staatlichen Dinge wird, die er nicht anerkennt und nicht anerkennen kann, denke jeder bloß an das, was in jedem Staate im Namen der Ordnung und des Wohles der Völker geschieht, und dessen Vollstrecker stets das Heer ist. Alle inneren Kämpfe der Dynastie (der Geschlechterabfolge der Herrscher und ihrer Familien) und der verschiedenen Parteien, alle Hinrichtungen, die mit diesen Wirren verbunden sind, alle Unterdrückungen von Empörungen, jede Anwendung der Kriegsmacht, um Volksaufläufe auseinander zu treiben, die Unterdrückung von Arbeiteraufständen, alle Eintreibungen von Steuern, alle Ungerechtigkeiten in der Verteilung des Bodenbesitzes, alle Unterdrückungen der Arbeit, all das geschieht, wenn nicht unmittelbar durch das Heer, so durch die Polizei, die vom Heer unterstützt wird. Wer seine Militärpflicht ableistet, wirkt mit an allen diesen Dingen, die in manchen Fällen für ihn zweifelhaft, in den meisten aber geradezu gegen sein Gewissen sind. Die Menschen wollen nicht den Boden verlassen, den sie Geschlechter hindurch bearbeitet haben. Die Menschen wollen nicht auseinander gehen, wie die Regierung das will. Die Menschen wollen nicht die Steuern zahlen, die man von ihnen fordert. Die Menschen wollen nicht die Gesetze als verbindlich anerkennen, die sie nicht gemacht haben. Die Menschen wollen nicht auf ihre Nationalität verzichten, und ich muss, wenn ich meine Militärpflicht ableiste, hingehen und diese Menschen schlagen. Muss ich, wenn ich an diesen Dingen mitwirke, mir nicht die Frage stellen, ob diese Dinge gut sind und ob ich ein Recht habe, an ihrer Auswirkung mitzuwirken? Die allgemeine Wehrpflicht ist für die Regierung der
äußerste Grad der Gewalt, der zur Aufrechterhaltung des
ganzen Gebäudes nötig ist. Für die Untertanen aber ist
sie die letzte Grenze der Möglichkeit des Gehorsams. Das ist der
Stein im Gewölbe, der die Mauern hält und dessen
Loslösung das ganze Gebäude ins Wanken bringt. Die Zeit ist vorüber, wo der stets wachsende Gebrauch der
Regierungen und ihre Kämpfe untereinander es dahin gebracht haben,
dass von jedem Untertan so große, nicht nur materielle Opfer
gefordert wurden, bei denen jeder nachdenklich wurde und sich fragte:
kann ich diese Opfer bringen? Und wofür muss ich diese Opfer
bringen? Diese Opfer wurden um des Staates willen gebracht. Um des
Staates willen fordert man von mir, dass ich auf alles verzichte, was
den Menschen teuer ist: auf Frieden, Familie, Sicherheit und
Menschenwürde. Was ist denn nun dieser Staat, für den
so schreckliche Opfer gefordert werden, und warum ist es so unbedingt
nötig? Der Staat, sagt man uns, ist unbedingt nötig. Ohne den
Staat wären erstens ich und wir alle nicht vor der Gewalt und den
Angriffen böser Menschen bewahrt. Ohne den Staat wären wir
zweitens Wilde und hätten weder Einrichtungen für die
Religion, Bildung, Erziehung, für den Handelsverkehr oder anderen
gesellschaftlichen Zwecken. Drittens wären wir ohne Staat der
Knechtung durch Nachbarvölker ausgesetzt." Ohne den Staat, sagt
man uns, wären wir der Gewalt und den Angriffen böser
Menschen in unserem eigenen Vaterlande ausgesetzt. Wer aber sind in unserer Mitte die bösen Menschen, vor
deren Gewalt und Überfall uns der Staat und sein Heer
schützt? Wenn es vor drei, vier Jahrhunderten, wo die Menschen
sich mit ihrer Kriegskunst, ihren Rüstungen brüsteten, wo man
die Tötung von Menschen als eine glänzende Tat ansah, solche
Menschen gab, so gibt es doch heute solche Mneschen nicht mehr. Kein
Mensch unserer Zeit gebraucht und trägt Waffen. Alle erkennen die
Gebote der Menschenliebe, des Mitleids mit dem Nächsten an und
verlangen das, was wir verlangen, nur die Möglichkeit ruhigen und
friedlichen Lebens. Und darum gibt es jetzt nicht mehr jene besonderen
Gewalttäter, vor denen uns der Staat schützen könnte. Ohne den Staat, sagt man auch, hätten wir alle die
Erziehungs-, Bildungs-, Religions-, Verkehrs- und weitere Einrichtungen
nicht. Ohne den Staat hätten die Menschen die gesellschaftlichen,
für alle notwendigen Dinge nicht durchführen können.
Aber diese Begründung konnte auch nur vor einigen Jahrhunderten
berechtigt sein. Wenn es eine Zeit gab, wo die Menschen so getrennt voneinander
lebten, wo die Mittel der Annäherung und der Gedankenvermittlung
so wenig entwickelt waren, dass sie sich in keiner allgemeinen
Angelegenheit, weder in einer Handels- und Wirtschafts-, noch in einer
Bildungsangelegenheit, ohne ein staatliches Zentrum beraten und
einigen konnten, so ist jetzt diese Trennung nicht mehr vorhanden. Die
hochentwickelten Mittel des Verkehrs haben es mit sich gebracht, dass
die Menschen unserer Zeit zur Bildung von Gesellschaften,
Vereinigungen, Kooperationen, Kongressen, gelehrten, wirtschaftlichen,
politischen Institutionen nicht nur vollständig ohne Regierungen
fertig werden können, sondern dass die Regierungen in den meisten
Fällen der Erreichung dieser Zwecke mehr hinderlich als
förderlich sind. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts ist von der Regierung
beinahe jeder Fortschritt der Menschheit nicht nur nicht
gefördert, sondern stets aufgehalten worden. So war es mit der
Aufhebung der körperlichen Strafen, der Folter, der
Leibeigenschaft, mit der Schaffung der Presse- und Vereinsfreiheit.In
unserer Zeit aber ist die Staatsgewalt und die Regierung jeder
Tätigkeit, durch die die Menschen sich neue Lebensformen schaffen,
nicht nur nicht förderlich, sondern geradezu hinderlich. Die
Lösung der Arbeiter-, der Bodenbesitzfragen, der politischen, der
religiösen Fragen, wird von der Staatsgewalt nicht nur nicht
gefördert, sondern geradezu aufgehalten. "Ohne Staat und Regierung
würden die Völker von den Nachbarn geknechtet werden." Man
braucht diesen letzten Hinweis kaum zu widerlegen; die Widerlegung
liegt in ihm selbst. Die Regierung, so sagt man uns, ist samt ihrem Heere
notwendig, um uns gegen die Nachbarstaaten zu schützen, die uns
knechten können. Aber das sagen doch alle Regierungen, eine wie
die andere, während wir wissen, dass die europäischen
Völker die Grundsätze der Freiheit und Brüderlichkeit
bekennen, und daher des Schutzes eines gegen das andere nicht
bedürfen. Wollte man aber an einen Schutz gegen die Barbaren
denken, so genügt 0,001 (Prozent?) von den Heeren, die jetzt unter
Waffen stehen. Und so ergibt sich das Gegenteil von dem, was behauptet
wird: Die Staatsgewalt bietet nicht nur keinen Schutz gegen die Gefahr
des Überfalls der Nachbarn, sie ruft vielmehr die Gefahr des
Überfalls hervor. So muss es jedem Menschen, der durch die allgemeine
Wehrpflicht in die Notwendigkeit versetzt wird, über die Bedeutung
des Staates nachzudenken, um dessenwillen das Opfer seiner Ruhe, seiner
Sicherheit und seines Lebens gefordert sind, klar sein, dass diese
Opfer in unserer Zeit keinerlei Berechtigung mehr haben. Aber nicht bloss bei theoretischer Betrachtung muss jeder
Mensch einsehen, dass die Opfer, die der Staat von ihm fordert, keine
Berechtigung haben. Auch bei praktischer Betrachtung, dass heisst, bei
der Erwägung all der drückenden Bedingungen, in die der
Mensch durch den Staat gebracht wird, muss jeder sehen, dass für
ihn persönlich die Erfüllung der Forderung des Staates und
seine Unterwerfung unter das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht in den
meisten Fällen unvorteilhafter ist als die Verweigerung des
Dienstes. Wenn die Mehrzahl der Menschen die Unterwerfung der
Nichtunterwerfung vorzieht, so geschieht das nicht infolge einer
nüchternen Abwägung der Vorteile und Nachteile, sondern zu
der Unterwerfung zieht die Menschen die Hypnotisierung, der sie
dabei unterliegen. Indem sie sich fügen, gehorchen die Menschen
nur den Forderungen, die man an sie stellt, ohne nachzudenken und ohne
eine Willensanstrengung zu machen. Zur Nichtunterwerfung bedarf es
eines selbstständigen Urteils und einer Anstrengung, zu der nicht
jeder fähig ist. Wenn man aber von der sittlichen Bedeutung, der Unterwerfung
und der Nichtunterwerfung absieht und nur die Vorteile in Betracht
zieht, so wird im allgemeinen die Nichtunterwerfung stets vorteilhafter
sein als die Unterwerfung. Wer ich auch bin, ob ich zu den
wohlhabenden, bedrückenden (unterdrückenden) Klassen
gehöre oder zu der arbeitenden, bedrückten
(unterdrückten), in beiden Fällen sind die Nachteile der
Nichtunterwerfung geringer als die Nachteile der Unterwerfung, und die
Vorteile der Nichtunterwerfung größer als die Vorteile der
Unterwerfung. Wenn ich zu der Minderheit der Bedrücker
(Unterdrücker) gehöre, werden die Nachteile der
Nichtunterwerfung unter die Forderung der Regierung darin bestehen,
dass man mich als einen Menschen, der sich weigert, die Forderung der
Regierung zu erfüllen, vor Gericht stellt und im besten Falle
freispricht, oder, wie man bei uns mit den Mennoniten (die Mennoniten
sind eine christliche Glaubensgemeinschaft,die sich an der
Gewaltlosigkeit und am Pazifismus orientiert und die sowohl den
Wehrdienst als auch die Steuern für Militärausgaben
verweigert) verfährt, zwingt, die Dienstzeit in unkriegerischer
Arbeit abzuleisten, im schlimmsten Falle zur Verbannung oder zu
Gefängnis auf zwei, drei Jahre verurteilt (ich sprechen von
Fällen, die in Russland vorgekommen sind) oder vielleicht zu
längerer Gefängnisdauer, vielleicht auch zu Tode, obwohl die
Wahrscheinlichkeit einer solchen Strafe sehr gering ist. Die verhältnismässigen Vorteile der Unterwerfung und
der Nichtunterwerfung sind folgende: Für den, der sich nicht
weigert, werden die Vorteile darin bestehen, dass er, nachdem er sich
aller Erniedrigungen gefügt, alle Grausamkeiten, die man von ihm
abverlangt, ausgeübt und vielleicht nicht getötet worden ist,
roten, goldenen und Flitterschmuck an seinem närrischen Kleide
haben wird, dass er vielleicht im besten Falle über
Hunderttausende, ganz wie er, vertierter (wie Tiere) Menschen den
Befehl haben, Feldmarschal heißen oder viel Geld bekommen wird.
Die Vorteile dessen, dass er sich weigert, werden darin bestehen, dass
er seine Menschenwürde bewahrt, die Achtung der guten Menschen
erlangt und vor allem unzweifelhaft dessen wird, dass er ein Gotteswerk
und darum eine unzweifelhafte Guttat gegen die Menschen übt. Dies sind die beiderseitigen Vorteile und Nachteile für
den Menschen aus den reichen Gesellschaftsklassen, für den
Bedrücker. Für den Armen der arbeitenden Klasse werden
Vorteile und Nachteile dieselben sein, jedoch mit einem gewichtigen
Plus von Nachteilen. Die Nachteile werden für den Mann aus der
arbeitenden Klasse, der den Kriegsdienst nicht verweigert, noch darin
bestehen, dass er durch seinen Eintritt in den Kriegsddienst, durch
seine Teilnahme und gewissermaßen durch seine Zustimmung die
Bedrückung, in der er sich selbst befindet, noch verstärkt. Aber nicht die Betrachtung darüber, inwieweit für
die Menschen dieser Staat, den sie durch ihre Teilnahme an den
Kriegsdienst zu stützen berufen sind, nötig und nützlich
ist. Noch weniger die Betrachtung über die Vorteile und Nachteile,
die der Einzelne durch Unterwerfung und Nichtunterwerfung unter die
Forderung der Regierung hat, lässt die Frage von der Notwendigkeit
der Erhaltung oder Vernichtung des Staates. Gelöst wird diese
Frage unwiderleglich und unwiderruflich durch das religiöse
Bewusstsein oder Gewissen jedes einzelnen Menschen, an den
unwillkürlich mit der allgemeinen Wehrpflicht die Frage über
Sein oder Nichtsein des Staates herantritt. VIII. Es ist unvermeidlich, dass die Menschen unserer Welt die christliche Lehre: Widerstrebe nicht dem Übel mit Gewalt!" annehmen. Top Man hört oft sagen, wenn das Christentum die Wahrheit ist, so hätte es damals als es auftrat, von allen Menschen angenommen werden, das Leben der Menschen verändern und es besser machen müssen. Aber so etwas sagen, heisst behaupten, wenn ein Korn keimfähig sei, müsste es sofort auch Wurzel, Blüte und Frucht geben. Die christliche Lehre ist keine Gesetzgebung, die, mit Gewalt eingeführt, sofort das Leben der Menschen verändern könnte. Das Christentum ist eine von der früheren Abweichende, neue, höhere Auffassung des Lebens. Eine neue Auffassung des Lebens kann aber nicht vorgeschrieben werden, sie kann nur freiwillig angenommen werden. Freiwillig aber kann die neue Lebensauffassung nur auf zwei Arten angenommen werden, in geistiger innerer und in erfahrungsmäßiger, äußerer Weise. Die einen, die Minderzahl der Menschen, erraten sofort durch ein prophetisches Vorgefühl die Wahrheit der Lehre, geben sich ihr hin und erfüllen sie. Die anderen, die Mehzahl, werden erst auf einem langen Umweg von Irrtümern, Erfahrungen und Leiden zur Kenntnis der Wahrheit der Lehre gebracht und zu der Notwendigkeit, sie sich anzueignen. Und zu dieser Notwendigkeit, sich die Lehre auf die erfahrungsmäßige äußere Art anzueignen, ist auch jetzt die große Mehrzahl der Menschen der christlichen Welt gebracht worden. Man denkt wohl manchmal: Wozu war diese Verstümmelung des Christentums nötig, die auch jetzt noch mehr als alles andere seine Annahme in seiner wahren Bedeutung verhindert? Diese Verstümmelung des Christentums aber, die die Menschen in die Lage gebracht hat, in der sie sich jetzt befinden, war eben eine notwendige Vorbedingung dazu, dass die Mehrzahl der Menschen es in seiner wahren Bedeutung annehmen konnten. Wäre das Christentum den Menschen in seiner wahren und nicht in seiner verstümmelten Gestalt vorgelegt worden, dann wäre es nicht von der Mehrzahl der Menschen angenommen worden, und diese Mehrzahl wäre ihm fremd geblieben, wie es jetzt die Völker Asiens sind (Anmerkung: Die asiatischen Religionen sagen allerdings im Prinzip dasselbe und mitunter sogar in einer deutlicheren Sprache, z.B. was das Brahmacharya, die sexuelle Enthaltsamkeit, betrifft. Tolstoi lebte übrigens ebenfalls enthaltsam. Manche vermuten sogar, dass das Christentum auch durch den Hinduismus und Buddhismus beeinflusst wurde, denn hinduistische und buddhistische Mönche drangen bis in den arabischen und afrikanischen Kontinent vor. Die griechische Philosophie, die ebenfalls sehr von der fernöstlichen Philosophie beeinflusst wurde, hatte später ebenfalls großen Einfluss auf das römische Reich, welches sich ebenfalls bis nach Arabien und Nordafrika erstreckte.). Nachdem die Völker es aber in verstümmelter Form angenommen, haben sie sich durch diese Annahme seiner zwar langsamen, aber sicheren Einwirkung ausgesetzt und sind jetzt auf einem langsamen Erfahrungswege von Irrtümern und daraus entspringen Leiden zu der Notwendigkeit gebracht, es ist in seiner wahren Bedeutung sich anzueignen. Die Verstümmelung des Christentums und seine Annahme in dieser verstümmelten Gestalt durch die Mehrzahl der Menschen war ebenso notwendig, wie es zu dem Aufgehen eines ausgesäten Körnchens ist, dass es eine Zeit lang in der Erde verborgen liegt. Die christliche Lehre ist eine Lehre der Wahrheit und gleichzeitig eine Prophezeiung. Vor eintausendachthundert (zweitausend) Jahren hat die christliche Lehre den Menschen die Wahrheit enthüllt, wie sie zu leben hätten, und hat zugleich vorher gesagt, was das menschliche Leben sein wird, wenn die Menschen nicht so leben werden, sondern fortfahren werden, in derselben Weise zu leben, wie sie bis zu seinem Auftreten gelebt haben, und was es sein wird, wenn sie die christliche Lehre annehmen und sie im Leben erfüllen werden. Nachdem Christus in der Bergpredigt die Lehre verkündet, die das Leben der Menschen bestimmen soll, hat er gesagt: "Darum, wer diese meine Rede höret und tut sie, den nenne ich einen klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen baute. Da nun ein Platzregen fiel und ein Gewässer kam und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht, denn es war auf einen Felsen gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall." (Matthäus 7,24-27) Anmerkung: Jesus und der gewaltlose Widerstand. Jesus predigt nicht den gewaltlosen Widerstand, sondern das widerstandslose Hinnehmen des Unrechts: "Ihr sollt nicht widerstreben dem Bösen." (Mt 5.39). Und in der Bergpredigt sagt Jesus: "Wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin. Wenn einer dir dein Hemd nehmen will, so gib ihm auch noch den Mantel. Wenn einer von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei Meilen mit ihm. Gib dem, der dich um etwas bittet, und auch dem, der etwas von dir leihen will. (Mt 5,40-42) Weiter sagt Jesus: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen." Und nun, achtzehn Jahrhunderte später, hat sich diese Prophezeiung erfüllt. Da die Menschen die Lehre Christi im Allgemeinen und ihre Verkörperung im gesellschaftlichen Leben durch das Nichtwidersteben nicht befolgen, sind sie in die Lage des unvermeindlichen Untergangs gekommen, die Christus denen verheißen hat, die seine Lehre nicht befolgen werden. Die Menschen denken oft, die Frage vom Widerstreben oder nicht Widerstreben mit Gewalt, sei eine erdichtete Frage, eine Frage, die man umgehen kann. Und doch ist dies eine Frage, die vom Leben selbst vor alle Welt und vor jeden denkenden Menschen hingestellt ist und unbedingt ihre Lösung erfordert. Diese Frage ist für die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Leben von der Stunde, in der die christliche Lehre gepredigt wurde, daselbe, wie für den Reisenden die Frage, welchen von zwei Wegen er gehen soll, wenn er an eine Kreuzung kommt. Gehen muss er. Er erkann nicht sagen: "Ich werde nicht überlegen, ich werde gehen, wie ich bisher gegangen bin." Bisher ist es nur einen Weg gegeben, jetzt sind es zwei geworden. Er kann nicht gehen, wie er bisher gegangen ist. Er muss einen der beiden Wege auswählen. Ganz ebenso kann man seit der Zeit, wo die Lehre Christi den Menschen bekannt wurde, nicht sagen, ich werde leben, wie ich bisher gelebt habe, ohne die Frage über das Widersteben oder Nichtwiderstreben mit Gewalt zu lösen. Man muss sich bei dem Ausbruche jeden Kampfes entschliessen, ob man mit Gewalt widerstreben oder nicht widerstereben will dem, was man das Übel nennt. Die Frage über das Widerstreben oder Nichtwiderstreben ist damals entstanden, als der erste Kampf zwischen den Menschen eintrat. Jeder Kampf ist nichts anderes, als ein gewaltsames Widerstreben gegen das, was jeder von den Kämpfenden für ein Übel hält. Nur haben die Menschen vor Christo nicht gesehen, dass das gewaltige Widerstreben gegen das, was jeder ein Übel nennt, nur deshalb, weil er ein Übel nennt, was der andere für gut hält, nur eines von den Mitteln zur Lösung des Kampfes ist, und dass ein zweites Mittel darin besteht, überhaupt dem Übel nicht mit Gewalt zu widerstreben. Vor Christi Lehre glaubten die Menschen, es gäbe nur ein Mittel zur Lösung des Kampfes, indem man dem Übel mit Gewalt widerstrebt. Und so handelten sie auch und gaben sich Mühe, jeder einzelne der Streitenden, sich und die anderen davon zu überzeugen, dass das, was er für ein Übel hält, ein wirkliches, absolutes Übel sei. Daher haben auch von den ältesten Zeiten an die Menschen solche Begriffsbestimmungen des Übels gesucht, die für alle verbindlich waren. Und für solche Begriffsbestimmungen des Übels, die für alle verbindlich sein sollten, gab man bald die Bestimmungen der Gesetze aus, die, wie man annahm, auf übernatürliche Weise empfangen waren, bald die Befehle von Menschen oder von Vereinigungen von Menschen, denen man den Vorzug der Unfehlbarkeit zuschrieb. Die Menschen gebrauchten die Gewalt gegen andere Menschen und redeten sich und anderen ein, sie gebrauchen diese Gewalt gegen das von allen anerkannte Übel. Dieses Mittel wurde von den ältesten Zeiten an besonders von den Menschen angewendet, die die Macht ergriffen hatten. Die Menschen erkannten lange Zeit die Unvernunft dieses Mittels nicht. Aber je länger die Menschen lebten, je komplizierter ihre Beziehungen wurden, desto augenscheinlicher wurde es, dass es unvernünftig ist, mit Gewalt dem zu widerstreben, was jeder für ein Übel hält, dass der Kampf dadurch nicht vermindert wird und dass keinerlei menschliche Bestimmungen bewirken können, dass das, was von den einen für ein Übel gehalten wird, auch von den anderen dafür gehalten werde. Schon zur Zeit des Auftreten des Christentums am dem Orte, wo es auftrat, im römischen Reich, war es für die Mehrzahl der Menschen klar, dass das was Kaiser Nero1 oder Caligula2 für ein Übel hielten, dem man mit Gewalt widerstreben müsste, von den anderen Menschn nicht für ein Übel gehalten werden kann. Schon damals begannen die Menschen zu begreifen, dass die menschlichen Gesetze, die man für göttliche Gesetze ausgab, von Menschen geschrieben sind, dass Menschen nicht unfehlbar sein können, mit welchem äußeren Glanz sie auch bekleidet seien, und dass irrende Menschen nicht unfehlbar werden können dadurch, dass sie sich zusammentun und sich Senat oder sonstwie nennen. Damals schon empfanden und begriffen das viele, und damals predigte Christus seine Lehre, die, nicht nur darin bestand, dass man dem Übel nicht mit Gewalt widerstreben dürfe, sondern die Lehre von einer neuen Lebensauffassung war, von der ein Teil oder, besser gesagt, deren Anwendung im gesellschaftlichen Leben, zugleich die Lehre von dem Mittel der Vernichtung des Kampfes unter allen Menschen war, nicht dadurch, dass man nur einen Teil der Menschen verpflichtete, ohne Kampf sich dem zu fügen, was ihnen von gewissen Autoritäten vorgeschrieben wird, sondern dadurch, dass es niemand, also auch denen nicht und ganz besonders denen nicht, die die Macht inne haben, gestattet sei, Gewalt zu gebrauchen gegen irgend jemand in irgendeinem Falle. 1Nero war römischer Kaiser von 54 bis 68 n.Chr. Auf den Rat seiner Berater ließ Nero, nach dem Brand von Rom, der vermutlich durch Unvorsichtigkeit entstand und einen großen Teil Roms vernichtete (10 von 14 Stadtteile), viele Christen, die ohnehin bei weiten Teilen der Bevölkerung verhasst waren, verhaften und, nachdem sie die Brandstiftung gestanden hatten, viele zu grausamen Todesstrafen verurteilen. Die meisten wurden verbrannt, da dies die im römischen Recht für Brandstifter vorgesehene Strafe war, einige gekreuzigt oder in Felle gesteckt und in der Arena den Tieren vorgeworfen. Sie fanden unter Nero jedoch nicht nur wegen der ihnen vorgeworfenen Brandstiftung den Tod, sondern auch wegen „des allgemeinen Menschenhasses“. Die Christenverfolgung unter Nero, die auf Rom beschränkt blieb, war das erste einer Reihe von lokalen Progromen (Massenauschreitungen), die der Verfolgung unter Domitian (römischer Kaiser von 81 bis 96 n.Chr.) und den systematischen Verfolgungen im 3. Jahrhundert vorausgingen. Quelle: Nero 2Caligula war römischer Kaiser von 37 bis 41 n.Chr.. Er galt als arrogant und zynisch, manche vermuten gar, er könnte wahnsinnig gewesen sein. So überlieferte der römische Philosoph Seneca Bilder grausamer Folterungen und Hinrichtungen des Kaisers, die ihn als Sadisten beschreiben. Caligula liebäugelte mit der griechischen Philosophie, die aber mit dem jüdischen Monotheismus unvereinbar war. Dies führte schliesslich zur Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem durch Kaiser Titus (70 n.Chr.), sowie zur Diaspora, der Vertreibung der Juden aus Palästina, unter Kaiser Hadrian (117 - 138 n.Chr.), zu der Caligula maßgeblich beigetragen hatte. Seine Gewaltherrschaft endete, nach 4 Jahren als Kaiser, mit seiner Ermordung durch die Prätorianergarde. Quelle: Caligula Jesus Lehre wurde damals nur von einer ganz kleinen Zahl von
Jüngern angenommen. Die Mehrzahl der Menschen aber, besonders die,
die über die Menschen herrschten, fuhren auch nach der nominellen
Annahme des Christentums fort, sich an die Regel des Widerstrebens
gegen das zu halten, was ihnen ein Übel zu sein schien. So ging es
zu den Zeiten der römischen und byzantinischen Kaiser (ab 284
n.Chr), und so währte es fort in späterer Zeit. Die Menschen aber waren nicht reif zur Annahme dieser
Lösung, die Christus gegeben hatte, und das frühere Mittel
der Bestimmung des Übels, dem man widerstreben müsse, durch
die Schffung von Gesetzen, die für alle verbindlich seien und die
man durch Gewalt vollstreckt, wurde fortdauernd angewandt. Die
Bestimmung dessen, was man für ein Übel halten und durch
gewaltsames Widerstreben bekämpfen soll, hatte bald der Papst,
bald der Kaiser, bald der König, bald eine Versammlung
Gewählter, bald das ganze Volk. Aber innerhalb wie außerhalb
des Staates, gab es stets Menschen, die weder die Bestimmungen, die man
für göttliche Befehle ausgab, noch die Bestimmungen der
Menschen, die mit Heiligkeit bekleidet waren, noch die Institutionen,
die den Willen des Volkes repräsentieren sollten, als für
sich verbindlich anerkannten, und Menschen, die für gut hielten,
was die bestehenden Mächte für ein Übel hielten, und die
mit eben der Gewalt, die man gegen sie anwandte, gegen die Mächte
kämpften. Die Menschen, die mit Heiligkeit bekleidet waren, hielten
für ein Übel, was die Menschen und Institutionen, die mit
weltlicher Macht bekleidet waren, für gut hielten, und umgekehrt,
und der Kampf wurde immer schärfer und schärfer. Und je
länger sich die Menschen an einer solchen Methode der Lösung
des Kampfes hielten, desto klarer wurde es, dass diese Methode nichts
taugte, da es eine äußere Autorität für eine
Definition des Übels, die von allen anerkannt wurde, nicht gibt
und nicht geben kann. So ging es achtzehn Jahrhunderte und so kam es, wohin es heute
gekommen ist, zur vollständigen Augenscheinlichkeit dessen, dass
es eine äußere, für alle verbindliche Definition des
Übels nicht gibt und nicht geben kann. Es kam dahin, dass die
Menschen aufhörten, nicht nur an die Möglichkeit der
Auffindung dieser gemeinsamen, für alle verbindlichen Definition
zu glauben. Sie hörten sogar auf, an die Notwendigkeit zu glauben,
eine solche Definition aufzustellen. Es kam dahin, dass die Menschen,
die die Macht inne hatten, schon aufhörten, zu beweisen, dass das,
was sie für ein Übel hielten, auch einÜbel sei, sondern
einfach sagten, sie hielten für ein Übel, was ihnen nicht
gefällt. Und die Menschen, die der Macht gehorchten, gehorchten
nun nicht mehr, weil sie glaubten, dass die Definition des Übels,
wie sie diese Macht gibt, richtig ist, sondern weil sie nicht anders
können als gehorchen. Nicht darum ist Nizza mit Frankreich, Lothringen mit
Deutschland, Böhmen mit Österreich vereinigt worden, nicht
darum ist Polen geteilt worden, nicht darum ist Irland und Indien der
englischen Herrschaft unterworfen worden, nicht darum wird der Krieg
mit China geführt, nicht darum werden die Afrikaner getötet,
nicht darum weisen die Amerikaner die Chinesen aus dem Lande und
unterdrücken die Russen die Juden, nicht darum nutzen die
Grundbesitzer den Boden aus, den sie nicht bearbeiten, und die
Kapitalisten die Erzeugnisse der Arbeit anderer, weil das für die
Menschen gut, nötig und nützlich, und weil das Gegenteil
davon ein Übel ist, sondern nur, weil die Menschen, die die Macht
inne haben, wollen, dass es so sei. Es entwickelte sich das, was jetzt
besteht: die einen Menschen üben Gewalt aus, nicht mehr, um dem
Übel entgegenzuwirken, sondern um ihres Vorteils oder ihrer Laune
willen, und die anderen Menschen fügen sich dieser Gewalt, nicht
weil sie glauben, wie man das früher annahm, dass die Gewalt
über sie ausgeübt wird, um sie von dem Übel zu befreien
und zu ihrem Besten, sondern nur, weil sie sich von der Gewalt nicht
freimachen können. Wenn der Römer, der Mensch des Mittelalters, unser Russe,
wie ich ihn vor fünzig Jahren kannte, unzweifelhaft davon
überzeugt war, dass die Gewalt der Macht, die über ihn
ausgeübt wird, unbedingt notwendig sei, um ihn gegen Übel zu
schützen, dass Steuern, Zölle, Leibeigenschaft,
Gefängnisse, Peitsche, Knute, Folter, Hinrichtung, Soldatentum,
Krieg sein müssen, so findet man doch heute noch selten einen
Menschen, der nicht nur nicht glaubt, dass all die Gewalttaten
irgendjemand von irgendeinem Übel befreien, sondern dass der nicht
deutlich einsähe, dass die Mehrzahl dieser Gewalttaten, denen er
unterliegt, und an denen er zum Teil mitwirkt, an sich das
größte und schlimmste Übel sind. Es gibt heute keinen Menschen, der nicht nur das
Unnützliche, sondern auch das Törichte der Eintreibung von
Steuern, von dem arbeitendem Volke zur Bereicherung müßiger
Beamten einsehen oder die Sinnlosigkeit der Verhängung von Strafen
über entartete und schwache Menschen in der Gestalt der
Einschliessung ins Gefängnis, wo sie in Sicherheit und
Müßigkeit leben und nur immer mehr entarten und schwach
werden. Oder nicht nur die Unnützlichkeit und Torheit, sondern
geradezu die Vernunftlosigkeit der Kriegsvorbereitung und der Kriege,
die ein Volk zerrüten und zu Grunde richten, und die sich durch
nichts erklären lassen. Und doch dauern diese Gewalttaten fort und
werden sogar von eben den Menschen aufrecht erhalten, die ihre
Unnützlichkeit, ihre Torheit, ihre Grausamkeit sehen und unter
ihnen leiden. Wenn vor fünfzig Jahren der reiche und müßige
und der arbeitende, unwissende Mensch beide gleich überzeugt
waren, dass ihre Lage des ewigen Feiertags für die einen und der
ewigen Arbeit für die anderen von Gott selbst bestimmt war, so
findet man heute nicht nur in Europa, sondern auch in Russland, dank
der Hinundherbewegung der Bevölkerung, der Ausbreitung der
Bildung, unter Reichen und Armen kaum noch Menschen, in der nicht von
einer oder anderer Seite der Zweifel an der Gerechtigkeit einer solchen
Ordnung hineingetragen worden wäre. Nicht nur die Reichen wissen,
dass sie allein dadurch, dass sie reich sind, eine Schuld tragen, und
bemühen sich, wie sie früher ihre Sünde durch Opfer
für die Kirche sühnten, sie durch Opfer für die
Wissenschaft und Kunst zu sühnen, sondern auch die
größere Hälfte des arbeitenden Volkes erkennt heute die
bestehende Ordnung geradezu für lügenhaft und der Vernichtung
oder Veränderung bedürftig an. Die einen, die religiösen
Menschen, von denen es bei uns in Russland Millionen gibt, die
sogenannten Sektierer, erkennen sie für lügenhaft an auf
Grund sozialistischer, kommunistischer, anarchistischer Theorien, die
heute schon in die tiefsten Schichten des arbeitenden Volkes
eingedrungen sind. Die Gewalt hält sich heute nicht mehr dadurch, dass sie
für notwendig angesehen wird, sondern nur dadurch, dass sie von
alters her besteht und von den Leuten, denen sie Vorteil bringt, das
heisst von den Regierungen und den herrschenden Klaassen, so
organisiert ist, dass die Menschen, die sich unter ihrer Macht
befinden, sich ihr nicht entwinden können. Die Regierungen, alle
Regierungen, die despotischen wie die liberalen, sind in unserer Zeit
zu dem geworden, was Alexander Herzen (russischer Philosoph,
Schriftsteller und Anarchist, 1812 - 870) so treffend einen
Dschingis-Khan mit Telegraphen nennet, das heisst Organisationen mit
Gewalt, die lediglich auf der gröbsten Willkür beruhen und
sich gleichzeitig all der Mittel bedienen, die die Wissenschaft zu
einer gemeinsamen, gesellschaftlichen, friedlichen Tätigkeit
freier und gleichberechtigter Menschen hervorgebracht hat, und die sie
zur Knechtung und Unterdrückung der Menschen anwenden. Das erste, älteste Mittel ist das Mittel der
Einschüchterung. Das Mittel besteht darin, die bestehende
Staatsordnung (wie sie auch immer sei, eine freie republikanische oder
auch die größte despotische) als etwas Heiliges und
Unveränderliches hinzustellen und daher jeden Versuch, sie zu
verändern, mit den furchtbarsten Strafen zu belegen. Dieses Mittel
ist früher angewendet worden und wird auch heute noch
unverändert überall angewendet, wo es Regierungen gibt: in
Russland gegen die sogenannten Nihilisten, in Amerika gegen die
Anarchisten, in Frankreich gegen die Imperialisten, Monarchisten,
Communards und Anarchisten. Eisenbahnen, Telegraphen, Telefone, die Fotografie und die
vervollkommnete Methode, Menschen zu töten, auf immer in die
Einsamkeit des Gefängnisses zu verstoßen, wo sie vor
Menschen verborgen zu Grunde gehen und vergessen werden, und viele
andere neue Erfindungen, die mehr als alle anderen von den Regierungen
ausgenützt werden, geben ihnen eine solche Kraft, dass, ist erst
einmal die Macht in bestimmte Hände gekommen und arbeiten die
offene und geheime Polizei, die Verwaltung und aller Art
Staatsanwälte, Gefängniswärter und Henker pflichteifrig,
keine Möglichkeit vorhanden ist, die Regierung zu stürzen,
sei sie auch noch so unvernünftig und grausam. Das zweite Mittel ist das Mittel der Bestechung. Es besteht
darin, dem arbeitenden Volke durch Geldsteuern seine Reichtümer zu
nehmen und diese Reichtümer unter die Beamten zu verteilen, die
für diese Entschädigung verpflichtet sind, die Knechtung des
Volkes aufrecht zu erhalten und zu verstärken. Diese bestochenen Beamten, von den höchsten Ministern bis
herab zu den niedrigsten Schreibern, bilden ein unzerreißbares
Netz von Menschen, die durch ein und dasselbe Interesse verbunden sind,
durch das Interesse, von der Arbeit des Volkes zu leben. Sie bereichern
sich um so mehr, je gehorsamer sie den Willen der Regierung
erfüllen, stets und überall, vor keinem Mittel
zurückscheuen, in allen Zweigen der Tätigkeit durch Wort und
Tat die Regierungsgewalt ausüben, auf der auch ihr Wohlstand
beruht. Das dritte Mittel ist, was ich am besten als Hypnotisierung
des Volkes bezeichne. Das Mittel besteht darin, die geistige
Entwicklung des Menschen zu hemmen und durch verschiedene Suggestionen,
sie in der von der Menschheit bereits durchlebten Lebensauffassung zu
erhalten, auf der die Macht der Regierungen sich aufbaut. Diese
Hypnotisierung ist im gegenwärtigen Augenblick auf die
komplizierteste Weise organisiert. Sie beginnt ihre Einwirkung im
Kindesalter und lässt sie bis in den Tod fortdauern. Diese
Hypnotisierung beginnt von der frühesten Jugend in den absichtlich
dazu eingerichteten Pflichtschulen3, wo man den Kindern
Weltanschauungen beibringt, die ihren Vorfahren eigen waren und die der
gegenwärtigen Erkenntnis der Menschheit schnurstracks
widersprechen. In Ländern, die eine Staatsreligion haben, bringt
man den Kindern die unsinnigsten Lästerrungen der kirchlichen
Katechismen bei und zeigt ihnen die Notwendigkeit, den Behörden zu
gehorchen. In den republikanischen Staaten lehrt man sie den
großen Aberglauben des Patriotismus (Vaterlandsliebe) und
dieselbe vermeintliche Verpflichtung zum Gehorsam gegen die Regierung. 3In diesem
Zusammhang sei darauf hingewiesen, dass Tolstoi selber eigene Schulen
nach dem Vorbild des französisch-schweizerischen Pädagogen,
Schrifstellers, Philosophen und einem der wichtigsten geistigen
Wegbereiter der Französichen Revolution, Jean Jacques Rousseaus,
gründete. In seiner eigenen Schule gab es keine Noten, kein
Sitzenbleiben, keine Strafen, keine Hausaufgaben und keine Sitzordnung.
Da die zaristische Verwaltung offenbar Angst vor dem Erfolg dieser
Schulen hatte, wurden sie 1863 von der Polizei geschlossen. Leo
Tolstoi: "Wenn ich eine Schule betrete und diese Menge zerlumpter,
schmutziger, ausgemergelter Kinder mit ihren leuchtenden Augen sehe,
befällt mich Unruhe und Entsetzen, ähnlich wie ich es
mehrmals beim Anblick Ertrinkender empfand. Großer Gott, wie kann
ich sie nur herausziehen? wen zuerst, wen später? Ich will Bildung
für das Volk einzig und allein, um die dort ertrinkenden
Puschkin's (russischer Literat), Lomonosow's (russischer
Universalgelehrter)... zu retten. Und es wimmelt von ihnen an jeder
Schule." In den späteren Jahren dauert die Einwirkung der Hypnose
durch die Beförderung des Aberglaubens der Religionen und des
Patriotismus auf die Menschen fort. Der Aberglaube der Religionen wird
gefördert durch den Bau der Kirchen, durch die Abhaltung von
Prozessionen, durch die Aufrichtung von Denkmälern, durch die
Feier von Festen für die von dem Volk gesammelten Mittel mit Hilfe
der Malerei, der Baukunst, der Musik, mit Hilfe von Wohlgerüchen,
die das Volk betäuben, und ganz besonders durch die Unterhaltung
der sogenannten Geistlichkeit, deren Pflicht darin besteht, durch ihre
Ermahnungen, durch das Pathos der Lithurgie, der Predigten, durch ihre
Einmischung in das Privatleben der Menschen, bei Geburten,
Eheschließungen, Todesfällen, die Menschen zu benebeln und
sie in einem ununterbrochenen Zustand der Betäubung zu halten. Das vierte Mittel besteht darin, mit Hilfe der drei vorher
genannten Mittel aus der Zahl aller auf diese Weise in einen bestimmten
Kreis gebannten und betäubten Menschen noch einen gewissen Teil
auszuscheiden, um diese Menschen besonders, gesteigerter Methoden der
Betäubung und Vertierung zu unterwerfen, aus ihnen willenlose
Werkzeuge aller der Grausamkeiten und Rohheiten zu machen, die der
Regierung belieben (in blindem Gehorsam folgen). Diese Betäubung
und Vertierung wird dadurch erreicht, dass man diese Menschen im
jugendlichen Alter, indem noch keine klaren Begriffe von Sittlichkeit
sich in ihnen ausgebildet haben, von allen natürlichen
menschlichen Vorbedingungen des Lebens: dem Hause, der Familie, der
vernünftigen Arbeit loslöst, sie in Kasernen zusammenpfercht,
sie in eine besondere Kleidung steckt und sie unter dem Eindruck von
Rufen, Trommeln, Musik, glänzenden Gegenständen täglich
zwingt, bestimmte zu diesem Zweck ersonnene Bewegungen zu machen und
sie durch diese Mittel in einen solchen Zustand der Hypnose bringt,
dass sie aufhören, Menschen zu sein, und gedankenlose, gehorsame
Werkzeuge in der Hand des Hypnotiseurs werden. Diese Hypnotisierung
physisch kräftiger junger Männer, ausgerüstet mit
Mordwerkzeugen, stets gehorsam der Macht der Regierungen und auf ihren
Befehl zu jeder Gewalttat bereit, bilden das vierte und wesentlichste
Mittel der Knechtung der Menschen. Mit diesem Mittel ist der Kreis der
Gewalt geschlossen. Die vier Instrumente der Gewalt sind also
Einschüchterung, Bestechung, Hypnose und willige Terrorgehilfen.
Die Regierungen bringen die Menschen dazu, dass sie zu den Soldaten
gehen. Die Soldaten wiederum geben die Macht und die Möglichkeit,
über die Menschen Strafen zu verhängen, sie auszubeuten
(indem man zugleich für ihr Geld die Beamten besticht), sie zu
hypnotisieren und sie zu eben den Soldaten anzuwerben, welche die Macht
geben, all dies zu tun. Der Kreis ist geschlossen, und es gibt keine
Nöglichkeit, sich mit Gewalt aus ihm herauszureißen. Wollte man selbst zugeben, dass infolge besonderer für
die Regierungen ungünstiger Umstände, wie zum Beispiel in
Frankreich im Jahre 18704
, irgendeine Regierung gewaltsam gestürzt wäre und die Macht
in andere Hände überginge, so wäre doch diese neue Macht
in keinem Falle weniger bedrückend als die frühere. Sie wird
vielmehr stes, um sich gegen alle wütenden, gestürzten Feinde
zu verteidigen, noch despotischer und grausamer sein als die
frühere, wie es auch wirklich bei der Revolution gewesen ist. 4Die dritte
französiche Republik wurde am 4. September 1870 ausgerufen, zwei
Tage nach der französischen Niederlage bei Sedan, welche den
Deutsch-französischen Krieg beendete. Die Ausrufung besiegelte den
Untergang Napoleons III., der seit 1851 als französischer Kaiser
regiert hatte und bei Sedan in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten
war. Im Zuge der Ereignisse der Französischen Revolution 1789
wurde die mehr als 1.200 Jahre währende Monarchie gestürzt.
Es begann eine Periode des Umbruchs, in der wechselnd republikanische,
napoleonisch-imperiale und monarchistische Staatsformen herrschten.
Seit der Niederlage Napoleons III. im Jahre 1870 ist Frankreich eine
Republik. Halten die Sozialisten und Kommunisten die individuelle
kapitalistische Ordnung der Gesellschaft für ein Übel, so
halten die Anarchisten die Regierungen selbst für ein Übel,
das heisst, die Monarchisten, Konservativen, Kapitalisten, die die
sozialistische Ordnung und die Anarchie für ein Übel halten.
Und alle diese Parteien haben kein anderes Mittel, die Menschen zu
einigen, als die Gewalt. Welche von diesen Parteien auch siegte, um
ihre Ordnung in das Leben einzuführen und um ihre Macht zu halten,
müsste sie nicht nur alle bestehenden Mittel der Gewalt anwenden,
sondern noch neue finden. Geknechtet werden andere Menschen sein, und man wird die
Menschen zu anderen Dingen zwingen, aber es wird nicht bloß
dieselbe, es wird eine grausamere Gewalt und Knechtung sein, denn
infolge des Kampfes wird der Hass der Menschen gegeneinander wachsen.
Mit ihm werden die Mittel der Knechtung stärker werden und sich
neue entwickeln. So war es auch nach allen Revolutionen, nach allen
Versuchen einer Empörung, nach allen Verschwörungen, nach
allen gewaltsamen Veränderungen der Regierungen. Jeder Kampf
verstärkt die Mittel der Knechtung der Menschen, die sich im
gegebenen Augenblick in der Macht befinden. Die Lage der Menschen unserer christlichen Welt und besonders
ihre verbreitetsten Ideale beweisen dies mit überraschender
Überzeugungskraft. Es ist jetzt nur ein Gebiet menschlicher
Wirksamkeit übrig, das nicht von der Regierungsgewalt erobert ist.
Das Gebiet der Familie, der Wirtschaft, das Gebiet des Privatlebens und
der Arbeit. Und dieses Gebiet wird jetzt, dank den Kämpfen der
Kommunisten und Sozialisten, allmählich von den Regierungen
verändert, so dass Arbeit und Ruhe, Wohnung, Kleidung und Speise
der Menschen, wenn nur die Wünsche der Reformatoren in
Erfüllung gehen, allmählich von den Regierungen bestimmt und
geordnet werden wird. Der ganz lange achtzehnhundertjährige Lebensgang der
christlichen Völker hat sie unvermeidlich wieder zu der von ihnen
umgangenen Notwendigkeit der Lösung der Frage geführt, ob sie
die Lehre Christi und die aus ihr für das Gemeinschaftsleben
entspringende Lösung der Frage über das Widerstreben und
Nicht-Widerstreben annehmen wollen oder nicht. Mit dem Unterschied
jedoch, dass die Menschen früher die vom Christentum gegebene
Lösung annehmen oder nicht annehmen konnten, diese Lösung
jetzt aber unvermeidlich geworden ist, weil sie allein sie aus der
Knechtschaft befreit, in der sie sich selbst wie in ein Netz verstrickt
haben. Aber nicht bloss die Notlage der Menschen bringt sie zu dieser
Notwendigkeit. Neben dem negativen Beweis der Lügenhaftigkeit der
heidnischen Ordnung ging auch der positive Beweis der Wahrhaftigkeit
der christlichen Lehre einher. Nicht umsonst haben im Verlaufe von
achtzehn Jahrhunderten, die besten Männer der gesamten
christlichen Menschheit, nachdem sie auf dem inneren geistigen Wege die
Wahrheiten der Lehre erkannt haben, vor den Menschen Zeugnis für
sie abgelegt, ungeachtet aller Drohungen, Freiheitsberaubungen, aller
Not und Qual. Die besten Menschen haben durch ihr Martyrium die
Wahrheit der Lehre besiegelt und sie den Massen überliefert. Das Christentum ist in das Bewusstsein der Menschen nicht
bloß auf dem negativen Wege des Beweises der Unmöglichkeit
einer Fortführung des heidnischen Lebens eingedrungen, sondern
auch durch seine Vereinfachung, Klärung und Befreiung von dem
Aberglauben, der sich ihm beigemengt hatte, und durch die Verbreitung
unter allen Schichten des Volkes. Die achtzehn Jahrhunderte der Bekennung des Christentums sind
nicht vergeblich für die Menschen vorübergegangen, die es,
wenn auch nur auf äußere Weise, angenommen hat. Diese
achtzehn Jahrhunderte haben dahin geführt, dass die Menschen,
während sie fortfahren, ihr heidnisches Leben zu leben, das dem
Lebensalter der Menschheit nicht entspricht, nicht nur die ganze
Notlage des Zustandes schon deutlich sehen, in dem sie sich befinden,
sondern im tiefsten Herzen glauben (sie leben auch nur, weil sie das
glauben), dass die Erlösung aus diesem Zustande nur in der
Erfüllung der christlichen Lehre in ihrer wahren Bedeutung liegt.
Wie und wann diese Erlösung sich vollziehen wird, darüber
denken alle Menschen verschieden, je nach ihrer geistigen Entwicklung
und nach dem gewohnten Vorurteil ihres Kreises. Aber jeder Mensch
unserer Sphäre erkennt an, dass unsere Erlösung in der
Erfüllung der christlichen Lehre liegt. Das Christentum konnte, wie auch sein Meister gesagt hat, für die Mehrzahl der Menschen, sich nicht sofort verwirklichen, es musste wie ein ungeheurer Baum aus einem kleinen Keim hervorwachsen. Uund so wuchs es und steht, wenn auch nicht in der Wirklichkeit, so doch in dem Bewusstsein der Menschen unserer Zeit da. Heute erkennt nicht bloss die Minderheit der Menschen, die stets das Christentum auf innerliche Weise aufgefasst hat, es in seiner wahren Bedeutung an, sondern jene ganz große Mehrzahl der Menschen, die nach ihrem gesellschaftlichen Leben dem Christentum so fern zu stehen scheinen. Betrachtet das Privatleben der einzelnen Menschen, lauschet auf die Beurteilung der Handlungen, die die Menschen übereinander fällen, höret nicht nur die öffentlichen Predigten und Reden an, sondern die Unterweisungen, die Eltern und Erzieher ihren Zöglingen geben, und ihr werdet sehen, wie weit auch das staatliche, gesellschaftliche, an die Gewalt geknüpfte Leben der Menschen von der Verwirklichung der christlichen Lehren im Privatleben entfernt ist. Als gut werden von allen und für alle ohne Ausnahme und unstreitig nur die christlichen Tugenden angesehen, als schlecht von allen und für alle ohne Ausnahme und unstreitig die christlichen Laster. Als die besten Menschen werden die angesehen, die voll Entsagung ihr Leben dem Dienste der Menschheit weihen und sich für andere opfern. Als die schlechtesten werden die angesehen, die voll Ichsucht zu ihrem persönlichen Vorteile die Not der Menschen ausbeuten. Wenn noch einige vom Christentum unberührte Menschen unchristliche Ideale anerkennen: Kraft, Tapferkeit, Reichtum, so sind das Ideale, die ableben und nicht von allen geteilt werden, und die von den Menschen nicht für die besseren gehalten werden. Ideale, die von allen geteilt werden, die stets für alle als verbindlich anerkannt werden, gibt es außer den christlichen nicht. Die Lage unserer christlichen Menschheit ist, wenn man sie von außen betrachtet, mit ihrer Grausamkeit und ihrer Knechtung der Menschen wirklich entsetzlich. Wenn man sie aber von der Seite der inneren Überzeugung betrachtet, bietet sie ein durchaus anderes Schauspiel. Alles Übel unseres Lebens besteht gleichsam nur, weil es von alters her geübt wurde, und die Menschen, die es üben, noch keine Zeit gefunden haben, noch nicht gelernt haben, anders zu handeln. Sie alle aber haben den Wunsch, anders zu handeln. Alles Übel besteht aus einer anderen, gewissermaßen von dem Bewusstsein der Menschen unanhängigen Ursache. So seltsam und so widerspruchsvoll es erscheinen mag, alle Menschen unserer Zeit hassen die Ordnung der Dinge, die sie selbst aufrecht erhalten. Max Müller, glaube ich, erzählt von der Verwunderung eines zum Christentum übergetretenen Inders. Er hatte sich den wesentlichen Inhalt der christlichen Lehre angeeignet, kam nach Europa und sah das Leben der Christen. Dieser Mensch konnte gar nicht zur Ruhe kommen vor Verwunderung über die Wirklichkeit, die durchaus im Widerspruch mit dem war, die er unter den christlichen Völkern zu finden erwartet hatte. Wenn wir uns nicht verwundern über den Widerspruch zwischen unserem Glauben, unseren Überzeugungen und unseren Handlungen, so kommt das nur daher, dass die Einflüsse, die diesen Widerspruch den Menschen verbergen, auch auf uns einwirken. Man braucht nur unser Leben unter dem Gesichtspunkt dieses Inders zu betrachten, der das Christentum in seinem wahren Sinne aufgefasst hatte, ohne alle Zugeständnisse, ohne Anpassung, ohne die rohen Grausamkeiten, von denen unser Leben voll ist, um vor den Widersprüchen zu schaudern, die uns rings umgeben, oft ohne das wir sie bemerken. Man braucht nur an die Kriegsvorbereitungen, an die Kartätschen (Munition), an die Kanonenkugeln, an die Torpedos und an - das Rote Kreuz zu denken, an den Bau von Gefängnissen mit Einzelzellen, an die Erfahrungen der elektrischen Hinrichtungen und - die Bemühungen der Wohlfahrt der Gefangenen, an die philanthropische (menschenfreundliche) Tätigkeit der Reichen und an ihr Leben, das die Armen erzeugt, denen sie ihre Wohltaten angedeihen lassen. Und diese Widersprüche kommen nicht, wie es scheinen könnte, daher, dass die Menschen Christen zu sein heucheln, während sie Heiden sind, sondern im Gegenteil daher, dass den Menschen etwas fehlt, oder dass es eine Kraft gibt, die sie hindert, das zu sein, was sie in ihrem Bewusstsein zu sein glauben und was sie wirklich sein wollen. Die Menschen unserer Zeit heucheln nicht, wenn sie sagen, sie hassen die Unterdrückung, die Ungleichheit, die Klasseneinteilung der Menschen und jeglicher Grausamkeit nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere. Sie hassen wirklich alles dies, sie wissen bloß nicht, wie sie es aus der Welt schaffen können. Oder sie können sich nicht entschließen, sich von dem zu trennen, was all dies aufrecht erhält und ihnen unentbehrlich erscheint. Fragt man jeden einzelnen Menschen unserer Zeit, ob er es nicht als lohnenswert, sondern nur eines Menschen unserer Zeit für würdig hält, sich damit zu beschäftigen, gegen Empfang eines für seine Mühe unverhältnismäßigen Gehalts von dem Volk, von dem häufig bettelarmen Volk, Steuern zu erheben, um für dieses Geld Kanonen, Torpedos und Mordwerkzeuge für die Menschen herzustellen, mit denen wir in Frieden zu leben wünschen und die dasselbe wollen in Bezug auf uns. Oder sich damit zu beschäftigen, wiederum für Gehalt sein ganzes Leben der Herstellung dieser Modwerkzeuge zu widmen. Oder sich selbst auf diesen Mord vorzubereiten und andere Menschen darauf vorzubereiten. Und fragt, ob es löblich ist, ob es eines Menschen würdig ist, ob es eines Christen angemessen ist, sich damit zu beschäftigen, um wiederum unglückliche, verirrte, meist gänzlich unwissende, betrunkene Menschen einzufangen, weil sie sich fremdes Eigentum in viel geringerem Maße aneignen, als wir uns aneignen, und Menschen töten, nicht wie wir gewohnt sind, das zu tun, und sie dafür ins Gefängnis werfen, zu quälen und zu töten? Und ist es löblich, ist es eines Menschen und Christen würdig, wiederum für Geld, dem Volke anstatt das Christentum mit Bewusstsein törichten und schädlichen Aberglauben zu predigen? Und ist es löblich, ist es eines Menschen würdig, dem Nächsten zu eigener Lust zu nehmen, was ihm zur Befriedigung der notwendigsten Bedüfnisse unentbehrlich ist, wie dies die großen Grundbesitzer tun, oder ihn, zur Vergrößerung der eigenen Reichtümer zu zwingen, eine seine Kräfte übersteigende, sein Leben vernichtende Arbeit zu leisten, wie dies die Unternehmer, die Fabrikanten tun. Oder die Not der Menschen auszunützen zur Vergrößerung der eigenen Reichtümer, wie es die Kaufleute tun? Und jeder einzelne, besonders wenn der eine vom anderen sprechen wird, wird die Antwort geben: Nein. Und doch geht derselbe Mensch, der die ganze Scheußlichkeit dieser Handlungen einsieht, von niemandem gezwungen, bisweilen sogar ohne den Geldvorteil des Gehalts, aus kindischer Eitelkeit, gelockt von einem Firlefanz, von einem Bändchen, von einem Hosenstreifen , den man ihn zu tragen gestattet, von selbst und freiwillig in den Kriegsdienst, wird Untersuchungsrichter, Friedensrichter, Minister, Kommissar, Priester, Diakon, übernimmt Ämter, die ihn nötigen, all die Dinge zu tun, deren Erbärmlichkeit und Scheußlichkeit erkennen muss. Ich weiß, viele von diesen Menschen werden mit Stolz behaupten, sie halten ihre Stellung nicht nur für berechtigt, sondern für nötig. Sie werden zu ihrer Verteidigung anführen, die Gewalt sei von Gott und die Staatsämter seien für das Wohl der Menschheit notwendig. Der Reichtum widerspreche nicht dem Christentum, der reiche Jüngling solle, nach dem Evangelium, seinen Besitz nur abgeben, wenn er vollkommen sein wolle. Die jetzige Verteilung der Reichtümer und der Handel müssten so sein wie sie sind, und seien für alle vorteilhaft und so weiter. Aber so sehr sich auch alle diese Menschen Mühe geben, sich und andere zu täuschen, sie wissen, dass, was sie tun, steht im vollsten Gegensatz zu dem, was sie glauben, um dessentwillen sie leben. Und in der Tiefe ihres Herzens, wenn sie mit ihrem Gewissen allein sind, bereitet es ihnen Scham und Schmerz, an das zu denken, was sie tun, besonders wenn ihnen die Scheußlichkeit ihrer Handlungen gezeigt worden ist. Der Mensch unserer Zeit, bekenne er die Göttlichkeit Christi oder nicht, muss wissen, dass, wenn er in seiner Eigenschaft als Fürst, Minister, Statthalter (stellvertretender Verwalter einer Region), als Aufseher daran teilnimmt, die letzte Kuh einer armen Familie zu verkaufen, um die Steuer zu erhalten, die für Kanonen oder Gehälter oder Pensionen an die schwelgenden Müßiggänger und schädlichen Beamten gezahlt wird. Oder wenn er daran teilnimmt, den Ernährer einer Familie ins Gefängnis zu werfen, weil wir selbst ihn zur Entartung geführt haben, und seine Familie betteln gehen zu lassen. Oder wenn er teilnimmt an den Räubereien und Mordtaten der Kriege oder an der Ausbreitung von götzendienerischem Aberglauben anstatt des Gesetzes Christi; oder darin, eine auf sein Grundstück verirrte Kuh eines Menschen, der kein Grundstück hat, fortzujagen; oder von einem Menschen, der in einer Fabrik arbeitet, für einen zufällig zerstörten Gegenstand Bezahlung zu nehmen; oder das Doppelte zu nehmen für einem Gegenstand von einem armen Menschen, nur weil er in äußerster Not ist. Jeder Mensch unserer Zeit muss wissen, dass alle diese Dinge, scheußlich, schmachvoll sind, und dass er sie nicht tun darf. Alle wissen das. Alle wissen, dass das, was sie tun, schlecht ist, und um nichts in der Welt würden sie es tun, wenn sie den Kräften widerstehen könnten, die ihre Augen für das Verbrecherische ihrer Taten blind machen und sie zu ihrer Ausübung zwingen. An nichts ist der Grad des Widerspruchs, den das Leben der Menschen unserer Zeit erreicht hat, so überraschend sichtbar, wie an der Erscheinung, die das Äußerste und das Mittel und den Ausdruck der Gewalt bildet, wie an der allgemeinen Wehrpflicht. Wir sehen doch nur deshalb, weil der Zustand der allgemeinen Bewaffnung und Wehrpflicht so unmerklich Schritt für Schritt vorwärts gedrungen ist, und weil zu seiner Aufrechterhaltung die Regierungen alle Mittel der Einschüchterung, der Bestechung, der Betäubung, der Vergewaltigung anwenden, die in ihrer Macht sind. Wir sehen doch nur deshalb den schreienden Widerspruch dieses Zustandes mit den christlichen Empfindungen und Gedanken nicht, von denen wirklich alle Menschen unserer Zeit durchdrungen sind. Dieser Widerspruch ist uns so zur Gewohnheit geworden, dass wir die ganze entsetzliche Sinnlosigkeit und Unsittlichkeit der Handlungen, nicht bloß der Menschen, die aus eigenem Antrieb den Beruf des Totschlagses wählen, wie etwas ehrenvolles, sondern auch der Unglücklichen, die sich bereit finden, die Wehrpflicht zu erfüllen, oder auch nur der, die in Ländern, wo die Wehrpflicht nicht eingeführt ist, freiwillig ihre Mühen zur Anwerbung von Soldaten und zu Vorbereitungen zum Morde hingeben, gar nicht mehr sehen. Alle diese Menschen sind ja Christen oder Menschen, die sich zur Humanität und zum Liberalismus bekennen, sie wissen doch, wenn sie diese Handlungen begehen, dass sie Teilnehmer an der persönlichen Wehrpflicht, Vollzieher der sinnlosesten, zwecklosesten, grausamsten Mordtaten werden, und trotz alledem vollziehen sie sie. Aber mehr noch! In Deutschland, in dem Lande, dass die allgemeine Wehrpflicht geschaffen hat, hat der deutsche Reichskanzler Caprivi (1890 - 1894), ausgesprochen, was man bis dahin sorgfältig verschwiegen hat, dass die Menschen, die zu töten sein werden, nicht bloß Ausländer, sondern Einheimische sind, eben die Arbeiter, aus denen die Mehrzahl der Soldaten genommen wird. Und selbst dieses Geständnis hat den Menschen nicht die Augen geöffnet, hat nicht ihr Entsetzen hervorgerufen. Und sie gehen nach wie vor zur Gestellung (Einberufung) und unterverwerfen sich alledem, was von ihnen gefordert wird. Ja, mehr noch: Jüngst hat der deutsche Kaiser noch genauer die Bedeutung und den Beruf des Kriegers erläutert, nachdem er einen Soldaten ausgezeichnet und belohnt, und nachdem er ihm den Dank dafür ausgesprochen hat, dass er einen wehrlosen Gefangenen niedergeschossen hat, der einen Fluchtversuch gemacht hat....* *Anmerkung des Übersetzers: Hier ist ein Stück des Textes fortgelassen. Wir würden, wenn wir es wiedergeben wollten, in Widerstreit mit dem herrschenden Gesetzt geraten. Alle jungen Männer von ganz Europa werden Jahr für Jahr dieser Prüfung unterworfen, und mit wenigen Ausnahmen sagen sich alle von allem los, was für den Menschen heilig ist und sein kann. Alle erklären sich bereit, ihre Brüder, ja ihre Väter auf Befehl des ersten verirrten Menschen zu töten, der in einer bunten Uniform steckt, und fragen nur, wie und wann sie ihn töten sollen. Aber sie sind dazu bereit. Jeder Wilde hat etwas Heiliges, für das er zu leiden bereit ist, für das er sich opfert. Wo aber ist dieses Heilige bei den Menschen unserer Zeit? Man sagt zu ihm: "Komm zu mir in die Knechtschaft, in der du vielleicht sogar deinen leiblichen Vater töten musst." Und er, oft ein sehr gelehrter Mann, der alle Wissenschaften an der Universität durchgemacht hat, beugt stumm seinen Nacken unter das Joch. Man steckt ihn in ein Narrenkleid, man heißt ihn springen, den Körper verrenken, grüßen, töten, er tut gehorsam alles. Und wenn man ihn freilässt, kehrt er munter in das frühere Leben zurück und hält weiter Reden über Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. "Ja, was sollen wir aber tun?" fragen oft mit aufrichtiger Verwunderung die Menschen, "wenn alle sich weigerten, dann ginge es. Aber ich allein würde nur leiden und niemand den geringsten Nutzen bringen." Gewiss, der Mensch der gesellschaftlichen Lebensauffassung kann sich nicht weigern. Der Sinn seines Lebens ist die Wohlfahrt seiner Persönlichkeit. Für seine Person ist es ihm besser, sich zu fügen, und er fügt sich. Was man auch mit ihm vornähme, wie man ihn auch peinigte, wie man ihn auch erniedrigte, er wird sich demütigen, weil er allein nichts erreichen kann. Er hat nicht die Grundlage, die ihm die Kraft gibt, allein der Gewalt Widerstand zu leisten, und sich mit anderen zu vereinigen gestatten ihm die, die ihn lenken, nie. Man sagt oft, die Erfindung der schrecklichen Kriegs- und Mordwerkzeuge wird dem Kriege das Ende bereiten. Der Krieg wird sich selbst vernichten. Das ist nicht wahr. Wie man die Mittel, die Menschen auszurotten, vergrößern kann, so kann man auch die Mittel vergrößern, die die Menschen der gesellschaftlichen Lebensaufassung zum Gehorsam zwingen.. Man schlage sie zu Tausenden, Millionen, man zerreiße sie in Stücke, sie werden doch wie vernunftloses Vieh zur Schlachtbank gehen. Die einen, weil man sie mit Peitschen treibt, die anderen, weil man ihnen dafür gestattet, Bändchen und Hosenstreifen zu tragen, und sie werden sich damit sogar noch brüsten. Und mit dieser Gesellschaft von Menschen, die so betäubt sind, dass sie versprechen, ihre eigenen Eltern zu töten, schwatzen die Männer der Öffentlichkeit: die Konservativen, die Liberalen, die Sozialisten, die Anarchisten darüber, wie man eine vernünftige und sittliche Gesellschaft herstellt. Wie kann man eine vernünftige und sittliche Gesellschaft herstellen aus solchen Menschen? Wie man aus faulen und verkrüppelten Bäumen, man mag sie legen, wie man will, kein Haus bauen kann, so kann man auch aus solchen Menschen keine vernünftige und sittliche Gesellschaft aufrichten. Aus solchen Menschen kann nur eine Herde von Tieren gebildet werden, die von den Rufen und Knuten der Hirten regiert wird. Und so ist es auch. Von der einen Seite sind die Menschen, die sich Christen nennen, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekennen, zugleich bereit, im Namen der Freiheit zu dem äußersten, knechtischten, niedrigsten Gehorsam, im Namen der Gleichheit zu den schärfsten, sinnlosesten Scheidungen der Menschen nach äußeren Merkmalen, in Höhere und Niedere, in Verbündete und Feinde, und im Namen der Brüderlichkeit sind sie bereit, diese Brüder zu töten*. *Dass bei einigen Völkern, wie bei den Engländern und Amerikanern, die allgemeine Wehrpflicht noch nicht herrscht, obgleich schon Stimmen zu ihren Gunsten laut werden, sondern Werbung und Mietung der Soldaten stattfindet, das ändert nicht im geringsten die knechtische Lage der Bürger im Verhältnis zu ihrer Regierung. Dort muss jeder selbst gehen, töten und getötet werden. Hier muss jeder seine Arbeit hergeben die Totschläger zu mieten und auszurüsten. Der Widerspruch in unserem Bewusstsein und infolgedessen die Not des Lebens haben den äußersten Grad erreicht, über den hinaus es keine Steigerung gibt. Das Leben baut sich auf den Urgrund der Gewalt auf und ist zur Leugnung der Grundlagen gekommen, auf denen es aufgebaut ist. Die Aufrichtung der Gesellschaft auf einem Urgrund der Gewalt, die die Sicherung des Guten der Person, der Familie und der Gesellschaft zum Zwecke hat, hat die Menschen zur vollkommenen Leugnung und Vernichtung dieser Güter geführt. Der erste Teil der Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen an den Menschen und ihren Geschlechtern, die die Lehre Christi nicht angenommen haben. Ihre Nachkommen sind jetzt zu der Notwendigkeit gebracht, die Gerechtigkeit ihres zweiten Teiles zu erfahren. IX. Die Annahme der christlichen
Lebensauffassung befreit die Menschen von den Nöten unseres
heidnischen Lebens. Top
Die Lage der christlichen Völker in unserer Zeit ist eine
ganz so grausame geblieben, wie sie zu den Zeiten des Heidentums war.
In vielen Beziehungen, besonders in Bezug auf die Knechtung der
Menschen, ist sie sogar grausamer geworden, als sie zur Zeit des
Heidentums war. Aber zwischen der Lage der Menschen in jener und in
unserer Zeit herrscht derselbe Unterschied, wie es für Pflanzen
zwischen den letzten Tagen des Herbstes und den ersten Tages des
Frühlings zu sein pflegt. Dort in der Herbstnatur entspricht die
äußere Leblosigkeit dem inneren Zustand des Hinsterbens.
Hier aber, im Frühling steht die äußere Leblosigkeit in
schärfsten Gegensatz zu dem Zustand der inneren Belebung und des
Übergangs zu einer neuen Lebensform. Ebenso ist es mit der äußeren Ähnlichkeit des
früheren heidnischen Lebens mit dem jetzigen. Die Ähnlichkeit
ist nur eine äußere. Der innere Zustand des Menschen zur
Zeit des Heidentums und in unserer Zeit ist ein durchaus anderer. Dort
war der äußere Zustand der Grausamkeit und der Knechtschaft
der Menschen in voller Übereinstimmung mit dem inneren Bewusstsein
der Menschen, und jeder Fortschritt vergrößerte diese
Übereinstimmung. Hier steht der äußere Zustand der
Grausamkeit und der Knechtschaft in vollem Widerspruch mit dem
christlichen Bewusstsein der Menschen, und jeder Fortschritt
vergrößert nur diesen Widerspruch. Was vorgeht, sind gewissermaßen unnötige,
unnütze Leiden. Es ist, wie bei der Geburt. Alles ist bereit
für das neue Leben, aber das neue Leben erscheint noch immer
nicht. Die Lage scheint verzweifelt. Und sie wäre auch so, wenn
dem Menschen und daher auch allen Menschen nicht die Möglichkeit
einer anderen, höheren Auffassung des Lebens gegeben wäre,
die ihn sofort von all den Fesseln befreite, die ihn, wie es schien,
unzerreißbar gebunden hielten. Und diese ist die schon vor 1800 Jahren der Menschheit
gewiesene christliche Lebensauffassung. Der Mensch braucht sich nur
diese Lebensauffassung anzueignen, damit die Ketten von selbst fallen,
die ihn, wie es scheint, unzerreißbar umschmiedet hielten. Und
damit er sich vollständig frei fühle, so etwa wie sich ein
Vogel in einem rings umzäunten Kreis frei fühlen würde,
wenn er seine Flügel ausbreitete. Man spricht von der Befreiung der christlichen Kirche vom
Staat. Man spricht davon, Christen Freiheit zu schenken oder nicht zu
schenken. In diesen Gedanken und Worten liegt ein sonderbares
Missverständnis. Die Freiheit kann einem Christen oder den
Christen nicht geschenkt und nicht genommen werden. Die Freiheit ist
ein unentreißbarer Besitz der Christen. Spricht man aber davon, Christen die Freiheit zu geben oder zu
nehmen, so spricht man offenbar nicht von wirklichen Christen, sondern
von Menschen, die sich Christen nennen. Der Christ kann gar nicht
anders, als frei sein, denn die Erreichung des Zieles, das er sich
selbst gesteckt hat, kann durch nichts und niemand verhindert oder auch
nur aufgehalten werden. Der Mensch braucht nur sein Leben so zu begreifen, wie es das
Christentum begreifen lehrt, das heißt begreifen, dass sein Leben
nicht ihm, nicht seiner Person, seiner Familie oder dem Staate
gehört, sondern dem, der ihn in die Welt geschickt hat. Er muss
begreifen, dass er darum nicht das Gesetz seiner Persönlichkeit,
der Familie oder des Staates zu erfüllen hat, sondern das durch
nichts begrenzte Gesetz dessen, von dem er ausgegangen ist, um sich
nicht bloß ganz frei zu fühlen von jeder menschlichen
Gewalt, sondern sogar fortan diese Gewalt nicht mehr als etwas
anzusehen, was imstande wäre, irgendjemandem Hindernisse zu
bereiten. Der Mensch braucht nur zu begreifen, dass das Ziel seines
Lebens, die Erfüllung des göttlichen Gebots ist, damit dieses
Gesetz für ihn an die Stelle aller anderen Gesetze trete und sich
ihm ganz unterwerfe und durch diese bloße Unterwerfung alle
menschlichen Gesetze in seinen Augen aller ihrer Verbindlichkeiten und
Beschränkungskraft beraubt. Der Christ befreit sich von jeglicher menschlicher Gewalt
dadurch, dass er für sein und anderer Leben das göttliche
Gesetz der Liebe, dass in die Seele jedes Menschen gelegt und durch
Christus zum Bewusstsein gebracht worden ist, als die einzige
Richtschnur des eigenen Lebens und des Lebens anderer Menschen
anerkennt. Der Christ kann sich äußerer Gewalt fügen. Er
kann der körperlichen Freiheit beraubt werden. Er kann nicht frei
sein von seinen Leidenschaften (wer Sünde tut, ist ein Knecht der
Sünde), aber er kann nicht unfrei sein in dem Sinne, dass er durch
irgendeine Gefahr, durch irgendeine äußere Drohung gezwungen
werden könnte, eine Handlung auszuüben, die gegen sein
Bewusstsein ist. Er kann darum nicht dazu gezwungen werden, weil die
Entbehrungen und Leiden, die von der Gewalt erzeugt sind, und die eine
mächtige Waffe gegen die Menschen der gesellschaftlichen
Lebensauffassung bilden, für ihn keinerlei zwingende Kraft haben.
Entbehrungen und Leiden, die den Menschen der gesellschaftlichen
Auffassung das Glück rauben, für das sie leben, können
nicht nur das Glück der Christen nicht berühren, das in dem
Bewusstsein der Erfüllung des göttlichen Willens besteht, sie
können es nur erhöhen, wenn sie ihn für die
Erfüllung dieses Willens treffen. Mann konnte sich bei der heidnischen Weltanschauung verpflichten, den Willen weltlicher Macht zu erfüllen, ohne den Willen Gottes anzutasten, den man bei der Beschneidung, im Sabbath halten5, in den Gebeten zu bestimmten Stunden, in der Enthaltung von bestimmten Speisen und so weiter sah. Das eine widersprach dem anderen nicht. Aber darin eben unterscheidet sich das christliche Bekenntnis von dem heidnischen, dass es von den Menschen keine negativen äußeren Handlungen verlangte, sondern dass es ihn in ein anderes, früher nie gekanntes Verhältnis zu den Menschen setzt, aus dem die verschiedenartigsten, vorher nicht bestimmten Handlungen entspringen können. Und daher kann der Christ nicht nur nicht versprechen, irdendeines anderen Willen zu erfüllen, ohne zu wissen, worin die Forderungen dieses Willens bestehen werden. Er kann nicht nur den wechselnden menschlichen Gesetzen nicht gehorchen, sondern es kann nicht einmal irgendetwas Bestimmtes zu einer bestimmten Stunde tun oder von irgend etwas in einer bestimmten Zeit zu enthalten versprechen, weil er nicht wissen kann, was und zu welcher Stunde jenes Gesetz der christlichen Liebe fordern wird, dem zu gehorchen, der der Sinn seines Lebens ist. Ein Christ, der sich verpflichtet, von vornherein bedingungslos Gesetze der Menschen zu erfüllen, würde durch dieses bloße Versprechen zu erkennen geben, dass das innere göttliche Gesetz für ihn nicht mehr das einzige Gesetz seines Lebens ist. 5Der Sabbat erinnert an das Ruhen Gottes am siebten Tag der Schöpfungswoche. Er wird von den Juden als Feiertag angesehen, an dem bestimmte Vorschriften gelten. Bis heute wird aufgrund des Talmud bestimmt, welche Tätigkeiten am Sabbath als „Arbeit“ anzusehen sind. Darum ist es zum Beispiel verboten, am Sabbath Feuer anzuzünden, eine Arbeit zu verrichten, für die irgendein Werkzeug gebraucht wird, oder zu schreiben. Es ist außerdem verboten, am Sabbat etwas zu kaufen oder zu verkaufen, oder Geld auch nur zu berühren. Als Arbeiten, die am Sabbat nicht getan werden sollten, gelten im Talmud alle Tätigkeiten, die mit der Erwerbsarbeit oder mit Geldverdienen zu tun haben. Liberale Juden schreiben also am Sabbat, wenn es zur Freizeitgestaltung gehört, aber nicht beruflich. Sie benutzen auch das Auto oder die Bahn nicht, um zum Beispiel zum Gottesdienst zu fahren. Auch liberale Juden tätigen am Sabbat soweit irgend möglich keine Einkäufe. (Quelle: Sabbath) Ein Christ, der sich verpflichtet, Menschen oder menschlichen Gesetzen zu gehorchen, tut dasselbe, was ein Arbeiter tut, der sich einem Heeren verdingt, und der gleichzeitig versprechen wollte, alles zu tun, was ihm noch fremde Herren befehlen. Man kann nicht zwei Herren dienen. Der Christ befreit sich von der menschlichen Macht dadurch, dass er über sich nur die Macht Gottes anerkennt, deren Gesetze, ihm von Christus offenbart, er in sich selbst fühlt und denen allein er sich unterordnet. Und diese Befreiung vollzieht sich nicht mittels des Kampfes, nicht durch die Aufhebung der bestehenden Lebensformen, sondern nur durch die Veränderung der Auffassung des Lebens. Die Befreiung vollzieht sich infolge dessen, dass erstens der Christ das Gesetz der Liebe, dass ihm von seinem Meister offenbart ist als vollständig genügend für menschliche Verhältnisse anerkennt, und daher jegliche Gewalt für überflüssig und ungesetzlich hält. Zweitens infolge dessen, dass die Entbehrungen, Leiden und Androhungen von Entbehrungen, durch welche der gesellschaftliche Mensch zu der Notwendigkeit des Gehorsams gebracht wird, für den Christen bei seiner abweichenden Lebensauffassung sich nur als unvermeidliche Bedingungen des Daseins darstellen, die er, ohne mit Gewalt gegen sie anzukämpfen, geduldig erträgt, wie Krankheiten, Hunger und jede andere Not, die aber keineswegs die Richtschnur seiner Handlungen sein können. Die Richtschnur der Handlungen des Christen ist nur der in ihm lebende göttliche Ursprung, der durch nichts beschränkt oder gelenkt werden kann. Der Christ handelt nach dem Worte der Prophezeiung, das von seinem Meister gesagt war: "Er wird nicht zanken, noch schreien, und man wird sein Geschrei nicht hören auf den Gassen. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis dass er ausführt das Gericht zum Siege (Matthäus 12,19-20). Der Christ streitet mit niemand, fällt über niemand her, wendet gegen niemand Gewalt an. Im Gegenteil, er erträgt widerspruchslos die Gewalt. Aber eben durch dieses Verhältnis befreit er nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt von jeder äußeren Macht. "Erkennet die Wahrheit, und die Wahrheit wird euch frei machen." Gäbe es Zweifel daran, dass das Christentum die Wahrheit ist, so würde diese volle Freiheit, die durch nichts beschränkt werden kann, die der Mensch genießt, sobald er sich die christliche Lebensauffassung aneignet, der unzweifelhafte Beweis seiner Wahrhaftigkeit sein. Die Menschen in ihrer gegenwärtigen Lage gleichen Bienen, die sich vom Stocke losgelöst haben und in einem Haufen an einem Zweige hängen. Die Lage der Bienen am Zweige ist eine vorübergehende und muss unbedingt verändert werden. Sie müssen sich aufmachen und sich eine neue Behausung suchen. Jede der Bienen weiß das und hat den Wunsch, ihre Leiden und die Lage der anderen zu verändern. Aber nicht eine kann es tun, solange die übrigen nicht mittun. Alle aber können sich nicht plötzlich erheben, denn eine hängt über der anderen und hindert sie, sich von dem Schwarm zu lösen. Darum bleiben alle hängen. Man könnte meinen, es gäbe für die Bienen gar keinen Ausweg aus dieser Lage, wie es den Mitmenschen erscheint, die sich in die Netze der gesellschaftlichen Weltauffassung verstrickt haben. Einen Ausweg gäbe es für die Bienen nicht, wäre nicht jede der Bienen ein selstständiges Wesen, mit Flügel begabt. Es gäbe auch keinen Ausweg für die Menschen, wäre nicht jeder von ihnen ein lebendes, selbstständiges Wesen, begabt mit der Fähigkeit, sich die christliche Lebensauffassung anzueignen. Wenn nicht jede Biene, die fliegen kann, flöge, würden sich auch die anderen nicht vom Platze rühren, und der Schwarm würde seine Lage nie verändern. Und wenn der Mensch, der sich die christliche Lebensauffassung angeeignet hat, ohne zu warten, bis die anderen nachkommen, nicht gemäß dieser Auffassung lebte, würden die Menschen nie ihre Lage verändern. Und wie die eine Biene nur die Flügel ausbreiten, sich zu erheben und zu fliegen braucht und nach ihr die zweite, die dritte, die zehnte, die hundertste, damit der unbeweglich hängende Haufen ein frei fliegender Bienenschwarm werde, so braucht doch nur ein Mensch das Leben so zu begreifen, wie das Christentum es zu begreifen lehrt, und anzufangen so zu leben, und ihm ein zweiter, ein dritter, ein hunderster zu folgen, damit der Zauberkreis des gesellschaftlichen Lebens, aus dem, wie es schien, kein Ausweg führte, durchbrochen werde. Aber die Menschen denken, die Befreiung aller Menschen auf diese Art sei zu langsam, man müsse ein anderes Mittel suchen oder anwenden, durch das man alle auf einmal befreien kann. Wie wenn die Bienen, die sich erheben und davonfliegen wollten, finden würden, dass sie zu lange warten müssten, bis sich der ganze Schwarm in allen einzelnen Bienen erheben wollte, und man ein Mittel finden müsste, bei dem es nicht jede einzelne nötig hätte, die Flügel auszubreiten und zu fliegen, und der Schwarm zugleich dahinflöge, wohin er müsste? Aber das ist nicht möglich: Ehe nicht die erste, zweite, dritte, hundertste Biene frei ihre Flügel ausbreitet und fliegt, wird auch der Schwarm nicht fliegen und ein neues Leben finden. Ehe nicht jeder einzelne Mensch sich die christliche Lebensauffassung aneignet und anfängt ihr nachzuleben, wird der Widerspruch des menschlichen Lebens nicht gelöst werden und sich keine neue Form des Lebens gestalten. Eine der auffälligsten Erscheinungen unserer Zeit ist jene Predigt der Knechtschaft, die unter den Massen nicht bloß von den Regierungen, die das brauchen, verbreitet wird, sondern von den Menschen, die sozialistische Theorien verkünden und sich damit für die Vorkämpfer der Freiheit halten. Diese Leute verkünden, die Verbesserung des Lebens, die Bemühungen, die Wirklichkeit in Übereinstimmung mit dem Bewusstsein zu bringen, werde sich nicht infolge persönlicher Anstrengung einzelner Menschen vollziehen, sondern von selbst infolge einer Bestimmten, von irgend jemand hervorgerufenen gewaltsamen Umgestaltung der Gesellschaft. Es wird gepredigt, die Menschen brauchen nicht mit ihren eigenen Füßen dahin zu gehen, wohin sie wollen und wohin sie müssen, sondern es wird ein solcher Boden unter sie gebracht werden, dass sie, ohne mit den eigenen Füßen zu gehen, dahin kommen werden, wohin sie kommen müssen. Und daher müssen alle ihre Bemühungen nicht darauf gerichtet sein, nach dem Maße ihrer Kräfte dahin zu gehen, wohin sie müssen, sondern darauf, fest an einem Orte stehend, diesen vermeindlichen Boden zu schaffen. In wirtschaftlicher Hinsicht wird eine Theorie gepredigt, deren Kern darin besteht, je schlechter, desto besser, je mehr Kapitalanhäufungen und darum je mehr Druck des Arbeiters, desto näher die Befreiung, und darum ist jede persönliche Bemühung des Menschen, sich von dem Drucke des Kapitals zu befreien, unnütz. In staatlicher Beziehung wird gepredigt, je größer die Macht des Staates sein wird, die nach dieser Theorie die bisher noch nicht in ihrem Bereich befindliche Sphäre des Privatlebens in ihren Bereich ziehen soll, desto besser wird es sein. Und darum müssen wir die Einmischung der Regierung in das Privatleben anrufen. In politischer und nationaler Hinsicht wird gepredigt: Die Vergrößerung der Zerstörungsmittel, die Vergrößerung der Heere führt zu der Notwendigkeit der Abrüstung mit Hilfe von Kongressen, Schiedsgerichten und so weiter. Und merkwürdig! Die Trägheit der Menschen ist so groß, dass die Menschen diesen Theorien glauben, obwohl der ganze Gang unseres Lebens, jeder Schritt vorwärts ihre Unrichtigkeit aufdeckt. Die Menschen leiden unter der Unterdrückung, und um sie von diesem Druck zu befreien, rät man den Menschen, allgemeine Mittel der Verbesserung ihrer Lage zu ersinnen, die von der Macht angewendet werden sollen, ihnen selbst aber, sich fernerhin der Macht unterzuordnen. Und daraus folgt offenbar eine nur immer stärkere Vermehrung der Macht, und daraus eine immer steigende Vermehrung der Unterdrückung. Keine von allen Verirrungen des Menschen entfernt sie so sehr von dem Ziel, dem sie zustreben, als gerade diese. Die Menschen tun, um das Ziel, das sie sich gesteckt haben, zu erreichen, alle möglichen Dinge, nur das eine einfache und gerade nicht, das jedem zukommt. Die Menschen ersinnen die schlauesten Methoden zur Veränderung der Lage, die sie erdrückt, nur die allereinfachste nicht, dass jeder Mensch das nich tue, was die Lage hervorruft. Man hat mir einen Fall erzählt, der einem mutigen Kommissar begegnet ist. Er kam in ein Dorf, indem die Bauern sich empürt hatten, und wohin man Soldaten berufen hatte. Er versuchte die Empörung im Geiste Nikolaus I. allein durch seinen persönlichen Einfluss zu beschwichtigen. Er befahl einige Wagen mit Ruten zu bringen, versammelte alle Bauern in einer Darre (Trockenhaus), ging mit ihnen zusammen hinein, schloß sich ein und schüchterte anfangs die Bauern mit seinem Schreien so ein, dass sie ihm gehorchten und anfingen, nach seinem Befehl, einer den anderen zu schlagen. So schlugen sie einander, bis sich ein einfältiger Bauer fand, der sich selbst nicht schlagen ließ und den Kameraden zurief, dass sie auch einander nicht schlagen sollten. Da erst hörte das Schlagen auf, und der Beamte machte, dass er fortkam. Diesem Rate des einfältigen Bauern sind die gesellschaftlichen Menschen um nichts in der Welt imstande zu folgen. Sie hören nicht auf, einander gegenseitig zu schlagen, und lehren diese Selbstgeißelung den Menschen als das letzte Wort menschlicher Weisheit. In der Tat: Kann man sich ein auffälligeres Beispiel dafür, wie die Menschen einander schlagen, vorstellen, als der Gehorsam ist, mit dem die Menschen unserer Zeit die ihnen auferlegten Verpflichtungen erfüllen, die sie zur Knechtschaft führen, besonders die Wehrpflicht? Die Menschen machen sich blindlings selbst zu Knechten, leiden unter dieser Knechtschaft und glauben, es müsse so sein, es bedeute gar nichts und stehe zur Befreiung der Menschen nicht im Wege, die sich irgendwo, irgendwie vorbereite, ungeachtet der stets wachsenden und wachsenden Knechtschaft. In der Tat lebt der Mensch unserer Zeit, wer er auch sei (ich spreche nicht von den wahren Christen, sondern von dem gemeinen Menschen unserer Zeit), gebildet oder ungebildet, gläubig oder ungläubig, reich oder arm, verheiratet oder nicht verheiratet - in der Tat lebt der Mensch unserer Zeit, der seine Arbeit verrichtet oder seinem Vergnügen nachgeht, der die Früchte seiner oder fremder Mühen für sich und für die Nächsten genießt, wie alle Menschen, im Hass gegen jede Art Unterdrückung, Entbehrung, Feindschaft und Leiden. Er lebt ruhig. Plötzlich kommen Menschen zu ihm und sagen: Erstens versprich uns und schwöre uns, dass du uns knechtlich gehorsam sein wirst in allem, was wir dir vorschreiben werden. Dass du alles, was wir ersinnen, beschließen und Gesetz nennen, als unzweifelhafte Wahrheit ansehen und dich ihm fügen wirst. Zweitens, stelle einen Teil deiner Mühen zu unserer Verfügung. Wir werden dieses Geld benützen, um dich in Knechtschaft zu halten und dich daran hindern, dich mit Gewalt unseren Weisungen zu widersetzen. Drittens: Wähle andere und wähle dich selbst unter die vermeintlichen Teilnehmer der Regierung und wisse, die Verwaltung wird vollständig unabhängig von den törichten Reden vor sich gehen, die du mit deinesgleichen halten wirst. Sie wird nach unserem Willen vor sich gehen, nach dem Willen derer, in deren Händen das Heer ist. Viertens: Erscheine zu gewissen Zeiten vor Gericht und nimm teil an all den sinnlosen Grausamkeiten, die wir an den verirrten und von uns zur Entartung gebrachten Menschen vollziehen in der Gestalt von Gefängnissen, Verbannungen, Einzelzellen und Hinrichtungen. Und endlich fünftens: Sei außerdem noch, ungeachtet dessen, dass du in den freundschaftlichen Beziehungen mit den Menschen anderer Nationen lebst, jederzeit, wenn wir es dir befehlen, bereit, diejenigen von diesen Menschen, die wir dir zeigen, als deine Feinde zu betrachten und, persönlich oder vertreten, teilzunehmen an der Verwüstung, Plünderung und dem Totschlag ihrer Männer, Frauen, Kinder und Greise, vielleicht auch deiner Stammesbrüder, vielleicht auch deiner Eltern, wenn uns das nötig erscheint. Man sollte glauben, auf solche Forderungen müsste jeder nichtbetäubte Mensch unserer Zeit antworten: "Ja, wozu soll ich das alles tun?" Man sollte meinen, mit Verwunderung müsste jeder geistig gesunde Mensch sagen, warum soll ich versprechen, allen zu gehorchen, wenn mir heute Salisburn, morgen Gladstone, heute Boulanger (Gerorges Ernest Boulanger: 1837 - 1891, war ein reaktionärer französicher General und Kriegsminister), morgen ein Parlament aus solchen Boulangers, heute Zar Peter III., morgen Zarin Katharina, übermorgen Pugarschew, heute der wahnsinnige König von Bayern, morgen Kaiser Wilhem befehlen? Warum soll ich versprechen, ihnen zu gehorchen, da ich sie als schlechte oder leere Menschen kenne oder sie überhaupt nicht kenne? Warum soll ich ihnen in der Gestalt von Steuern die Früchte meiner Arbeit geben, wenn ich weiß, dass das Geld zur Bestechung von Beamten, zu Gefängnissen, Kirchen, Heeren, zu schlechten Dingen und zu meiner Knechtung angewandt wird? Warum soll ich hingehen, meine Zeit verlieren, mir Sand in die Augen streuen lassen und den Gewalthabern den Schein der Gesetzlichkeit verleihen, teilnehmen an Wahlen und so tun, als ob ich an der Verwaltung teilnehme, während ich sehr gut weiß, dass die Verwaltung des Staates in den Händen derer ist, in deren Händen auch das Heer ist. Warum soll ich hingehen und an den Gerichten teilnehmen, an den Strafen und Hinrichtungen der Menschen für ihre Verirrung, während ich doch weiß, wenn ich ein Christ bin, dass das Gesetz der Rache von dem Gesetz der Liebe abgelöst ist. Und wenn ich ein gebildeter Mensch bin, dann weiß ich, dass die Strafe die Menschen, die von ihr betroffen sind, nicht besser, sondern schlechter macht. Und warum soll ich nur deshalb, weil die Schlüssel des Tempels von Jerusalem in den Händen dieses und nicht jenes Priesters sind, weil jener und nicht dieser deutsche Fürst von Bulgarien werden wird, und dass die englischen und nicht die amerikanischen Kaufleute die Robben fangen werden. Menschen, die den Nachbarvölkern angehören, mit denen ich vorher in Frieden und Eintracht gelebt habe und fernerhin zu leben wünsche, als Feinde anzuerkennen, Soldaten werben oder selbst hingehen, töten und plündern und mich selbst dem Überfall aussetzen? Und warum ganz besonders soll ich, persönlich oder vertreten, an der bewaffneten Gewalt der Knechtung teilnehmen und an der Tötung der eigenen Brüder und Väter? Warum soll ich mich selbst geißeln? All dies brauche ich nicht, all dies ist mir schädlich, all dies ist von allen Seiten unsittlich, gemein und scheußlich.Warum also soll ich das tun? Wenn ihr sagt, dass mir dadurch von irgend jemand Schlimmes geschehen wird, so sehe ich erstens nicht so Schlimmes, wie das Schlimme, das ihr mir antut, wenn ich euch gehorche. Zweitens ist mir vollkommen klar: Wenn wir uns selbst nicht schlagen werden, wird uns niemand schlagen. Die Regierung, dass sind doch die Fürsten, die Minister, die Beamten, die mich, wie jener Kommissar die Bauern, zu nichts zwingen können. Es werden mich nicht die Fürsten und auch nicht die Beamten mit Gewalt ins Gericht, ins Gefängnis und zur Hinrichtung führen, sondern dieselben Menschen, die sich in der gleichen Lage mit mir befinden. Ihnen ist es ebenso unnütz, schädlich und unangenehm, geschlagen zu werden, wie mir. Und darum werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn ich ihnen die Augen öffne, nicht nur mir keine Gewalt antun, sondern ebenso handeln wie ich. Drittens, wenn es auch so kommen sollte, dass ich dafür leiden müsste, auch dann ist es mir vorteilhafter, in die Verbannung geschickt oder ins Gefängnis geworfen zu werden und bei gesundem Menschenverstande dem Guten ausharre, das, wenn auch nicht heute, nicht morgen, so doch in sehr kurzer Zeit triumphieren muss, als für Dummheit und Übel zu leiden, die heute oder morgen ein Ende haben müssen. Darum ist es sogar in diesem Falle vorteilhafter, mich der Gefahr auszusetzen, dass man mich in die Verbannung schickt, ins Gefängnis wirft, ja sogar hinrichtet, als dass ich aus eigener Schuld mein ganzes Leben in der Knechtschaft schlechter Menschen verlebe, geplündert werden kann von den eindringenden Feinden, von ihnen schmählich verstümmelt und getötet werden kann, wenn ich, eine Kanone, einen Fuß breit Erde, die niemand etwas nützt, oder einen dummen Fetzen, den man Stabdarte nennt, verteidige. Ich will und werde mich nicht selbst schlagen. Ich habe keinen Grund das zu tun. Tut ihr es, wenn ihr Lust dazu habt, ich werde es nicht tun. Man sollte meinen, nicht nur das religiöse und sittliche Gefühl, sondern die einfachste Überlegung und Berechnung müsste jeden Menschen unserer Zeit veranlassen, so zu antworten und so zu handeln. Aber nein, die Menschen der gesellschaftlichen Lebensauffassung finden, man braucht nicht so zu handeln. Es sei sogar schädlich zur Erreichung des Ziels der Befreiung der Menschheit von der Knechtschaft, und man müsse, wie die Bauern jenes Kommissars, fortfahren, einander zu schlagen und sich damit trösten, dass wir in den Parlamenten und Versammlungen schwatzen, dass wir Arbeiterverbände bilden, dass wir am 1. Mai durch die Straßen ziehen, Verschwörungen machen, heimlich die Regierungen reizen, die uns schlägt, und das all dies dahin führen wird, dass wir, während wir uns immer mehr und mehr in Knechtschaft begeben, sehr bald befreit werden. Nichts hält die Befreiung der Menschheit mehr auf, als diese sonderbare Verirrung. Anstatt dass jeder Mensch auf die Befreiung seiner eigenen Person, auf die Veränderung seiner Lebensauffassung richtet, suchen die Menschen ein äußeres, gemeinsames Mittel der Befreiung und schmieden sich dadurch immer mehr und mehr in Ketten. Das ist gerade so, als wenn die Menschen behaupten wollten, um ein Feuer zu schüren, braucht man nicht jede Ecke in Brand zu stecken, sondern die Kohlen in einer bestimmten Weise anzuordnen. Indessen wird es in der letzten Zeit immer einleuchtender, dass die Befreiung der Menschen durch die Befreiung der einzelnen Personen sich vollziehen werde. Die Befreiung der einzelnen Menschen im Namen der christlichen Lebensauffassung von der staatlichen Knechtung, die früher eine unmerkliche Ausnahmeerscheinung war, hat in der letzten Zeit eine für die Staatsmacht bedrohliche Bedeutung bekommen. Wenn es in früheren Zeiten, in den Zeiten Roms, im Mittelalter, vorkam, dass ein Christ, der seine Lehre bekannte, die Teilnahme an den Opfern, die Verehrung der Kaiser, der Götter versagte, oder im Mittelalter die Verehrung der heiligen Bilder, die Anerkennung der päpstlichen Obergewalt verweigerte, waren diese Weigerungen erstens zufällige: Der Mensch konnte in die Notwendigkeit versetzt sein, seinen Glauben zu bekennen, und konnte sein Leben ausleben, ohne in diese Notwendigkeit versetzt zu sein. Jetzt aber unterliegen diesen Versuchungen des Glaubens alle Menschen ohne Ausnahme. Jeder Mensch unserer Zeit ist in die Notwendigkeit versetzt, seine Teilnahme an den Grausamkeiten des heidnischen Lebens anzuerkennen oder sie abzuleugnen. Und zweitens bildete zu jenen Zeiten die Verweigerung der Verehrung der Götter, der Heiligenbilder, des Papstes, keine wesentliche Erscheinung für den Staat. So viele Menschen auch den Göttern und den Bildern oder den Päpsten ihre Verehrung zollten oder versagten, der Staat blieb ebenso stark. Jetzt aber untergraben die Verweigerungen der unchristlichen Forderungen der Regierung die staatliche Macht in ihren Wurzeln, weil in der Erfüllung dieser unchristlichen Forderung die ganze Macht des Staates ruht. Die weltlichen Gewalten sind durch den Gang des Lebens in die Lage gebracht worden, dass sie zu ihrer Aufrechterhaltung von allen Menschen Handlungen fordern müssen, die nicht von Menschen erfüllt werden können, die das wahre Christentum bekennen. Und darum untergräbt in unserer Zeit jegliche Erkenntnis des wahren Christentums durch den einzelnen Menschen die Macht der Regierung in ihrem Kern und zieht unvermeidlich die Befreiung aller nach sich. Was, sollte man meinen, liegt viel an solchen Erscheinungen, wie die Verweigerung weniger Dutzend Wahnsinniger, wie man sie nennt, die der Regierung nicht schwören wollen, die keine Steuern bezahlen wollen, die nicht am Gericht und am Kriegsdienst teilnehmen wollen. Diese Menschen bestraft man und entfernt sie, und das Leben geht ruhig weiter. Man sollte meinen, es liegt nicht viel an diesen Erscheinungen, und doch untergraben diese Erscheinungen mehr als etwas anderes die Macht des Staates und bereiten die Befreiung der Menschen vor. Dies sind die einzelnen Bienen, die sich vom Schwarm abzulösen beginnen und umherfliegen in der Erwartung dessen, dass der Augenblick eintreten müsse, wo sich der ganze Schwarm erhebt und ihnen folgt. Und die Regierungen wissen dies und fürchten diese Erscheinungen mehr als alle Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und ihre Verschwörungen mit ihren Dynamitbomben. Es tritt eine neue Regierung ein. Nach der allgemeinen Vorschrift und der hergebrachten Ordnung wird verlangt, dass alle Untertanen der neuen Regierung den Eid leisten. Er wird eine allgemeine Verfügung erlassen. Alle werden in die Kathedrale berufen zur Ableistung des Eides. Plötzlich erklärt ein Mensch in Perm (russische Stadt), ein anderer in Tula, ein dritter in Moskau, ein vierter in Kaluga, sie würden nicht schwören, und alle erklären ihre Weigerung, ohne sich vorher besprochen zu haben, in gleicher Weise damit, dass nach christlichem Gesetz der Eidschwur verboten ist. Wenn aber auch der Eidschwur nicht verboten wäre, sie nach dem Geiste des christlichen Gesetzes nicht versprechen könnten, die hässlichen Handlungen zu begehen, die in dem Schwur von ihnen verlangt werden, wie: Alle diejenigen anzuzeigen, die die Interessen der Regierung antasten, mit der Waffe in der Hand die Regierung zu verteidigen oder ihre Feinde zu überfallen. Man zitiert sie vor Kommissare, Richter, Priester, Gouverneure, man ermahnt sie, man verhört sie, man bedroht und bestraft sie. Sie aber bleiben bei ihrem Entschluss und schwören nicht. Und inmitten von Millionen solcher, die den Eid leisten, leben Dutzende solcher, die ihn nicht leisten. Und man fragt sie: "Wie? Ihr habt nicht geschworen?" "Nein, wir haben nicht geschworen." "Nun, und es ist euch nichts geschehen?" "Nichts." Alle Untertanen eines Staates sind verpflichtet, Steuern zu zahlen. Und alle zahlen die Steuern. Nur ein Mensch in Charkow, ein zweiter in Twer, ein Dritter in Samara verweigert die Steuern, und alle sagen, als ob sie sich besprochen hätten, ein und dasselbe. Der eine sagt, er würde nur dann zahlen, wenn man ihm sagen würde, wozu die Gelder, die man ihm abnimmt, verwendet werden. Geschieht es zu guten Dingen, sagt er, so würde er von selbst mehr geben, als man von ihm verlangt, geschieht es zu schlechten, so würde er freiwillig nichts geben, da er nach dem Gesetze Christi, das er befolgt, schlechte Dinge nicht fördern kann. Dasselbe sagen, wenn auch mit etwas anderen Worten, die anderen und geben freiwillig keine Steuern. Denen, die etwas besitzen, nimmt man mit Gewalt ihr Eigentum. Diejenigen, die nichts haben, lässt man in Freiden. "Ei, wie, er hat also keine Steuern bezahlt?" "Er hat keine bezahlt." "Und es geschieht ihm nichts?" "Nein, nichts." Wir haben die Einrichtung der Pässe. Jeder, der seinen Wohnort verlässt, ist verpflichtet, einen zu nehmen und dafür Steuern zu zahlen. Plötzlich tauchen an verschiedenen Orten Menschen auf, welche sagen, man brauche keinen Pass zu nehmen, man brauche seine Abhängigkeit von dem Staate, der durch Gewalt lebt, nicht anzuerkennen. Und diese Menschen nehmen keine Pässe und zahlen auch keine Steuern dafür. Und wieder kann man durch nichts diese Menschen veranlassen, das Geforderte zu erfüllen. Man wirft sie ins Gefängnis und lässt sie wieder heraus, und die Menschen leben ohne Pass. Alle Landsleute haben die Pflicht, Polizeidienste zu leisten. Plötzlich weigert sich in Charkow ein Landmann, diese Pflicht zu erfüllen, und erklärt seine Weigerung damit, dass er nach dem christlichen Gesetz, das er bekennt, nieman binden, ins Gefängnis werfen, von einem Ort zum anderen bringen kann. Dasselbe erklärt ein Landmann in Twer, einer in Tambow. Man schimpft, man schlägt die Landleute, man setzt sie hinter Schloss und Riegel. Sie aber bleiben bei ihrem Entschluss und erfüllen nicht, was ihrem Glauben widerspricht. Und man hört auf, sie zu den Polizeidiensten zu berufen, und wieder geschieht nichts. Alle Menschen, die das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben, sind verpflichtet, das Los zu ziehen. Plötzlich erscheint ein junger Mann in Moskau, ein anderer in Twer, ein dritter in Charkow, ein vierter in Kiew, und alle erklären, als ob sie sich vorher besprochen hätten, sie würden weder den Eid leisten, noch dienen, weil sie Christen seien. Ich will hier einen von den ersten Fällen einer solchen Weigerung erzählen, die jetzt häufiger werden, der mir sehr genau bekannt ist*. *Alle Einzelheiten dieses Falles, wie auch der vorher aufgeführten, sind authentisch. In allen anderen Fällen wiederholt sich annähernd ganz dasselbe. Ein junger Mann mittlerer Bildung weigert sich im Moskauer Stadtrat zu schwören. Man kümmert sich nicht um seine Worte und verlangt, dass er ganz wie die anderen die Worte des Eides spreche. Er weigert sich und weist auf eine bestimmte Stelle des Evangeliums hin, die den Schwur verbietet. Man kümmert sich nicht um seine Gründe und verlangt die Erfüllung des Befehls. Aber er erfüllt ihn nicht. Da nimmt man an, er sei ein Sektierer und fasse daher das Christentum falsch auf, das heisst, nicht so, wie es die vom Staate bezahlten Priester auffassen. Man führt den jungen Mann unter Bedeckung zu den Priestern, um ihn zur Vernunft zu bringen. Die Priester reden dem jungen Manne vernünftig zu, aber ihre Überredung im Namen Christi sich von Christo loszusagen, wirkt offenbar nicht bei dem jungen Mann. Darum bringt man ihn wieder zum Heer und erklärt ihn für unverbesserlich. Der junge Mann bleibt dabei, den Eid nicht zu leisten, und weigert sich offen, die militärischen Pflichten zu erfüllen. Dieser Fall ist von den Gesetzen nicht vorgesehen. Eine Weigerung der Erfüllung von Forderungen der Obrigkeit darf man nicht zugeben. Aber diesen Fall kann man auch nicht mit einem einfachen Ungehorsam vergleichen. Die militärischen Behörden beraten untereinander und beschließen, um den schwierigen jungen Menschen los zu werden, ihn für einen Revolutionär zu erklären und mit Bedeckung in die Verwaltung der Geheimpolizei zu schicken. Die Polizisten und Gendarmen verhören den jungen Mann, aber alles, was er sagt, passt in keins der von ihrem Amte unterstehenden Vergehen, und es gibt keinerlei Möglichkeit, ihn revolutionärer Handlungen, noch einer Verschwörung zu bezichtigen, da er bekundet, dass er nichts zu zerstören wünsche, dass er vielmehr jede Gewalt verwerfe und nichts verberge, sondern vielmehr Gelegenheit suche, was er spricht und tut ganz offen zu sprechen und zu tun. Und die Gendarmen finden, obwohl für sie keine Gesetze existieren, so wenig wie die Geistlichkeit, eine Veranlassung, den jungen Menschen anzuschuldigen und bringen ihn wieder zur Armee zurück. Wieder beraten die Vorgesetzten und kommen zu dem Entschluss, den jungen Menschen, obgleich er nicht den Eid geleistet hat, anzunehmen und der Armee einzuverleiben. Man kleidet ihn ein, man reiht in ein und schickt ihn unter Bewachung an einen Ort, wo das Heer liegt. An dem Quartierort verlangt der Vorgesetzte der Abteilung, in die er eintritt, wieder von dem jungen Menschen die Erfüllung der Militärpflichten, und er verweigert wieder den Gehorsam und spricht in Gegenwart der anderen Soldaten die Ursache seiner Weigerung aus. Er sagt, er könne sich als Christ nicht gutwillig auf den Mord vorbereiten, der ihm durch das Gesetz Moses verboten ist. Die Sache spielt in einer Provinzialstadt. Der Fall weckt Teilnahme, ja sogar Mitgefühl, nicht bloß bei Fremden, sondern auch bei den Offizieren. Darum können sich die Vorgesetzten nicht entschließen, die gewöhnlichen Disziplinarmaßnahmen für Gehorsamsverweigerung anzuwenden. Anstandshalber jedoch schickt man den jungen Mann ins Gefängnis, schreibt an die höhere Militärverwaltung und fragt an, was zu tun sei. Vom offiziellen Gesichtspunkt stellt sich die Verweigerung des Militärdienstes, an der doch der Zar selbst teilnimmt und der von der Kirche eingesegnet wird, als ein Wahnsinn dar, und darum schreibt man aus Petersburg, da der junge Mann nicht bei vollen Verstande sein müsse, solle man ihn, ohne strenge Maßregeln gegen ihn anzuwenden, zur Beobachtung seines Geisteszustandes und zu seiner Heilung in ein Irrenhaus zu bringen. Man schickt ihn fort, in der Hoffnung, er würde dort bleiben, wie es vor zehn Jahren mit einem Manne in Twer geschah, der die Teilnahme am Militärdienst verweigert hatte, und mit einem anderen jungen Manne, den man im Irrenhaus so lange peinigte, bis er sich fügte. Aber auch diese Maßregeln retten die Militärbehörde nicht vor dem schwierigen Menschen. Die Ärzte beobachten ihn, interessieren sich sehr für ihn, und da sie selbstverständlich keinerlei Anzeichen von Geisteskrankheit an ihm finden, schicken sie ihn wieder zur Armee zurück. Man nimmt ihn an und tut so, als hätte man seine Weigerung und deren Gründe vergessen, macht ihm wieder den Vorschlag, an den Übungen teilzunehmen, und wieder weigert er sich in Gegenwart der anderen Soldaten und bekundet laut die Ursache seiner Weigerung. Die Sache lenkt immer mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Soldaten und der Bewohner der Stadt auf sich. Wieder wird nach Petersburg geschrieben, und da kommt der Bescheid, man solle den jungen Mann in die Truppenteile versetzen, die in den Grenzländern stehen, nach Orten, wo das Militär sich im Kriegszustand befindet, wo man ihn für die Gehorsamsverweigerung erschießen und wo die Sache unbemerkt vorübergehen kann, da in diesem fernen Lande sehr wenig Russen und Christen wohnen. Die Mehrzahl der Einwohner sind Fremdländer und Mohammedaner. So geschieht es auch. Man schickt den jungen Mann zu den Truppenteilen, die im Transkaspiland stehen (an der asiatischen Seite des Kaspischen Meeres), und schickt ihn mit den Verbrechern einem Vorgesetzten zu, der durch seine Entschiedenheit und Strenge bekannt ist. Während dieser ganzen Zeit, während dieses Hinundhertransportierens von einem Ort an den anderen, geht man mit dem jungen Mann roh um, läßt ihn hungern und frieren, in Unsauberkeit leben, macht ihm sein Leben in jeder Weise zur Qual. Aber alle diese Folterqualen veranlassen ihn nicht, seinem Entschluss untreu zu werden. Im Trankapiland, wo man ihm wieder vorschlägt, mit der Waffe auf die Wache zu ziehen, verweigert er wieder den Gehorsam. Er verweigert sich nicht, hinzugehen und an den Heuschobern6 zu stehen, zu denen man ihn schickt. 6Heuschober oder Dieme bezeichnet man in der traditionellen Landwirtschaft ein regelmäßig aufgesetzter Haufen von Heu, Stroh und Getreide, der bei der Ernte auf dem Feld errichtet wird. Die Getreidegarben werden aneinandergestellt, so dass die Ähren den höchsten Punkt bilden und nachtrocknen können. Er verweigert sich nur die Waffe zu nehmen, und erklärt, dass er unter keinen Umständen gegen irgendeinen Menschen Gewalt anwenden werde. All dies geschieht in Gegenwart der anderen Soldaten. Eine solche Weigerung ungestraft zu lassen, ist unmöglich. man stellt den jungen Mann wegen Verletzung der Disziplin vor Gericht. Die Gerichtsverhandlung findet statt, und der junge Mann wird dazu verurteilt, zwei Jahre im Militärgefängnis abzusitzen. Wieder schickt man ihn per Etappe mit den Verbrechern in den Kaukasus, dort wo er ins Gefängnis gesetzt, wo er der unkontrollierten Gewalt des Gefängnisaufsehers unterliegt. Man quält ihn eineinhalb Jahre. Aber er verändert seinen Entschluss, keine Waffe zur Hand zu nehmen, nicht und erklärt allen, mit denen er zufällig in Berührung kommt, warum er das nicht tut. Am Ende des zweiten Jahres gibt man ihn seine Freiheit wieder, noch ehe seine Frist abgelaufen ist, und zählt im Widerspruch mit dem Gesetz seinen Aufenthalt im Gefängnis als Dienst, da man den Wunsch hat, sich so schnell wie möglich seiner zu entledigen. Ganz wie dieser junge Mann handeln auch andere Menschen in verschiedenen Gegenden Russlands, als ob sie sich besprochen hätten, und in all diesen Fällen ist die Handlungsweise der Regierung dieselbe zaghafte, unbestimmte und geheime. Einiger dieser Leute schickt man ins Irrenhaus, andere macht man zu Schreibern und versetzt sie zu Dienststellen nach Sibirien. Einige macht man zu Forstbeamten, andere bringt man ins Gefängnis. Wieder andere nimmt man in Strafe. Auch jetzt sitzen mehrere solcher Weigerer in Gefängnissen, nicht wegen des Kerns der Sache, wegen der Leugnung der Gesetzlichkeit der Regierungshandlungen, sondern wegen Nichterfüllung einzelner Forderungen der Vorgesetzten. So hat man jüngst einen Offizier der Reserve, der keine Mitteilung über seinen Aufenthaltsort gemacht hatte und der ankündigte, dass er fernerhin nicht dienen werde, für die Nichterfüllung der behördlichen Weisung mit dreißig Rubeln bestraft, die er sich ebenfalls weigerte, freiwillig zu zahlen. So hat man jüngst andere Landsleute und Soldaten, die sich weigerten, an Übungen teilzunehmen und die Waffe zu tragen, für Ungehorsam und Widersetzlichkeit in Arrest gesteckt. Und diese Fälle der Verweigerung der Erfüllung staatlicher Forderungen, die dem Christentum widersprechen, besonders Verweigerungen des Militärdienstes, kommen in letzter Zeit nicht nur in Russland, sondern überall vor. So ist mir bekannt, dass in Serbien Leute der sogenannten Sekte der Nazarener ständig den Militärdienst verweigern, und die österreichische Regierung führt schon seit Jahren vergeblich einen Kampf mit ihnen, indem sie sie ins Gefängnis wirft. Im Jahre 1885 kamen 130 solche Weigerungen vor. In der Schweiz saßen, wie ich weiß, in den neunziger Jahren im Schloss von Chillon Leute wegen Verweigerung der Militärpflichten, die infolge der Strafe ihren Entschluss nicht verändert haben. Ebensolche Verweigerungen kamen in Schweden vor, und die Weigerer wurden ebenso ins Gefängnis gesteckt. Die schwedische Regierung verbarg ebenso sorgfältig diese Fälle vor dem Volk. Auch in Preußen kam eine solche Weigerung vor. Ich weiß von einem Unteroffizier der Garde, der im Jahre 1891 in Berlin seinen Vorgesetzten erklärte, er würde als Christ nicht länger im Dienst bleiben, und der trotz aller Ermahnungen, Drohungen und Strafen bei seinem Entschluss blieb. In Frankreich ist im Süden in letzter Zeit eine Gemeinschaft von Menschen aufgetaucht. die sich Hinchisten nennen (diese Mitteilungen sind dem "Peace Herold" Juli 1891 entnommen), deren Mitglieder sich aufgrund des christlichen Bekenntnisses weigern, die Militärpflicht zu erfüllen. Man hat sie anfangs in den Hospitälern verwendet. Jetzt aber, wo ihre Zahl angewachsen ist, bestraft man sie wegen Ungehorsams. Trotdem aber nehmen sie keine Waffe zur Hand. Die Sozialisten, die Kommunisten und Anarchisten mit ihren Bomben, Aufständen und Revolutionen sind den Regierungen lange nicht so gefährlich, wie diese vereinzelten Menschen, die von ganz verschiedenen Seiten ihre Weigerung bekunden, alle auf Grund einer und derselben allen bekannten Lehre. Jede Regierung weiß, wie und wodurch sie sich gegen Revolutionen schützen kann. Sie hat Mittel dazu und fürchtet diese inneren Feinde nicht. Was aber soll die Regierung gegen Menschen tun, die das Unnütze, Überflüsige und Schädliche aller Regierungen aufdecken und nicht mit ihnen kämpfen, sondern sie nur entbehren, ohne sie fertig werden und darum an ihnen nicht teilnehmen wollen? Die Revolutionäre sagen: Die staatliche Ordnung ist in diesem oder jenem Punkte schlecht. Man muss sie zerstören und sie durch dies und das ersetzen. Der Christ aber sagt: Ich weiß nichts von einer staatlichen Ordnung, weißt nicht, ob sie gut oder schlecht ist, und ich will sie nicht zerstören, weil ich nicht weiß, ob sie gut oder schlecht ist. Aber aus demselben Grunde will ich sie auch nicht aufrecht erhalten. Und ich will es nicht nur nicht, sondern ich kann es nicht, weil das, was von mir verlangt wird, gegen mein Gewissen ist. Gegen das Gewissen eines Christen aber sind alle staatlichen Pflichten: der Eid, die Steuern, die Gerichte und das Heer. Und auf eben diesen Pflichten beruht die ganze Macht des Staates. Die revolutionären Feinde kämpfen von außen mit der Regierung. Das Christentum aber kämft überhaupt nicht. Es erschüttert alle Grundlagen der Regierung von innen. In russischen Volke, in dem besonders seit den Zeiten Kaiser und Zar Peter I. (1672 - 1725) der Protest des Christentums gegen den Staat nie aufgehört hat, in dem russischen Volke, in dem die Ordnung des Lebens eine solche, dass die Menschen in ganzen Gemeinden in die Türkei, nach China, in unbewohnbare Länder fliehen und nicht nur der Regierung nicht bedürfen, sondern sie stets wie eine unnütze Last betrachten und sie nur als ein Übel ertragen, sei es die türkische, die russische oder die chinesische. In dem russischen Volk sind in letzter Zeit immer häufiger Fälle christlicher, bewusster Befreiung einzelner Personen von der Unterordnung unter die Regierung vorgekommen. Und diese Fälle sind für die Regierung jetzt besonders dadurch schrecklich, da die Weigerer oft nicht zu den sogenannten niedrigen, ungebildeten Klassen gehören, sondern zu den Menschen mittlerer und höherer Bildung, und das diese Menschen ihre Weigerung nicht mehr durch beliebige, mystische, ungewöhnlliche Glaubensmeinungen erklären, wie das früher war, dass sie nicht mit irgendwelchem Aberglauben und Fanatismus zusammenhängen, wie das die "Selbstverbrenner" und die "Läufer" (Deserteure) tun, dass sie vielmehr als Gründe für ihre Weigerung die einfachsten und klarsten, allen zugänglichen und von allen anerkannten Wahrheiten angeben. So verweigern sie die freiwillige Zahlung von Steuern, weil die Steuern zu Werken der Gewalt verwendet werden: zu Gehältern für die Gewalttäter, zu Kriegen, zum Bau von Gefängnissen, Festungen und Kanonen, weil sie es als Christen für sündig und unsittlich halten, an diesen Werken teilzunehmen. Die den allgemeinen Schwur verweigern, verweigern ihn deshalb, weil die Zusage, den Behörden zu gehorchen, das heißt Menschen, die der Gewalt ergeben sind, dem Sinne der christlichen Lehre widerspricht. Sie verweigern den Eid vor Gericht, weil der Eid ausdrücklich durch das Evangelium verboten ist7. Sie verweigern Dienste in der Polizei, weil man bei diesen Diensten Gewalt gegen die eigenen Brüder anwenden und sie peinigen muss, und ein Christ das nicht tun darf. Sie verweigern die Teilnahme am Gericht, weil sie jegliches Gericht als die Erfüllung des Gebotes der Vergeltung ansehen, das unvereinbar mit dem christlichen Gesetz der Vergebung und der Liebe ist. Sie verweigern jegliche Teilnahme an Kriegsvorbereitungen und am Heeresdienst, weil sie keine Henker sein wollen und können und sich nicht auf einen Henkersdienst vorbereiten wollen. 7Jesus lehnte jegliche Art des Schwurs ab. Seine Anhänger sollen durch innere Wahrhaftigkeit überzeugen, nicht durch äußerliche Symbolik: "Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten. Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel." (Mt 5,33-37) Alle Gründe dieser Weigerung sind derart, dass die Regierungen, so eigenmächtig sie sein mögen, sie nicht offenkundig bestrafen können. Um für solche Weigerung zu bestrafen, müssen die Regierungen sich selbst von Vernunft und Güte lossagen. Und sie möchten doch die Menschen überzeugen, dass sie nur im Namen der Vernunft und der Güte ihre Macht gebrauchen. Was sollen die Regierungen gegen diese Menschen tun? In der Tat können die Regierungen ihre Feinde, die sie mit Gewalt stürzen wollen, durch Prügel, durch Hinrichtung, durch Gefängnis und Folter auf Lebenszeit zwingen. Sie können die Hälfte der Menschen, die sie brauchen, mit Gold überschütten und bestechen. Sie können sich Millionen bewaffneter Menschen gefügig machen, die bereit sind, alle Feinde der Regierung zu vernichten. Was aber können sie gegen Menschen tun, die nichts zerstören noch aufrichten wollen, die nur für sich, für ihr Leben nichts tun wollen, was gegen das christliche Gesetz ist und darum die Erfüllung der allgemeinsten und daher der für die Regierung notwendigsten Pflichten verweigern? Wären es Revolutionäre, welche die Gewalt, den Mord predigten und solche Taten auch ausübten, so wäre es leicht, ihnen entgegenzuwirken. Einen Teil von ihnen würde man bestechen, einen Teil würde man täuschen, einen Teil würde man einschüchtern, und die übrigen, die man weder bestechen, noch täuschen, noch einschüchtern kann, würde man als Übeltäter, als Feinde der Regierung hinstellen, würde sie einsperren oder hinrichten, und die Menge würde diese Handlungen der Regierung billigen. Wären es Fanatiker, die einen besonderen Glauben predigten, so könnte man, dank jenem Aberglauben der Lüge, die sie ihrer Lehre beimischen, auch das Wahre, was sie predigen, widerlegen. Was aber soll man mit Menschen tun, die weder die Revolution, noch irgend welche besonderen religiösen Dogmen predigen, und die nur, weil sie niemand etwas Böses tun wollen, den Eid, die Steuerzahlung, die Teilnahme am Gericht, den Kriegsdienst verweigern, Pflichten, auf welchen der Bau des Staates ruht? Was soll man mit solchen Menschen tun? Bestechen kann man sie nicht. Schon der Gefahr, der sie sich freiwillig aussetzen, zeigt ihre Uneigennützigkeit. Sie damit täuschen, dass Gott das fordert, kann man auch nicht, denn ihre Weigerung ist auf einem klaren, unzweifelhaften Gebote Gottes aufgebaut, das auch von denen bekannt wird, die die Leute zwingen wollen, dagegen zu handeln. Durch Drohungen einschüchtern kann man sie noch weniger, denn die Entbehrungen und Leiden, denen sie für ihr Bekenntnis ausgesetzt sein werden, bestärken nur ihren Wunsch des Bekenntnisses. Und in ihrem Gesetz ist ausdrücklich gesagt, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen und die nicht fürchten, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten, sondern den, der Leib und Seele verderben mag. Sie hinrichten oder auf Lebenszeit einsperren, geht auch nicht. Diese Menschen haben eine Vergangenheit, Freunde. Wie sie denken und handeln ist bekannt. Man kennt sie allgemein als ruhige, gute, friedliebende Menschen. Man kann sie nicht als Übeltäter hinstellen, die zum Heile der Gesellschaft beseitigt werden müssten. Und die Bestrafung von Menschen, die von allen als gut anerkannt sind, wird Verteidiger wecken, Männer, die die Weigerung erklären werden. Man braucht nur die Ursache der Weigerung zu erklären, damit allen klar wird, dass die Gründe, die diese Christen benennen, für alle Menschen dieselben sind, und dass alle schon längst dasselbe hätten tun müssen. Die Regierungen befinden sich den Weigerungen der Christen gegenüber in verzweifelter Lage. Sie sehen, dass die Prophezeiung des Christentums sich erfüllt. Sie löst die Kette der Gefesselten und befreit die Menschen, die sich in der Sklaverei befinden. Und sie sehen, dass diese Befreiung unvermeidlich diejenigen vernichten muss, die die anderen in der Knechtschaft halten. Die Regierungen sehen das, wissen, dass ihre Stunde gekommenn ist, und können nichts tun. Alles, was sie zu ihrer Rettung tun können, ist, dass sie die Stunde ihres Untergangs hinausschieben. Und das tun sie. Ihre Lage ist aber trotzdem eine verzweifelte. Die Lage der Regierung gleicht der Lage eines Eroberers, der seine Stadt beschützen will, die von den eigenenBewohners in Brand gesteckt ist. Kaum hat er den Brand an der einen Stelle gelöscht, so lodert er an zwei anderen Stellen empor. Kaum ist er dem Feuer entwichen und hat einen Teil eines großen Gebäudes, der in Flammen stand, niedergerissen, so brennt auch dieser Bau an zwei Enden lichterloh. Diese Brände sind noch selten, aber sie brennen mit einem Feuer, das mit einem Fünkchen begonnen hat, und nicht aufhört, bis alles abgebrannt ist. Und da, wo die Regierungen gegenüber den Menschen, die sich zum Christentum bekennen, sich in so wehrloser Lage befinden, wo nur ein so Geringes daran fehlt, dass die ganze, so mächtig scheinende und durch so viele Jahrhunderte aufgerichtete Kraft erschüttert wird, da predigen die geistigen Führer, es sei nicht nur nicht nötig, es sei sogar schädlich, unsittlich, dass der Einzelne sich allein von der Knechtschaft befreit. Das wäre gerade so, wie wenn die einen, um das im Flusse gestaute Wasser frei zu machen, mit langer Arbeit schon den ganzen Kanal gegraben hätten und nur die Öffnung frei zu machen brauchten, damit das Wasser von selbst vorwärts strebt und das übrige täte, und nun andere Menschen kämen und ihnen raten wollten, es sei viel besser, statt das Wasser loszulassen, am Fluss eine Pumpmaschine aufzustellen, die das Wasser von der einen Seite heraufpumpte und es von der anderen in denselben Teich ergösse. Aber es ist schon zu weit gekommen: Die Regierungen fühlen schon ihre Wehrlosigkeit und Schwäche, und die aus dem Schlafe erwachenden Menschen der christlichen Erkenntnis beginnen schon ihre Kraft zu fühlen: "Ich bin gekommen, euch ein Feuer anzuzünden," hat Christus gesagt, "was wollte ich lieber, denn es brennte schon?" (Lk 12,49) Und dieses Feuer beginnt zu brennen. X. Die Unnützlichkeit der staatlichen
Gewalt für die Vernichtung des Übels. Der sittliche
Fortschritt der Menschen vollzieht sich nicht nur durch die Erkenntnis
der Wahrheit, sondern auch durch die Bildung einer öffentlichen
Meinung. Top
Das Christentum in seiner wahren Bedeutung hebt den Staat auf. So ist es auch von Anfang an aufgefasst worden. Darum ist Christus gekreuzigt worden und so ist es stets von den Menschen aufgefasst worden, die nicht von der Notwendigkeit der Rechtfertigung des christlichen Staates gezwungen waren. Erst von der Zeit an, wo die Staatshäupter das nominelle, äußere Christentum annahmen, begann man alle die unmöglichen, schlau verwickelten Theorien zu erfinden, nach denen das Christentum mit dem Staate in Einklang gebracht werden kann. Aber für jeden aufrichtigen, ernsten Menschen unserer Zeit muss die Unvereinbarkeit des wahren Christentums, der Lehre der Demut, die Verzeihung von Kränkungen, der Liebe, mit dem Staate, mit seiner Vergrößerung, seinen Gewalttaten, seinen Todesstrafen und Kriegen einleuchtend sein. Das Bekenntnis des wahren Christentums schliesst nicht nur die Möglichkeit der Anerkennung des Staates aus, es zerstört auch seine Grundlagen. Wenn es aber so ist, und wenn es richtig ist, dass das Christentum mit dem Staate unvereinbar ist, so drängt sich natürlich die Frage auf, was ist notwendiger für das Glück des Menschen, die staatliche Lebensform oder ihre Aufhebung und Ersatz durch das Christentum? Die einen sagen, der Staat sei notwendiger für die Menschheit. Die Vernichtung der Staatsform würde eine Vernichtiung alles dessen nach sich ziehen, was die Menschheit geschaffen hat. Der Staat wird, wie er es war, auch in Zukunft die einzige Form der Entwicklung der Menschheit bleiben. Und all das Übel, das wir unter den Völkern sehen, die in staatlicher Form leben, rührt nicht von dieser Form her, sondern von Missbräuchen, die ohne die Vernichtung abgestellt werden können, und die Menschheit könne, ohne die Staatsform anzutasten, sich entwickeln und einen hohen Grad von Wohlfahrt erreichen. Die Menschen, die so denken, führen zur Bekräftigung ihrer Meinung, nur ihnen unwiderleglich scheinende philosophische, historische, ja sogar religiöse Beweise an. Aber es gibt Menschen, die das Gegenteil annehmen, dass nämlich, wie es eine Zeit gab, in der die Menschheit ohne staatliche Form lebte, diese Form eine vorübergehende sei, und dass eine Zeit kommen müsse, wo den Menschen eine neue Form Bedürfnis sein wird, und dass diese Zeit jetzt gekommen ist. Und die Menschen, die so denken, führen zur Bestätigung ihrer Ansicht ihnen unwiderleglich scheinende philosophische, historische, religiöse Beweise an. Man kann ganze Bände zur Verteidigung der ersten Ansicht schreiben (sie sind auch schon lange geschrieben und werden noch immer geschrieben.). Man kann aber auch viel dagegen schreiben. (Es ist auch, obwohl erst kurze Zeit, schon viel und Glänzendes dagegen geschrieben worden.) Man kann aber nicht, wie die Verteidiger des Staates behaupten, beweisen, dass die Vernichtung des Staates ein allgemeines Chaos nach sich ziehen wird, gegenseitigen Raub, Totschlag, Vernichtung aller gesellschaftlichen Einrichtungen und die Rückkehr der Menschheit zur Barberei. Noch kann man beweisen, wie die Gegner des Staates behaupten, die Menschen seien schon so vernünftig und gut geworden, dass sie einander nicht berauben und töten, dass sie einen friedlichen Verkehr den Feindseligkeiten vorziehen, dass sie selbst ohne jede Hilfe des Staates das schaffen werden, was sie brauchen werden, und dass deswegen der Staat nicht nur alles dies nicht fördert, sondern vielmehr unter dem Schein der Beschränkung der Menschen einen schädlichen und verderblichen Einfluss auf sie ausübt. Man kann mit abstrakten Betrachtungen weder das eine noch das andere beweisen, sondern die Frage steht so: Soll man diese Erfahrung machen oder nicht? Die Frage, ist die Zeit gekommen oder noch nicht gekommen, den Staat aufzulösen, wäre unlösbar, wenn es nicht ein zweites vitales Mittel gäbe, sie unwiderleglich zu lösen. Ganz unabhängig von der Beurteilung dessen, ob die Jungen eines Nestes so weit sind, um die Bruthenne fortzujagen, ob die Kücklein aus dem Ei herauszulassen, oder ob sie dazu noch nicht reif sind, werden die unbestreitbaren Löser dieser Frage die Kücklein sein, wenn ihnen die Eierschalen zu eng geworden sind und sie anfangen, sie mit dem Schnabel zu durchstoßen und selbst herauskommen. So steht es mit der Frage, ob für die Menschen die Zeit gekommen oder noch nicht gekommen ist, die staatliche Form aufzuheben und sie durch eine neue zu ersetzen. Wenn der Mensch infolge eines in ihm erwachsenen höheren Bewusstseins nicht mehr die Forderungen des Staates erfüllen kann, nicht mehr Raum in ihm findet und gleichzeitig nicht mehr der Einschränkungen der Staatsform bedarf, so ist die Frage, sind die Menschen zur Auflösung der Staatsform reif oder nicht, von einer ganz anderen Seite gelöst und ganz so unwiderleglich wie für das Kücklein, das aus dem Ei schlüpft, in das es keine Kraft der Welt mehr zurückschicken kann, von den Menschen selbst, die dem Staate schon entwachsen sind und durch keine Macht mehr in ihn zurückgebracht werden können. "Es ist sehr wohl möglich, dass der Staat nötig war
und jetzt noch nötig ist für all die Zwecke, die ihr ihm
zuschreibt, sagt der Mensch, der sich die christliche Lebensauffassung
zu eigen gemacht hat. Ich weiß nur, dass einerseits der Staat
für mich nicht mehr nötig ist, und dass andererseits ich
nicht mehr die Dinge tun kann, die für die Existenz des Staates
nötig sind. Schaffet für euch das, was für euer Leben
nötig ist, ich kann weder die allgemeine Notwendigkeit, noch die
allgemeine Schädlichkeit des Staates beweisen, ich weiß nur,
was ich brauche und was ich nicht brauche, was ich kann und was ich
nicht kann. Ich weiß für meine Person, dass ich keine Scheidung
meiner Person von anderen Völkern brauche, und darum kann ich eine
ausschliessliche Zugehörigkeit zu irgendeinem Volke oder Staate
oder zur Untertanenschaft unter irgendeine Regierung nicht anerkennen.
Ich weiß für mich, dass ich alle Regierungseinrichtungen,
die innerhalb eines Staates geschaffen werden, nicht brauche. Und darum
kann ich die Menschen, die meiner Arbeit bedürfen, dieser nicht
berauben und sie in Form von Steuern, zu so viel ich weiß,
unnötigen und schädlichen Einrichtungen hergeben. Ich
weiß für mich, dass ich keine Verwaltung, keine Gerichte,
die von der Gewalt hervorgerufen werden, brauche, und darum kann ich
weder an dem einen, noch an dem anderen teilnehmen. Ich weiß
für mich, dass ich weder das Bedürfnis habe, andere
Völker zu überfallen und zu töten, noch mich mit der
Waffe in der Hand zu schützen. Darum kann ich nicht an den Kriegen und an den Vorbereitungen
dazu teilnehmen. Es ist sehr wohl möglich, dass es Menschen gibt,
die all das für nötig und unentbehrlich zu halten sich
gezwungen fühlen. Ich kann mit ihnen nicht streiten, ich
weiß nur für mich und ich weiß es unzweifelhaft, dass
ich es nicht brauche, und dass ich das nicht tun kann. Und ich brauche
es nicht zu tun, weil ich, ich für meine Person, es so will,
sondern weil es der nicht will, der mich ins Leben gesandt hat und mir
ein unzweifelhaftes Gesetz zur Richtschnur in diesem Leben gegeben hat:
Du sollst nicht töten. (Markus 10,19) Welche Beweise auch die Menschen dafür anführen
wollten, dass es schädlich sei, die Staatsmacht zu vernichten, und
dass diese Vernichtung Unheil mit sich brigen würde. Die Menschen.
die der staatlichen Form schon entwachsen sind, können in ihr
keinen Raum mehr finden, und wie viele und wie starke Gründe der
Notwendigkeit man auch den Menschen anführte, der der Staatsform
entwachsen ist, er kann nicht mehr zu ihr zurückkehren, er kann
nicht teilnehmen an den Dingen, die sein Bewusstsein verwirft, wie
ausgewachsene Kücklein nicht in die Eierschale zurückkehren
können, aus der sie herausgewachsen sind. "Wenn es aber auch so ist", sagen die Verteidiger der
bestehenden Ordnung," so wäre doch immerhin die Vernichtung der
staatlichen Gewalt nur dann möglich und wünschenswert, wenn
alle Menschen Christen würden. Bis dahin aber, so lange dies nicht
der Fall ist, solange unter den Menschen, die nur den Namen Christen
führen, unchristliche Menschen sind, böse Menschen, die um
ihres persönlichen Genusses willen bereit sind, die anderen zu
schädigen, wäre die Vernichtung der staatlichen Form nicht
nur kein Glück für die übrigen, sie würde nur ihre
Not vergrößern. Die Vernichtung der staatlichen Form des
Lebens ist nicht nur dann nicht wünschenswert, wenn es nur einen
kleinen Teil wahrer Christen geben wird. Sie ist sogar dann nicht
wünschenswert, wenn alle Christen sein werden, und wenn in ihrer
Mitte und rings um sie wie bei anderen Völkern unchristliche
Menschen bleiben werden, denn diese unchristlichen werden ungestraft
die Christen plündern, ihnen Gewalt antun, sie töten und ihr
Leben zu einer Qual machen. Es wird nur das eintreten, dass die Bösen ungestraft herrschen werden über die Guten und sie vergewaltigen. Darum darf die staatliche Macht nicht eher aufgehoben werden, als bis alle bösen begehrlichen Menschen in der Welt vernichtet sind. Da aber dies, wenn auch nicht nie, so doch noch lange nicht eintreten wird, so muss, ungeachtet der Versuche zur Befreiung einzelner Christen von der staatlichen Macht, diese macht von der Mehrzahl der Menschen aufrecht erhalten werden". So sprechen die Verteidiger des Staates. "Ohne Staat vergewaltigen die Bösen die Guten und herrschen über sie. Die Staatsmacht aber gibt den Guten die Möglichkeit, die Bösen niederzuhalten", sagen sie. Aber mit dieser Behauptung erklären die Verteidiger der bestehenden Ordnung schon im Vorhinein die Richtigkeit des Satzes, den sie beweisen müssen. Indem sie sagen, ohne die staatliche Macht wurden die Bösen über die Guten herrschen, sehen sie als bewiesen an, dass die Guten eben die seien, die gegenwärtig die Macht inne haben, und die Bösen eben die, die sich ihnen unterwerfen. Aber eben das muss doch bewisen werden. Das wäre doch nur richtig, wenn in unserer Welt das geschehe, was in China zwar nicht geschieht, aber doch vorausgesetzt wird, dass nämlich stets die Guten herrschen, und dass, sobald an der Spitze der Regierung Menschen stehen, die nicht besser sind als die, über welche sie herrschen, die Bürger die Pflichten haben, sie zu stürzen. So wird in China angenommen, in Wirklichkeit ist es aber nicht so und kann nicht so sein, denn um die Macht der gewalttätigen Regierung abzuschütteln genügt es nicht, das Recht dazu zu haben, man muss auch die Kraft dazu besitzen. Und so ist es auch in China nur eine Annahme. In unserer christlichen Welt aber hat man dies niemals auch nur angenommen. In unserer christlichen Welt gibt es gar keine Gründe, anzunehmen, dass die Besseren oder die Besten herrschen, und nicht die Menschen, die die Macht ergriffen haben und sie für sich und ihre Nachfolger festhalten. Die Macht aber ergreifen und festhalten können keineswegs die Besseren. Um die Macht zu erwerben und sie festzuhalten, muss man die Macht gerne haben. Machtstreben aber vereinigt sich nicht mit Güte, sondern mit den der Güte entgegengesezten Eigenschaften: mit Stolz, List und Grausamkeit. Ohne sich zu erhöhen und die anderen zu erniedrigen, ohne Heuchelei, ohne Lüge, ohne Gefängnisse, ohne Festungen, ohne Strafen und ohne Totschlag kann keine Macht aufkommen, noch sich erhalten. "Wollte man die staatliche Macht vernichten, so werden die Bösen Menschen über die weniger bösen herrschen," sagen die Verteidiger der Staatsherrschaft. Wenn aber die Ägypter die Hebräer (die Israeliten bzw. die Juden) unterworfen haben, die Perser die Ägypter, die Mazedonier die Perser, die Römer die Griechen, die Barbaren (Hunnen, Vandalen, Franken, Goten, Germanen) Rom, waren wirklich alle, die unterworfen haben, besser als die, die unterworfen wurden? Und ganz so ist es bei dem Übergang der Macht in einem Staate von einer Person an die andere. Ist die Macht immer an die Besseren gekommen? Als Ludwig XVI.
und Robespierre zur Macht gelangten und dann Napoleon, wer herrschte?
Die Besseren oder die Schlechteren? Wann herrschten die Besseren: als
die Versailler oder die Kommunards die Macht innehatten, oder als an
der Spitze der Regierung Karl I. oder Cromwell stand? Und als Peter
III. Zar war, oder als man ihn getötet hatte und in einem Teil
Russlands Zarin Katharina, im anderen Pugatschew die Zarengwalt
innehatten, wer war damals böse, wer gut? Alle Menschen, die sich
an der Macht befinden, behaupten, ihre Macht sei nötig, damit die
Bösen nicht die Guten vergewaltigen, und betrachten es als
selbstverständlich, dass sie eben die Guten seien, die die anderen
Guten vor dem Bösen schützen. Wenn man die mehr oder weniger Guten und die mehr oder weniger
Schlechten in der heidnischen Welt nicht unterscheiden kann, hat die
christliche Auffassung von Gut und Böse so klar die Merkmale des
Guten und des Schlechten definiert, dass man sie nicht mehr vermischen
kann. Nach der Lehre Christi sind die Guten die, die sich
demütigen, dulden, dem Übel nicht mit Gewalt widerstehen,
Kränkungen vergeben, die Feinde lieben; schlecht die, die sich
erhöhen, herrschen, kämpfen, den Menschen Gewalt antun. Und
darum gibt es nach der Lehre Christi keinen Zweifel, wo die Guten sind:
unter den Herrschenden oder unter den Demütigen, und wo die
Bösen sind, unter den Demütigen oder unter den Herrschenden.
Ja, es ist geradezu komisch, von machthabenden Christen zu sprechen. Und so hat sich eben das vollzogen, womit die Verteidiger der
Staatsordnung die Menschen einschüchtern, dass nämlich, wenn
es keine gewalttätige Macht gäbe, die Bösen über
die Guten herrschen würden. So hat es sich vollzogen und vollzieht
sich im Leben der Menschheit unaufhörlich, und darum kann die
Vernichtung der staatlichen Gewalt in keinem Falle die Ursache der
Vergrößerung der Gewalt des Bösen über die Guten
sein. "Die staatlche Gewalt kann nur dann aufhören, wenn die
bösen Menschen in der Gesellschaft vernichtet sind", sagen die
Verteidiger der bestehenden Ordnung und verstehen darunter, wie es
immer böse Menschen geben wird, so wird auch die Gewalt nicht
aufhören. Und das wäre richtig, aber nur dann, wenn auch das
wahr wäre, was sie voraussetzen, dass nämlich die
Gewalttätigen die Besseren seien, und das einzige Mittel, die
Menschen von dem Übel zu befreien, die Gewalt sei. Dann
könnte in der Tat die Gewalt nie aufhören. Da dies aber nicht
der Fall ist, sondern das Gegenteil, dass nämlich nicht die
Besseren die Schlechten, sondern die Schlechten die Guten
vergewaltigen, und dass außer der Gewalt, die das Böse nie
aus der Welt schafft, ein anderes Mittel vorhanden ist, die Gewalt zu
vernichten, so ist die Behauptung, dass die Gewalt nie aufhören
wird, unrichtig. 8Alphonse Karr
(1808 - 1890) war ein französischer Journalist, Satiriker und
Schriftsteller. Er gründete das satirische Magazin „Les
Guêpes“ („Die Wespen“), das zwischen 1839 und 1876 erschien. Als
erbitterter Gegner von Napoleon III. ging er nach dem Staatsstreich von
1851 nach Nizza ins Exil. Mögen die Mörder, sagen die Verteidiger der von den
Regierungen ausgeübten Gewalt, uns mit guten Beispiel vorangehen,
indem sie den Totschlag aufgeben, dann wollen auch wir ihn aufgeben.
Aber die Mörder sagen dasselbe, nur mit viel größerem
Recht. Die Mörder sagen: Mögen diejenigen, die sich
angemaßt haben, uns zu lehren und zu leiten, uns das Beispiel der
Abschaffung des Totschlags geben, dann werden auch wir ihnen folgen.
Und sie sagen das nicht im Scherz, sondern im Ernst, denn das ist
wirklich die Lage der Dinge. "Wir können die Gewalt nicht aufgeben, denn wir sind von
Gewalttätern umringt." Nichts verhindert in unserer Zeit mehr als diese falsche
Betrachtung den Fortschritt der Menschheit und die Aufrichtung einer
solchen Lebensordnung, wie sie der jetzigen Erkenntnis entspräche. Die Menschen, die die Macht innehaben, sind überzeugt
davon, dass die Menschen nur von der Gewalt getrieben und geleitet
werden. Darum wenden sie zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung
kühn die Gewalt an. Die bestehende Ordnung aber hält sich
nicht durch die Gewalt, sondern durch die öffentliche Meinung,
deren Wirksamkeit durch die Gewalt verletzt wird. Darum schwächt
und verletzt die Wirksamkeit der Gewalt eben das, was sie aufrecht
erhalten will. Im besten Falle, wenn die Gewalt nicht lediglich die
persönlichen Zwecke der Menschen verfolgt, die sich in der Macht
befinden, so verwirft und verdammt sie in der gleichen, starren Form
des Gesetzes das, was meistenteils schon weit früher durch die
öffentliche Meinung verworfen und verurteilt worden ist, nur mit
dem Unterschied, dass die öffentliche Meinung alle Handlungen, die
dem Sittengesetz widerstreben, leugnet und verurteilt, indem sie in
ihrem Urteil die verschiedensten Behauptungen zusammenfasst,
während das Gesetz, das durch die Gewalt aufrecht erhalten wird,
nur einen ganz bestimmte sehr enge Reihe von Handlungen verurteilt und
verfolgt und dadurch gewissermaßen alle Handlungen derselben
Ordnung rechtfertigt, die nicht in seinen Kreis gezogen sind. Aber nicht genug, dass die Gewalt die öffentliche Meinung
verdirbt. Sie weckt in den Menschen noch die gefährliche
Überzeugung, dass die Menschen nicht durch eine geistige Kraft,
die die Quelle jeden Fortschritts der Menschheit bildet, sondern durch
Gewalt, durch eben die Handlung, die nicht nur die Menschen die
Wahrheit näher bringt, sondern sie stets von ihr entfernt. Diese
Verirrung ist dadurch verderblich, dass sie die Menschen dahin
führt, mit Vernachlässigung der grundlegenden Kraft ihres
Lebens, ihrer geistigen Tätigkeit, alle ihre Aufmerksamkeit und
Tatkraft auf die Wirksamkeit der Gewalt hinzulenken, die
oberflächlich erfolglos und meist schädlich ist. Diese Verirring gleicht der, in der sich die Menschen befinden
würden, die einen Dampfwagen dadurch in Bewegung setzen wollen,
dass sie seine Räder mit den Händen drehen, ohne daran zu
denken, dass die Hauptursache seiner Bewegung die Ausbreitung des
Dampfes ist und nicht die Bewegung der Räder. Die Menschen, die
mit Händen und Hebeln die Räder drehen wollten, würden
damit nur den Schein einer Bewegung hervorrufen, sie würden nur
sie Räder verbiegen und dadurch die Möglichkeit einer
wirklichen Bewegung verhindern. Ganz so handeln die Menschen, die da glauben, vermöge der
äußeren Macht die Menschen vorwärts zu bewegen. Die Menschen sagen, ein christliches Leben ohne Gewalt
könne darum nicht fest gegründet sein, weil es wilde
Völker außerhalb der christlichen Gesellschaft gibt, in
Afrika, in Asien (viele stellen sogar die Chinesen als eine solche
Bedrohung unserer Zivilisation hin), und weil es so rohe und verderbte
und, nach der neuen Theorie der Vererbung, von Natur veranlagte
Verbrecher in den christlichen Gesellschaften gibt, und um diese und
jene Menschen von der Zerstörung unserer Zivilisation abzuhalten,
sei die Gewalt notwendig. Aber diese wilden Menschen außerhalb und innerhalb der
Gesellschaft, mit denen wir uns und andere einschüchtern, sind nie
von der Gewalt überwunden worden und werden auch jetzt nicht von
ihr überwunden. Die Völker haben sich andere Völker nie
durch Gewalt allein unterworfen. Stand ein Volk, das ein anderes
unterworfen hatte, auf einer niederen Stufe der Entwicklung, so
wiederholte sich immer der Vorgang, dass nicht dieses mit Gewalt seine
Lebensordnung eingeführt hat, dass es sich vielmehr stets der
Lebensordnung gefügt hat, die bei dem unterworfenen Volke
herrschte. Wenn irgendeines von den mit Gewalt unterjochten
Völkern unterworfen wurde, so geschah es durch die
öffentliche Meinung, nie durch die Gewalt, die vielmehr ein Volk
nur immer mehr und mehr erregt. Wenn solche Menschen in ganzen Völkern einem neuen
religiösen Bekenntnis zugeführt wurden und in ganzen
Völkern sich tauften oder zum Islam übergingen, so vollzog
sich diese Umwandlung nicht, weil die in der Macht befindlichen sie
dazu zwangen (Gewalt hat im Gegenteil öfter den Fortschritt nach
der entgegengesetzten Seite gefördert), sondern weil sie die
öffentliche Meinung dazu zwang. Völker aber, die mit Gewalt
gezwungen wurden, den Glauben der Sieger anzunehmen, haben ihn nie
angenommen. Dasselbe gilt von den rohen Elementen, die inmitten der
Gesellschaft leben: weder Vergrößerung noch Verminderung der
Strenge der Strafen, noch die Veränderung der Gefängnisse,
noch die Vergrößerung der Polizei, haben je die Zahl der
Verbrechen vermindert oder vergrößert. Sie vermindert sich
nur infolge der Veränderung der öffentlichen Meinung.
Keinerlei Strenge hat in vielen Ländern die Duelle und die
Blutrache ausgerottet. So viel man auch die Tscherkessen (kaukasisches
Volk) für Diebstahl straft, sie hören nicht auf, aus
Abenteuerlust zu stehlen, weil kein Mädchen einen jungen Mann
nimmt, der nicht seinen kecken Mut bewiesen hat, indem er ein Pferd
oder wenigstens einen Widder gestohlen hat. Wenn die Menschen aufhören werden, Zweikämpfe zu
führen, und die Tscherkessen, zu stehlen, so geschieht es nicht
aus Furcht vor den Strafen (die Furcht vor den Strafen erhöht nur
den Reiz der Abenteuerlust), sondern weil die öffentliche Meinung
sich verändern wird. Und so ist es auch bei allen anderen
Vorgehen. Gewalt kann nie das aus der Welt schaffen, was von der
öffentlichen Meinung anerkannt wird. Im Gegenteil, die
öffentliche Gewalt braucht nur der Gewalt schnurstracks zu
widersprechen, und sie vernichtet jede Handlung der Gewalt, wie dies
bei jedem Martyrium war und stes ist. Was geschehen würde, wenn man gegen die feindlichen
Völker und die verbrecherischten Elemente der Gesellschaft keine
Gewalt gebrauchte, das wissen wir nicht. Dass aber, die Anwendung von
Gewalt weder die einen noch die anderen überwindet, das wissen wir
nach einer langen Erfahrung. Wie will man auch mit Gewalt Völker
unterwerfen, deren ganze Erziehung, deren Überlieferungen alle,
ja, deren religiöse Lehre dahin führt, die höchste
Tugend im Kampf mit den Knechtenden und dem Streben nach Freiheit zu
sehen? Und wie will man mit Gewalt die Verbrecher inmitten unserer
Gesellschaft ausrotten, wenn das, was die Regierungen Verbrechen
nennen, von der öffentlichen Meinung als eine Heldentat angesehen
wird? Mit Gewalt kann man solche Völker und solche Menschen
ausrotten, wie das auch geschieht, unterwerfen kann man sie nicht. Das Schlimmste aller Dinge, die Grundkraft, die Menschen und
Völker bewegt hat und bewegt, war stets und ist nur eine
unsichtbare, unfassbare Kraft, die Resultate aller geistigen
Kräfte der bestimmten Gemeinschaft der Menschen und der ganzen
Menschheit, die sich in der öffentlichen Meinung ausspricht. Die Gewalt schwächt nur diese Kraft, hält sie auf,
entstellt sie und ersetzt sie durch eine andere, die
Vorwärtsbewegung der Menschheit nicht nur nicht nützliche,
sondern schädliche Wirksamkeit. Mit dem Christentum die wilden Menschen außerhalb der
christlichen Welt zu unterwerfen, also Zulus und Mandschuren und
Chinesen, die viele für Wilde halten, und die wilden Menschen, die
inmitten der christlichen Welt leben, gibt es nur ein einziges Mittel:
unter diesen Völkern die christliche, öffentliche Meinung zu
verbreiten, die nur durch christliches Leben, durch christliche Taten,
durch christliche Beispiele sich bildet. Die Menschen unserer Zeit aber
tun, um diese Menschen zu unterjochen, die vom Christentum noch nicht
unterworfen sind, gerade das Gegenteil von dem, was zum Ziele
führen kann, während sie nur dies eine einzige Mittel haben. Um dem Christentum die wilden Völker zu unterwerfen, die
uns nicht anrühren, und zu deren Unterdrückung wir durch
nichts berufen sind, beginnen wir, anstatt sie vor allem in Ruhe zu
lassen und im Falle der Notwendigkeit oder des Wunsches einer
Annäherung mit ihnen auf sie einzuwirken, durch ein christliches
Verhältnis zu ihnen, durch die christliche Lehre, durch wahrhaft
christliche Werke der Duldung, der Demut, der Enthaltung, der Reinheit,
der Brüderlichkeit, der Liebe, damit, bei ihnen neue Märkte
für unseren Handel zu eröffnen, die nur unseren Vorteil
bezwecken, nehmen wir ihnen ihren Boden, das heisst, wir berauben sie,
verkaufen ihren Wein, Tabak, Opium, das heisst, wir führen sie zur
Entartung und führen bei ihnen unsere Ordnungen ein, lehren sie
die Gewalt und alle ihre Methoden, das heisst, wir lehren sie das eine
tierische Gesetz des Kampfes befolgen, unter welches der Mensch nicht
mehr sinken darf. Wir tun alles das, was nötig ist, um ihnen das zu
verhüllen, was christlich in uns ist. Dann schicken wir zwei, drei
Dutzend Missionare zu ihnen, die scheußlichen kirchlichen Unsinn
schwatzen, und führen zum Beispiel dafür, dass es
unmöglich sei, die christlichen Wahrheiten auf das Leben
anzuwenden, diese unsere Erfahrungen bei der Bekehrung der Wilden zum
Christentum an. Dasselbe gilt auch für die sogenannten Verbrecher, die
inmitten unserer Gesellschaft leben. Um diese Menschen dem Christentum
zu unterwerfen, gibt es nur ein einziges Mittel: die christliche
öffentliche Meinung, die unter diesen Menschen nur durch die wahre
christliche Lehre gesichert werden kann, unterstützt vom wahren
christlichen Muster des Lebens. Und um diese christliche Lehre zu
predigen und sie durch das christliche Beispiel zu stützen,
errichten wir mitten unter diesen Menschen qualvolle Gefängnisse,
Guillotinen, Galgen, Hinrichtungen, Vorbereitungen zum Totschlag, auf
die wir alle unsere Kraft verwenden, schaffen wir für das untere
Volk götzendienerische Glaubenslehren, die sie betäuben
sollen. Es vollzieht sich da etwas ähnliches, wie es bei
sorgsamen, unwissenden Ärzten vorkommt, die einen durch die Kraft
der Natur genesenden Kranken erst in die schlechtesten hygienischen
Bedingungen bringen, ihn mit giftigen Arzneien den Magen füllen
und dann behaupten, der Kranke sei nur infolge ihrer hygienischen
Maßregeln und ihrer Kur nicht gestorben, während der Kranke
längst gesund gewesen wäre, wenn sie ihn in Ruhe gelassen
hätten. Die Gewalt, die man als das Werkzeug zur Aufrechterhaltung
einer christlichen Lebensordnung hinstellt, bringt nicht nur diese
Wirkung nicht hervor, im Gegenteil, sie verhindert die öffentliche
Ordnung, das zu sein, was sie sein könnte und sollte. Die
öffentliche Ordnung ist das, was sie ist, nicht dank der Gewalt,
sondern trotz ihr. Und darum ist die Behauptung der Verteidiger der bestehenden
Ordnung, dass, wenn die Gewalt kaum die schlechten, unchristlichen
Elemente der Menschheit davor bewahrt, uns zu überfallen, die
Beseitigung der Gewalt und ihre Ersetzung durch die öffentliche
Meinung die Menschheit nicht schützen würde, falsch. Falsch
darum, weil die Gewalt die Menschheit nicht schützt, sondern im
Gegenteil die Menschheit der einzigen Möglichkeit beraubt, sich
durch Bildung und Ausbreitung der christlichen öffentlichen
Meinung gegen die bestehende Lebensordnung wirksam zu schützen.
Nur bei der Beseitigung der Gewalt wird die christliche
öffentliche Meinung vor Verdrehungen geschützt sein, wird sie
die Möglichkeit ungehinderter Verbreitung erlangen, und die
Menschen werden ihre Kräfte nicht auf das richten, was ihnen nicht
nötig ist, sondern auf eine geistige Kraft, die sie lenkt. Aber wie soll man den augenscheinlichen, greifbaren Schutz der
Polizeimänner mit der Pistole aufgeben und sich auf etwas
Unsichtbares, Ungreifbares, auf die öffentliche Meinung verlassen?
Ist sie oder ist sie nicht vorhanden? Vor allem aber, diese Ornung der
Dinge, in der wir leben, kennen wir. Ob sie gut oder schlecht ist, wir
kennen ihre Mängel und sind an sie gewöhnt. Wir wissen, wie
wir uns zu verhalten haben, was wir in den gegenwärtigen
Verhältnissen zu tun haben. Was aber wird sein, wenn wir uns von
ihr lossagen und uns auf etwas Unsichbares, Ungreifbares, gänzlich
Unbekanntes verlassen? Und den Menschen erscheint diese Ungewissheit, in die sie
eintreten, wenn sie sich von den bekannten Ordnungen des Lebens
losgesagt haben, schrecklich. Gut ist es, die Ungewissheit
fürchten, wenn die Lage, die uns als gewiss bekannt ist, gesichert
und begründet ist. Aber unsere Lage ist nicht nur nicht gesichert,
sondern wir wissen unzweifelhaft, dass wir am Rande des Verderbens
stehen. Sollen wir uns schon fürchten, so fürchten wir uns
vor dem, was wirklich schrecklich ist, und nicht vor dem, was unserer
Vermutung schrecklich erscheint. Wenn wir uns fürcheten, eine Anstrengung zu machen, um
uns aus den verderblichen Verhältnissen zu reißen, nur weil
die Zukunft uns nicht völlig bekannt ist, gleichen wir den
Passagieren eines sinkenden Schiffes, die sich fürchten
würden, den Kahn zu besteigen, der sie ans rettende Ufer bringen
soll, und sich in der Kajüte zusammen drängen und nicht aus
ihr herauswollten; oder den Schafen, die aus Furcht vor dem Feuer, dass
das Gehöft ergriffen hat, sich unter dem Schuppen
zusammendrängen, und nicht zum offenen Tor hinausgehen. Kann man uns Menschen, die an der Schwelle eines Not und
Vernichtung drohenden Krieges innerer Revolution stehen, gegen den, wie
die sagen, die ihn vorbereiten, die Entsetzen des Jahres 1793 Spielwerk
sein werden (in der Französischen Revolution werden die Feinde der
Revolution mit allen Mitteln des Terrors und der Guillotine verfolgt),
von einer Gefahr sprechen, die uns von den Dahomens (Afrika), Zulus und
dergleichen droht, die in fernen Weltteilen leben und gar nicht daran
denken, uns zu überfallen, oder von den wenigen tausenden von uns
selbst benebelten und zerstörten Betrügern, Dieben und
Mördern, deren Zahl bei all unseren Gerichten, Gefängnissen
und Todesstrafen nicht abnimmt. Ausserdem ist diese Angst vor der Beseitigung des sichtbaren
Schutzes des Polizeimannes vornehmlich nur die Angst der Städter,
dass heisst, der Menschen, die in anormalen und künstlichen
Verhältnissen leben. Menschen, die in natürlichen
Verhältnissen leben, nicht in Städten, sondern inmitten der
Natur, im Kampfe mit ihr, leben ohne diesen Schutz. Sie wissen, wie
wenig sie die Gewalt schützen kann vor den sie umgebenden
wirklichen Gefahren. In dieser Furcht ist etwas Krankhaftes, das
vorzüglich von den lügenhaften Bedingungen abhängt, in
welchen die meisten von uns leben und aufgewachsen sind. Ein Psychiater erzählte einmal, im Sommer, als er aus dem
Krankenhaus kam, hätten ihn Geistekranke zur Tür auf die
Straße geleitet. Kommt mit mir in die Stadt, schlug ihnen der
Arzt vor. Die Kranken stimmten zu, und ein kleines Häuflein ging
mit dem Arzt. Je weiter sie aber vorwärts kamen in den
Straßen, auf denen eine freie Bewegung der gesunden Menschen sich
vollzog, desto zaghafter wurden sie, desto enger und enger
drängten sie sich an den Arzt und hielten ihn im Gange auf.
Endlich baten ihn alle, sie wollten zurück in ihr Kramkenhaus, zu
ihrer unvernünftigen, aber gewohnten Lebensweise, zu ihren
Wächtern, Schlägen, Zwangsjacken und Einzelzellen. So drängen auch die Menschen zu ihrer unvernünftigen
Lebensweise, zu ihren Fabriken, Gerichten, Gefängnissen,
Todesstrafen und Kriegen zurück, die das Christentum zur Freiheit,
zu einem uneingeschränkten, unvernünftigen Leben des
zukünftigen, kommenden Jahrtausends aufruft. Die Menschen sagen, was wird uns schützen, wenn die
bestehende Ordnung vernichtet wird? Wie werden diese neuen Ordnungen
sein, die an die Stelle der jetzigen treten? Solange wir nicht wissen,
wie unser Leben sich gestaltet, werden wir nicht vorwärts gehen
und uns nicht vom Platze rühren. Diese Forderung klingt, als wenn
ein Erforscher neuer Länder eine ausführliche Schilderung des
Landes verlangen würde, das er betritt. Wäre das Leben der einzelnen Menschen in dem Augenblick
des Übergangs von einem Lebensalter in das andere ihm
vollständig bekannt, er hätte keinen Grund, zu leben. So ist
es auch mit dem Leben der Menschheit. Hätte sie ein Programm des
Lebens, das sie bei dem Eintritt in ein neues Lebensalter erwartet, so
wäre das das sicherste Merkmal dessen, dass sie nicht lebt, nicht
vorwärts schreitet, sondern an eine Stelle festgewachsen ist. XI. Die christliche öffentliche Meinung keimt schon in unserer Gesellschaft und wird unvermeidlich die gewalthaberische Ordnung unseres Lebens zerstören. Wie das sein wird. Top Die Lage der christlichen Menschheit mit ihren
Gefängnissen, Foltern, Galgen, mit ihren Fabriken,
Kapitalanhäufungen, Steuern, Kirchen, Schenken, geduldeten
Häusern (Bordellen?), stetig wachsenden Rüstungen und den
Millionen betäubter Menschen, die wie Kettenhunde bereit sind,
sich auf die zu stürzen, auf die sie die Herren hetzen, wäre
entsetzlich, wenn sie vor allem ein Erzeugnis der Gewalt wäre.
Aber sie ist vor allem ein Erzeugnis der öffentlichen Meinung. Und
das, was von der öffentlichen Meinung geschaffen ist, kann nicht
nur von ihr zerstört werden, sondern wird auch von ihr
zerstört. Hunderte Millionen Geld, zehner Millionen disziplinierter
Menschen, Zerstörungswerkzeuge von furchtbarer Kraft bei einem zum
höchsten Grade der Vollkommenheit gebrachten Organisation, bei
einer ganzen Armee von Menschen, die dazu berufen sind, das Volk zu
betrügen und zu hypnotisieren, und all dies mit Hilfe der
Elektrizität (der modernen Technologie), die den Raum aufhebt,
Menschen untertan, die eine solche gesellschaftliche Ordnung nicht nur
als vorteilhaft für sich ansehen, sondern als eine solche, ohne
die sie unvermeidlich zu Grunde gehen müssen, und die darum alle
Kräfte ihres Geistes nur darauf richten, sie zu erhalten. Welch
eine unerschütterliche Kraft, sollte man glauben! Und doch braucht man sich nur vorzustellen, worauf das
hinauszielt und was niemand verhindern kann, dass unter den Menschen
mit gleicher Kraft und Allgemeingültigkeit, wie die heidnische
öffentliche Meinung, die christliche öffentliche Meinung
entstand und die heidnische abgelöst hat, dass der
größte Teil der Menschen sich ebenso der Teilnahme an
der Gewalt und ihrer Ausnützung schämt, wie sich die Menschen
jetzt des Betruges, des Diebstahls, der Bettelei, der Feigheit
schämen, und sofort hebt sich ohne Kampf und Gewalt diese
komplizierte und so mächtig scheinende Lebensordnung von selbst
auf. Und damit das geschehe, ist es nicht nötig, dass
irgendetwas Neues in das Bewusstsein der Menschen trete, sondern nur,
dass der Nebel schwinde, der den Menschen die wahre Bedeutung gewisser
Werke der Gewalt verhüllt, dass die wachsende christliche
öffentliche Meinung die abgelebte heidnische öffentliche
Meinung, welche die Werke der Gewalt duldet und rechtfertigt, an
Stärke übertreffe. Es ist nur nötig, dass die Menschen
dieselbe Scham über Werke der Gewalt empfinden, über die
Teilnahme an ihnen und über die Vorteile, die sie ihnen bieten,
wie sie jetzt Scham darüber empfinden, Betrüger, Diebe,
Feiglinge und Bettler zu sein und zu heißen. Und eben das
vollzieht sich nun. Wir bemerken es nur nicht, wie die Menschen auch
eine Bewegung nicht bemerken, wenn sie sich samt ihrer ganzen Umgebung
bewegen. Es ist wahr, die Lebensordnung bleibt in ihren Hauptzügen
eine ebenso gewalttätige, wie sie vor tausend Jahren war, und
nicht nur eine ebensolche, sondern in gewisser Beziehung, besonders in
den Vorbereitungen zum Kriege und in den Kriegen selbst, stellt sie
sich sogar noch grausamer dar. Aber die aufkeimende christliche
öffentliche Meinung, eben die, die bei einem gewiissen Grade der
Entwicklung die ganze heidnische Lebensordnung ablösen soll,
beginnt schon zu wirken. Der vertrocknete Baum steht scheinbar ebenso
fest da, wie er immer gestanden hat. Er scheint sogar noch fester zu
stehen, weil er härter ist, aber er ist morsch im Kern und nahe
dem Verfall. So verhält es sich auch mit der gegenwärtigen
gewalttätigen Lebensordnung. Die äußere Lage der
Menschen ist dieselbe. Die einen sind dieselben Gewalttäter, die
anderen dieselben Vergewaltigten, aber verändert ist die
Anschauung der Gewalttäter und der Vergewaltigten von der
Bedeutung und dem Werte der Stellung der einen und der anderen. Die gewalttätigen Menschen, dass heißt, diejenigen,
die an der Verwaltung teilnehmen, und diejenigen, die von der Gewalt
den Nutzen ziehen, das heißt, die Reichen, bilden nicht mehr, wie
das früher war, die Blüte der Gesellschaft und jenes Ideal
menschlicher Wohlfahrt und Größe, zu der früher alle
Vergewaltigten strebten. Jetzt streben die Vergewaltigten schon sehr
häufig nicht mehr nach der Stelle der Gewalttäter und ahmen
ihnen nach. Im Gegenteil, die Gewalttäter verzichten oft
freiwillig auf die Vorteile ihrer Stellung, wählen die Stellung
der Vergewaltigten und bemühen sich, in der Einfachheit des Lebens
den Vergewaltigten ähnlich zu sein. Und nicht nur die offenbar jetzt verachteten Ämter und
Stellungen, wie zum Beispiel der Spione, Agenten, der Geheimpolizei,
Lieferanten, Schenkwirte, die große Zahl der Stellung der
Gewalttäter, die man früher für ehrenhaft hielt, die
Polizei, die Hofleute, die Richter, administrative Stellungen,
Geistliche, Militärstellungen und Bankiers, werden nicht nur nicht
von allen für wünschenswert gehalten, sondern von einem
gewissen, höchst geachteten Kreise von Menschen verurteilt. Es
gibt schon Menschen, die freiwillig auf diese früher für
makellos gehaltenen Stellungen verzichten und ihnen weniger
vorteilhafte, aber nicht mit Gewalt verknüpfte Stellungen
vorziehen. Aber nicht nur Männer aus der Regierung, sondern auch
reiche Leute gibt es schon, die nicht nur aus religiöser
Empfindung, wie das früher war, sondern aus einer besonderen
Feinfühligkeit heraus für die aufkeimende öffentliche
Meinung auf ererbte Vermögen verzichten und es für gerecht
halten, nur das zu genießen, was sie mit eigener Arbeit erworben
haben. Die Stellung eines Teilnehmers an der Regierung und eines
Reichen gilt nicht mehr, wie das früher war, und wie es jetzt
unter den nichtchristlichen Völkern ist, als eine unzweifelhaft
ehrenvolle und achtenswerte Stellung, als eine Gnade Gottes. Die
feinfühligsten Menschen (meist sind sie auch die gebildetsten)
vermeiden diese Stellung und ziehen ihnen bescheidenere, aber von der
Gewalt unabhängige Stellungen vor. Die besseren jungen Leute ziehen in dem Alter, in dem sie noch
nicht von dem Leben verdorben sind und eine Laufbahn suchen, die
Tätigkeit eines Arztes, eines Technikers, eines Lehrers, eines
Künstlers oder eines Schriftstellers, ja sogar einfach eines
Landmannes (Bauern), der von seiner Arbeit lebt, Stellungen als Richter
in Verwaltungsämtern, als Geistliche oder Militärs, die von
der Regierung bezahlt werden, vor, oder auch die Stellung von Menschen,
die von ihren Einkünften leben. Die Mehrzahl der Denkmäler, die jetzt erreichtet werden,
wird nicht mehr Staatsmännern, nicht Generalen, viel weniger noch
Reichen errichtet, sondern Gelehrten, Künstlern, Erfindern und
Menschen, die nichts gemein haben mit den Regierungen, mit der Macht,
die häufig sogar im Kampfe mit ihr liegen. In der Dichtung werden
besungen, durch die plastische Kunst gefeiert, in Jubiläen
verherrlicht nicht so sehr Staatsmänner und Reiche, sondern
Gelehrte, Künstler... Die besseren Menschen unserer Zeit streben, in diese am
meisten geehrten Stellungen zu kommen, und darum wird der Kreis, aus
dem die Männer der Regierung und der Reichen hervorgehen, immer
kleiner und enger, so dass an Geist, Bildung und besonders an
sittlichen Eigenschaften die Menschen, die an der Spitze der Verwaltung
stehen, und die Reichen nicht mehr wie es einst war, die Blüte der
Gesellschaft bilden, sondern im Gegenteil unter dem Mittelmaß
stehen. In Russland wie in der Türkei, in Amerika wie in
Frankreich ist die Mehrzahl der Beamten, so oft auch die Regierungen
sich wechseln mögen, eigennützlich und käuflich und
steht auf einer so niedrigen Stufe der Sittlichkeit, dass sie selbst
den niedrigen Ansprüchen nicht genügen, die die Regierungen
an sie stellen. Oft kann man die naive Klage der Regierungsmänner
hören, dass die besseren Menschen durch einen sonderbaren Zufall,
wie sie meinen, stets in dem ihnen feindlich gesinnten Lager stehen.
Gerade als wenn man darüber murren wollte, dass aus irgendeinem
sonderbaren Zufall die Henker sich nicht aus den Feingebildeten und
besonders guten Menschen rekrutieren. Die Mehrzahl der reichen Leute bildet sich ebenso in unserer
Zeit nicht mehr aus den feinsten und gebildetsten Menschen der
Gesellschaft, wie das früher war, sondern aus rohen Sammlern von
Reichtümern, die nur damit beschäftigt sind, sich durch meist
unehrenhafte Mittel zu bereichern oder aus entarteten Erben dieser
Sammler, die nicht nur keine hervorstechende Rolle in der Gesellschaft
spielen, sondern in den meisten Fällen der allgemeinen Verachtung
anheimfallen. Aber auch diese Pflicheten erfüllen sie immer schlechter
und schlechter. Die Mehrzahl von ihnen hält sich nicht nur nicht
in der früheren, unerreichbaren Größe, sondern
demokratisiert sich vielmehr immer weiter und weiter, ja, enkanailliert
sich (d. h. sich mit der Kanaille, dem Pöbel, gemein machen),
indem sie das letzte äußere Prestige von sich werfen, das
heisst, das antasten, was sie berufen sind, aufrecht zu erhalten.
Dasselbe vollzieht sich mit dem Militär. Die Militärs
höheren Ranges verbreiten, anstatt die Rohheit und Grausamkeit zu
fördern, die für ihr Werk nötig sind, selbst im
Kriegerstande Bildung, predigen Menschlichkeit, teilen sogar oft die
sozialistischen Überzeugungen der Masse und verwerfen den Krieg. Bei der letzten Verschwörung gegen die russische
Regierung waren viele der Beteiligten Militärpersonen. Und diese
militärischen Verschwörer nehmen an Zahl immer mehr zu. Sehr
oft kommt es vor, wie in diesen Tagen, dass Soldaten, die herbeigerufen
waren, um die Bewohner zur Ruhe zu bringen, sich weigern, auf sie zu
schießen. Militärische Prahlsucht wird gerade von den
Militärs selbst verurteilt und dient oft zum Gegenstand des
Spottes. Ganz so ist es mit Richtern und Staatsverwaltern: die Richter,
die die Pflicht haben, zu richten und die Verbrecher zu verurteilen,
führen ihre Verhandlung in der Absicht, sie freizusprechen, so
dass die russische Regierung zur Aburteilung solcher Personen, die sie
zu verurteilen für notwendig hält, nie mehr die
gewöhnlichen Gerichte anruft, sondern dem sogenannten
Kriegsgericht überweist, das nur das Aussehen eines Gerichtes hat. Ebenso steht es mit den Staatsanwälten, die sich oft
weigern, anzuklagen, und sogar mit Umgehung des Gesetzes, statt
anzuklagen, diejenigen verteidigen, die sie anklagen sollten. Gelehrte
Juristen, die verpflichtet wären, die Gewalt der Machthaber zu
rechtfertigen, bestreiten immer mehr und mehr das Recht der Strafe und
setzen an dessen Stelle die Theorie der Unzurechnungsfähigkeit, ja
sogar der Nicht-Besserung, sondern der ärztlichen Behandlung
derjenigen, die man Verbrecher nennt. Die Gefängniswärter und
die Zuchthausaufseher werden meist die Verteidiger derjeneigen, die sie
peinigen sollten. Die Gendarmen und Häscher retten beständig
diejenigen, die sie zu Grunde richten sollten. Geistliche Personen predigen Duldsamkeit, oft sogar die
Verwerfung der Gewalt, und die Gebildeten unter ihnen bemühen
sich, in ihren Predigten die Lüge zu umgehen, die den ganzen Sinn
ihrer Stellung bildet, und die sie berufen sind zu predigen. Henker
verweigern die Erfüllung ihrer Pflicht, so dass in Russland
Todesurteile oft nicht vollzogen werden können, weil es an Henkern
fehlt, da trotz all der Vorteile, die diesen Menschen geboten werden,
die man aus den Zuchthäuslern wählt, sich immer weniger Leute
finden, die geneigt sind, Henker zu werden. Statthalter, Polizeiverweser (jemand der stellvertretend
für die Polizei handelt), Kommissare, Steuereintreiber und
Zollerheber geben sich oft in ihrem Erbarmen über das Volk
Mühe, Vorwände zu finden, um die Steuer von dem Volke nicht
einzutreiben. Reiche können sich nicht entschließen, ihren
Reichtum nur für sich anzuwenden, und verteilen ihn für
allgemeine Dinge. Gutsbesitzer gründen auf ihren Gütern
Krankenhäuser und Schulen. manche von ihnen verzichten sogar auf
den Besitz des Bodens und geben ihn Ackerbauern oder gründen
darauf Gemeinwesen. Großhändler und Fabrikanten gründen
Krankenhäuser, Schulen, Kassen, Altersversorgungen und Wohnungen
für ihre Arbeiter. Manche von ihnen gründen Genossenschaften,
in denen sie selbst mit den anderen Teilnehmern gleichgestellt sind.
Kapitalisten geben einen Teil ihres Kapitals für
gemeinnützige Zwecke, Bildungs-, Kunst- und menschenfreundliche
Institutionen ab. Viele, die nicht die Kraft besitzen, sich bei
Lebzeiten von ihren Reichtümern zu trennen, sagen sich nach dem
Tode in ihrem Testament von ihnen zu Gunsten gemeinnütziger
Einrichtungen los. Alle diese Erscheinungen könnte man als zufällige
ansehen, wenn sie nicht alle auf eine gemeinsame Ursache
zurückgeführt werden könnten. Und so könnte auch
als zufällig erscheinen, dass im Frühling auf manchen
Bäumen Knospen erblühen, wenn wir nicht wüßten,
dass die Ursache davon eine allgemeine ist, der Frühling, und
dass, wenn auf einzelnen Bäumen die Zweige anfangen schmiegsam zu
werden, dies sicherlich mit allen der Fall sein wird. Und so ist es mit der Erscheinung der christlichen
öffentlichen Meinung von der Bedeutung der Gewalt und dessen, was
darauf beruht. Wenn diese öffentliche Meinung schon manche
feinfühlige Menschen beeinflusst und jeden in seinem Berufe
veranlasst, auf Vorrechte, die ihm die Gewalt geggeben hat, zu
verzichten oder sie nicht auszunützen, so wird dieser Einfluss
auch weiter gehen und so lange dauern, bis er die ganze Tätigkeit
der Menschen verändert und sie in Übereinstimmung mit dem
christlichen Bewusstsein gebracht haben wird, dass schon in den
führenden Geistern der Menschheit lebt. Und wenn es jetzt schon Regierende gibt, die sich nicht
entschließen, mit Hilfe ihrer Macht irgendetwas selbst
vorzunehmen, und sich bemühen, so wenig wie möglich Monarchen
zu gleichen und vielmehr einfachen Sterblichen ähnlich zu sein,
und die es aussprechen, dass sie bereit sind, auf ihre Prärogative
(Vorrechte) zu verzichten und die ersten Bürger ihrer Republik zu
werden. Und wenn es schon solche Militärs gibt, die das ganze
Übel und die Sündhaftigkeit des Krieges begreifen, und die
nicht mehr auf Menschen fremder und eigener Nationalitäten
schießen wollen; und solche Richter und Staatsanwälte, die
die Verbrecher nicht anklagen und verurteien wollen; und solche
Geistliche, die sich von ihrer Lüge lossagen; und solche
Zollerheber, die sich bemühen, so wenig wie möglich zu
erfüllen, was sie zu tun berufen sind; und solche reichen Leute,
die sich von ihren Reichtümern lossagen, wird sich
unvermeidlich auch mit anderen Regierenden dasselbe vollziehen, mit
anderen Militärs, mit anderen richterlichen und geistlichen
Personen, mit anderen Zollerhebern und Reichen und es wird keine
Menschen mehr geben, die geneigt sein werden, diese Stellungen
einzunehmen. Es wird auch diese Stellungen der Gewalt nicht mehr geben. Aber nicht auf diesem einem Wege führt die
öffentliche Meinung die Menschen zur Vernichtung der bestehenden
Ordnung und zu ihrem Ersatz durch eine neue. In dem Maße wie die
Stellungen der Gewalt immer weniger und weniger anziehend werden und
immer weniger Leute sich finden, die bereit sind, sie einzunehmen,
desto mehr und mehr wird auch ihre Überflüssigkeit klar
werden. Die Regierenden und die Regierungen sind in der christlichen
Welt dieselben, die Heere, die Gerichte, die Zollerheber, die
Geistlichkeit, die Reichen, die Gutsbesitzer, die Fabrikanten und
Kapitalisten sind dieselben wie bisher, aber das Verhältnis zu
ihnen ist schon ein ganz anderes, ebenso das Verhältnis der
Menschen selbst zu ihrer Stellung. Ganz wie früher geben die Regierenden sich
Zusammenkünfte, veranstalten sie Jagden, Festlichkeiten,
Bälle, tragen sie Uniform; ganz dieselben sind die Diplomaten, die
Verhandlungen über Bündnisse und Kriege, ganz dieselben die
Parlamente, in denen ganz ebenso die Orientfrage und die Kolonialfrage
verhandelt wird, Bündnisse und Friedensbrüche, Homerule
(autonome Selbstverwaltung) und Achtstundentag. Wie früher
löst ein Ministerium das andere ab, die Reden, die
Zwischenfälle sind ganz dieselben wie früher. Aber für
die Menschen, welche sehen, wie ein Zeitungsartikel die Lage der Dinge
mehr verändert als zehn Monarchenzusammenkünfte und
Parlamentssitzungen, wird es immer klarer und klarer, dass nicht diese
Zusammenkünfte und Begegnungen, nicht die Verhandlungen in
Parlamenten die Angelegenheiten der Menschen leiten, sondern etwas, was
von alledem unabhängig und nirgends zentralisiert ist. Die Staatsanwälte, die Richter, die Sitzungen sind
dieselben, aber es wird immer klarer und klarer, dass die Zivilgerichte
nach den verschiedensten Gründen entscheiden, nur nicht nach der
Gerechtigkeit, und dass die Kriminalgerichte keinen Sinn haben, weil
die Strafen auch nicht im geringsten das von den Richtern selbst
erstrebte Ziel erreichen, und daher diese Einrichtungen keine andere
Bedeutung haben, als dass sie ein Mittel der Ernährung von
Menschen bildet, die zu etwas Nützlicherem nicht fähig sind. Die Priester, die Erzpreister, die Kirchen, die Synoden sind
die gleichen. Aber allen wird es klarer und klarer, dass diese Menschen
längst selbst nicht mehr an das glauben, was sie predigen, und
darum können sie auch niemanden mehr davon überzeugen, dass
es notwendig sei, das zu glauben, was sie selbst nicht glauben. Die Steuereintreiber sind dieselben, aber sie werden immer
weniger fähig, durch Gewalt den Menschen ihren Besitz zu nehmen,
und es wird immer klarer und klarer, dass die Menschen ohne
Steuereintreiber durch freiwillige Ausschreibungen alles sammeln
können, was sie brauchen. Die Reichen sind dieselben, aber es wird immer klarer und
klarer, dass sie nur in dem Maße nützen können, indem
sie aufhören, die persönlichen Verwalter ihrer
Reichtümer zu sein und an die Gesellschaft alles oder wenigstens
einen Teil ihres Vermögens abgeben. Wenn all dies allen ganz klar geworden sein wird, werden sich
die Menschen naturgemäß selbst fragen: Wozu sollen wir alle
diese Könige, Kaiser, Präsidenten, Mitglieder verschiedener
Kammern und Ministerien ernähren und unterhalten, wenn bei all
ihren Zusammenkünften und Verhandlungen nichts herauskommt? Ist es
nicht besser, wie ein Spassvogel gesagt hat, eine Königin aus
Guttapercha (Kautschuk) zu machen? Und was sollen uns die Heere mit ihren Generalen, mit ihren
Musikern, mit ihrer Kavallerie und ihrem Trommeln? Wozu sind sie
nötig, wenn es keinen Krieg gibt, wenn niemand die Absicht hat,
Eroberungen zu machen, wenn sogar für den Fall, dass es Krieg
gibt, die anderen Völker den Vorteil davon nicht genießen
lassen und im eigenen Volke die Heere sich weigern, zu schießen? Und wozu sollen uns solche Richter und Staatsanwälte
dienen, die in Zivilsachen nicht nach Gerechtigkeit urteilen und in
Kriminalsachen selbst wissen, dass alle Strafen unnütz sind. Und
was sollen uns solche Steuereintreiber, die widerwillig die Steuern
einsammeln, und wenn das, was nötig ist, ohne sie gesammelt wird? Und haben sich die Menschen erst das gefragt, so müssen
sie zu dem Entschluss kommen, dass sie aufhören, alle diese
unnütz gewordenen Einrichtungen zu unterhalten. Aber nicht genug,
dass die Menschen, die diese Einrichtungen unterhalten, zu dem
Entschluss kommen werden, sie aufzugeben. Die Menschen selbst, die
diese Stellungen einnehmen, werden gleichzeitig oder noch früher
zu der Notwendigkeit geführt werden, diese Stellungen aufzugeben. Die öffentliche Meinung verdammt und verwirft immer mehr
die Gewalt, und darum nehmen die Menschen, da sie sich immer mehr und
mehr der öffentlichen Meinung unterordnen, immer weniger und
weniger gern diese Stellungen ein, die von der Gewalt gehalten werden,
und wenden die, die diese Stellungen einnehmen können, immer
weniger und weniger die Gewalt an. Wenn sie aber die Gewalt nicht
anwenden und doch in den Stellungen bleiben, die von der Gewalt bedingt
sind, werden die Menschen, die die Stellungen einnehmen, immer
überflüssiger. Diese Überflüssigkeit wird immer
mehr und mehr von denen empfunden, die die Stellung aufrecht erhalten,
und von denen, die sich in ihnen befinden, und wird endlich derart,
dass sich keine Menschen mehr finden, um die Stellungen aufrecht zu
erhalten, und keine, die sich entschlössen, sie einzunehmen. Ich wohnte einstmals in Moskau einem Meinungsaustausch
über den Glauben bei, wie er gewöhnlich am Sonntag nach
Ostern in der Kirche am Trödelmarkt stattfindet. Auf dem
Bürgersteig hatte sich ein Häuflein von etwa zwanzig Menschen
gesammelt und führte eine ernsthafte Unterhaltung über die
Religion. Zur gleichen Zeit fand ein Konzert in dem benachbarten
Gebäude der Adelsgesellschaft statt, und ein Polizeioffizier, der
das Volkshäuflein bemerkt hatte, schickte einen berittenen
Gendarmen ab und erteilte den Befehl, auseinanderzugehen. Der Offizier
hatte durchaus nicht nötig, die Leute auseinanderzutreiben. Die
versammelten zwanzig Menschen störten niemand, aber der Offizier
hatte den ganzen Morgen hier gestanden und musste doch etwas tun. Der Gendarm, ein junger Bursche, kam auf uns zu, den rechten
Arm keck in die Seite gestemmt und mit dem Säbel klirrend, und
befahl uns streng: "Auseinander! Wozu der Auflauf?" Alle sahen sich
nach dem Gendarmen um, und einer von den Plaudedernden, ein
bescheidener Mann, in einem langen, weiten Überrock, sagte ruhig
und freundlich: "Wir besprechen eine Angelegenheit und
wüßten nicht, warum wir auseinander gehen sollten, und du,
junger Mann, tätest besser, du stiegest herab und hörtest,
was wir besprechen. Es wird dir nützlich sein." Dann wandte er
sich ab und setzte das Gespräch fort. Der Gendarm wandte
schweigend sein Pferd um und ritt davon. Ganz so muss es in allen Dingen der Gewalt gehen. Der Offizier
langweilt sich, er hat nichts zu tun. Der Ärmste ist an einem
Platz gestellt, an dem es unbedingt irgendeine Anordnung geben muss.
Ihm ist jegliche Art menschlichen Lebens genommen. Er kann nur
Anordnungen geben und aufpassen, obgleich seine Anordnungen und sein
Aufpassen ganz unnütz sind. In der gleichen Lage befinden sich zum
Teil schon jetzt und werden sich in kurzer Zeit alle die
unglücklichen Regenten, Minister, Parlamentsmitglieder,
Statthalter, Generale, Offiziere, Erzpriester und Geistliche, ja sogar
alle Reichen befinden. Sie haben nichts anderes als Anordnungen zu treffen, und sie
treffen Anordnungen. Sie schicken ihre Gesandten, wie der Offizier den
berittenen Gendarm, um die Menschen zu stören. Und da die
Menschen, die sie stören, sich mit der Bitte an sie wenden, sie
möchten sie nicht stören, so glauben sie, sie seien unbedingt
nötig. Aber die Zeit naht heran und wird kommen, wo es allen
völlig klar sein wird, dass sie zu nichts nütze und den
anderen Menschen nur im Wege sind. Und die Menschen, die sie
stören, werden ihnen freundlich und milde sagen, wie der Mann im
Überrock. "Stört uns, bitte, nicht." Die Zeit naht heran und kommt unvermeidlich, wo all die
gewalthaberischen Einrichtungen unserer Zeit aufhören werden, weil
für alle ihre Überflüssigkeit, ihre Unsinnigkeit, ja
ihre Anständigkeit einleuchtend geworden sein wird. Die Zeit wird
kommen, wo an den Menschen unserer Sphäre, die die Stellungen
einnehmen, die die Gewalt gibt, sich das vollzieht, was in Andersens
Märchen "von dem neuen Kleide des Königs" erzählt wird,
wo ein kleines Kind beim Anblick des unbekleideten Königs in
seiner Harmlosigkeit rief: "Seht, er ist nackt." und nun alle, die das
vorher auch gesehen, aber nicht ausgesprochen hatten, es nicht mehr
verbergen konnten. Das Märchen erzählt: Zu einem König, der gern
neue Kleider trägt, kommen Schneider und versprechen, ihm
außerordentliche Kleider zu machen. Der König dingt die
Schneider und sie beginnen zu nähen. Sie sagen aber, eine
besondere Eigentümlichkeit ihres Kleides sei die, dass jemand, der
für sein Amt nicht tauge, die Kleider nicht sehen könne. Die
Hofleute kommen herbei, um die Arbeit der Schneider zu betrachten, und
sehen nichts, denn die Schneider fahren mit ihren Nadeln durch die
Luft. Da sie aber die Bedingungen kennen, sagen alle Beamten, sie
sähen die Kleider, und loben sie. Ebenso der König. Da kommt
die Zeit der Prozession, in der der König in seinem neuen Kleide
mitgehen soll. Der König kleidet sich aus und legt die neuen
Gewänder an, das hesst, er bleibt nackt und geht nackt durch die
Stadt. Da die Hofleute aber die Bedingung kennen, wagt niemand von
ihnen zu sagen, der König habe keine Kleider an, bis endlich das
kleine Mädchen schreit: "Seht, er ist nackt!" Ganz dasselbe muss mit all denen geschehen, die aus
Trägheit Stellungen einnehmen, die längst
überflüssig geworden sind, wenn der erste, der kein Interesse
daran hat, um nach dem Sprichwort: "Eine Hand wäscht die andere",
die Überflüssigkeit dieser Einrichtungen zu verbergen, auf
ihre Unnützlichkeit hinweisen und harmlos ausrufen wird: "Diese
Menschen sind schon lange gänzlich überflüssig." Die Lage des christlichen Menschen mit seinen Festungen,
Kanonen, Dynamitbomben, Torpedos, Gefängnissen, Galgen, Kirchen,
Fabriken, Zollkammern, Palästen ist wirklich entsetzlich, aber die
Festungen und Kanonen und die Gewehre schießen doch nicht von
selbst, die Gefängnisse schließen niemand von selbst ein.
Die Galgen hängen niemanden. Die Kirchen betrügen niemand.
Die Zollkammern halten niemand im Wege auf. Die Paläste und
Fabriken erbauen sich nicht selbst und erhalten sich nicht selbst.
Alles das machen die Menschen. Wenn aber die Menschen erst begriffen haben, dass sie dies
nicht tun dürfen, so wird es auch nichts von alledem geben. Und
die Menschen fangen schon an, dies zu begreifen. Wenn es noch nicht
alle begreifen, so begreifen es doch die führenden Menschen, denen
die anderen nachfolgen, und es ist nicht mehr möglich, dass sie
aufhörten zu begreifen, was die führenden Menschen einmal
begriffen haben. Die übrigen Menschen aber können nicht nur,
sondern müssen unbedingt das begreifen, was die führenden
Menschen begriffen haben. Und so wird die Prophezeiung, dass einst die Zeit kommt, wo
alle Menschen von Gott erfüllt sein werden, und wo sie den Krieg
meiden, wo sie ihre Schwerter umschmieden werden in Pflugscharen und
ihre Speere in Sicheln, das heist, in unsere Sprache übersetzt, wo
alle Gefängnisse, Festungen, Kanonen und Paläste leer, alle
Galgen, Gewehre und Kanonen außer Gebrauch sein werden, kein
Traum mehr sein, sondern eine bestimmte neue Form des Lebens, der mit
immer gesteigerter Schnelligkeit die Menschen sich nähert. Wann aber wird das sein? Vor achtzehnhundert Jahren hat
Christus auf diese Frage geantwortet. Das Ende dieses Zeitalters, das
heisst, der heidnischen Ordnung dieser Welt wird kommen (Matthäus
24, 3-28), wenn die Not der Menschen bis zum äußersten
gestiegen ist und mit ihm wird die freudige Botschaft von dem Reiche
Gottes, das heisst, die Möglichkeit einer neuen,
nicht-gewalthaberischen Ordnung des Lebens über alle Lande
verkündet werden. Von dem Tage und von der Stunde aber weiß
niemand, sondern allein mein Vater (Matthäus 24,36), sagt
Christus, denn sie kann kommen zu jeder Zeit, zu jeder Stunde, auch
dann, wo wir sie nicht erwarten. Auf die Frage, wann diese Stunde kommt, sagt Christus, wir
können es nicht wissen, aber eben weil wir die Zeit nicht wissen
können, da diese Stunde kommt, müssen wir nicht nur stets
bereit sein, ihr entgegenzugehen, wie der Herr stets bereit sein muss,
der das Haus hütet, wie die Jungfrauen bereit sein müssen,
die den Bräutigam mit ihren Lampen erwarten. Wir müssen auch
aus allen Kräften, die uns gegeben sind, daran arbeiten, damit die
Zeit komme, wie die Arbeiter arbeiten mussten für die ihnen
gegebenen Talente (Matthäus 24, 43; 25,1-13; 25,14-30). Auf die
Frage, wann die Stunde kommt, ermahnt Christus die Menschen aus allen
Kräften daran zu arbeiten, sie so schnell als möglich
herbeizuführen. Und eine andere Antwort kann es nicht geben. Die Zeit, da der
Tag und die Stunde des Gottesreiches kommt, können die Menschen
nicht wissen, weil das herannahen dieser Stunde von keinem anderen
abhängt als von den Menschen selbst. Die Antwort ist dieselbe wie
die Antwort des Weisen, der auf die Frage des Wanderers: "Ist es noch
weit zur Stadt?" antwortet: "Gehe". Wie können wir wissen, ob es weit ist zu dem Ziel, dem
sich die Menschheit nähert, wenn wir nicht wissen, wie die
Menschheit auf dieses Ziel zuschreitet, die Menschheit, von der es
abhängt, zu gehen oder nicht zu gehen, still zu stehen, ihren
Schritt zu mäßigen oder zu beschleunigen. Alles, was wir
wissen können, ist, was wir, die wir die Menschheit bilden, tun
müssen, und was wir nicht tun müssen, damit das Reich Gottes
komme. Und das wissen wir alle. Nur muss ein jeder beginnen zu tun, was
wir tun müssen, und aufhören zu tun, was wir nicht tun
dürfen. Es muss ein jeder von uns, in dem Lichte leben, das in uns
ist, auf das die nahe Zukunft, das verheißende Reich Gottes
komme, dem Herz jedes Menschen zustrebt. XII. Schluß
1. Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nah, vor der Tür Top Ich hatte diese zweijährige Arbeit beendet. Da suchte ich am 9. Dezember mit der Eisenbahn einen Ort auf, wo im vorigen Jahr die Hungersnot geherrscht hatte und in diesem Jahr die Bauern noch schlimmere Hungersnot litten, in den Gouvernements Tula und Rjasan (etwa 200 km südlich bzw. südöstlich von Moskau). Auf einer Station begegnete der Zug, mit dem ich fuhr, einen Extrazug, der unter Führung des Statthalters Soldaten mit Waffen, Kriegspatronen und Ruten zur Züchtigung und Tötung dieser hungernden Bauern brachte. Die Züchtigung der Leute mit Ruten, um sie zur Ausführung der Beschlüsse der Behörden zu bringen, ist in Russland, obwohl das Gesetz die körperliche Strafe vor dreißig Jahren aufgehoben hat, in letzter Zeit immer häufiger angewandt worden. Ich hatte davon gehört, hatte sogar in den Zeitungen von schrecklichen Züchtigungen gelesen, denen, wie es hieß, der Gouverneur von Nishnij-Nowgorod (Maxim Gorki wurde dort geboren), Baranow, sich rühmte, von Züchtigungen, die in Astrachan und Orel vorgekommen sein sollen, nie aber hatte ich Gelegenheit gehabt, wie jetzt, Menschen bei der Ausführung dieser Dinge zu sehen. Nun sah ich von Angesicht zu Angesicht gute, von christlichem Geist durchdrungene, russische Männer mit Waffen und Ruten, die hinfuhren, um ihre hungernden Brüder zu züchtigen und zu töten. Der Grund, warum sie hinfuhren, war folgender: Auf einem der Güter eines reichen Besitzers hatten die Bauern auf einem ihnen und dem Gutsherrn gehörenden Weideland einen Wald, der im Wachsen war, unter ihren Schutz genommen und sich stets seiner bedient. Darum sahen sie diesen Wald als ihren an oder wenigstens als gemeinsamen Besitz. Der Gutsherr aber eignete sich den Wald an und begann ihn zu fällen. Die Bauern reichten eine Klage ein. Der Richter der ersten Instanz entschied die Angelegenheit mit Unrecht (ich sage mit Unrecht nach den Worten des Staatsanwaltes und des Gouverneurs, Leute, die die Sache verstehen müssen), zu Gunsten des Besitzers. Alle späteren Instanzen, auch der Senat, bestätigten, wiewohl sie sehen konnten, dass die Sache zu Unrecht entschieden war, den Beschluss, und der Wald wurde dem Gutsbesitzer zugesprochen.. Der Gutsbesitzer begann den Wald zu fällen. Die Bauern aber, die nicht glauben konnten, dass die höchsten Behörden eine so augenscheinliche Ungerechtigkeit gegen sie hätten verüben können, fügten sich der Entscheidung nicht, verjagten die Arbeiter, die ausgeschickt waren, den Wald zu fällen, und erklärten, der Wald gehöre ihnen, und sie würden bis zum Kaiser gehen und würden den Wald nicht fällen lassen. Die Sache wurde nach Petersburg gemeldet (Sankt Petersburg war zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert die Haupstadt Russlands. Von 1924 bis 1991 hieß sie Leningrad), und von dort aus wurde dem Statthalter Befehl erteilt, den Gerichtsbeschluss zur Ausführung zu bringen. Der Staahalter bat um Militär. Und so kamen die Soldaten mit Gewehren, mit Bajonetten, mit Kriegspatronen ausgerüstet und überdies mit einem Vorrat an Ruten, die absichtlich zu diesem Zwecke vorbereitet waren und in einem der Waggons mitgeführt wurden, um den Beschluss der höchsten Behörde zur Ausführung zu bringen. Die Ausführung des Beschlusses der höchsten
Behörde aber vollzieht sich durch Totschlag, durch Züchtigung
von Menschen oder durch die Androhung des einen oder des anderen, je
nachdem sie Widerstand leisten oder nicht. Im ersten Falle, wenn die Bauern Widerstand leisten, vollzieht
sich in Russland, und dasselbe vollzieht sich überall, wo nur eine
staatliche Ordnung und ein Recht des Eigentums herrscht, vollzieht sich
in Russland folgendes: Der Vorgesetzte hält eine Rede und fordert
Gehorsam. Die aufgeregte Menge, die meist betrogen ist von ihren
Rädelsführern, versteht kein Wort von dem, was der Vertreter
der Macht in seiner Kanzlei- und Büchersprache sagt, und
fährt fort zu toben. Dann verkündet der Vorsitzende, wenn sie
nicht fügsam sein würden und auseinander gehen, würde er
genötigt sein, zu den Waffen zu greifen. Und wenn die Menge nun
nicht gehorcht und nicht auseinander geht, befiehlt der Vorgesetzte,
die Gewehre zu laden und über die Köpfe der Menge
hinzuschießen. Wenn die Menge immer noch nicht auseinander geht, befiehlt der
Vorgesetzte, mitten in die Menge hineinzuschießen, auf's
Geratewohl, und die Soldaten schießen. Die Straßen bedecken
sich mit Verwundeten und Toten. Dann rennt die Menge gewöhnlich
auseinander, und die Soldaten nehmen auf Befehl der Vorgesetzten
diejenigen gefangen, die ihnen als die Haupträdelsführer
erscheinen, und führen sie unter Bewachung ab. Dann sammelt man die blutigen, sterbenden, verstümmelten,
erschlagenen und verwundeten Männer, manchmal auch Frauen und
Kinder, auf. Die Toten begräbt man, die Verstümmelten schickt
man in das Krankenhaus. Die vermeintlichen Rädelsführer aber
bringt man in die Stadt und stellt sie unter ein besonderes
Kriegsgericht. Und wenn sie sich besonderer Gewalt schuldig gemacht
haben, werden sie zum Tode durch den Strang verurteilt. Man errichtet
einen Galgen und erwürgt feierlich mit Stricken wehrlose Menschen,
wie das so oft in Russland geschehen ist, wie es überall geschieht
und geschehen muss, wo die gesellschaftliche Ordnung auf der Gewalt
beruht. Im anderen Falle, in dem Falle, dass die Bauern sich
fügen, geschieht etwas Besonderes, etwas speziell Russisches. Es
geschieht folgendes: Der Statthalter, der an den Schauplatz der
Handlung gekommen ist, hält dem Hof die Rede, macht ihm
Vorwürfe wegen seines Ungehorsams und legt entweder die Soldaten
auf die Häuser des Dorfes, wo die Soldaten manchmal im Laufe eines
Monats durch ihre Einquartierung die Bauern herunterbringen, oder er
lässt es bei der Drohung bewenden, veranschiedet gnädig das
Volk und reitet davon. Er erklärt ihnen, dass die
Rädelsführer bestraft werden müssen, nimmt
willkürlich ohne Gericht eine gewisse Zahl von Menschen mit, die
er als die Rädelsführer bezeichnet, und vollzieht an ihnen
sofort die Züchtigung. Um eine Vorstellung davon zu geben, wie diese Dinge vor sich
gehen, will ich einen Fall beschreiben, der in Orel stattgefunden, und
der die Zustimmung der höchsten Behörde gefunden hat. Folgendes ist in Orel geschehen: Ganz wie hier, im
Gouvernement Tula, wollte ein Gutsbesitzer den Bauern ihr Eigentum
nehmen, und ebenso widersetzten sich auch hier die Bauern. Es handelte
sich darum: Der Besitzer wollte ohne Zustimmung der Bauern in seiner
Mühle das Wasser auf einer Höhe halten, bei der ihre Wiesen
überschwemmt wurden. Die Bauern widersetzten sich dem. Der
Gutsbesitzer klagte bei dem Landrat. Der Landrat entschied ungesetzlich
(wie dies später auch vom Gericht anerkannt wurde) zu Gunsten des
Besitzers und gestattete ihm, den Wasserspiegel zu erhöhen. Der Besitzer schickte Arbeiter an Ort und Stelle, um einen
Kanal zu graben, der das Wasser herleiten sollte. Die Bauern waren
über diese ungerechte Entscheidung aufgebracht und schickten ihre
Frauen hin, damit sie die Arbeiter des Besitzers in der Herstellung des
Grabens hinderten. Die Frauen gingen hin, warfen die Karren um und
jagten die Arbeiter fort. Der Gutsbesitzer klagte gegen die Frauen
wegen eigenmächtigen Vorgehens. Der Landrat erließ eine
Verfügung, nach der im ganzen Dorfe von jedem Hause je eine Frau
in ein "kaltes" Gefängnis gesteckt werden sollte. Der Beschluss
war nicht leicht auszuführen, da in jedem Hause mehrere Frauen
waren und man nicht wissen konnte, welche der Bestrafung unterliege,
und so brachte die Polizei den Beschluss nicht zur Ausführung. Der Besitzer klagte bei dem Statthalter über die
Lässigkeit bei der Polizei. Und der Staahalter gab, ohne die Sache
näher zu prüfen, dem Kommissar gemessenen Befehl,
unverzüglich die Weisung des Landrats auszuführen. Der
Kommissar gehorchte dem höheren Vorgesetzten, kam ins Dorf und
befahl mit der der russischen Behörde eigenen Nichtachtung von
Menschen den Schutzleuten, aus jedem Hause je eine Frau
herauszuschleppen. Da aber in jedem Hause mehr als eine Frau war und
man nicht wissen konnte, welche bestraft werden sollte, begann Streit
und Widerstand. Vor dem Gemeindehaus stand das Heer, eine Abteilung von
Polizisten mit roten Schnüren, an denen die Revolver hingen, die
bäuerlichen Beamten aus dem Dorfe und die Angeschuldigten. Rings
umher stand eine Menge Volk, tausend oder mehr Menschen. Der
Statthalter fuhr bei der Gemeindeverwaltung vor, stieg aus dem Wagen,
sagte eine vorbereitete Rede her, rief die Angeschuldigten heran und
befahl, eine Bank zu bringen. Dieser Befehl war anfangs
unverständlich. Aber der Polizist, den der Statthalter stets bei
sich hatte und dem die Organisation der Züchtigungen oblag, die
häufig im Gouvernement vorkamen, erläuterte, es handle sich
um eine Bank zum Prügeln. Man brachte die Bank, man brachte die Ruten, die man mit auf
dem Weg genommen hatte, und man rief die Henker heran.. (Die Henker
waren schon vorbereitet. Man hatte sie unter den Pferdedieben des
Dorfes gewählt, da die Soldaten sich geweigert hatten, den Befehl
auszuführen.) Als alles bereit war, befahl der Statthalter, dem
ersten von den zwölf Menschen, die der Gutsbesitzer als die
Schuldigen bezeichnet hatte, hervorzutreten. Es war ein Familienvater,
hochgeachtet in der Gemeinde, ein vierzigjähriger Mann, der stets
mannhaft für die Rechte der Gemeinde eintrat und daher die Achtung
der Dorfbewohner genoss. Man führte ihn an die Bank, entkleidete
ihn und befahl ihn, sich niederzulegen. Der Bauer suchte, um Schonung zu bitten. Da er aber sah, dass
es unnütz war, schlug er ein Kreuz und legte sich hin. Zwei
Polizisten stürtzten über ihn her, um ihn festzuhalten. Der
studierte Doktor stand daneben, bereit, die nötige ärztliche,
gelehrte Hilfe zu leisten. Die Häscher spieen in die Hände,
fuhren mit den Ruten durch die Luft und fingen an zu schlagen. Da
zeigte sich, dass die Bank zu schmal war, und dass es kaum
möglich war, den Gezüchtigten, der sich krümmte und
zusammenzog, darauf festzuhalten. Da befahl der Statthalter eine zweite Bank zu bringen und ein
Brett darauf zu schlagen. Die Leute legten die Hand an die Mütze,
sagten: "Zu Befehl, euer Exzellenz", und erfüllten eilig und
gehorsam den Befehl, während der halbnackte, bleiche,
gezüchtigte Mann die Brauen zusammenzog und zu Boden blickte und,
am ganzen Körper zitternd, mit entblößten Beinen
wartete. Als die zweite Bank herbeigebracht war, legte man ihn wieder
hin, und die Pferdediebe begannen von neuem, ihn zu schlagen. Mehr und
mehr bedeckte sich der Rücken, die Schenkel, die Waden, ja sogar
die Seiten des Gezüchtigten mit Striemen und Blutstellen, und bei
jedem Schlag erklang ein dumpfes Stöhnen, dass der
Gezüchtigte nicht unterdrücken konnte. Aus der Menge, die
rings umherstand, vernahm man das Schluchzen der Frauen, der
Mütter, der Kinder, der Verwandten des Gezüchtigten und aller
derer, die zur Strafe bestimmt waren. Der unglückselige, von seiner Macht berauschte
Statthalter, der nicht anders handeln zu können glaubte, bog die
Finger ein, zählte die Schläge, und hörte nicht auf,
Zigaretten zu rauchen. Dienstfertige Leute stürzten jedesmal
herbei, um ihn das angezündete Streichholz zu reichen. Nach
fünfzig Schlägen hörte der Bauer auf zu schreien und
sich zu rühren, und der Arzt, der in einem Staatsinstitut erzogen
war, um mit seinen wissenschaftlichen Kenntnissen seinem Kaiser und
seinem Vaterland zu dienen, trat an den Gezüchtigten heran,
fühlte den Puls, behorchte den Herzschlag und meldete dem
Vertreter der Macht, dass der Bestrafte das Bewusstsein verloren hatte,
und dass nach der Auffassung der Wissenschaft eine weitere
Züchtigung seinem Leben gefährlich werden könnte. Aber der unglückselige Statthalter, der schon ganz von
dem Anblick des Blutes berauscht war, befahl, fortzufahren, und die
Züchtigung wurde bis zu siebzig Schlägen fortgesetzt, eine
Zahl, die er aus irgendeinem Grunde glaubte erreichen zu müssen.
Nach den siebzig Schlägen sagte der Statthalter: "Genug! Der
nächste vor!" Nun hob man den enstellten Menschen mit dem
geschwollenen Rücken und dem verlorenen Bewusstsein auf, trug ihn
fort und brachte den zweiten herbei. Das Schluchzen und Stöhnen
der Menge wuchs. aber der Vertreter der Staatsgewalt fuhr fort in der
Züchtigung. So schlug man den zweiten, den dritten, den vierten, den
fünften, den sechsten, den siebten, den achten, den neunten, den
zehnten, den elften, den zwölften. Jeder erhielt siebzig
Schläge. alle baten sie um Schonung, stöhnten, schrien. Das
Schluchzen und Stöhnen der Weiber in der Menge wurde immer lauter
und herzzerreißender. Die Gesichter der Männer wurden immer
düsterer und düsterer. Rings umher aber standen die Soldaten.
Die Züchtigung hörte nicht auf, ehe das Werk in dem
Maße vollführt war, in dem es, Gott weiß aus welchem
Grunde, der Laune des unglückseligen, halb trunkenen verirrten
Menschen, den man Statthalter nannte, nötig erschien. Die Beamten,
die Offiziere, die Soldaten waren nicht nur zugegen, sondern nahmen
durch ihre Gewalt an diesem Werke teil und schützten die Ordnung
des Vollzugs dieses Staatsaktes gegen eine Verletzung durch die Menge. Als ich einen der Statthalter fragte, wozu sie diese
Züchtigungen vornehmen an Menschen, wenn sie sich doch schon
gefügt hätten und die Soldaten im Dorfe ständen,
antwortete er mir mit der bedeutenden Miene eines Mannes, der alle
Feinheiten staatsmännischer Weisheit kennt, es geschehe, weil man
durch Erfahrung weiß, dass die Bauern, wenn man sie nicht der
Züchtigung unterziehe, wieder gegen die Weisungen der Behörde
auftreten. Die Züchtigung aber, an einigen von ihnen vollzogen,
gebe den Beschlüssen der Behörde für immer Kraft. Und jetzt kam der Statthalter von Tula mit Beamten, Offizieren
und Soldaten, um ein gleiches Werk zu vollführen. Ganz ebenso, das
heisst, durch Totschlag oder Züchtigung, sollte eine Weisung der
höheren Behörde durchgeführt werden, die darin bestand,
einem jungen Burschen, einem Gutsbesitzer, der Hunderttausende an
jährlichen Einkünften hatte, noch dreitausend Rubel für
einen Wald zu beschaffen, den er auf betrügerischer Weise einer
ganzen Gemeinschaft von hungernden und frierenden Bauern genommen
hatte, damit er sein Geld in den Gasthäusern in Moskau, Petersburg
und Paris in zwei, drei Wochen durchbringen könne. Dies Werk zu
vollführen, fuhren die Leute, denen ich begegnet war. Das Schicksal hatte mich gewissermaßen absichtlich,
nachdem ich zwei Jahre hindurch meine Gedanken in einer und derselben
Richtung angestrengt hatte, zum ersten Mal im Leben auf diese
Erscheinung stoßen lassen, die mir mit voller Kraft in der Praxis
das zeigte, was mir in der Theorie längst klar geworden war, dass
nämlich die ganze Einrichtung unseres Lebens nicht auf gewissen
juristischen Grundlagen ruht, wie sich das die Menschen gerne
vorstellen, die die vorteilhaften Stellungen in der herrschenden
Ordnung genießen, sondern auf der einfachsten, gröbsten
Gewalt, auf Züchtigung und Totschlag des Menschen. Die Menschen, die eine größere Menge Kapital
besitzen oder die größere Gehälter beziehen, die man
von dem arbeitenden Volke sammelt, welches das Notwendigste entbehrt,
ferner, die Menschen, die, wie die Kaufleute, die Ärzte,
Künstler, Verwalter, Gelehrten, Kutscher, Köche, Schreiber,
Lakaien (Diener) und Anwälte, sich von diesen reichen Leuten
nähren, sie alle glauben gern daran, dass diese Previlegien, die
sie genießen, nicht eine Folge der Gewalt sind, sondern eine
Folge des vollständig freien und rechtmäßigen
Austausches von Leistungen, und dass diese Previlegien nicht in den an
den Menschen geübten Gewalttaten und Totschlägen ihre Quelle
haben, wie sie in Orel und an vielen Orten Russlands in diesem Sommer
vorgekommen sind und in ganz Europa und Amerika immer wieder vorkommen,
sondern dass sie mit diesen Gewalttaten auch nicht den geringsten
Zusammenhang haben. Und doch, wenn es vollkommen klar ist, dass die Mühle von
Orel dem Gutsbesitzer eine große Einnahme brachte, und der Wald,
den die Bauern gepflegt hatten, dem Gutsbesitzer übergeben wird
nur durch Gewalt und Totschlag oder Androhung beider, so muss auch das
klar sein, dass alle anderen Vorrechte der Reichen, die die Armen des
Notwendigsten berauben, auf derselben Grundlage beruhen müssen.
Wenn die Bauern, die des Bodens bedürfen zur Ernährung ihrer
Familie, den Boden, der an ihre Höfe grenzt, nicht bearbeiten, und
wenn dieser Boden, der imstande wäre, tausend Familien zu
ernähren, im Genusse eines Menschen, eines Russen, eines
Engländers, eines Österreichers, ist oder irgendeines
Großgrundbesitzers, der auf diesem Boden nicht arbeitet, und wenn
der Kaufmann, der in der Not bei einem Gutsbesitzer Getreide gekauft
hat, dieses Getreide sicher in seinen Speicher halten kann inmitten der
hungernden Menschen und es dreimal teurer an dieselben Gutsbesitzer
verkaufen kann, bei denen er es um den dritten Teil gekauft hat, so
leuchtet es ein, dass dies aus denselben Ursachen geschieht. Und wenn ein Mensch nicht vom anderen die billige Ware kaufen
kann von jenseits eines Bezirks, den man die Grenze nennt, ohne
dafür einen Zoll zu zahlen an Menschen, die gar keinen Anteil an
der Erzeugung der Ware haben, und wenn die Menschen genötigt sind,
die letzte Kuh für die Steuern herzugeben, die von den Regierungen
an ihre Beamten verteilt, zur Erhaltung von Soldaten aufgewandt wird,
die diese Zahler selbst totschlagen sollen, so ist es wohl
einleuchtend, dass auch dies, keineswegs infolge irgendwelcher
abstrakter Gesetze geschieht, sondern infolge derselben Dinge, die sich
in Orel vollzogen, die sich im Gouvernement Tula vollziehen können
und periodisch in der einen oder anderen Gestalt in der ganzen Welt
sich vollziehen, wo es eine Staatsordnung gibt und Reiche und Arme. Weil nicht bei allen auf Gewalt beruhenden Beziehungen des
Menschen Züchtigung und Totschlag vorkommt, reden die Menschen,
welche die Ausnahmeprevilegien der herrschenden Klassen genießen,
sich und anderen ein, dass die Previlegien, die sie genießen,
nicht von der Züchtigung und dem Totschlag herkommen, sondern von
irgendwelchen anderen geheimnisvollen, allgemeinen Ursachen, abstrakten
Rechten und so weiter. Indessen, sollte man meinen, ist es klar, dass,
wenn Menschen, die das für ungerecht halten (wie das jetzt alle
Arbeiter ansehen), den größten Teil ihrer Arbeit an den
Kapitalisten, an den Grundbesitzer abgeben und Steuern zahlen und dabei
wissen, dass diese Steuern schlecht angewandt werden, diese Menschen
dies vor allem nicht aus der Erkenntnis irgendwelcher abstrakten
Gesetze tun, von denen sie nie etwas gehört haben, sondern nur,
weil sie wissen, dass man sie schlagen und töten wird, wenn sie es
nicht tun. Wenn es aber nicht jedesmal vorkommt, dass man Menschen ins
Gefängnis wirft, dass man Menschen schlägt und tötet,
wenn von dem Gutsbesitzer der Pachtzins für den Boden eingetrieben
wird, und der Getreidebedürftige dem Kaufmann, der ihn
betrügt, den dreifachen Preis zahlt, und der Fabrikarbeiter
zufrieden ist mit einem Lohne, der verhältnismäßig
zweimal so klein ist wie die Einnahmen des Herrn, und wenn der arme
Mann seinen letzten Rubel für Zoll und Steuern vergibt, so kommt
das daher, dass man schon so viele Menschen geschlagen und getötet
hat für ihre Versuche, nicht das zu tun, was man von ihnen
verlangt, und dass sie das sehr gut im Gedächtnis haben. Wie der gezähmte Tiger im Käfig nicht das Fleisch
nimmt, das man ihm unter das Maul legt, und nicht ruhig liegt, sondern
über den Stock springt, wenn man es befiehlt, nicht etwa, weil er
das gern tut, sondern weil er die glühenden Eisenstangen oder den
Hunger im Gedächtnis hat, zu dem man ihn gezwungen hat, so oft er
ungehorsam war. So tun es auch die Menschen, die sich dem unterwerfen,
was ihnen schädlich, ja verderblich ist, und was sie für
ungerecht halten, dies nur, weil sie in Erinnerung haben, was ihnen
geschehen ist für den Widerstand, den sie einmal geleistet haben. Man braucht nur an das unaufhörliche, stetige Bestreben
aller Menschen nach der Vergrößerung ihres Wohlstands zu
denken, dass die Menschen unserer Zeit leitet, um sich zu
überzeugen, dass die Vorrechte der Reichen von den Armen durch
nichts anderes aufrecht erhalten werden können. Der Zug, dem ich am 9. September begegenete, der Soldaten Waffen, Patronen und Ruten zu den hungrigen Bauern führte, um dem reiche Gutsbesitzer einen kleinen Wald zu sichern, den er den Bauern genommen hatte, den er nicht brauchte, und den die Bauern sehr nötug brauchten, bewies mit überraschender Deutlichkeit, bis zu welchem Grade in den Menschen die Fähigkeit entwickelt ist, Dinge zu vollbrigen, die ihrer Überzeugung und ihrem Gewissen auf's schärfste widersprechen, ohne es auch nur zu bemerken. Der Extrazug, dem ich begegnete, bestand aus einem Waggon erster Klasse für den Statthalter, die Beamten und Offiziere und aus einigen Gepäckwagen, die mit Soldaten vollgestopft waren. Die kecken, jungen Burschen von Soldaten in ihren neuen
Uniformen standen zusammengedrängt oder saßen mit
herabgelassenen Beinen in den breit geöffneten Türen der
Gepäckwagen. Die einen rauchten, die anderen plauderten,
scherzten, lachten mit breitem Munde. Wieder andere kauten
Sonnenblumensamen und spieen ihn überlegen aus. Einige von ihnen
liefen über die Plattform auf eine Tonne mit Wasser zu, um zu
trinken, und wenn sie den Offizieren begegneten, mäßigten
sie ihren Schritt, machten ihre törichte Bewegung, die Hand an der
Stirn, und gingen mit ernsten Gesichtern, als täten sie etwas, was
nicht nur vernünftig, sondern sehr wichtig wäre, an ihnen
vorüber und folgten ihnen mit ihren Blicken. Dann stürzten
sie noch lustiger vorwärts, so dass ihre Schritte über die
Bretter der Plttform hallten, und lachten und schwatzten wie gesunde,
gute Burschen es zu tun pflegten, die in heiterer Gesellschaft von
einem Orte nach dem anderen fahren. Sie fuhren hin, um ihre hungrigen Väter und Verwandten zu
töten, wie man zu einer heiteren oder wenigstens ganz
gewöhnlichen Sache fährt. Denselben Eindruck machten auch die
geputzten Beamten und Offiziere, die auf der Plattform und in dem
Wartesaal erster Klasse zerstreut waren. An einem mit Flaschen
besetzten Tisch saß in seiner halb militärischen Uniform der
Statthalter, der Führer der ganzen Expedition, aß etwas und
plauderte dabei mit den Bekannten, die ihm begegneten, ruhig über
das Wetter, als wäre die Aufgabe, die ihn erwartete, etwas so
Einfaches und Gewöhnliches, dass es seine Ruhe und sein Interesse
an der Witterung nicht berühren könnte. Nicht weit von dem Tisch saß, ohne etwas zu
genießen, der General der Gendarmerie mit undurchdringlichem,
aber finsterem Gesicht, als ob er über die Formalität
verdrießlich wäre, die ihm überflüssig wurde. Von
allen Seiten kamen mit lebhaftem Geräusch die Offiziere in ihren
schönen goldbestickten Uniformen herbei. Die einen saßen am
Tisch und tranken ihre Flasche Bier, andere standen am Buffet und
kauten Piroggen (gefüllte Teigtasche aus Hefe- oder
Blätterteig), ein dritter schüttelte die Brosamen
(Krümel) ab, die auf die Brust der Uniform gefallen waren und warf
mit kecker Gebärde sein Goldstück hin. Ein vierter ging
hüpfend vor den Waggons unseres Zuges auf und nieder und
betrachtete die Frauengesichter. Alle diese Menschen, die zum Totschlag oder zur
Züchtigung der hungrigen und wehrlosen Menschen fuhren, die sie
ernähren, hatten das Aussehen von Leuten, die bestimmt wissen,
dass sie tun, was man tun muss, und sich sogar ein wenig mit dem
brüsten, was sie tun. Was ist das? Alle diese Menschen sind eine halbe Stunde von dem Ort
entfernt, wo sie, um dem reichen Burschen die ihm unnützen 3000
Rubel, die er einer ganzen Gemeinschaft hungriger Bauern genommen hat,
wiederzugeben, genötigt werden können, die schrecklichsten
Dinge zu tun, die man sich nur vorstellen kann. Sie können, wie
das in Orel war, unschuldige Menschen, ihre Brüder, töten
oder züchtigen, und sie nähern sich ganz ruhig dem Ort und
der Zeit, wo und wann das geschehen soll. Man kann nicht sagen, dass diese Menschen, alle diese Beamten,
Offiziere und Soldaten, nicht wüssten, was ihrer harrt und wozu
sie hinfahren, denn sie haben sich darauf vorbereitet. Der Statthalter
hat die Verfügungen treffen müssen wegen der Ruten, die
Beamten haben die Fichtenruten kaufen, behandeln und diesen Posten in
die Ausgabebücher eintragen müssen. Die Soldaten haben die
Befehle über die Patronen erteilen, empfangen und ausführen
müssen. Sie alle wissen, dass sie hinfahren, um ihre von Hunger zu
Tode gequälten Brüder zu züchtigen, vielleicht gar zu
töten, und dass sie dieses Werk vielleicht schon in einer Stunde
werden beginnen müssen. Zu behaupten, sie töten sie aus Überzeugung, wie man
gewöhnlich sagt, und wie sie selbst wiederholen, aus der
Überzeugung von der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der
staatlichen Ordnung, wäre ungerecht, 1. weil alle diese Leute wohl
kaum jemals auch nur an die staatliche Ordnung auch nur gedacht haben;
2. weil sie keineswegs überzeugt sein können, dass das Werk,
an dem sie teilnehmen, der Aufrechterhaltung, und nicht der
Zerstörung des Staates diene, und 3. weil in der Wirklichkeit die
Mehrheit dieser Menschen, wenn nicht alle, nicht nur niemals ihre Ruhe
und ihren Genuss opfern zur Aufrechterhaltung des Staates, sondern nie
eine Gelegenheit vorübergehen lassen, um auf Kosten des Staates
für ihre Ruhe und ihren Genuss alles auszunützen, was nur
ausgenützt werden kann. Es ist also nicht möglich, dass sie
dies aus dem abstrakten Prinzip des Staates heraus tun. Was aber ist das? Ich kenne ja doch alle diese Menschen. Wenn ich sie auch nicht
alle persönlich kenne, so kenne ich doch ungefähr ihre
Vergangenheit, ihre Denkungsart. Sie alle haben doch Mütter,
manche haben Frauen und Kinder. Sie sind doch größtenteils
gutherzige, mildgeartete, oft zartfühlende Menschen, die jede
Grausamkeit, geschweigen denn Totschlag, hassen. Viele von ihnen sind
gar nicht imstande, ein Tier zu töten oder zu quälen.
Überdies sind das alles Menschen, die das Christentum bekennen und
die Gewalt über wehrlose Menschen für feig und schmachvoll
halten. Nicht einer von diesen Menschen ist auch im gewöhnlichen
Leben nur imstande, um seines kleinen Vorteils willen ein Hundertstel
von dem zu tun, was der Statthalter von Orel den Menschen tat. Jeder
von ihnen wird sich vielmehr gekränkt fühlen, wenn man von
ihm voraussetzt, dass er im Privatleben irgendetwas Derartiges tun
könnte.Und sie sind doch nur eine halbe Stunde von dem Ort
entfernt, wo sie unweigerlich genötigt werden, das zu tun. Was ist das? Aber nicht nur diese Menschen, die in diesem Zug fahren, sind
zum Totschlag und zur Züchtigung bereit. Wie konnten die Menschen,
bei denen die ganze Sache begann, der Gutsbesitzer, der Verwalter, der
Richter und diejenigen, die aus Petersburg die Sache befohlen haben und
an ihr mit ihren Verfügungen teilnahmen, wie konnten diese
Menschen: der Minister, der Kaiser, ebenfalls gute Menschen, die das
Christentum bekennen, wie konnten sie ein solches Werk beginnen und
befehlen, da sie seine Folgen kennen? Wie können selbst die
Zuschauer, die an diesem Werke teilnehmen, die im Privatleben jede
Gewalt, jede Züchtigung eines Pferdes schon erregt, dulden, dass
ein so entsetzliches Werk geschehe? Wie können sie still dabei bleiben, ihm nicht in den Weg
treten und rufen: "Nein, wir dulden es nicht, dass man hungrige
Menschen dafür züchtige und töte, weil sie ihren letzten
Besitz nicht herausgeben wollen, den man ihnen auf betrügerische
Weise genommen hat. Wir dulden es nicht." Aber nicht nur, dass niemand
das tut, nein, die Mehrheit der Menschen, auch die, die das Werk
begonnen haben, wie der Verwalter, der Gutsbesitzer, der Richter und
die, die seine Teilnehmer und Anordner gewesen sind, wie der
Statthalter, der Minister, der Kaiser, sind vollkommen ruhig und haben
nicht einmal Gewissensbisse. Und ebenso ruhig sind offenbar auch
all die Menschen, die da hinfahren, die Übeltaten zu vollziehen. Was ist das? Zu behaupten, dass all diese Leute, die Anreger, die
Teilnehmer, die Dulder dieses Werkes solche Schurken sind, dass sei,
obwohl sie die Scheußlichkeit dessen kennen, was sie tun, die
einen für das Gehalt, für die Vorteile, und die anderen aus
Furcht vor der Strafe, ein Werk vollziehen, das ihren
Überzeugungen widerstrebt, das kann man auch nicht. Alle diese
Menschen wissen in bestimmten Lagen für ihre Überzeugungen
einzutreten. Keiner dieser Beamten wird ein Geldbeutelchen stehlen,
wird einen fremden Brief lesen, wird sich eine Beleidigung gefallen
lassen, ohne von dem Beleidiger Rechenschaft zu fordern. Auch nicht einer von diesen Offizieren wird seine Spielschuld
nicht bezahlen, einen Kameraden verraten, von dem Schlachtfeld
entfliehen oder die Fahne fortwerfen. Auch nicht einer von diesen
Soldaten wird das Abendmahl ausspeien oder auch nur Fleisch essen am
Karfreitag. Alle diese Leute sind eher bereit, Entbehrungen, Gefahren,
Leiden zu ertragen, als ein Werk zu vollziehen, dass sie für
schlecht halten. Es muss also in diesen Menschen eine Kraft der
Gegenwirkung stecken, wenn sie ein Werk vollführen sollen, das
ihrer Überzeugung widerstrebt. Noch weniger kann man sagen, dass alle diese Leute solche
Bestien seien, dass es ihnen sympathisch und nicht vielmehr schmerzlich
sei, solche Dinge zu tun. Man braucht nur mit diesen Leuten zu
sprechen, um zu erkennen, dass sie alle, sowohl der Gutsbesitzer wie
der Richter, der Minister wie der Zar, der Statthalter, die Offiziere
und die Soldaten im Grunde ihrer Seele nicht nur solche Dinge nicht
billigen, sondern unter dem Bewusstsein ihrer Teilnahme an ihnen
leiden, wenn man ihnen die Bedeutung der Sache nahe legt. Sie geben
sich nur Mühe, nicht daran zu denken. Man braucht nur mit ihnen zu sprechen, mit allen, die an
diesem Werke teilnehmen, vom Gutsbesitzer bis zum letzten Polizisten
und Soldaten, um zu sehen, dass sie alle in der Tiefe ihrer Seele
wissen, dass dieses Werk ein schlechtes ist, dass es besser wäre,
nicht daran teilzunehmen, und dass sie alle darunter leiden. Als eine liberale Dame, die mit uns im Zuge fuhr, im Wartesaal
erster Klasse den Statthalter und die Offiziere sah und gehört
hatte, weches der Zweck ihrer Reise sei, begann sie absichtlich laut,
so dass es alle hören mussten, die Verhältnisse unserer Zeit
zu schmähen und die Menschen zu beschämen, die an diesem
Werke teilnahmen. Es war allen unbehaglich zu Mute. Sie wussten alle
nicht, wo sie ihre Augen lassen sollten, aber niemand wagte ihr etwas
zu erwidern. Die anderen, die mit dem Zug gekommen waren, taten so, als
ob es sich nicht lohne, auf solche Reden zu erwidern. Aber man sah es
ihren umherschweifenden Augen an, dass sie sich alle schämten. Und
dasselbe beobachtete ich bei den Soldaten. Auch sie wussten, dass das
Werk, das sie zu vollbringen fuhren, häßlich war. Aber sie
wollten nicht an das denken, was ihrer harrte. Als der Holzhändler, und zwar, wie ich glaube,
unaufrichtig, nur um seine Bildung zu beweisen, darüber zu
sprechen begann, wie notwendig solche Maßregeln sind, wandten
sich alle Soldaten, die ihn hörten, von ihm ab, taten, als ob sie
nichts hörten, und runzelten die Stirn. Alle diese Leute, sowohl die, die wie der Gutsbesitzer, der
Verwalter, der Minister, der Zar, an der Vollführung dieses Werkes
teilnahmen, wie auch die, die jetzt in dem Zuge dahin fuhren, ja sogar
die, die ohne jede Teilnahme nur von der Seite her dem Vollzuge
zusehen, alle wissen, dass dies Werk ein schlechtes ist und
schämen sich ihrer Teilnahme, ja sogar ihrer bloßen
Anwesenheit. Warum also taten sie, tun sie und dulden sie es? Darüber befraget die, die, wie der Gutsbesitzer, das Werk
angeregt haben, die, die wie der Richter, eine zwar formell
gesetzliche, aber offenbar ungerechte Entscheidung gefällt haben,
und die, die die Ausführung der Entscheidung verfügt haben,
und die, die wie die Soldaten, Polizisten und Bauern, mit eigenen
Händen diese Dinge vollziehen werden, die ihre Brüder
schlagen und töten werden. Sie alle, die Anreizer, die
Helfershelfer, die Vollführer, die untätigen Zuschauer dieser
Verbrechen, alle werden im wesentlichen ein und dasselbe sagen. Die Menschen der niederen Schichten, die Bauern und Soldaten,
die, die mit ihren eigenen Händen die Gewalt werden vollziehen
müssen, weden sagen, sie tun das, weil dies von dem höheren
Vorgesetzten vorgeschrieben ist, und die höhere Behörde
weiß, was sie tut. Dass die Behörde aus eben den Personen
besteht, die höhere Vorgesetzte sein sollten, und dass sie
weiß, was sie tut, erscheint ihnen als unzweifelhafte Wahrheit.
Wenn diese unteren Vollzieher des Werkes auch die Möglichkeit
eines Irrtums oder einer Verwirrung zugeben, so geschieht es nur bei
niedrigen behördlichen Personen. Die höchste Behörde aber, von der alles ausgeht,
erscheint ihnen unzweifelhaft unfehlbar. Die behördlichen Personen
sowohl, wie die, die ihnen gehorchen, stimmen, wenn sie auch die Motive
ihres Handeln verschieden erklären, darin überein, dass sie
das, was sie tun, eben tun, weil die bestehende Ordnung eben die
bestehende Ordnung ist, die Notwendig ist und in der Gegenwart
herrschen muss, und die zu erhalten daher die heiligste Pflicht eines
jeden ist. Aus dieser Anerkennung der Notwendigkeit und daher
Unveränderlichkeit der bestehenden Ordnung beruht auch die immer
von allen Teilnehmern an den staatlichen Gewalttaten zu ihrer
Rechtfertigung beigetragenen Ansicht, dass, da die bestehende Ordnung
unveränderlich ist, die Weigerung einer einzelnen Person die ihr
auferlegten Pflichten zu erfüllen, das Wesen der Sache nicht
verändern wird und nur bewirken kann, dass an Stelle des
Verweigernden ein anderer tritt, der die Sache schlechter machen kann,
das heisst: noch grausamer, noch schlimmer für die Menschen, an
denen die Gewalt verübt wird. Diese Überzeugung, dass die bestehende Ordnung die
notwendige und daher unveränderliche Ordnung sei, die aufrecht zu
erhalten die heilige Pflicht jedes Menschen ist, gibt auch guten und im
Privatleben sittlichen Menschen die Möglichkeit, mit mehr oder
weniger ruhigem Gewissen an Werken wie in Orel teilzunehmen, zu dem
sich die Menschen rüsteten, die in dem Zuge von Tula saßen. Worauf aber gründet sich diese Überzeugung? Man
begreift, dass es dem Gutsbesitzer angenehm und erwünscht ist,
daran zu glauben, dass die bestehende Ordnung notwendig und
unveränderlich ist, denn diese bestehende Ordnung ist es, die ihm
die Einkünfte von seinen Hunderten und Tausenden Morgen sichert,
dank welchem er sein gewohntes, müßiges Genussleben
führt. Man begreift auch, dass der Richter gern an die Notwendigkeit
dieser Ordnung glaubt, die ihm fünfzig mal so viele Einkünfte
gewährt, als der fleißigste Lohnarbeiter hat. Man begreift
es auch von dem Oberrichter, der sechs- und mehr tausend Rubel Gehalt
bezieht und von allen höheren Beamten. Nur bei dieser Ordnung kann
er als Statthalter, Staatsanwalt, Senator, Mitglied verschiedener
Kammern seine Tausende Rubel Gehalt beziehen, ohne die er sofort mit
seiner Familie zu Grunde gehen würde, denn außer an der
Stelle, die er einnimmt, könnte er nach seinen Fähigkeiten,
nach seinem Fleiße und nach seinen Kenntnissen auch nicht ein
Tausendstel von dem bekommen, was er bekommt. In gleicher Weise ist der Minister, der Kaiser und jede
höhere Machtperson, nur mit dem Unterschied, dass, je höher
sie stehen, und je ausschließlicher ihre Stellung, um so
unentbehrlicher für sie auch der Glaube daran ist, dass die
bestehende Ordnung die einzig mögliche Ordnung ist, da sie
außerhalb dieser nicht nur eine gleiche Stellung nicht erhalten
können, sondern weit unter die anderen Menschen hinabsinken
müssten. Ein Mensch, der freiwillig Schutzmann wird für ein Gehalt
von zehn Rubeln, die er leicht an jeder anderen Stelle bekommen
könnte, hat in geringem Maße das Bedürfnis, die
bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten, und braucht darum nicht an
ihre Unveränderlichkeit zu glauben. Aber der König oder
Kaiser, der an dieser Stelle Millionen bekommt, der da weiß, dass
um ihn her Tausende von Menschen sind, die den Wunsch haben, ihn zu
stürzen und an seine Stelle zu treten, der da weiß, dass er
an keinem anderen Platz ein gleiches Einkommen und gleiche Ehre haben
könnte, der in den meisten Fällen bei mehr oder weniger
despotischer Regierung sogar weiß, dass er, wenn er gestürzt
werden sollte, gerichtet werden würde für das, was er getan
hat, da er in seiner Macht war. Jeder Kaiser oder König muss an die
Unveränderlichkeit und Heiligkeit der bestehenden Ordnung glauben.
Je höher die Stellung ist, desto mehr glaubt der Mensch, der diese
Stellung einnimmt, an die Unveränderlichkeit der bestehenden
Ordnung, und mit desto größerer Gewissensruhe kann ein
solcher Mensch gewissermaßen nicht für sich, sondern zur
Aufrechterhaltung dieser Ordnung, häßliche und grausame
Dinge vollbringen. Was aber veranlasst die Bauern, die Soldaten, die auf einer
niedrigen Stufe der Leiter stehen, die keinerlei Vorteile von der
bestehenden Ordnung haben, die sich in der Lage äußerster
Demütigung und Erniedrigung befinden, daran zu glauben, dass die
bestehende Ordnung, in deren Folgen sie sich in ihrer unvorteilhaften
und niedrigen Stellung befinden, eben die Ordnung sei, die sein muss,
und die man daher sogar dadurch aufrechterhalten muss, dass man
hässliche, dem Gewissen widerstreitende Dinge vollbringt? Was
veranlasst diese Leute zu der irrtümlichen Meinung, die bestehende
Ordnung sei unveränderlich, und man müsse sie aufrecht
erhalten, während es doch einleuchtend ist, dass sie vielmehr nur
darum unveränderlich ist, weil sie sie eben aufrecht erhalten? Was veranlasst diese Menschen, die man gestern vom Pfluge
fortgeholt und in diese scheußlichen, unanständigen Kleider
mit den blauen Kragen und goldenen Knöpfen gesteckt hat, mit
Gewehren und Säbeln zum Totschlag ihrer hungrigen Väter und
Brüder zu fahren? Die haben doch keinerlei Vorteile und sind nicht
in der Gefahr, die Stellungen, die sie einnehmen, zu verlieren, denn
ihre Stellung ist schlimmer als die, aus der man sie genommen hat. Die herrschenden Personen der höheren Schichten, die
Gutsbesitzer, die Kaufleute, die Richter, die Senatoren, die
Statthalter, die Minister, die Fürsten, die Offiziere nehmen teil
an solchen Dingen und erhalten dadurch die bestehende Ordnung aufrecht,
weil ihnen die bestehende Ordnung Vorteile verschafft. Außerdem
fühlen sie sich, die oft gute, zarte Menschen sind, auch noch
darum in der Lage, an diesen Dingen teilzunehmen, weil ihre Teilnahme
sich auf die Anregung, den Beschluß und die Verfügung
beschränkt. Alle diese herrschenden Personen tun nicht selbst das,
was sie anregen, beschließen und zu tun befehlen. In den meisten Fällen sehen sie auch gar nicht, wie all
die schrecklichen Dinge vollzogen werden, die sie hervorgerufen und
vorgeschrieben haben. Aber die unglücklichen Menschen der unteren
Schichten, die von der bestehenden Ordnung keinerlei Vorteile haben,
die sich vielmehr infolge dieser Ordnung in Missachtung befinden, die
selbst zur Aufrechterhaltung dieser für sie unvorteilhaften
Ordnung mit eigenen Händen die Menschen ihren Familien
entreißen, sie binden, in die Gefängnisse werfen, die sie
bewachen und erschießen, warum tun sie das? Was veranlasst die Menschen, daran zu glauben, dass die
bestehende Ordnung unabänderlich ist und dass man sie aufrecht
erhalten muss? Beruht denn nicht jegliche Gewalt nur auf ihnen, auf diesen
Menschen, die mit ihren eigenen Händen schlagen, binden,
einsperren und töten? Wären diese Menschen nicht vorhanden:
die Soldaten oder die Polizisten, überhaupt die Bewaffneten, die
auf Befehl bereit sind, Gewalt zu üben, alle diejenigen zu
töten, die man ihnen bezeichnet, nicht einer dieser Menschen, die
die Urteile zu Tod, lebenslänglichem Gefängnis, Zwangsarbeit
unterzeichnen, würde den Mut haben, selbst zu erhängen,
einzusperren, zu quälen, auch nicht ein Tausendstel derjenigen,
die er jetzt, ruhig in seinem Arbeitszimmer sitzend, zu hängen und
auf jegliche Weise zu quälen verfügt, nur weil er sie nicht
sieht, und nur weil er das nicht tut, sondern irgendwo in weiter Ferne
gefügige Helfershelfer. Aber diese Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die zur
Gewohnheit des bestehenden Lebens geworden sind, sind nur dadurch zur
Gewohnheit geworden, weil diese Menschen vorhanden sind, die stets
bereit sind, diese Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten aufrecht zu
erhalten. Gäbe es diese Menschen nicht, so wäre nicht nur
niemand imstande, alle diese ungeheuerlichen Massen der vergewaltigten
Menschen zu vergewaltigen, sondern auch die Verfügenden
würden sich nie entschließen können, so etwas
vorzuschreiben, ja sie würden nicht wagen, auch nur an das zu
denken, was sie jetzt mit Überzeugung vorschreiben. Wenn es diese Menschn nicht gäbe, die bereit sind, auf
den Wunsch derer, denen sie sich unterordnen, jeden, den man ihnen
bezeichnet, zu züchtigen und zu töten, so würde nie
jemand sich entschließen, zu behaupten, was alle die
nichtarbeitenden Gutsbesitzer mit Überzeugung behaupten, dass der
Grund und Boden, der die aus Mangel an Land hinsterbenden Bauern
umgibt, Eigentum eines Menschen sei, der nicht auf ihm arbeitet, und
dass die betrügerisch gesammelten Getreidevorräte inmitten
einer vor Hunger sterbenden Bevölkerung unversehrt erhalten werden
müssen, weil der Kaufman Gewinn haben muss. Denn nur deshalb geschehen Dinge wie die, die alle Tyrannen
getan haben, von Napoleon bis zum letzten Regimentskommandeur, der
unter die Menschen schießt, weil sie die hinter ihnen stehende
Macht berauscht, die aus den fügsamen Menschen gebildet ist, die
breit sind, alles zu vollziehen, was man ihnen befiehlt. Alle Kraft
liegt also in den Menschen, die mit ihren eigenen Händen die
Gewalt vollziehen, in den Menschen, die bei der Polizei, bei den
Soldaten dienen, ganz besonders bei den Soldaten, da die Polizei nur
dann ihre Werke vollzieht, wenn das Heer hinter ihr steht. Was also hat diese guten Menschen, die davon keinerlei
Vorteile haben, die genötigt sind, mit ihren eigenen Händen
all diese schrecklichen Dinge zu tun, und von denen alles abhängt,
was hat diese guten Menschen zu dieser sonderbaren Verirrung
geführt, die sie überzeugt hat, dass die bestehende,
unvorteilhafte, für sie verderbliche und peinliche Ordnung eben
die Ordnung ist, die bestehen muss? Wer hat sie in diese
merkwürdige Verirrung gebracht? Sie haben sich doch nicht selbst überredet, sie
müssten das tun, was nicht nur qualvoll, unvorteilhaft und
verderblich für sie und für ihren ganzen Stand ist, der neun
Zehntel der gesamten Bevölkerung ausmacht, sondern auch gegen ihr
Gewissen ist. Wie kannst du Menschen töten, wenn es im göttlichen
Gesetz heisst: Du sollst nicht töten, habe ich oft die
verschiedensten Soldaten gefragt und habe stets den Gefragten, wenn ich
ihm das nahe rückte, woran er nicht denken mochte, in eine
unbehagliche, verlegene Lage gebracht. Er wusste, dass das Gesetz
Gottes "Du sollst nicht töten." bindend ist, nie aber hatte er
daran gedacht, dass das ein Widerspruch zu seiner Tätigkeit als
Soldat ist. Der Sinn der zaghaften Antworten, die ich auf diese Frage
bekommen habe, bestand nahezu immer darin, dass der Totschlag im Kriege
und die Hinrichtung von Verbrechern auf einen Befehl der Regierung in
dem allgemeinen Verbot des Tötens nicht enthalten ist. Wenn ich aber sage, dass eine solche Einschränkung im
göttlichen Gesetz nicht gemacht werde, und an die für alle
bindende christliche Lehre der Brüderlichkeit, der Vergebung von
Kränkungen, der Liebe erinnerte, die sich auf keine Weise mit
einem Totschlag in Einklang bringen lasse, stimmten die Leute aus dem
Volke gewöhnlich zu, stellten mir aber ihrerseits die Frage: Wie
kommt es, dass die Regierung, die, nach ihren Begriffen, nicht irren
kann, wenn es nötig ist, sich der Heere bedient, sie in den Krieg
schickt und die Hinrichtung der Verbrecher verfügt? Wenn ich
darauf antwortete, dass die Regierung, indem sie so handelt, unrecht
verfährt, so geriet der Angesprochene in noch größere
Verlegenheit und brach entweder das Gespräch ab oder wurde
böse auf mich. Man muss doch ein solches Gebot wohl gefunden haben, der
Priester weiß es doch schließlich nicht schlechter als
unser einer, sagte mir einmal ein russischer Soldat. Und mit diesen
Worten fühlte sich offenbar der Soldat beruhigt und war
vollständig überzeugt, seine Führer hätten ein
Gesetz aufgefunden, eben das Gesetz, dem seine Vorfahren gedient, dem
die Fürsten dienen, dem die Thronerben und Millionen von Menschen
dienen, und dem er selbst dient, und dass das, was ich ihm sagte,
irgendein Kniff oder eine Geistreichigkeit wäre, eine Art
Rätsel. Alle Menschen unserer christlichen Welt wissen aus der
Überlieferung, aus der Offenbarung, aus der unwidersprechlichen
Stimme des Gewissens, dass der Totschlag eines der schrecklichsten
Verbrechen ist, die der Mensch nur begehen kann, wie das auch im
Evangelium gesagt wird, und dass diese Sünde des Totschlags nicht
beschränkt sein kann auf gewisse Menschen, dass heißt, dass
die einen zu töten Sünde sei, die anderen zu töten,
nicht. Alle wissen, wenn die Sünde des Totschlags eine Sünde
ist, so ist sie immer eine Sünde, unabhängig von den
Menschen, an denen sie begangen wird, wie die Sünde des Ehebruchs,
des Diebstahls und jede andere. Sie können sich nicht vorstellen, dass ihre Erleuchter,
die gelehrten Männer, mit solcher Zuversicht zwei scheinbar
widersprechende Sätze lehren könnten. Die Verbindlichkeit des
christlichen Gesetzes für die Menschen und den Totschlag. Das
schlichte, unverdorbene Kind, späterhin der Jüngling kann
sich nicht vorstellen, dass diese Menschen, die so hoch in seinem
Ansehen stehen, die er für heilig und gelehrt hält, um
irgendwelcher Zwecke willen so gewissenlos sein könnten, ihn zu
betrügen. Aber gerade das ist immer geschehen und geschieht
unaufhörlich mit ihm. Es geschieht erstens: indem allen arbeitenden Menschen, die
keine Muße haben, selbst sittliche und religiöse Fragen zu
prüfen, von Jugend auf bis in ihr Alter als Beispiel und
unmittelbare Belehrung eingeprägt wird, dass Züchtigungen und
Totschlag mit dem Christentum vereinbar sind, und dass sie für
gewisse bestimmte staatliche Zwecke nicht nur erlaubt sein können,
sondern angewandt werden müssen. Zweitens, indem man einigen von
denen, die man durch Werbung, durch die Dienstpflicht oder Bedingung
ausliest, einprägt, dass die Vollstreckung von Züchtigung und
Totschlag mit eigenen Händen ihre heilige Pflicht ist, ja sogar
eine herrliche, Lobes und Belohnungen werte Tat. Die allgemeine Lüge, die alle Menschen umfangen
hält, besteht darin, dass in allen Katechismen oder den
Büchern, die sie ersetzen, und die jetzt bei dem Zwangsunterricht
der Kinder in Anwendung sind, gesagt wird, dass die Gewalt, das heisst,
die Züchtigung, die Gefängnisstrafe und die Hinrichtung
gleichwie der Totschlag zur Aufrechterhaltung und zum Schutze der
bestehenden Ordnung (welche sie auch immer sei, eine selbstherrliche,
monarchische, der Konvent, das Konsulat, das Kaiserreich eines ersten
oder eines dritten Napoleon oder Boulanger, eine Konstitution,
Monarchie, Kommune oder Republik) völlig gesetzlich seien und
weder der Sittlichkeit, noch dem Christentum widersprechen. In allen Katechismen oder Büchern, die in der Schule
benutzt werden, wird dies gelehrt. Und die Menschen werden so davon
überzeugt, dass sie in dieser Überzeugung aufwachsen, leben
und sterben und nie zu zweifeln beginnen. Dies ist der eine Betrug, der
allgemeine Betrug, der an allen Menschen begangen wird, der andere ist
der besondere Betrug, der an den Soldaten und an den Polizisten
begangen wird, welche die für die Erhaltung und zum Schutz der
bestehenden Ordnung nötigen Züchtungen und Totschläge
vornehmen. In allen Militäranweisungen wird mit diesen oder anderen
Worten dasselbe gesagt, was in der russischen Militäranweisung
folgedermaßen ausgedrückt wird: (§87) Genau und ohne Widerspruch die Befehle der
Vorgesetzten vollziehen heißt: die von dem Vorgesetzten
empfangenen Befehle mit Genauigkeit vollziehen, ohne darüber
nachzudenken, ob sie gut oder schlecht sind, und ob man sie vollziehen
darf. Der Vorgesetzte selbst ist für alle Folgen des von ihm
erteilten Befehls verantwortlich. (§88) Dem Untergebenen ist nur in dem Falle gestattet,
die Befehle des Vorgesetzten nicht zu vollziehen, wenn ihm klar wird,
dass er durch die Erfüllung des Befehls des Vorgesetzten... man
denkt unwillkürlich, es wird jetzt heißen: wenn ihm klar
wird, dass er durch die Erfüllung des Befehls des Vorgesetzten das
Gebot Gottes antastet. Weit gefehlt! wenn ihm klar wird, dass er
den Eid, die Treue und den Dienst des Herrschers antastet. Es heisst, der Mensch, kann und muss, solange er Soldat ist,
ohne Ausnahme alle Befehle des Vorgesetzten ausführen, die
für den Soldaten vornehmlich im Totschlag bestehen, folglich auch
alle göttlichen und menschlichen Gesetze verletzen, nur nicht die
Treue und den Dienst desjenigen, der im gegebenen Moment zufällig
im Besitz der Macht ist. So heisst es in der russischen Militäranweisung, und ganz
so, wenn auch mit anderen Worten, heißt es in allen
Militärvorschriften. Und es kann auch nicht anders sein, da in
Wirklichkeit auf diesen Betrug der Befreiung der Menschen von dem
Gehorsam gegen Gott oder gegen ihr Gewissen und auf dem Ersatze dieses
Gehorsams durch den Gehorsam gegen den zufälligen Vorgesetzten
alle Macht des Heeres und des Staates beruht. Und anders kann es nicht sein. Um die unteren zahlreichsten Menschenklassen zu nötigen, sich selbst zu bedrücken und zu quälen und Handlungen zu vollziehen, die ihrem Gewissen widerstreben, war es notwendig, diese untersten, zahlreichsten Klassen zu betrügen. Und so tut man es auch. In diesen Tagen habe ich wieder einen offenen Vollzug dieses schamlosen Betruges gesehen und habe mich wieder gewundert, wie widerstandslos und frech er sich vollzieht. Anfang November fuhr ich durch Tula und sah wieder an der Tür der Gouvernementverwaltung die mir bekannte dichte Volksmenge, aus der durcheinander trunkene Stimmen und klägliches Geheul von Müttern und Frauen klang. Es war Rekrutenaushebung. (Bei der Rekrutenaushebung wird ermittelt, wer von den jungen Männern zum Militär muss. Es entspricht der heutigen Musterung.) Wie immer, konnte ich auch diesmal nicht an dem Schauspiel vorüberfahren. Es zieht mich mit einer Art bösen Zaubers an. Wieder trat ich mitten in die Menge, stand da, sah zu, fragte aus und wunderte mich über die Widerstandlosigkeit, mit der dieses entsetzliche Verbrechen am hellen, lichten Tage mitten in einer großen Stadt verübt wird. Wie in allen vergangenen Jahren hoben auch diesmal vom ersten November in allen Flecken und Dörfern des hundert Millionen zählenden Russland die Gemeindevorsteher nach den Verzeichnissen die angegebenen Kinder, oft ihre eigenen Söhne, aus, und brachten sie in die Stadt. Unterwegs gab es ein zügelloses Trinken, bei dem die Eltern den Rekruten nicht wehrten, da sie fühlten, dass der Weg zu einem so sinnlosen Werk wie das, zu dem sie gingen, das verlassen von Frauen und Müttern, die Loslösung von allem, was heilig ist, nur um irgendjemandes sinnlose Werkzeuge des Totschlags zu werden, zu peinlich wäre, wenn man sich nicht mit Branntwein betäubte. Und so zogen sie hin, soffen, schimpften, rauften und verstümmelten sich. Die Nacht verbrachten sie in Ausspannungen (Gasthäusern), des Morgens berauschten sie sich wieder und versammelten sich bei der Gouvernemetsverwaltung. Der eine Teil von ihnen stand da in grünen Jacken, mit gestrickten Halstüchern, mit feuchten trunkenen Augen und wartete mit wilden, ermutigendem Geschrei oder still und nachdenklich an der Tür unter den verweinten Müttern und Frauen, bis sie an die Reihe kamen (ich hatte den Tag getroffen, an dem gerade die Ausnahme war, das heißt, die Musterung der zur Einstellung bezeichneten). Ein anderer Teil drängte sich im Wartezimmer des Amts. Im Amt selbst vollzieht sich eilige Arbeit. Die Tür öffnet sich, und der Diener ruft Peter Ssidorow auf. Peter Ssidorow zuckt zusammen, bekreuzigt sich und tritt durch die Glastür in das kleine Zimmerchen ein. In diesem Zimmerchen werden die Aufgerufenen entkleidet. Der soeben gemusterte und nackt aus der Amtsstube tretende Rekrut, Peter Ssidorow's Kamerad, kleidete sich schnell, am ganzen Körper zitternt, an. Peter Ssidorow hört schon und sieht schon an seinem ganzen Gesicht, dass er genommen worden ist. Peter Ssidorow will etwas fragen, aber man ermahnt ihn, sich schleunigst zu entkleiden. Er wirft seine Jacke ab, zieht mit dem einen Bein den Stiefel des anderen Beins aus, legt seine Weste ab, zieht sein Hemd über den Kopf und tritt mit seinen hervorstehenden Rippen, nackt, am ganzen Körper zitternd, und den Geruch von Branntwein, Tabak und Schweiß ausströmend, mit nackten Füßen in das Amtszimmer und weiß nicht, wo er die entblößten, nervigen Arme lassen soll. Im Amtszimmer hängt genau vor seinem Gesicht in einem großen goldenen Rahmen das Bildnis des Kaisers in Uniform und Schärpe und in der Ecke ein kleines Bildnis Christi im Hemd und mit der Dornenkrone. In der Mitte des Zimmers steht ein mit grünem Tuch überzogener Tisch, auf dem Papiere verteilt sind, und ein dreieckiges Stück mit einem Adler, das man den Spiegel zu nennen pflegt. Um den Tisch herum sitzen mit zuversichtlichem, ruhigem Aussehen die Vorgesetzten. Der eine raucht, der andere blättert in Papieren. Kaum ist Ssidorow eingetreten, so tritt ein Diener zu ihm, man stellt ihn unter das Maß, stößt ihn am Kinn, rückt seine Beine zurecht. Da kommt einer mit einer Zigarette heran. Es ist der Arzt. Er sieht ihm nicht ins Gesicht, sondern guckt in die Luft an ihm vorrüber, berührt mit Ekel seinen Körper, misst ihn, kneift ihn, befiehlt dem Diener, ihm den Mund zu öffnen, heißt ihn atem und spricht ein paar Worte. Nun schreibt er ein, wer und was. Endlich sagt der Arzt, ohne ihm auch nur einmal in die Augen gesehen zu haben: "Tauglich! Der Nächste vor!" und setzt sich wieder mit müdem Ausdruck an den Tisch. Wieder schleppen die Soldaten einen Burschen heran, wieder heißen sie ihn eilen. Er zieht, so gut er kann die Beinkleider an, die Stiefel, sucht sein Halstuch, seine Mütze, nimmt seine Jacke unter den Arm, dann führt man ihn in einen Saal, wo er durch eine Bank von den anderen abgestellt ist. Hinter der Bank warten die Genommenen. Ein ebenso junger Bursche wie er, ebenfalls vom Lande, aber aus einem entfernten Gouvernement, schon ein fertiger Soldat, bewacht ihn mit scharfem Bajonett und ist bereit, ihn zu durchbohren, wenn es ihm etwa einfiele, zu fliehen. Unterdessen drängt sich die Menge von Vätern, Müttern und Frauen, von den Schutzleuten hin und her gestoßen, an der Tür und möchte gerne wissen, wer angenommen ist und wer nicht. Ein Abgelehnter tritt heraus und verkündet, Petruscha sei angenommen. Da ertönt ein Winseln der jungen Frau von Peter, für die das Wort "angenommen" eine Trennung von vier bis fünf Jahren, das Leben einer Soldatenfrau, als Köchin, in der Ausschweifung bedeutet. Da kommt ein Mann mit langem Haar die Straße herauf und in einem besonderen, von den anderen abstechenden Kostüm. Er steigt aus dem Wagen und geht auf das Haus der Gouvernementsverwaltung zu. Die Polizisten bahnen ihm einen Weg durch die Menge. Der Geistliche ist gekommen, den Eid abzunehmen. Und dieser Geistliche, dem man die Überzeugung beigebracht hat, er sei ein besonders bevorzugter Diener Christi, tritt, oft ohne selbst den Betrug einzusehen, unter dem er steht, in das Zimmer, wo die Ausgehobenen warten, legt sich seinen Brokatlatz an, zieht die langen Haare daraus hervor, öffnet dasselbe Evangelium, in dem der Eid verboten ist, nimmt das Kreuz, dasselbe Kreuz, an dem Christus geschlagen wurde, weil er nicht getan hat, was dieser, sein vermeintlicher Diener, zu tun befiehlt, legt sie auf das Pult, und alle diese unglückseligen, wehrlosen und betrogenen Kinder sprechen ihm die Lüge nach: Ich gelobe und schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, sein heiliges Evangelium... und so weiter zu verteidigen, dass heisst, alle diejenigen zu töten, die man mir befehlen wird zu töten, und all das zu tun, was mir die Leute befehlen werden, die ich nicht kenne, und denen ich nur nötig bin, um die Übeltaten zu vollziehen, durch die sie sich in ihrer Stellung halten, und durch die sie meine Brüder unterdrücken. Alle ausgehobenen Burschen wiederholen gedankenlos diese gräßlichen Worte, und der Geistliche fährt weiter fort, mit dem Bewusstsein, dass er rechtmäßig und gewissenhaft sein Pflicht erfüllt habe, und alle diese betrogenen Burschen glauben, dass die törichten, ihnen unverständlichen Worte, die sie soeben gesprochen haben, für die ganze Zeit ihres Soldatentums sie von ihren menschlichen Pflichten freigemacht und sie durch neue, mehr verbindliche Pflichten gebunden haben. Und das vollzieht sich öffentlich, und niemand ruft den Betrügern und den Betrogenen zu: Bedenket euch und gehet auseinander! Das ist ja die schmählichste und schändlichste Lüge, die nicht bloß eure Körper, sondern auch eure Seelen vernichtet. Niemand tut das, im Gegenteil, wenn man alle aufgenommen hat und sie herauslassen muss, tritt, wie zum Spott, der militärische Vorgesetzte mit selbstbewussten, majestätischen Gebärden in den Saal wo die betrogenen, betrunkenen Burschen eingeschlossen sind, und ruft ihnen in militärischer Weise zu: Ich grüße euch, Kinder, ich gratuliere euch zu dem "Dienst des Kaisers", und die Armen (es hat es ihnen schon jemand beigebracht) murmeln etwas in ungewohnter, halbtrunkener Sprache, so etwas, wie dass sie sich sehr freuen. Inzwischen steht die Menge der Väter, der Mütter und der Frauen an der Tür und wartet. Die Weiber sehen mit verweinten, starren Augen nach der Tür. Da öffnet sie sich, und schwankend und prahlend kommen die angenommenen Rekruten heraus, Petruscha und Wanuscha und Makar. Sie geben sich Mühe die Ihrigen nicht anzuschauen und nicht zu sehen. Ein Geheul der Mütter und Frauen ertönt. Die einen umarmen sich und weinen, die anderen halten sich tapfer, wieder andere trösten. Mütter und Frauen wissen, dass sie jetzt auf drei, vier oder fünf Jahre verwaist sind, ohne Ernährer dastehen und klagen mit lauter Stimme. Die Väter sprechen wenig, schnalzen nur mitleisvoll mit den Zungen und seufzen, denn sie wissen, sie sollen fernerhin die Gehilfen, die sie aufgezogen und ausgebildet haben, nicht mehr sehen. Sie wissen, dass sie nicht mehr als diese friedlichen Arbeiter und Ackerbauern wiederkehren, als die sie fortgegangen sind, sondern meist als verderbte, vom einfachen Leben entwöhnte Soldatengecken. Und die ganze Menschenmasse nimmt Platz in den Schlitten und fährt die Straße hinunter zu den Ausspannungen und Wirtschaften, und immer lauter wird es und lärmender. Die Stimmen schwirren durcheinander, Lieder, Schluchsen, trunkenes Schreien, Klagen der Weiber und Mütter, Töne der Harmonika und Schimpfreden. Alles begibt sich in die Schenken und Wirtschaften, deren Einkünfte der Regierung zufließen, und nun beginnt das Gelage, dass in ihnen das Bewusstsein des Ungesetzlichen betäuben soll, das an ihnen geschieht. Zwei, drei Wochen bringen sie so zu Hause zu, meist mit Zechen, dass heisst, in Trunkenheit. Zur bestimmten Zeit sammelt man sie, treibt sie wie eine Viehherde nach einer Stelle und beginnt sie in soldatischen Übungen zu unterrichten. Ihre Lehrmeister sind solche Leute wie sie selbst, der Unterschied ist nur der, dass man sie zwei, drei Jahre früher betrogen und zu Wilden gemacht hat. Die Mittel des Unterrichts sind: Betrug, Betäubung und Branntwein. Und es vergeht kein Jahr, so sind diese geistig gesunden, klugen, guten Jungen so rohe Geschöpfe geworden, wie ihre Lehrmeister. "Und wenn dein Arrestant, Dein Vater, nun davonläuft?" fragte ich einen jungen Soldaten. "So kann ich ihn mit dem Bajonett durchbohren", antwortete er mit dem eigentümlichen gedankenlosen Soldatentone. "Und wenn er sich entfernt, muss ich schießen", fügte er hinzu, sichtlich stolz darauf, dass er wusste, was er zu tun habe, wenn sein Vater sich entfernen wollte. Und wenn dieser gute, junge Mensch bis zu diesem Zustand gebracht worden ist, niedriger als das Tier, dann ist er so, wie ihn die brauchen, die ihn als ein Werkzeug der Gewalt benutzen. Er ist fertig: Hin ist der Mensch, geschaffen ein neues Werkzeug der Gewalt. Und all das vollzieht sich jedes Jahr, jeden Herbst, überall in ganz Russland, am hellen, lichten Tage, inmitten einer großen Stadt, vor den Augen aller Welt, und der Betrug ist so geschickt, so schlau, dass alle ihn sehen, in der Tiefe ihrer Seele seine ganze Scheußlichkeit, all seine schrecklichen Folgen erkennen und sich nicht davon befreien können. 3. Der Rausch der Macht und der Unterwürfigkeit Top Wenn sich die Augen zum ersten Mal öffnen über diesen entsetzlichen, an den Menschen begangenen Betrug, wundert man sich darüber, wie Priester der Religion, des Christentums, der Sittlichkeit, Erzieher der Jugend, einfache, gute und vernünftige Eltern, die ja in jeder Gesellschaft vorhanden sind, irgendeine Lehre der Sittlichkeit predigen können inmitten einer Gesellschaft, in der offen anerkannt wird, wie doch von allen Kirchen und Regierungen geschieht, dass Züchtigung und Totschlag eine notwendige Bedingung des Lebens aller Menschen bilden, und dass sich mitten unter allen Menschen stets besondere Menschen befinden müssten, die bereit sind, ihre Brüder zu töten, und dass ein jeder von uns ein solcher Mensch sein kann. Wie ist es möglich, Kinder und Jünglinge zu unterrichten, überhaupt Menschen zu bilden, gar nicht zu sprechen von der Bildung im christlichen Geiste, aber wie ist es möglich, Kinder und Jünglinge, überhaupt Menschen, welcher Sittlichkeit sie auch seien, zu unterrichten, neben dem Unterricht darüber, dass der Totschlag für die Aufrechterhaltung des allgemeinen, folglich auch unseres Wohls notwendig und darum gesetzlich ist? Und dass es Menschen gibt, und auch wir, jeder von uns kann zu diesen gehören, die verpflichtet sind, ihren Nächsten zu züchtigen und zu töten und jede Art Vergehen nach dem Willen derjenigen zu vollbringen, in deren Händen sich die Macht befindet. Wenn man züchtigen und töten und jede Art Verbrechen nach dem Willen derer vollführen kann und muss, in deren Händen die Macht ist, kann es keinerlei sittlichen Unterricht geben, dann gibt es nur das Recht des Stärkeren. Und so ist es auch. In Wirklichkeit herrscht in unserer Gesellschaft eine solche Lehre, für viele theoretisch gerechtfertigt durch die Theorie des Kampfes ums Dasein. Und in der Tat, wie sollte die sittliche Lehre beschaffen sein, neben der man Totschlag für irgendwelche Zwecke erlauben kann? Das ist ebenso unmöglich, wie irgendeine mathematische Lehre, bei der man zugeben kann, dass zwei gleich drei sei. Es kann wohl bei der Voraussetzung, dass zwei gleich drei ist, etwas der Mathematik ähnliches geben, aber es kann nimmermehr wirkliches mathematisches Wissen sein. Und gibt man den Totschlag zu in der Gestalt der Hinrichtung, des Krieges, des Selbstschutzes, so kann es nur etwas der Sittlichkeit ähnliches sein, nicht aber wirkliche Sittlichkeit. Das Anerkenntnis, dass das Leben eines jeden Menschen heilig ist, ist die erste und einzige Grundlage jeder Sittlichkeit. Die Lehre: Auge um Auge, Zahn um Zahn und Leben für Leben ist eben darum durch das Christentum verändert worden, weil diese Lehre nur die Rechtfertigung der Unsittlichkeit ist, nur der Schein der Gerechtigkeit, und weil sie keinen Sinn hat. Das Leben ist eine Größe, die weder Gewicht noch Maß hat, und die mit keiner anderen verglichen werden kann. Darum hat die Vernichtung des einen Lebens für das andere keinen Sinn. Außerdem ist jedes Gesellschaftsgesetz ein Gesetz, das die Verbesserung des menschlichen Lebens zum Zwecke hat. Wie aber könnte die Vernichtung des Lebens einzelner Menschen das Leben der Menschen verbessern? Die Vernichtung des Lebens ist keine Tat der Verbesserung des Lebens, sondern eine Tat des Selbstmords. Die Vernichtung fremden Lebens zur Wahrung der Gerechtigkeit wäre der Tat eines Menschen ähnlich, der, um das Elend zu bessern, das darin besteht, dass er eine Hand verloren hat, aus Gerechtigkeit auch die andere abhauen wollte. Aber ganz zu schweigen von der Sünde des Betruges, mit dem man das schrecklichste Verbrechen den Menschen als ihre Pflicht darstellt, ganz zu schweigen von der entsetzlichen Sünde des Missbrauchs des Namens und der Autorität Christi zur Beglaubigung der von ihm am meisten verworfenen Tat, wie das bei dem Schwur geschieht, zu schweigen von dem Ärgernis, durch das man nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen dieser unmündigen zu Grunde richtet. Wie können die Menschen auch nur angesichts ihrer persönlichen Sicherheit zugeben, dass in ihrer Mitte, in der Mitte von Menschen, die ihre Lebensformen, ihre Fortschritte so hoch schätzen, sich diese schreckliche, sinnlose, entsetzliche und verderbliche Kraft gestaltet, die jede organisierte Regierung bildet, die sich auf ein Heer stützt? Die schrecklichste Räuberbande ist nicht so entsetzlich wie eine solche staatliche Organisation. Jeder Räuberhauptmann ist doch dadurch beschränkt, dass die Menschen, die seine Bande bilden, wenigstens einen Teil der menschlichen Freiheit behalten und sich der Vollziehung von Taten widersetzen können, die ihrem Gewissen widerstreben. Für die Menschen aber, die ein Teil einer regelrecht organisierten Regierung mit einem Heere bilden, gibt es bei der Disziplin, zu der man es jetzt gebracht hat, keinerlei Beschränkungen. Kein Verbrechen ist so entsetzlich, dass es von Menschen nicht begangen würde, die einen Teil der Regierung und des Heeres bilden, nach dem Willen dessen, der zufällig (Boulanger, Pugatschew, Napoleon) an ihrer Spitze stehen kann. Oft, wenn wir nicht bloß Rekrutenaushebungen, Übungen der Soldaten, Manöver sehen, sondern auch Schutzleute mit geladenen Revolvers, Wachhabende, die mit Gewehren und Bajonetten dastehen, wenn wir (wie ich in Chamowniki, wo ich wohne), ganze Tage das Zischen und Pfeifen der Kugeln hören, die nach der Scheibe fliegen, und wenn mitten in der Stadt, wo jeder Versuch der Selbsthilfe, der Gewalt verboten ist, wo der Verkauf von Pulver, Arzneien, wo schnelles Fahren und so weiter verboten ist, wenn wir in einer solchen Stadt Tausende von disziplinierten Menschen sehen, die im Totschlag unterrichtet werden und einem Menschen gehorchen, so fragen wir uns, wie können diese Menschen, die ihre Sicherheit so hoch schätzen, dies ruhig zugeben und dulden? Ganz abgesehen von dem Schaden und der Unsittlichkeit, kannn es doch nichts gefährlicheres geben als dies. Warum schauen, ich will gar nicht sagen alle Christen, aber christliche Seelenhirten, alle Menschenfreunde und Moralisten, warum schauen alle diese Menschen, die, sagen wir, nur ihr eigenes Leben, ihre Sicherheit, ihr Wohl wert halten, diesen Dingen so ruhig zu? Diese Organisation (das Militär) wird ja doch stets gleich wirken, in wessen Händen sie sich auch befände: heute ist es diese Macht, nehmen wir an, in den Händen einer erträglichen Regierung, morgen kann sie Biron, Elisabeth, Katharina, Pugatschew, Napoleon, dieser oder jener ergreifen. Und der Mensch, in dessen Händen die Macht ist, ist heute erträglich, morgen kann er eine Bestie geworden sein. Oder an seine Stelle kann sein wahnsinniger oder halbwahnsinniger Nachfolger kommen wie der König von Bayern (Ludwig II.: 1845 - 1886) oder Zar Paul I. (1754- 1801). Und nicht nur die höheren Regierungsmänner, alle die kleinen Satrapen (Statthalter), die über das ganze Land verteilt sind, wie die verschiedenen Baranows, die Polizeimeister, ja die Kommissare und die Regimentskommandeure können die fürchterlichsten Dinge vollbringen, ehe es gelungen ist, sie abzulösen. Und das geschieht auch unaufhörlich. Unwillkürlich fügt man sich: Wie können die Menschen das zulassen, nicht um höherer sittlicher Rücksichten willen, sondern einfach um ihrer Sicherheit willen? Die Antwort darauf ist: Nicht alle Menschen lassen es zu (Die einen, der größere Teil, sind betrogen und unterworfen und können nichts verhindern.) Es lassen es die Menschen zu, die bei einer solchen Organisation eine vorteilhafte Stellung in der Gesellschaft einnehmen. Sie lassen es darum zu, weil für diese Menschen die Gefahr, dass an der Spitze der Regierung oder des Heeres ein unvernünftiger oder grausamer Mensch stehen könnte, immer geringer ist, als die Nachteile, die ihnen erwachsen könnten aus der Vernichtung der ganzen Organisation. Der Richter, der Polizeibeamte, der Gouverneur und der Offizier wird seine Stellung ohne Unterschied unter Boulanger, unter der Republik, unter Pugatschew und unter Elsabeth (Kaiserin Elisabeth von Österreich und Ungarn (Kaiserin "Sissi") 1837 - 1898) einnehmen. er verliert aber seine Stellung sicher, wenn die bestehende Ordnung zerfällt, die ihm seine vorteilhafte Stellung gewährleistet. Und daher fürchten alle diese Menschen sich nicht vor dem, der an die Spitze der Organisation der Gewalt tritt, sie fügen sich jedem und fürchten nur die Vernichtung der Organisation selbst, und darum halten sie sie stets, oft sogar unbewusst, aufrecht. Oft wundert man sich, warum freie Menschen, die nichts dazu zwingt, die sogenannte Blüte der Gesellschaft, in den Kriegsdienst treten. In Russland, in England, Deutschland und Österreich, sogar in Frankreich, und die Gelegenheit suchen, Mörder zu werden? Warum die Eltern, sittliche Menschen, die Kinder in Anstalten geben, sie auf das Kriegshandwerk vorbereiten? Warum Mütter als Lieblingsspielzeug ihren Kindern Helme, Gewehre und Säbel kaufen? (Die Kinder der Landleute spielen nie Soldaten.) Warum gute Männer und sogar Frauen, die durch nichts zum Kriegshandwerk befähigt sind, von den Heldentaten entzückt sind, entzückt von den Heldentaten der Skobelews (russischer General der zaristischen Armee, 1843 - 1882) und anderer und ihren Ruhm verkünden? Warum Menschen, die nichts dazu zwingt, die kein Gehalt dafür bekommen, wie in Russland die Adelsmarschälle, ganze Monate emsiger Arbeit auf ein physisch schweres und sittlich qualvolles Werk verwenden, auf die Aushebung der Rekruten? Warum alle Kaiser und Könige in militärischen Uniformen gehen, warum sie Manöver und Paraden abhalten, den Soldaten Auszeichnungen geben, Generalen und Eroberern Denkmäler setzen? Warum freie, reiche Menschen es für eine Ehre halten, in Lakaiendienste zu gekrönten Häuptern zu treten, sich erniedrigen, ihnen schmeicheln und so tun, als ob sie an die besondere Größe dieser Personen glauben? Warum Menschen, die längst nicht mehr den mittelalterlichen, kirchlichen Aberglauben teilen und nicht an ihn glauben können, ernsthaft und immer wieder sich gläubig stellen und lästerliche religiöse Einrichtungen aufrecht erhalten? Warum mit solchem Eifer die Unwissenheit des Volkes nicht nur von den Regierungen, sondern auch von freien Menschen der höheren Gesellschaft bestärkt wird? Warum sie mit solcher Wut über jeden Versuch der Zerstörung religiösen Aberglaubens7 und auf die wahre Erleuchtung des Volks herfallen? 7Die Veröffentlichung des Romans "Auferstehung" von Tolstoi führte dazu, dass ihn der Heilige Synod, die russisch-orthodoxe Kirche, im Februar 1901 exkommunizierte. Tolstoi leugnete den als Dreieinigkeit gepriesenen Gott und den von den Toten auferstandenen Gottmenschen Christus. Er leugnete die Jungfräulichkeit Marias vor und nach der Geburt Jesus und er leugnete das Geheimnis des Abendmahls. Tolstoi verneinte Wunder an sich und insbesondere die Verwandlung des Abendmahlsbrotes in den Leib Jesu. Warum Menschen, Historiker, Schriftsteller und Dichter, die nichts mehr für ihre Schmeicheleien bekommen können, längst verstorbene Kaiser, Könige und Herrführer zu Helden stempeln? Warum Menschen, die sich Gelehrte nennen, ganze Leben darauf verwenden, eine Theorie aufzustellen, nach der die Gewalt, die von den Machthabern über die Völker ausgeübt wird, nicht Gewalt, sondern ein besonderes Recht ist? Oft wundert man sich, warum aus welchen Gründen eine Weltdame oder ein Künstler, der, wie man meinen sollte, sich weder mit sozialen noch militärischen Fragen abgibt, dazu kommt, die Ausstände (Streiks) der Arbeiter zu verdammen und den Krieg zu predigen und immer so entschieden über die eine Seite herzufallen und die andere zu verteidigen? Aber über all dies wundern wir uns nur solange, bis wir begriffen haben, dass es nur noch geschieht, weil alle Menschen der herrschenden Klassen stets empfinden, was die Organisation, bei welcher sie die Previlegien genießen können, die sie genießen, aufrecht erhält, und was sie zerstört. Die Dame von Welt stellt keine Erwägungen darüber an, dass, wenn es keine Kapitalisten und keine Heere mehr geben würde, die sie verteidigen, der Mann kein Geld und sie nicht ihren Salon und ihre Kostüme haben würde. Und der Künstler stellt keine Erwägungen darüber an, dass er die Kapitalisten brauche, damit es Leute gebe, die Bilder kaufen. Aber der Instinkt, der in diesem Falle die Erwägung ersetzt, leitet sie unfehlbar. Und so leitet ihr Instinkt mit geringen Ausnahmen alle Menschen, welche all die politischen, religiösen und wirtschaftlichen Einrichtungen, die ihnen vorteilhaft sind, aufrecht erhalten. Aber ist es möglich, dass die Menschen der höheren Schichten diese Ordnung der Dinge aufrecht erhalten, nur weil sie ihnen vorteilhaft ist? Können diese Menschen nicht sehen, dass diese Ordnung der Dinge an sich unvernünftig ist, dass sie nicht mehr dem Grade der Erkenntnis der Menschen entspricht und ebenso der allgemeinen Anschauung, und dass sie voller Gefahren ist? Müssen die Menschen der herrschenden Klassen, die ehrenhaften, vernünftigen, guten unter ihnen, unter diesen inneren Widersprüchen nicht leiden, müssen sie nicht die Gefahren sehen, mit denen diese Ordnung sie bedroht? Und wie ist es möglich, dass die Menschen der unteren Schichten, all die Millionen von ihnen, mit ruhiger Seele all diese offenbar bösen Handlungen der Züchtigung und des Totschlags vollbringen, zu denen sie gezwungen werden, nur weil sie die Strafe fürchten? Und in der Tat, es wäre unmöglich. Weder die einen noch die anderen könnten blind sein zu der Unvernunft ihrer Tätigkeit, wenn nicht die Staatseinrichtung diesen und jenen die ganze Unnatürlichkeit und Unvernunft der von ihnen vollführten Dinge verhüllte. Diese Unvernunft wird dadurch verhüllt, dass bei dem Vollzuge einer jeden von diesen Handlungen so viel Aufreizer, Helfershelfer und Dulder teilnehmen, dass auch nicht einer von denen, die an der Tat beteiligt sind, sich sittlich verantwortlich fühlt. Die Mörder veranlassen alle an dem Totschlag Beteiligten, dem schon getöteten Opfer einen Schlag zu versetzen, damit die Verantwortlichkeit unter eine möglichst große Zahl von Menschen sich verteile. Ganz dasselbe hat sich, in bestimmten Formen geordnet, bei der Staatseinrichtung entwickelt, bei der Vollziehung aller jener Verbrechen, ohne deren beständige Vollführung keine Staatsordnung denkbar ist. Die Staatslenker sind immer bestrebt, eine möglichst große Zahl von Bürgern zu möglichst großer Teilnahme an allen von ihnen vollzogenen und für sie notwendigen Verbrechen heranzuziehen. In der letzten Zeit hat sich das besonders scharf ausgesprochen in der Heranziehung der Bürger in ihrer Eigenschaft als Geschworene, zum Heer in der Eigenschaft von Soldaten, zur Stadtverwaltung, bei den gesetzgebenden Körperschaften (Landtag, Bundestag, Europäisches Parlament) in der Eigenschaft als Wähler und Abgeordneter. Durch die Staatseinrichtung, bei der, wie bei einem aus Rohr geflochtenen Korbe, alle Enden so verbunden sind, dass man sie nicht finden kann, wird die Verantwortlichkeit an den vollzogenen Verbrechen den Menschen so verhüllt, dass die Menschen, während sie die schrecklichen Dinge vollbringen, ihre Verantwortung für sie nicht sehen. In alter Zeit bezichtigte man die Tyrannen des Vollbringens von Übeltaten, in unserer Zeit aber werden die schrecklichsten und in Neros Zeiten undenkbaren Taten begangen, und niemand ist da, dem man die Schuld beimessen kann. Die einen haben sie gefördert, die anderen haben den Beschluss gefasst, die dritten haben ihn bestätigt, die vierten haben ihn eingebracht, die fünften haben ihn angenommen, die sechsten haben seinen Vollzug bestimmt, die siebten haben ihn ausgeführt. Man tötet, man hängt, man säbelt Weiber, Greise und Unschuldige nieder, wie bei uns in Russland jüngst auf dem Jusow-Werk, und wie es überall in Europa und Amerika im Kampf mit den Anarchisten und anderen geschieht, die die bestehende Ordnung antasten. Man schießt nieder, man mordet, hängt Hunderttausende von Menschen oder man tötet, richtet Millionen zu Grunde, wie im Krieg. Oder man vernichtet, die Seelen der Menschen in Eizelgefängnissen, in dem verrohten Zustand des Soldatentums, und niemand ist schuldig, Auf der niedrigsten Stufe der gesellschaftlichen Leiter züchtigen Soldaten die Menschen mit Gewehren, Pistolen und Säbeln und schlagen sie tot. Und durch diese Züchtigungen und durch den Totschlag zwingen sie die Menschen, zu den Soldaten einzutreten, und sind vollkommen überzeugt, dass die Verantwortung für diese Handlungen durch die Vorgesetzten, die ihnen ihre Handlungen vorschreiben, von ihnen genommen wird. Auf der höheren Stufe schreiben Fürsten, Präsidenten, Minister und Gerichtsvorstände diese Züchtigungen, Mordtaten und Werbetätigkeiten vor und sind fest davon überzeugt, dass sie, da sie entweder von Gott auf ihren Platz gestellt sind, oder die Gesellschaft, die sie regieren, das von ihnen fordert, was sie vorschreiben, auch nicht schuldig sein können. In der Mitte zwischen diesen und jenen finden sich die Zwischenpersonen, die die Züchtigungen und Mordtaten und die Werbung vornehmen, und die fest überzeugt sind, dass die Verantwortung zum Teil von ihnen durch die Vorschriften von oben genommen ist, zum Teil dadurch, dass alle, die auf einer niedrigeren Stufe stehen, von ihnen diese Tätigkeiten fordern. Die Macht, die vorschreibt, und die Macht, die ausführt, die an den beiden Grenzen der Staatseinrichtung liegen, treffen wie zwei Enden, die zu einem Ringe vereinigt sind, zusammen. Die eine bedingt und stützt die andere und alle Zwischenglieder. Ohne die Überzeugung, dass es eine Person oder Personen gibt, die die ganze Verantwortung der vollzogenen Taten auf sich nehmen, würde nicht ein Soldat die Hand zu Züchtigung oder Totschlag erheben können. Ohne die Überzeugung, dass dies das ganze Volk fordert, könnte nicht ein Kaiser, ein König, ein Präsident, ein Rat diese Züchtigungen und Mordtaten vorschreiben. Ohne die Überzeugung, dass es Personen gibt, die höher stehen, und die die ganze Verantwortung auf sich nehmen, und dass es Menschen gibt, die niedriger stehen, und die zu ihrem Wohl die Vollziehung dieser Handlungen fordern, könnte auch nicht einer von diesen Menschen, die sich in den Zwischenstufen zwischen den Regierenden und den Soldaten befinden, die Dinge vollziehen, die er vollzieht. Die Staatseinrichtung ist derart, dass der Mensch, auf welcher Stufe der Gesellschaftsleiter er sich auch befände, denselben Grad von Unzurechnungsfähigkeit besitzt. Je höher er auf der Stufenleiter der Gesellschaft steht, desto mehr unterliegt er der Einwirkung der Forderungen von unten, und desto weniger unterliegt er den Einwirkungen der Vorschriften von oben und umgekehrt. So befand sich in dem Falle, dessen Zeuge ich war, jeder der Menschen, die an der Tat teilnahmen, um so mehr unter der Einwirkung der von unten kommenden Forderungen zum Handeln und um so weniger unter der Einwirkung der Befehle von oben, je höher seine Stellung war, und umgekehrt. Aber nicht nur, dass alle Menschen, die durch die Staatseinrichtung gebunden sind, die Verantwortung für die von ihnen vollzogenen Taten auf den anderen abwälzen: der Bauer, der zu den Soldaten genommen wird, auf den Edelmann oder Kaufmann, der Offizier wird, und der Offizier auf den Edelmann, der die Stellung eines Gouverners einnimmt, und der Gouverneur auf den Sohn des Beamten oder Edelmanns, der die Stellung eines Ministers einnimmt, und der Minister auf ein Mitglied des kaiserlichen Hauses, das die Stellung des Kaisers einnimmt, und der Kaiser wiederum auf alle diese Beamten, Edelleute, Kaufleute und Bauern. Nicht genug, dass die Menschen sich auf diese Weise frei machen von dem Bewusstsein der Verantwortung für die von ihnen vollzogenen Taten. Sie verliren das sittliche Bewusstsein ihrer Verantwortung auch noch dadurch, dass sie durch die Bildung der staatlichen Einrichtung so fortlaufend, beständig und angestrengt sich selbst und andere davon überzeugen, dass sie alle nicht gleiche Menschen sind, sondern so verschieden untereinander "wie Stern von Stern", dass sie anfangen, fest daran zu glauben. Und so überzeugen sie die einen davon, dass sie nicht einfache, anderen gleichende Menschen sind, sondern besondere, die ganz besonders erhöht werden müssten. Den anderen prägen sie mit allen Mitteln ein, dass sie niedriger als alle Menschen stehen, und dass sie sich darum stumm dem fügen müssten, was ihnen die Höheren vorschreiben. Auf dieser Ungleichheit und Erhöhung der einen und der Erniedrigung der anderen beruht besonders die Eigentümlichkeit der Menschen, die Unvernunft der bestehenden Ordnung des Lebens, seine Grausamkeit und Lasterhaftigkeit nicht zu sehen, und den Betrug, den die einen begehen, und dem die anderen sich fügen. Die einen, die, denen eingeprägt wird, dass sie mit einer besonderen, übernatürlichen Bedeutung und Größe angetan sind, berauschen sich so an dieser vermeintliche Größe, dass sie aufhören, ihre Verantwortung an den Taten, die sie vollziehen, zu sehen. Die anderen Menschen dagegen, die, denen man einprägt, dass sie nichtige Geschöpfe seien, die sich in allem den höheren Geschöpfen zu fügen hätten, verfallen infolge dieses beständigen Zustandes der Erniedrigung in einen sonderbaren Zustand des Rausches der Unterwürfigkeit. Sie sehen unter dem Einfluss dieses Rausches auch nicht die Bedeutung ihrer Taten und verlieren das Bewusstsein ihrer Verantwortung dafür. Die in der Mitte stehenden Menschen verfallen, indem sie sich zum Teil den Höheren unterordnen, zum Teil sich für die Höheren halten, gleichzeitig dem Rauach der Macht und der Unterwürfigkeit und verlieren dadurch das Bewusstsein ihrer Verantwortlichkeit. Man braucht nur bei einer Parade den von seiner Größe berauschten Oberbefehlshaber zu betrachten, wie er in der Begleitung seines Stabs, alle auf prächtigen, schön herausstaffierten Pferden, in herrlichen Uniformen, Orden auf der Brust, unter den Klängen schöner und feierlicher Trommeltöne an der Front der vor Unterwürfigkeit ersterbenden Soldaten entlang reitet, die das Gewehr präsentieren. Man braucht nur das mitanzusehen, um zu begreifen, dass in solchen Augenblicken, in dem Zustande höchsten Rausches der Oberbefehlshaber wie der Soldat und alle, die zwischen ihnen stehen, solche Handlungen begehen können, die sie unter anderen Verhältnissen nie vollziehen würden. Aber der Rausch, den manche bei solchen Erscheinungen, wie Paraden, Umzügen, Kirchenfeiern und Krönungen erfahren, ist ein vorübergehender, akuter Zustand. Es gibt auch chronische, dauernde Zustände des Rausches, die ebenso Menschen durchmachen, die irgendein Machthaber von der Macht der Fürsten bis zum Polizeimann, der auf der Straße steht, wie Menschen, die der Macht gehorchen, und die sich in dem Zustand des Rausches der Unterwürfigkeit befinden, und die zur Rechtfertigung dieses ihres Zustandes, wie es stets bei allen Knechten war und ist, dem die größte Bedeutung und Würde zuschreiben, dem sie gehorchen. Auf diese Täuschung von der Ungleichheit der Menschen und dem daraus entspringendem Rausche der Macht und der Unterwürfigkeit beruht vornemlich die Fähigkeit der Menschen, die zu einer Staatsordnung vereinigt sind, Taten zu vollbrigen, die ihrem Gewissen widerstreben, ohne Gewissensbisse zu erdulden. Unter dem Einfluss eines solchen Rausches, sowohl der Macht wie der Unterwürfigkeit, erscheinen die Menschen sich und anderen nicht mehr als das, was sie in Wirklichkeit sind, als Menschen, sondern als besondere Wesen, als Adlige, Kaufleute, Gouverneure, Richter, Offiziere, Fürsten, Minister und Soldaten, die nun nicht mehr den gewöhnlichen Menschenpflichten unterliegen, sondern vor allem, und ganz besonders vor den Menschenpflichten, den Pflichten des Edelmanns, des Kaufmanns, des Gouverneurs, des Richters, des Offiziers, des Fürsten, des Ministers und des Soldaten. So hat der Gutsbesitzer, der wegen des Waldes klagte, das, was er tat, nur weil er sich nicht als ein einfacher Mensch erschien, der gleiche Rechte an das Leben hat, wie alle jene Menschen, die Bauern, die neben ihm lebten, sondern weil er sich als ein gewaltiger Besitzer und als Mitglied des Adelsstandes erschien und sich daher unter dem Einfluss des Rausches der Macht durch die Ansprüche der Bauern gekränkt fühlte. Nur darum reichte er, ohne der Folgen zu achten, die aus seiner Forderung entstehen könnten, ein Gesuch um Wiederherstellung seines vermeintlichen Rechtes ein. Und ebenso taten die Richter, die ungerechterweise dem Wald dem Besitzer zusprachen, was sie taten, nur weil sie sich nicht einfach als Menschen wie alle anderen erschienen, die daher verpflichtet wären, in allen Dingen sich nur von dem leiten zu lassen, was sie für die Wahrheit halten, sondern weil sie unter dem Rausche der Macht sich als Wahrer der Rechtspflege ansehen, die nicht irren können. Und weil sie unter dem Einflusss des Rausches der Unterwürfigkeit sich als Menschen erscheinen, die verpflichtet sind, die in einem bestimmten Buche niedergeschreibenen Worte zu erfüllen, die man Gesetz nennt. Und als ebenso konventionelle (offizielle, übergeordnete) Persönlichkeiten und nicht, was sie wirklich sind, erscheinen unter dem Einfluss des Rausches der Macht oder der Unterwürfigkeit den Menschen und sich selbst auch alle übrigen Teilnehmer dieses Werkes von den höchsten Vertretern der Macht, welche die Zustimmung zu dem Gesuche geben, von dem Marschall, der bei der Rekrutenaushebung (Musterung) die Soldaten anwirbt und dem Priester, der sie betrügt, bis zu den letzten Gemeinen, der sich jetzt rüstet, um auf seine Brüder zu schießen. Sie alle tun, was sie tun, und rüsten sich zu der Tat, die ihnen bevorsteht, weil sie sich und anderen nicht als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit sind, als Menschen, vor welchen die Frage steht: Soll ich teilnehmen oder soll ich nicht teilnehmen an dem schlechten Werke, das mein Gewissen verdammt, sondern sich und den anderen als konventionelle Persönlichkeiten erscheinen: der eine als der Zar und Gesalbte, als ein besonderes Wesen, das berufen ist, für das Wohl von hundert Millionen Menschen zu sorgen, der andere als ein Vertreter des Adels, noch ein anderer als Priester, der durch seine Weihe eine besondere Gnade empfangen hat. Ein vierter als Soldat, der durch seinen Eid ohne Besinnen auszuführen hat, was man ihm befiehlt. Nur unter dem Einfluss des Rausches der Macht und der Unterwürfigkeit, die aus den eingebildeten Stellungen entspringen konnten, können all diese Menschen das tun, was sie tun. Hätten alle diese Mneschen nicht die feste Überzeugung, dass der Titel eines Fürsten, eines Ministers, eines Gouverneurs, eines Richters eines Adligen, eines Gutsbesitzers, eines Marschalls, eines Offiziers und eines Soldaten etwas wirklich Vorhandenes und höchst Wichtiges sei, nicht einer von diesen Menschen könnte ohne Entsetzen und Abscheu daran denken, an solchen Dingen teilzunehmen, wie er sie jetzt verübt. Die konventionellen Stellungen, die vor hunderten von Jahren eingesetzt sind, die Jahrhunderte anerkannt haben, und die noch jetzt von der gesamten Umgebung anerkannt und durch besondere Titel und besondere Gewänder bezeichnet werden, die überdies durch aller Art Feierlichkeit und Einwirkung auf die äußeren Gefühle bestärkt werden, werden den Menschen so tief eingeprägt, dass sie, der gewöhnlichen und aller gemeinsamen Lebensbedingungen uneingedenk, sich selbst und alle Menschen nur von diesem konventionellen Gesichtspunkt bei der Beurteilung eigener und fremder Handlungen geleitet werden. So wird ein völlig geistig gesunder und edler Mensch, bloß weil man ihm irgend ein Schellenzeug oder Narrenkleid anlegt oder irgendein Gehänge oder blaues Band über die Brust hängt, wie es nur einem Mädchen ansteht, das sich schmücken will, und ihm dabei einbläst, er sei ein General, ein Kammerherr, ein Ritter des Andreasordens oder ähnliche Torheiten, plötzlich dadurch selbstbewusst, stolz, ja sogar glücklich. Oder umgekehrt, weil er das erwartete Schellenzeug oder den Titel verliert oder nicht erhält, wird er traurig und unglücklich, ja sogar krank. Oder, was noch auffälliger ist, ein im übrigen völlig geistig gesunder, junger, freier, ja sogar unabhängiger Mann reißt nur, weil er den Titel eines Untersuchungsrichters oder Landrats bekommen und angenommen hat, eine unglückselige Witwe von ihren unmündigen Kindern los und wirft sie oder befiehlt ihre Einsperrung ins Gefängnis, lässt ihre Kinder ohne Mutter, und all dies nur, weil das unglückliche Geschöpf im geheimen mit Branntwein gehandelt und dadurch die Staatskasse um fünfundzwanzig Rubel beraubt hat, und empfindet dabei nicht die geringste Reue. Oder, was noch merkwürdiger ist, ein im übrigen vernünftiger und zartfühlender Mensch beginnt bloß, weil man ihm ein Blechstück oder eine Uniform umhängt und ihm gesagt hat, dass er ein Wächter oder ein Zollsoldat ist, mit Kugeln auf die Menschen zu schießen, und weder er, noch seine Umgebung messen ihm deswegen eine Schuld zu, ja sie erklären ihn für schuldig, wenn er nicht schießt. Ich will gar nicht mehr von den Richtern und Geschworenen sprechen, die die Todesurteile fällen, und von den Militärpersonen, die Tausende ohne die geringste Reue töten, nur weil man ihnen eingeprägt hat, dass sie nicht schlechtweg Menschen sind, sondern Geschworene, Richter, Generale und Sodaten. Dieser beständige, unnatürliche und schreckliche Zustand der Menschen im Staatsleben wird in Worten gewöhnlich so ausgedrückt: "Als Mensch bedaure ich ihn, aber als Wächter, als Richter, als General, als Gouverneur, als Fürst und als Soldat muss ich ihn töten oder züchtigen", als ob es je überhaupt irgendeine mögliche oder von Menschen anerkannte Stellung geben könnte, die die Pflichten beseitigen könnte, die jeden von uns durch unsere Stellung als Menschen auferlegt sind. So zum Beispiel fahren bei dem Falle, von dem ich spreche, die Menschen zum Totschlag und zur Züchtigung hungriger Menschen und erkennen an, dass in dem Streite mit dem Gutsbesitzer die Bauern im Recht sind (so haben mir alle Vorgesetzten gesagt). Sie wissen, dass die Bauern unglücklich, arm und verhungert sind, der Gutsbesitzer reich und keines Mitleids wert ist, und doch fahren alle diese Menschen hin, die Bauern totzuschlagen, um dem Gutsbesitzer dreitausend Rubel zu verschaffen, nur weil diese Menschen sich in diesem Augenblick nicht als Menschen erscheinen, sondern, der eine als Gouverneur, der andere als Beamter, der dritte als General der Gendamerie, der vierte als Offizier, der fünfte als Gemeiner, und nicht die ewige Forderung des menschlichen Gewissens, sondern die zufällige, vorübergehende Forderung ihrer Stellungen als Offiziere und Soldaten für sich als verbindlich anzusehen. So sonderbar es auch klingen mag, die einzige Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung ist, dass diese Menschen sich in demselben Zustand befinden, indem sich die hypnotisierten Menschen befinden, denen man, wie es heisst, befehlen kann, sich in bestimmte, konventionelle Stellungen hineinzudenken und zu fühlen und so zu handeln, wie die Geschöpfe handeln würden, die sie darstellen. So zum Beispiel, wenn man einer hypnotisierten Person suggeriert hat, sie sei lahm, und sie zu lahmen beginnt, sie sei blind, und sie nicht sieht, sie sei ein Tier, und sie zu beißen beginnt. In einem solchen Zustande befinden sich nicht nur die Menschen, die in diesem Zuge fahren, sondern alle Menschen, die ihre gesellschaftlichen und staatlichen Pflichten vor den menschlichen und auf Kosten der menschlichen erfüllen. Das Wesen dieses Zustandes besteht darin, dass die Menschen unter dem Einfluss des ihnen eingeprägten einen Gedankens nicht die Kraft haben, ihre Handlungen zu beurteilen, und darum ohne Überlegung alles das tun, was in Übereinstimmung mit dem eingeprägten Gedanken ihnen vorgeschlagen wird, und wozu sie durch Beispiel, Rat und Anspielung hingeführt werden. Der Unterschied zwischen den Menschen, die auf künstliche Weise hypnotisiert werden, und denen, die sich unter dem Einfluss der staatlichen Suggestion befinden, besteht darin, dass bei den künstlich Hypnotisierten die eingebidete Stellung auf einmal, von bestimmten Personen und auf einen ganz bestimmten, kurzen Zeitraum suggeriert wird, wodurch uns diese Suggestion in scharfer staunenerregender Form erscheint, während die Menschen, die unter der staatlichen Suggestion handeln, ihre eingebildete Stellung allmählich, nach und nach, unmerklich, von Kindheit auf, und oft nicht bloß Jahre, sondern ganze Geschlechter hindurch und außerdem nicht bloß von einzelnen Personen, sondern von der ganzen Umgebung suggeriert wird. Aber, wird man darauf sagen, stets in allen Gesellschaften befindet sich die Mehrzahl der Menschen: alle Kinder, alle von der Mühe des Kindertragens, Gebährens und Nährens überbürdeten Frauen, alle die ungeheuren Massen des arbeitenden Volkes, die in die Notwendigkeit angestrengter und unaufhörlicher physischer Arbeit versetzt sind, alle die von Natur schwachen Geistes sind, alle Unnormalen, mit geschwächter geistiger Tätigkeit infolge der Vergiftung durch Nikotin, Alkohol, Opium und anderer Ursachen, stets befinden sich alle diese Menschen in einer Lage, dass sie sich, weil ihnen die Möglichkeit, selbstständig zu denken, fehlt, entweder den Menschen unterordnen, die auf einer höheren Stufe vernünftiger Erkenntnis stehen, oder den Familien und Staatstraditionen, dem, was man die öffentliche Meinung nennt. Und in dieser Unterordnung liegt nichts Unvernünftiges und Widerspruchsvolles. Und in der Tat, darin liegt nichts Unvernünftiges, und die Eigentümlichkeit der wenig denkenden Menschen, sich den Weisungen der Menschen unterzuordnen, die auf einer höheren Stufe der Erkenntnis stehen, ist eine dauernde Eigenschaft der Menschen, die Eigenschaft, durch welche die Menschen, indem sie sich ein und denselben vernünftigen Elementen unterordnen, in Gesellschaften leben können: die einen, die Minderheit, indem sie sich mit Bewusstsein ein und denselben Elementen unterordnen infolge ihrer Übereinstimmung mit den Forderungen ihrer Vernunft; die anderen, die Mehrheit, indem sie sich denselben Elementen unbewusst unterordnen, nur weil diese Forderung öffentliche Meinung geworden sind. Eine solche Unterordnung der wenig denkenden Menschen unter die öffentliche Meinung bietet nichts Unnatürliches bis zu dem Augenblick, wo die öffentliche Meinung sich spaltet. Aber es gibt Zeiten, in welchen ein gegen den früheren, höheren Grad der Erkenntnis der Wahrheit, der sich ursprünglich nur wenigen Menschen enthüllt, allmählich von den einen zu den anderen übergeht und so eine so große Zahl von Menschen erfasst, dass die frühere öffentliche Meinung, die auf einem niedrigeren Grad der Erkenntnis beruhte, zu schwanken beginnt, und die neue schon im Begriff ist, sich zu bilden, aber noch nicht gebildet hat, wo die Menschen schon anfangen, ihre eigenen und anderer Menschen Handlungen auf Grund der neuen Erkenntnis zu beurteilen, und doch im Leben nach dem Gesetz der Trägkeit, nach der Tradition, fortfahren, sich den Elementen unterzuordnen, die in den früheren Zeiten den höheren Grad vernünftiger Erkenntnis dargestellt haben, die sich aber schon jetzt im offenkundigen Widerspruch mit ihm befinden. Dann befinden sich die Menschen, die einerseits die Notwendigkeit fühlen, sich der neuen öffentlichen Meinung unterzuordnen, andererseits sich nicht entschließen, die alte aufzugeben, in einem natürlichen, schwankenden Zustande. Und in diesem Zustande befinden sich in Bezug auf die christlichen Wahrheiten nicht bloß die Menschen dieses Zuges, sondern die Mehrzahl der Menschen unserer Zeit. In einem solchen Zustande befinden sich in gleicher Weise die Menschen der höheren Schichten, die ausschließlich die privilegierten Stellungen genießen, und die Menschen der niederen Schichten, die sich ohne Murren dem fügen, was man ihnen vorschreibt. Die einen, die Menschen der herrschenden Klassen, habem keine vernünftige Erklärung mehr für die von ihnen eingenommenen, vorteilhaften Stellungen und sind zu der Notwendigkeit gedrängt, zur Erhaltung dieser Stellungen die höheren, vernünftigen, guten Eigenschaften zu unterdrücken und sich selbst die Notwendigkeit ihrer Ausnahmestellung einzureden. Die anderen wieder, die unteren Schichten, sind von der Arbeit niedergedrückt und absichtlich betäubt und befinden sich in einem beständigem Zustand der Suggestion, welche die Menschen der höheren Klassen unaufhörlich auf sie ausüben. Nur dadurch kann man die sonderbaren Erscheinungen erklären, von denen unser Leben voll ist, und von denen ein auffälliges Exempel mir die guten, friedlichen Leute boten, die ich am 9. September traf, und die ich kannte, die mit ruhiger Seele hinfuhren, um das tierischte, sinnloseste, niedrigste Verbrechen zu vollziehen. Wäre in diesen Menschen nicht durch irgendein Mittel das Gewissen eingeschläfert, nicht einer von ihnen würde auch nur den hundersten Teil von dem ausführen können, was sie auszuführen zu beabsichtigen und höchst wahrscheinlich auch ausführen werden. Nicht etwa, als ob in ihnen das Gewissen nicht lebte, das ihnen verbietet, die Tat zu vollbringen, zu der sie sich rüsten, so gut dieses Gewissen auch vor 400, 300, 200 oder 100 Jahren in den Menschen lebte, die die Scheiterhaufen anzündeten, die Menschen folterten und niederhieben. Es lebt in allen diesen Menschen, aber es ist eingeschläfert. Bei den einen, den Vorgesetzten, bei denen, die sich in den ausschließlich privilegierten Stellungen befinden, durch Autosuggestion, wie es die Psychiater nennen. Bei den anderen, bei den Ausführenden, den Soldaten, durch eine unmittelbare, bewusste Suggestion und Hypnose, die die oberen Klassen permanent hervorrufen. Das Gewissen ist bei diesen Menschen eingeschläfert, aber es ist in ihnen, und durch die Suggestion und Autosuggestion hindurch, von der sie beherrscht sind, spricht es schon in ihnen und kann jeden Augenblick erwachen. Alle diese Menschen befinden sich in einer ähnlichen Lage wie ein hypnotisierter Mensch, dem man suggerieren und befehlen würde, eine Tat zu vollbringen, die alledem widerspricht, was er für vernünftig und gut hält: seine Mutter oder sein Kind zu töten. Der Hypnotisierte fühlt sich gefesselt von der auf ihn einwirkenden Suggestion. Er glaubt, er könne nicht anders. Je mehr er sich aber der Zeit und dem Ort der Vollziehung der Handlung nähert, desto stärker erhebt sich in ihm die betäubte Stimme des Gewissens, desto mehr und mehr beginnt sie zu widerstreben, zu zucken und zu erwachen. Und man kann nicht vorher sagen, ob er die ihm suggerierte Handlung ausführen wird oder nicht, was die Oberhand gewinnen wird, das vernünftige Bewusstsein oder die unvernünftige Suggestion. Alles hängt von der relativen Kraft der einen und der anderen ab. Ganz dasselbe vollzieht sich jetzt mit den Menschen dieses Zuges und überhaupt mit allen Menschen, die in unserer Zeit staatliche Gewalt ausüben und den Geruch davon haben. Es gab eine Zeit, in der die Menschen, die ausgezogen waren zum Zwecke der Züchtigung und des Totschlags, ein Exempel zu statuieren, nicht anders heimkamen, als nach Vollzug der Tat, zu der sie ausgezogen waren, und wenn sie die Tat vollzogen hatten, nicht von Reue und Zweifel gequält wurden, sondern ruhig, nachdem die die Menschen niedergehauen, zu ihrer Familie heimkehrten, die Kinder streichelten, scherzten, lachten und sich den stillen Freuden der Familie hingaben. Damals fiel es auch den Menschen, die den Nutzen dieser Gewalttaten hatten, den Gutsbesitzern und den Reichen, gar nicht ein, dass die Vorteile, die sie genießen, einen unmittelbaren Zusammenhang mit diesen Grausamkeiten hätten. Jetzt aber ist das anders. Die Menschen wissen schon oder sind nahe daran, zu wissen, was sie tun und warum sie das tun. Sie können die Augen schließen, sie können ihr Gewissen zum Schweigen zwingen, aber mit den geschlossenen Augen und mit dem betäubten Gewissen können sie nicht mehr blind sein gegen die Bedeutung, die ihre Taten haben, weder die, die sie vollbringen, noch die, die den Genuss davon haben. Es kommt vor, dass die Menschen die Bedeutung dessen, was sie getan haben, erst nach dem Vollzug der Tat begreifen. Es kommt auch vor, dass sie es unmittelbar vor dem Vollzug begreifen. So begriffen die Leute, die in Nishnij-Nowgorod, Saratow, Orel und Jusow-Werk die Züchtigungen beaufsichtigten, die Bedeutung dessen, was sie taten, erst nach Vollzug der Tat und werden jetzt von der Scham vor der öffentlichen Meinung und von ihrem Gewissen gepeinigt. Die Anordner wie die Vollstrecker leiden diese Pein.. Ich habe mit Soldaten gesprochen, die solche Taten vollzogen haben, und sie haben stets das Gespräch mit Eifer von der Sache abgelenkt. Wenn sie aber darüber sprachen, so sprachen sie mit Widerwillen und Entsetzen. Es kommt auch wohl vor, dass die Menschen sich unmittelbar vor dem Vollzug der Taten besinnen. So kenne ich einen Fall von einem Feldwebel, den zwei Bauern, während er die Ruhe herstellen wollte, geprügelt, und der darüber Bericht erstattet hatte, der aber am folgenden Tag, da er die Züchtigungen mit ansah, die an anderen Bauern vollzogen wurden, den Regimentskommandeur bat, seinen Bericht zu zerreißen und die Bauern, die ihn geschlagen hatten, laufen zu lassen. Ich kennen einen Fall, wo die Soldaten, die abkommandiert waren, jemand zu erschießen, den Gehorsam verweigerten, und ich kennen viele Fälle, wo Vorgesetzte sich weigerten Züchtigungen und Totschläge anzuordnen. Es kommt also vor, dass Leute, die die Gewalt aufrecht erhalten wollen und sie vollziehen, bisweilen lange vor dem Vollzuge der ihnen suggerierten Taten, bisweilen sogar unmittelbar vor ihrem Vollzuge, bisweilen auch nachher sich bedenken. Die Menschen, die in diesem Zuge fuhren, sind ausgezogen, um ihre Brüder zu züchtigen und zu töten, aber niemand weiß, ob sie das, wozu sie ausgezogen sind, tun werden oder nicht. So verborgen auch für jeden einzelnen die Verantwortung für diese Tat ist, so stark auch in allen diesen Menschen die Suggestion dessen ist, dass sie nicht Menschen sind, sondern Gouverneure, Kommissare, Offiziere und Soldaten, und dass sie als solche Wesen ihre menschlichen Pflichten verletzen könnten, so wird doch, je näher sie dem Ort der Bestimmung kommen, sich in ihnen immer mächtiger der Zweifel erheben, ob die Tat, zu der sie ausziehen, geschehen muss. Und dieser Zweifel wird seinen höchsten Grad erreichen, wenn sie zu dem Augenblick der Ausführung gekommen sind. Es ist nicht möglich, dass der Gouverneur, trotz der ganzen, betäubenden Wirkung der ihn umgebenden Verhältnisse sich nicht besinnen sollte in dem Augenblick, indem er den letzten entscheidenden Befehl zum Totschlag oder zur Züchtigung geben soll. Er weiß, dass die Tat des Gouverneurs von Orel die Unzufriedenheit der Besseren in der Gesellschaft hervorgerufen hat, und er hat selbst schon unter dem Einfluss der öffentlichen Meinung der Kreise, in denen er lebt, oft seine Missbilligung darüber ausgesprochen. Er weiß, dass der Staatsanwalt, der mitreisen sollte, gerade die Teilnahme an dem Werk verweigert hat, weil er das Werk für schmachvoll hält. Er weiß auch, dass in der Regierung heute oder morgen Veränderungen erfolgen können, und dass infolge dieser Veränderungen das, was gestern Verdienst war, morgen Sache der Ungnade werden kann. Er weiß, dass es eine Presse gibt, ist es nicht die russische, so ist es die ausländische, die die Tat beschreiben und ihn für alle Ewigkeit der Schmach überliefern kann. Er fühlt schon diese neue öffentliche Meinung, die an die Stelle dessen tritt, was die alte verlangte. Und überdies kann er nicht völlig überzeugt sein, ob im letzten Augenblick die Vollstrecker ihm auch gehorchen werden. Er schwankt, und niemand kann vorher sagen, was er tun wird. Und dasselbe empfinden in höherem oder geringerem Grade alle Beamten und Offiziere, die mit ihm fahren. Sie alle wissen in tiefster Seele, dass die Tat, die sie vollbringen sollen, schmachvoll ist, dass die Teilnahme an ihr den Menschen in den Augen vieler, deren Meinung ihnen wert ist, mit Schimpf und Schande bedeckt. Sie wissen, dass es schmachvoll ist, vor eine Braut oder eine Frau, der man gefallen möchte, nach dem Totschlag oder der Züchtigung wehrloser Menschen hinzutreten. Und außerdem zweifeln auch sie wie der Gouverneur daran, ob ihnen ihre Soldaten auch sicher gehorchen werden. Und so wenig dies auch dem zuversichtlichen Aussehen entspricht, mit dem jetzt alle diese Vorgesetzten im Wartezimmer hin und her gehen, sie alle leiden nicht nur in der Tiefe ihrer Seele, sondern schwanken. Ja, gerade darum nehmen sie diese selbstbewusste Miene an, um die innere Schwankung zu verbergen. Und dieses Gefühl wächst nach dem Maße ihrer Annäherung an den Ort der Handlung. Und so schwer es auch zu merken ist, und so sonderbar es ist, es auszusprechen, in derselben Lage befindet sich diese ganze Menge junger Burschen, der Soldaten, die so fügsam scheinen. Sie alle sind nicht mehr dieselben Soldaten8, die sie früher waren, Menschen, die das natürliche Arbeitsleben aufgegeben haben und ihr Leben ausschließlich der Ausschweifung, dem Raub und Totschlag gewidmet haben, wie römische Legionäre oder die Mietstruppen des dreißigjährigen Krieges, oder auch nur wie die Soldaten der jüngsten Zeit, die ihre fünfundzwanzig Jahre dienten. Jetzt sind es meist Menschen, die man vor kurzem von der Familie weggeholt hat, alle erfüllt von Erinnerungen an das gute, natürliche und vernünftige Leben,dem sie entrissen sind.
Gewiss, sie alle sind durch die schreckliche, künstliche, Jahthunderte hindurch fortgeschrittene Uniformierung hindurchgegangen, die jede Selbstständigkeit vernichtet, und sind so gewöhnt an blinden, mechanischen Gehorsam, dass sie bei den Worten des Kommandos: "Gebt Feuer! Marsch." und dergleichen sich die Gewehre von selbst erheben und die gewohnten Bewegungen vollziehen. Aber, "Gebt Feuer!" bedeutet jetzt nicht mehr, vergnügt euch, wie wenn es gilt, auf die Scheibe zu schießen. Vielmeht bedeutet es jetzt, tötet eure gequälten, gekränkten Väter und Brüder, die da in den Gassen stehen, zu Haufen zusammengedrängt, mit Weibern und Kindern, die mit den Händen durch die Luft fuchteln und schreien. Da stehen sie, der eine mit dem dünnen Bärtchen, in dem zersetzten Kaftan (ein langes Woll- oder Seidenhemd, das über den Hüften gegürtet wird), in den Bastschuhen. Er sieht aus wie der alte Vater, der in Kasan oderRjasan allein geblieben ist. Der andere mit dem grauen Bart und dem gebeugten Rücken, mit dem großen Stock in der Hand, wie der Vatersvater, der Großvater. Der dritte dort, der junge Bursche in den hohen Stiefeln und dem roten Hemde, ganz so, wie er selbst vor einem Jahre ausgesehen hat, der Soldat, der jetzt auf ihn schießen soll. Und dort das Weib in den Bastschuhen und dem Leinenkleid, ganz wie die Mutter, die er daheim zurückgelassen hat. Soll er wirklich auf sie schießen? Gott weiß, was jeder Soldat in der äußersten Minute tun wird. Der geringste Hinweis darauf, dass man das nicht darf, vor allem, dass es möglich ist, es nicht zu tun, ein einziges solches Wörtchen, eine einzige Andeutung wird dann genügen, um ihnen ein Halt zuzurufen. Alle Leute, die in diesem Zuge fahren, werden, wenn sie zur Ausführung dieses Werkes kommen, zu dem sie fahren, in derselben Lage sein, in der ein hypnotisierter Mensch wäre, dem man suggeriert hat, einen Klotz zu durchhauen, und der eben losgeht auf das, was man ihm als Klotz bezeichnet hat, und schon die Axt schwingt, und der nun plötzlich sieht oder von anderen erfährt, dass das nicht ein Klotz, sondern sein schlafender Bruder ist. Er kann die Tat, die man ihm vorgeschrieben hat, vollziehen, kann aber auch vor ihrem Vollzuge zu sich kommen. So können auch alle diese Leute erwachen oder nicht erwachen. Erwachen sie nicht, so vollzieht sich die entsetzliche Tat, die sich in Orel vollziehen sollte. So wird auch in anderen Leuten die Autosuggestion und die Suggestion verstärkt, unter deren Einfluß sie handeln. Erwachen sie und bleibt die Tat ungeschehen, so werden noch viele von denen, die von der Wendung hören, die das Werk genommen hat, sich von der Suggestion befreien, unter deren Eindruck sie stehen, oder wenigstens ihrer Befreiung näher kommen. Aber nicht nur, wenn alle Menschen, die in diesem Zuge fahren, zu sich kommen und sich der Vollziehung des begonnenen Werkes enthalten, wenn nur einige von ihnen zu sich kommen und sich der Tat enthalten und mutig den anderen das Verbrecherische der Tat erklären, auch dann kann die Einwirkung dieser wenigen Menschen das tun, dass auch die übrigen von dieser Suggestion erwachen, unter der sie stehen, und die vorgesetzte Übeltat nicht vollziehen. Wenn auch nur wenige Menschen, die nicht an dieser Tat teilnehmen, sondern nur bei den Vorbereitungen zugegen sind, oder die von dem Vollzuge von früher geschehenen ähnlichen Taten gehört haben, nicht gleichgültig bleiben, sondern frei und kühn ihren Abscheu den Teilnehmern solcher Taten gegenüber aussprechen und ihnen die ganze Unvernunft, Grausamkeit und Lasterhaftigkeit auseinandersetzen werden, so wird auch das nicht ohne Spur vorübergehen. So war es auch in diesem Falle. Es brauchten nur wenige Menschen, Teilnehmer und Nichtteilnehmer an der Tat, die von der Suggestion frei sind, in dem Augenblick, wo sie sich zu dem Werke anschicken, mutig ihre Missbilligung über die Züchtigung, die an anderen Orten vollzogen wurden, und ihren Abscheu und ihre Verachtung gegen Menschen, die an ihnen teilgenommen hatten, auszusprechen. Es brauchten nur bei dieser Tat von Tula einige Personen auszusprechen, dass sie nicht daran teilzunehmen wünschten; es brauchte nur eine durchreisende Dame und andere Personen hier an der Station denen, die in dem Zuge fuhren, ihre Missbilligung der bevorstehenden Tat auszudrücken; es brauchte nur einer von den Regimentskommandeuren, von denen man zur Unterdrückung von Unruhen Soldatenabteilungen forderte, seine Meinung auszusprechen, dass die Soldaten nicht Henker sein können, und die Sache hätte, dank diesen und einigen anderen einzelnen Einflüssen auf die Menschen, die sich unter der Suggestion befanden, eine ganz andere Wendung genommen, und die Soldaten hätten, sobald sie an den Ort gekommen wären, die Züchtigungen nicht vollzogen, sondern nur den Wald umgehauen und ihm den Gutsbesitzer ausgeliefert. Hätten nicht einige Menschen ein klares Bewusstsein davon, dass das, was sie tun, schlecht ist, und gäbe es infolgedessen keine gegenseitige Einwirkung in diesem Sinne, so würde sich vollziehen, was sich in Orel vollzogen hat. Wäre dieses Bewusstsein noch stärker und daher die Zahl dieser Einwirkungen, als sie war, so ist es sehr wohl möglich, dass der Gouverneur und die Soldaten sich nicht einmal hätten entschließen können, den Wald zu fällen und ihm den Besitzer auszuliefern. Wäre dieses Bewusstsein noch stärker und der Einwirkungen noch mehr, so ist es sehr wohl möglich, dass der Gouverneur sich gar nicht entschlossen hätte, an der Ort der Tat zu fahren. Wäre das Bewusstsein noch stärker und der Einwirkungen noch mehr, so ist es sehr wohl möglich, dass auch der Minister sich nicht entschlossen hätte, die Weisungen zu geben, und der Kaiser, einen solchen Entschluss zu bestätigen. Alles hängt demnach von der Kraft ab, mit der jeder einzelne Mensch sich der christlichen Wahrheit bewusst ist. Und darum sollte man meinen, müsste auch die Tätigkeit aller Menschen unserer Zeit, die da behaupten, dass sie für das Wohl der Menschheit zu wirken bestrebt sind, darauf gerichtet sein, in sich und in anderen die Klarheit der Forderungen der christlichen Wahrheit zu verstärken. 4. Wie können die Menschen zur Wahrheit finden? Top Aber wunderbar: gerade die Menschen, die in unserer Zeit mehr als alle anderen davon sprechen, dass sie sich um die Verbesserung des menschlichen Lebens bemühen, und die sich für die Führer der öffentlichen Meinung halten, behaupten, dass man dies nicht zu tun brauche, und dass zur Verbesserung der Lage der Menschen andere, viel wirksamere Mittel vorhanden sind. Diese Menschen behaupten, dass die Verbesserung des menschlichen Lebens nicht aus der inneren Anstrengung der einzelnen Menschen und die Erkenntnis, die Klärung und die Bekennung der Wahrheit hervorgeht, sondern aus allmählichen Veränderungen der allgemeinen, äußeren Lebensbedingungen und dass daher die Kraft jedes einzelnen Menschen nicht auf die Erkenntnis gerichtet sein müsse, die Klärung und die Bekennung der Wahrheit, sondern auf die allmähliche Veränderung der allgemeinen äußeren Bedingungen des Lebens in einer für die Menschheit nützlichen Richtung, und dass jede Bekennung der Wahrheit durch den einzelnen Menschen, die nicht in Übereinstimmung mit der bestehenden Ordnung ist, nicht nur nicht nützlich, sondern schädlich ist, weil sie von Seiten der Machthaber Zwangsmaßregeln hervorruft, die die einzelnen Menschen verhindern, ihre auf den Dienst der Allgemeinheit gerichtete, nützliche Tätigkeit dauernd fortzuführen. Nach dieser Lehre vollziehen sich alle Veränderungen nach denselben Gesetzen, nach denen sie sich im Leben der Tiere vollziehen. Nach dieser Lehre hätten somit alle Religionsbegründer, wie Moses und die Propheten, Zarathustra, Konfuzius, Laotse, Buddha, Christus, Mani (Manichäismus), Mohammed und die anderen, ihre Lehre verkündet, und ihre Anhänger sie angenommen, nicht weil sie die Wahrheit liebten, sie aufhellten und bekannten, sondern weil die politischen, sozialen und vor allem die wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Völker, in deren Mitte sie auftraten und ihre Lehre verbreiteten, für ihr Auftreten und die Verbreitung ihrer Lehre günstig waren. Und darum muss die Haupttätigkeit des Menschen, der das Streben hat, der Gesamtheit zu dienen und die Lage der Menschheit zu verbessern, nach dieser Lehre nicht auf die Aufhellung der Wahrheit und ihre Bekennung gerichtet sein, sondern auf die Verbesserung der äußeren politischen, sozialen und vor allem wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Veränderung dieser politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse aber vollzieht sich, indem man einerseits der Regierung dient und liberale und fortschrittliche Elemente in sie hineinträgt, andernteils indem man an der Entwicklung der Industrie und der Verbreitung sozialisticher Ideen und vor allem an der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung teilnimmt. Nach dieser Lehre ist es wichtig, nicht dass man im Leben die Wahrheit bekennt, die uns aufgegangen ist, und infolgedessen unabweislich genötigt ist, sie im Leben zu verwirklichen oder wenigstens keine Handlungen zu begehen, die der Wahrheit, die wir bekennen, widersprechen: Nicht der Regierung dienen und nicht ihre Macht stärken, wenn man diese Macht für schädlich hält. Nicht die Vorteile der kapitalistischen Ordnung genießen, wenn man diese Ordnung für unrechtmäßig hält. Nicht den verschiedenen Zeremonien Achtung bezeugen, wenn man sie für schädlichen Aberglauben hält. Nicht an Gerichten teilnehmen, wenn man ihre Einrichtung für Lüge hält. Nicht als Soldat Dienste nehmen und keinen Eid leisten, überhaupt nicht lügen, nicht niederträchtig handeln. Wichtig ist danach vielmehr, ohne die bestehenden Lebensformen zu ändern und sich ihnen gegen die eigene Überzeugung zu fügen, den Liberalismus in die bestehenden Einrichtungen hineinzutragen: die Industrie, die sozialistische Propaganda und die Fortschritte dessen, was man Wissenschaft nennt, und die Verbreitung der Bildung zu fördern. Nach dieser Theorie kann man Gutsbesitzer, Kaufmann, Fabrikant, Richter, Beamter mit Regierungsgehalt, Soldat und Offizier bleiben und dabei nicht nur ein humaner Mensch, sondern auch ein Sozialist und Revolutionär sein. Die Heuchelei, die bisher nur eine religiöse Grundlage hatte, hat in dieser Lehre zu unserer Zeit eine neue wissenschaftliche Grundlage erhalten und hat infolgedessen in ihre Netze alle die Menschen verstrickt, die nach dem Grade ihrer geistigen Entwicklung sich nicht mehr auf die religiöse Heuchelei stützen können. Wenn daher der Mensch, der die religiöse Lehre der Kirche bekannte, an allen Verbrechen, die der Staat vollzog, teilnehmen und den Genuss davon haben konnte und sich dabei für rein von aller Sünde halten durfte, wenn er daher nur die äußeren Forderungen seines Bekenntnisses erfüllte, so haben jetzt alle die Menschen, die nicht an das kirchliche Christentum glauben, trotz ihrer Teilnahme an den staatlichen Verbrechen und an ihrem Genusse, eine ebenso feste weltliche und wissenschaftliche Grundlage dazu, sich für reine, ja sogar hochsittliche Menschen zu halten. So lebt nicht bloß in Russland, sondern in der ganzen Weilt, in Frankreich, England, Deutschland und Amerika, der reiche Gutsbesitzer und für das Recht, das er den Leuten, die auf seinem Grund und Boden leben, gewährt, ihre Nahrung daraus zu ziehen, schindet er diese zum grüßten Teil Hunger leidenden Menschen, wie er sie nur schinden kann. Das Eigentumsrecht dieses Menschen an dem Boden gründet sich darauf, dass bei jedem Versuch der unterdrückten Menschen, ohne seine Zustimmung den Grund und Boden zu benützen, den er als sein eigen betrachtet, das Heer erscheint und die Menschen, die den Boden ergreifen wollen, durch Züchtigung und Totschlag zwingt. Es scheint einleuchtend zu sein, dass ein Mensch, der so lebt, ein schlechtes und eigensüchtiges Geschöpf ist und niemals das Recht haben kann, sich ein Christ oder ein liberaler Mensch zu nennen. Es scheint einleuchtend zu sein, dass das erste, was ein solcher Mensch zu tun hätte, wenn er sich nur im entferntesten dem Christentum oder dem Liberalismus nähern wollte, darin bestünde, dass er aufhörte, die Menschen mit Hilfe der von der Regierung durch Totschlag und Züchtigung aufrecht erhaltenen Anrechts an dem Boden zu berauben und zu Grunde zu richten. So wäre es, wenn es nicht die Metaphysik der Heuchelei gäbe, die da sagt, vom Standpunkt der Religion ist der Besitz oder Nichtbesitz von Grund und Boden gleichgültig für die Erlösung, und vom Standpunkt der Wissenschaft, wäre der Verzicht auf den Besitz des Bodens eine nutzlose, persönliche Anstrengung, und die Förderung menschlichen Glücks geschieht nicht auf diesem Wege, sondern auf der allmählichen Veränderung der äußeren Form. Und dieser Mensch begründet unbeirrt und in der festen Überzeugung, dass man ihm glaubt, eine landwirtschaftliche Ausstellung, eine Gesellschaft gegen die Trunksucht, schickt durch seine Frau und seine Kinder drei alten Frauen Kleider und Brühe, predigt in der Familie, im Gasthaus, in Komitees und in der Presse die evangelische oder humane Liebe zu dem Nächsten im allgemeinen, und zu dem arbeitenden Landvolke im besonderen, das er unaufhörlich peinigt und verfolgt. Und die Menschen, die sich in gleicher Lage wie er befinden, glauben ihm, rühmen ihn und erörtern mit ihm gemeinsam mit wichtiger Miene die Frage, durch welche weiteren Mittel man die Lage dieses arbeitenden Volkes verbessern könnte, auf deren Beraubung ihr Leben gegründet ist, und ersinnen zu dem Zwecke alle möglichen Mittel, nur das eine nicht, ohne das eine Verbesserung der Lage des Volkes unmöglich ist, das nämlich, dass sie aufhören, diesem Volke den zu seiner Ernährung notwendigen Grund und Boden zu nehmen. Ein höchst merkwürdiges Beispiel solcher Heuchelei waren die Bemühungen der russischen Grundbesitzer im Laufe des letzten Jahres zur Bekämpfung der Hungersnot, die sie hervorgerufen und ausgenützt haben, indem sie nicht nur Getreide zu den höchsten Preisen, sondern auch Kartoffelstengel zu fünf Rubel für den Morgen an die frierenden Bauern zum Heizen verkauften. Oder da lebt ein Kaufmann, dessen ganzer Handel wie jeglicher Handel auf eine Reihe von Betrügereien beruht, durch welche man, mit Ausnützung der Unwissenheit und der Not der Menschen, bei ihnen Gegenstände unter ihrem Werte ersteht und, wiederum Unwissenheit, Not und Verführung ausnützend, über ihrem Werte verkauft. Es scheint einleuchtund zu sein, dass ein Mensch, dessen ganze Tätigkeit auf dem beruht, was auch in seiner Sprache Betrug heißt, wenn die Dinge sich nur unter anderen Verhältnissen vollziehen, sich seiner Stellung schämen müsste, und dass er sich keineswegs, wenn er Kaufmann bleibt als Christ oder liberaler Mensch hinstellen kann. Aber die Metaphysik der Heuchelei sagt ihm, er könne den Ruf eines tugendhaften Menschen haben trotz der Fortführung seiner schädlichen Tätigkeit. Der religiöse Mensch müsse nur glauben, und der liberale müsse nur die Veränderungen der äußeren Bedingungen, den Fortschritt der Industrie fördern. Und dieser Kaufmann (der außerdem oft genug auch noch eine Reihe unmittelbarer Betrügereien ausführt, indem er Schlechtes als gut verkauft, falsch wägt, falsch misst oder mit Gegenständen handelt, die das Leben des Volkes zu Grunde richten, wie Wein und Opium), hält sich kühn, wenn er nur im Geschäfte nicht direkt seine Genossen im Betruge, das heisst, seine kaufmännischen Genossen betrügt, für ein Muster der Ehrenhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit und wird auch von anderen dafür gehalten. Wenn er aber ein Tausendstel von dem Gelde, dass er gestohlen hat, für irgend ein öffentliches Institut, für ein Krankenhaus, ein Museum oder eine Schule spendet,9so hält man ihn noch für einen Wohltäter des Volkes, auf dessen Betrug und Zerrüttung sein ganzer Wohlstand beruht. Wenn er aber einen Teil des gestohlenen Geldes für Kirchen und Arme hergibt, so hält man ihn für einen musterhaften Christen. 9Weil es zum
Thema passt und gerade aktuell ist, möchte ich einen kurzen
Ausschnitt aus stern.de vom 16. Februar 2008 hier einfügen:
"Amerikanische Superreiche der Ostküste haben nach einer
Untersuchung des Wall Street Journal im Sommer des Jahres 2007 pro Kopf
rund eine Million Dollar für die Anmietung von Jachten, für
Reisen, den Kauf von Schmuck, Uhren und Kunst und für Partys
ausgegeben, und nur 82.000 Dollar für verschiedene Formen der
Wohltätigkeit gespendet, meist für Bildungseinrichtungen und
Krankenhäuser, nicht etwa für die wirklich Armen. Wie man
sieht, hat sich bis heute nicht viel geändert. Oder da lebt ein Fabrikant, dessen Einnahme ganz auf dem Lohn beruht, den er dem Arbeiter genommen hat, und dessen ganze Tätigkeit auf der unnatürlichen Zwangsarbeit beruht, die ganze Generationen von Menschen zu Grunde gerichtet hat. Man sollte meinen, es müsste einleuchten, dass dieser Mensch, wenn er irgendwelche christlichen oder liberalen Grundsätze bekennt, aufhören müsste, um seines Gewissens willen Menschenleben zu vernichten. Aber nach der bestehenden Theorie fördert er die Industrie und braucht seine Tätigkeit nicht einzustellen, ja, es wäre ein Schaden für die Menschen und die Gesellschaft, wenn er es täte. Und dieser Mensch, der grausame Sklavenhalter von tausend
Menschen, hat für die bei seiner Arbeit verstümmelten
Menschen Häuschen mit fünf Fuß großen
Gärtchen errichtet, eine Kasse, eine Kapelle, ein Krankenhaus, und
ist stets überzeugt, dass er dadurch mit Wucher für all die
physisch und geistig zu Grunde gerichteten und dem Elend
entgegengehenden menschlichen Leben heimgezahlt hat, und setzt ruhig
mit stolzem Bewusstsein seine Tätigkeit fort. Oder da lebt ein Regent oder irgend ein Staatsdiener in einem zivilen, geistlichen oder militärischem Amt, der seine Tätigkeit ausübt, um seinen Ehrgeiz oder seine Herrschsucht zu befriedigen. Oder, wie es meist vorkommt, nur um das von dem durch Arbeit erschöpften und gepeinigten Volk gesammelten Gehalt zu bekommen (Steuern, von wem sie auch genommen werden, kommen von der Arbeit her, das heisst von dem arbeitenden Volke). Wenn er, was sehr selten vorkommt, nicht geradezu Staatsgelder auf ungewöhnliche Weise stiehlt, so hält er sich selbst und wird von anderen seinesgleichen für ein höchst nützliches wohltätiges Mitglied der Gesellschaft gehalten. Da lebt ein Richter, ein Staatsanwalt oder ein Regierungsvertreter und weiß, dass auf sein Urteil oder auf seinen Beschluss hin sofort hunderte, tausende der Familie entrissene Unglückliche in Einzelzellen, in Zwangsarbeiten sitzen, die ihren Verstand verlieren und sich mit Glas oder durch Hunger töten. Er weiß, dass diese tausende Menschen noch tausende Mütter, Frauen und Kinder haben, die unter der Trennung leiden, die des Wiedersehens mit den Beschimpften beraubt sind, die vergebens Verzeihung oder auch nur Erleichterung des Schicksals ihrer Väter, Söhne, Männer oder Brüder erbitten. Und dieser Richter und Regierungsvertreter ist so verhärtet in seiner Heuchelei, dass er selbst und seinesgleichen, seine Kinder, seine Frau und seine Hausgenossen fest davon überzeugt sind, dass er ein der Gesamtheit nützliches Werk tut. Und dieser Mensch, der Hunderttausende von Menschen vernichtet hat, die ihn fluchen und verzweifeln, geht Dank seiner Tätigkeit, in dem Glauben an das Gute und an Gott, mit strahlendem Lächeln auf dem glatten Gesicht in die Kirche, hört das Evangelium, hält liberale Reden, streichelt seine Kinder, predigt ihnen Sittlichkeit und ist gerührt, wenn er an die Leiden anderer denkt. All diese Menschen leben und die, die in ihrer Umgebung ihr
Leben fristen, ihre Frauen, Lehrer, Kinder, Köche, Schauspieler,
Jockens (Jäger) und so weiter, von dem Blute, das durch diese oder
die andere Weise, durch diese oder andere Blutegel dem arbeitenden
Volke entzogen wird, leben dahin und verschlingen täglich jeder zu
seinem Vergnügen hunderte und tausende Arbeitstage
erschöpfter Arbeiter, die durch die Androhung von Totschlag zur
Arbeit genötigt sind, sehen die Entbehrungen und Leiden dieser
Arbeiter, ihrer Kinder, der Greise, der Frauen und der Kranken, haben
Kenntnisse von den Strafen, denen jeder unterliegt, der diese
organisierte Plünderung antastet. Sie vermindern nicht nur ihren Luxus nicht, verbergen ihn nicht, sondern tragen ihn offen vor diesen unterdrückten Arbeitern, die sie meist hassen, zur Schau, als wollten sie sie absichtlich reizen, ihnen ihre Parks, ihre Paläste, ihre Theater, ihre Jagden und ihre Wettrennen zeigen und bei alle dem fortfahren, sich und anderen einzureden, dass sie alle auf's höchste um das Wohl dieses Volkes, dass sie unaufhörlich mit Füßen treten, besorgt sind, und fahren an Sonntagen in reichen Gewändern, im Ornat oder ohne Ornat (das Ornat ist die Amtstracht eines Geistlichen, Herrschers oder eines hohen Beamten), in weißen Halsbinden, in üppigen Wagen in Häuser, die absichtlich zur Verspottung des Christentums erbaut sind, predigen einer dem anderen Liebe zu den Menschen, die sie alle durch ihr ganzes Leben verleugnen. Und indem sie alle dies tun, gehen diese Menschen so ganz in ihrer Rolle auf, dass sie ernstlich glauben, dass sie wirklich das sind, was sie zu sein heucheln. Die allgemeine Heuchelei, die allen Ständen unserer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen ist, hat einen solchen Umfang angenommen, dass in dieser Hinsicht gar nichts mehr die Menschen in Empörung versetzt. Nicht umsonst heißt Hypokrysie Schauspielerei, und schauspielern. Eine Rolle spielen kann jdermann beliebig. Solche Erscheinungen, wie die, dass die Statthalter Christi Totschläger, die in Reih und Glied stehen und ihre Gewehre auf ihre Brüder gerichtet halten, im Gebet segnen, dass Priester, Hirten jedes christlichen Bekenntnisses stets, ebenso wie Henker, an Hinrichtungen teilnehmen und durch ihre Anwesenheit den Totschlag als vereinbar mit dem Christentum anerkennen (bei dem Versuch des elektrischen Tötens war ebenfalls ein Pastor anwesend). Alle diese Erscheinungen setzen niemanden mehr in Erstaunen. Auch das setzt niemand in Erstaunen, dass die liberale Wissenschaft zugleich mit der Anerkennung der Gleichheit, der Brüderlichkeit und der Freiheit der Menschen die Notwendigkeit des Heeres, der Hinrichtungen, der Zollkammern, der Zensur, der Reglementierung, der Prostitution, der Verbannung der willigen Arbeiter, der Auswanderungsverbote, der Notwendigkeit und Gerechtigkeit der Kolonisation, die auf der Vergiftung, Beraubung und Vernichtung ganzer Menschengeschlechter, die man Wilde nennt, beruht, und so weiter zu beweisen sucht. Man spricht davon, was dermaleinst sein sein wird, wenn alle
Menschen das bekennen werden, was man Christentum nennt (das heisst,
die verschiedenen, einander feindseligen Bekenntnisse), wenn alle
gesättigt und bekleidet, von einem Ende der Welt bis zum andern
miteinander durch Telegraphen und Telefone miteinander verbunden sind,
miteinander durch Luftballone verkehren werden, wenn alle Arbeiter von
den sozialen Lehren durchdrungen sind, und wenn die Arbeiterbünde
so viel Millionen Mitglieder haben und so und so viel Geld besitzen und
alle Menschen gebildet sein werden, alle Zeitung lesen, alle
Wissenschaften kennen werden. Was aber kann Nützliches und Gutes aus all diesen
Vervollkommnungen hervorgehen, wenn die Menschen nicht zugleich das
sprechen und tun werden, was sie für die Wahrheiten halten? Die
Nöte der Menschen entspringen doch der Verunreinigung. Die
Verunreinigung aber kommt daher, dass die Menschen nicht der Wahrheit
folgen, die nur eine ist, sondern den Lügen, die zahlreich sind.
Das einzige Mittel, die Menschen zu vereinigen, ist die Vereinigung in
der Wahrheit. Je aufrichtiger die Menschen der Wahrheit nachstreben,
desto näher sind sie dieser Vereinigung. Wie aber können sich die Menschen in der Wahrheit
vereinigen oder sich ihr auch nur nähern, wenn sie nicht nur die
Wahrheit, die sie kennen, nicht aussprechen, sondern meinen, man
brauche dies nicht zu tun, und sich stellen, als hielten sie das
für die Wahrheit, was sie nicht dafür halten. Mögen sich all jene äußeren Vervollkommnungen vollziehen, die religiöse und wissenschaftliche Männer nur träumen können. Mögen alle Menschen das Christentum annehmen und alle jene Verbesserungen, die die zahlreichen Bellamys10 und Richets fordern, mit allen möglichen Zutaten und Ergänzungen sich vollziehen, und die Heuchelei bleiben, die jetzt besteht, die Leute die Wahrheit nicht bekennen, die sie kennen, und fortfahren zu heucheln, dass sie an das glauben, an was sie nicht glauben, und das schätzen, was sie nicht schätzen, so wird die Lage der Menschen nicht bloß dieselbe bleiben, sondern sie wird immer schlechter und schlechter werden. Je satter die Menschen sein werden, je mehr Telegraphen, Telefone, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften es geben wird, desto mehr Mittel wird es für die Verbreitung einander widersprechender Lügen und Heucheleien geben, und desto uneiniger und elender werden die Menschen nur sein, wie es auch jetzt ist. 10Edward Bellamy
(1850 - 1898) war ein amerikanischer Schriftsteller. Als Sohn eines
baptistischen Pfarrers und einer calvinistischen Mutter erlebte er die
Grausamkeit der Kinderarbeit und wurde geprägt von der
beobachteten Unmenschlichkeit reicher Mühlenbesitzer. Schon
früh, mit 10 Jahren, begann er Essays über sozialistische
Reformen zu schreiben. Von seinen Eltern zum Priesteramt gedrängt,
entschloss er sich dennoch Jura zu studieren und erhielt 1871 seine
Gerichtszulassung, wurde aber Herausgeber verschiedener Zeitungen. Der
Erfolg seines Romans "Looking Backward" (deutsch: Ein Rückblick
aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887.), der die ökonomischen
Probleme des ausgehenden 19. Jahrhunderts in eine Zukunftsvision
einbettet, führte zu heftigen und kontroversen Diskussionen. Wenn auch alle diese äußeren Veränderungen sich vollziehen, die Lage der Menschheit wird darum nicht besser werden. Wenn aber jeder Mensch sofort in seinem Leben, nach dem Maße seiner Kräfte die Wahrheit bekennen wird, die er kennt, oder wenigstens die Unwahrheit nicht verteidigen wird, die er verübt, indem er sie für die Wahrheit ausgibt, so würden sich sofort, in diesem Jahre 1893, Veränderungen zur Befreiung der Menschheit und zur Begründung der Wahrheit auf der Erde vollziehen, von denen wir jahrhundertelang nicht zu träumen wagten. Nicht umsonst war die einzige Rede Christi, die nicht milde, sondern anklagend und strafende Worte enthält, gegen die Heuchelei gerichtet. Die Menschen werden entartet und vertiert und darum untereinander entzweit, nicht durch Diebstahl, nicht durch Raub, nicht durch Totschlag, nicht durch Unzucht, nicht durch Übervorteilung, sondern durch die Lüge der Heuchelei, die in dem Bewusstein der Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse aufhebt und sie dadurch der Möglichkeit beraubt, das schlechte zu meiden und das Gute zu suchen, sie dessen beraubt, was das Wesen des wahren menschlichen Lebens ausmacht und darum auf dem Wege jeglicher Vervollkommnung der Menschheit liegt. Die Menschen, die die Wahrheit nicht kennen und das Böse
tun, und bei ihren Mitmenschen Mitleid mit ihren Opfern und Abscheu
gegen ihre Taten erwecken, tun das Böse nur denen, an denen sie es
verüben. Die Menschen aber, die die Wahrheit kennen und das
Böse tun, das von der Heuchelei beschönigt wird, tun es sich
und denen, an denen sie es verüben und noch tausenden anderen
Menschen, die durch die Lüge verführt werden, mit der sie
sich bemühen, das von ihnen verübte Böse zu verbergen. Diebe, Räuber, Mörder und Betrüger, die Dinge
verüben, die sie selbst und alle Menschen für bose halten,
sind ein Beispiel für das, was man nicht tun muss, und wecken in
den Menschen Abscheu vor dem Bösen. Die Menschen aber, die Taten
des Diebstahls, des Raubes, der Züchtigung und des Totschlags
verüben und sie durch religiöse, wissenschaftliche und
liberale Rechtfertigung beschönigen, wie es alle Grundbesitzer,
Kaufleute, Fabrikanten und jeder Diener der Regierung unserer Zeit tut,
rufen die anderen zur Nachahmung ihrer Taten auf und tun nicht
bloß denen Böses, die darunter leiden, sondern Tausenden und
Millionen Menschen, die sie entsittlichen, indem sie für diese
Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse aufheben. Ein einziges Todesurteil, dass von Menschen vollzogen wird, die sich nicht unter der Einwirkung der Leidenschaften befinden, von wohlhabenden, gebildeten Menschen, mit Zustimmung und unter Teilnahme christlicher Seelenhirten, und das wie etwas notwendiges, ja gerechtes hingestellt wird, entsittlicht und vertiert die Menschen mehr als Hunderte und Tausende von Morden, die von arbeitenden, ungebildeten Menschen begangen werden, vielleicht gar im Überschwang der Leidenschaft. Eine Hinrichtung, wie sie Shukowskij (Wasilij Andrejewitsch Shukowskij, russischer Dichter, 1783 - 1852) vorgeschlagen hat, wäre die unsittlichste Tat, die man sich vorstellen kann (Siehe Band VI der gesammelten Werke von Shukowskij). Jeder Krieg auch der kürzeste, mit allen den Krieg gewöhnlich begleiteten Verlusten, Vernichtungen von Staaten, Diebstählen, geduldeten Ausschweifungen, Räubereien und Morden, mit der vermeintlichen Rechtfertigung ihrer Notwendigkeit und Gerechtigkeit, mit der Lobpreisung und Verherrlichung der Kriegstaten, mit Gebeten für die Feldzeichen, für das Vaterland und mit der Heuchelei der Sorge um die Verwundeten und so weiter, entsittlicht in einem Jahre die Menschen mehr, als Millionen Räubereien, Brandstiftungen und Mordtaten, die im Laufe von Hunderten von Jahren von einzelnen Menschen unter dem Einfluss der Leidenschaft begangen werden. Ein sittsam in den Grenzen des Anstandes geführtes Luxusleben einer wohlanständigen, sogenannten tugendhaften Familie, die jedoch für sich allein so viele Arbeitstage verzehrt, wie zur Ernährung Tausender von Menschen nötig wären, die in Bettelarmut neben dieser Familie leben, entsittlicht die Menschen mehr als tausend unsinnige Orgien ungebildeter Kaufleute, Offiziere und Arbeiter, die sich der Trunkenheit und der Ausschweifung ergeben, die zum Vergnügen Spiegel, Teller und Tassen zerschlagen. Eine feierliche Prozession, eine Kirchenandacht, eine Predigt der Lüge von der Kanzel oder dem Katheder, an die die Prediger selbst nicht glauben, bringt unvergleichlich mehr Übel hervor als Tausende von Betrügerein und Nahrungsmittelfälschungen und dergleichen. Man spricht von der Heuchelei der Pharisäer. Aber die Heuchelei der Menschen unserer Zeit übertrifft weitaus die verhältnismäßig unschuldige Heuchelei der Pharisäer. Sie hatten wenigstens ein äußeres religiöses Gesetz, bei dessen Erfüllung sie ihre Pflichten in Bezug auf ihren Nebenmenschen übersehen konnten, und diese Pflichten waren damals noch nicht so klar beleuchtet. In unserer Zeit aber gibt es kein religiöses Gesetz, dass die Menschen von ihren Pflichten gegen alle ihre Nächsten ohne Ausnahme befreite. Ich zähle die rohen und dummen Menschen nicht, die auch jetzt noch glauben, die Sakramente oder die Absolution eines Papstes könnten ihre Sünden lösen. Im Gegenteil, das evangelische Gesetz, das wir alle in dieser oder jener Form bekennen, weist direkt auf diese Pflichten hin, und außerdem sind gerade diese Pflichten, die damals nur von wenigen Propheten in nebelhaften Ausdrücken ausgesprochen waren, jetzt schon so deutlich klargestellt, dass sie zum Gemeinplatze geworden sind, die jeder Schulknabe und jeder Zeitungsschreiber wiederholt. Und darum, sollte man meinen, dürften die Menschen unserer Zeit keineswegs mehr so tun, als ob sie diese ihre Pflichten nicht kennten. Die Menschen unserer Zeit, die die Vorteile haben aus der durch die Gewalt aufrecht erhaltenen Ordnung der Dinge und gleichzeitig versichern, sie lieben ihre Nächsten, und die gar nicht bemerken, dass sie mit ihrem ganzen Leben diesen ihren Nächsten Übles tun, gleichen einem Manne, der beständig die Menschen beraubte, und der, wenn er endlich ergriffen wird, mit erhobenem Messer neben seinem verzweifelt nach Hilfe schreiendem Opfer stünde und versicherte, er hätte nicht gewusst, dass das, was er getan, dem, den er geplündert hat und abzuschlachten bereit war, unangenehm gewesen wäre. So wenig wie dieser Räuber und Mörder ableugnen könnte, was jederman sieht, so dürfen auch, sollte man meinen, die Menschen unserer Zeit, die auf Kosten der Leiden der unterdrückten Menschen leben, sich und anderen nicht mehr einreden, dass sie den Menschen, die sie unaufhörlich berauben, wohlwollen, und dass sie nicht wüssten, auf welche Weise sie das erlangen, was sie genießen. Wir können uns nicht mehr einreden, dass wir nicht Kunde hätten von den hunderttausenden Menschen allein in Russland, die immer in den Gefängnissen und den Zwangsarbeiten sitzen, nur zur Sicherung unseres Eigentums und unserer Ruhe; dass wir keine Kenntnis hätten von den Gerichten, an denen wir selbst teilnehmen, und die auf unsere Bitte die Menschen zu Gefängnis, Verbannung und Zwangsarbeit verurteilen, die unser Eigentum und auch unsere Sicherheit angegriffen haben, und unter denen Menschen sind, nicht um ein Haar schlechter als die, die über sie zu Gericht sitzen, sie ins Verderben bringen und entsittlichen; dass wir nicht gewusst hätten, dass wir alles, was wir haben, nur dadurch haben, dass es für uns durch Totschlag und Züchtigung gewonnen und geschützt wird. Wir können uns nicht so stellen, als sähen wir den Polizeimann nicht der mit geladenem Revolver vor dem Fenster auf und nieder geht, um uns zu schützen, während wir unser schmackhaftes Mahl verzehren, oder ein neues Stück ansehen, oder die Soldaten, die jeden Augenblick bereit sind, mit Gewehr und Patronen dorthin zu gehen, wo man unser Eigentum antasten will. Wir wissen doch sehr gut, wenn wir in Ruhe unser Mahl zu Ende essen und das neue Stück ansehen, wenn wir auf dem Feste, beim Korso (ein Wettrennen reiterloser Pferde), beim Wettrennen oder auf der Jagd ruhig bis zu Ende ausharren dürfen, so verdanken wir das nur den Revolverkugeln des Polizeimannes und der Waffen der Soldaten, die den hungrigen Leib des Enterbten durchbohren würde, der von seinem Winkel aus mit knurrendem Magen unseren Vergnügen zusieht und bereit ist, sie zu stören, sobald der Polizeimann mit dem Revolver fortginge oder es keinen Soldaten in der Kaserne gäbe, der gewärtig wäre, auf unseren ersten Ruf zu erscheinen. Wie aber ein Mensch, den man am hellen, lichten Tage beim Raube ertappte, uns keineswegs überzeugen könnte, er habe gegen den Beraubten seine Hand erhoben, nicht, um ihm seinen Geldbeutel anzunehmen, und er hätte ihm nicht gedroht, um ihn abzuschlachten, so, sollte man meinen, können auch wir und und anderen nicht einreden, dass die Soldaten und Schutzleute mit den Revolvern uns nicht etwa darum umgeben, um uns zu schützen, sondern zur Abwehr äußerer Feinde, zur Erhaltung der Ordnung, zur Zerstreuung und zu Paraden, und dass wir nicht gewusst hätten, dass die Menschen nicht gern Hungers sterben, die kein Recht haben, sich ihre Nahrung aus dem Boden zu erarbeiten, dass sie auch nicht gern unter der Erde arbeiten, im Wasser, in der Hölle, 10 bis 14 Stunden am Tag, in der Nacht, in Fabriken und in Werken, um Gegenstände für unseren Luxus herzustellen. Man sollte meinen, es ist unmöglich zu leugnen, dass dies einleuchtet. Und doch geschieht eben dies. Und obgleich es unter den Reichen wirkliche Menschen gibt, wie ich sie zum Glück immer häufiger und häufiger antreffe, besonders unter der Jugend und unter den Frauen, die, wenn man sie nur daran erinnert, wie und wofür sie ihre Vergnügungen erkaufen, die Wahrheit nicht zu verbergen bemüht sind, die sich an den Kopf fassen und sagen: "Ach, sprechen sie nicht davon. Wenn es so ist, so kann man ja nicht leben". Obgleich es solche aufrichtigen Menschen gibt, die ihre Sünde sehen, wenn sie sich auch von ihr nicht befreien können, hat sich doch die ungeheure Mehrzahl der Menschen unserer Zeit so in ihre Rolle der Heuchelei eingelebt, dass sie kühn leugnet, was jedem Sehenden in die Augen springt. "Alles das ist falsch", sagen sie, "niemand zwingt das Volk zur Arbeit bei den Grundbesitzern und in den Fabriken. Das ist Sache freier Verständigung. Der Großgrundbesitz und die Kapitalisten sind notwendig, denn sie organisieren die Arbeit und geben sie der Arbeiterklasse. Die Arbeiten in den Fabriken und Werken sind gar nicht so entsetzlich, wie ihr sie schildert. Und wenn es Missbräuche in den Fabriken gibt, so wendet die Regierung und die Gesellschaft Maßregeln an, sie zu beseitigen und die Mühen der Arbeiter noch leichter, ja sogar angenehmer zu machen. Die arbeitende Klasse ist an die physische Arbeit gewöhnt und zunächst zu nichts anderem befähigt. Die Armut des Volkes kommt durchaus nicht vom Bodenbesitz her, auch nicht von der Unterdrückung der Kapitalisten, sie hat andere Ursachen. Sie kommt von der Unbildung, der Rohheit, der Trunkenheit des Volkes. Und wir, die leitenden Menschen, die wir diese Verarmung durch eine weise Verwaltung entgegenarbeiten, und wir, die Kapitalisten, die wir durch die Verbreitung nützlicher Erfindungen dem entgegenwirken, und wir, die Geistlichkeit, die wir durch religiöse Belehrung wirken, und wir, die Liberalen, durch Begründung von Arbeitergenossenschaften, durch Vermehrung und Verbreiterung der Bildung, vergrößern auf diese Weise, ohne unsere Stellung zu verändern, den Wohlstand des Volkes. Wir wollen nicht, dass alle so arm sind wie die Armen. Wir wollen, dass alle so reich sind wie die Reichen. Dass man die Menschen züchtigt und totschlägt, um sie zur Arbeit zu Gunsten der Reichen zu zwingen, ist ein Sophisma (Trugschluss). Die Soldaten werden nur dann gegen das Volk geschickt, wenn das Volk seinen eigenen Vorteil nicht begreift, sich empört und die Ruhe antastet, die für das allgemeine Wohl nötig ist. Ebenso ist die Zügelung der Übeltäter notwendig, für die Gefängnisse, Galgen und Zwangsarbeiten eingerichtet sind. Wir möchten sie selbst überflüssig machen und arbeiten in dieser Richtung." Die Heuchelei, die von zwei Seiten aufrecht erhalten wird: durch eine Quasi-Religion und eine Quasi-Wissenschaft, hat in unserer Zeit einen solchen Umfang angenommen, dass man, wenn wir nicht mitten darin lebten, kaum glauben würde, dass die Menschen zu einem solchen Grade des Selbstbetruges kommen können. Die Menschen sind in unserer Zeit zu einem so merkwürdigen Zustand gekommen, dass ihr Herz so verroht ist, dass sie Augen haben und nicht sehen, Ohren und nicht hören und nicht verstehen. Die Menschen leben schon lange ein Leben, das ihrem Bewusstsein widerspricht. Wäre nicht die Heuchelei, sie könnten dieses Leben nicht leben. Diese ihrem Bewusstsein widersprechende Ordnung des Lebens hat ihren Bestand, weil sie von der Heuchelei verhüllt ist. Und je größer die Kluft zwischen der Wirklichkeit und dem Bewusstsein der Menschen ist, desto mehr breitet sich auch die Heuchelei aus. Aber die Heuchelei hat ihre Grenzen. Und ich glaube, wir sind in unserer Zeit an diese Grenzen gelangt. Jeder Mensch unserer Zeit befindet sich mit dem unwillkürlich angeeigneten christlichen Bewusstsein in der Lage, die völlig der eines schlafenden Menschen gleicht. Er sieht im Traum, er müsse das tun, was er, wie er auch im Traum weiß, nicht tun sollte. Er weiß es im Innersten seines Bewusstseins, und doch kann er, als wäre es ihm unmöglich, seine Lage zu verändern, nicht Halt machen und aufhören, das zu tun, wovon er weiß, dass er es nicht tun sollte. Und wie es im Schlafe vorkommt, wird seine Lage immer qualvoller und qualvoller und erreicht endlich den letzten Grad der Anspannung. Da beginnt er bisweilen an der Wirklichkeit dessen, was er sieht, zu zweifeln und macht eine Anstrengung des Bewusstseins, um die Versuchung, die ihn gebannt hält, zu zerreißen. In dieser Lage befindet sich der Durchschnittsmensch unserer christlichen Welt. Er fühlt, dass alles, was er selbst tut, und was um ihn herum geschieht, etwas Törichtes, Scheußliches, Unmögliches, seinem Bewusstsein Widersprechendes ist. Er fühlt, dass diese Lage immer qualvoller und qualvoller wird und schon die äußerste Grenze der Spannung erreicht hat. Es ist unmöglich, das die Menschen unserer Zeit mit unserem uns schon in Fleisch und Blut übergegangenen christlichen Bewusstsein von der Würde des Menschen, von der Gleichheit der Menschen, mit unserem Bedürfnis des friedlichen Zusammenlebens, des Zusammenlebens und der Vereinigung der Nationen, wirklich so leben sollten, dass jede unserer Freuden, jeder unserer Genüsse durch die Leiden, durch das Leben unserer Brüder erkauft wird, und das wir dabei jeden Augenblick nur um ein Haar breit davon entfernt sein sollten, wie wilde Tiere einer auf den anderen, Volk auf Volk zu stürzen, mitleidslos Arbeit und Leben zu vernichten, nur weil irgendein unsinniger Diplomat oder Herrscher einem anderen unsinnigen Diplomaten und Herrscher irgend eine Dummheit gesagt oder geschrieben hat. Es ist unmöglich. Und doch sieht jeder Mensch unserer Zeit, dass eben dies geschieht, und dass eben dies seiner wartet. Und die Lage wird immer qualvoller und qualvoller. Und wie der Mensch im Traum nicht glaubt, dass das, was ihm als Wirklichkeit erscheint, auch Wirklichkeit sein sollte, und zu der wahren Wirklichkeit erwachen möchte, so kann auch der Durchschnittsmensch unserer Zeit in tiefster Seele nicht glauben, dass die entsetzliche Lage, in der er sich befindet, und die immer schlechter und schlechter wird, Wirklichkeit sei. Und er will erwachen zu der wahren Wirklichkeit, zu der Wirklichkeit des in ihm schon lebenden Bewusstseins. Und wie der Mensch im Schlafe nur die Anstrengung des Bewusstseins zu machen und sich zu fragen braucht: Ist das nur ein Traum? damit im Augenblick die Lage, die ihm so hoffnungslos erscheint, erschüttert werde und er zu einer ruhigen und freudigen Wirklichkeit erwache, so braucht auch der zeitgenössische Mensch nur eine Anstrengung des Bewusstseins zu machen und an der Wirklichkeit dessen zu zweifeln, was ihm seine eigene und die ihn umgebende Heuchelei vorspielt, und sich zu fragen: Ist es nicht eine Täuschung? damit er sofort wie der erwachende Mensch empfindet, dass er aus der eingebildeten und schrecklichen Welt in die wahre, ruhige und freudige Wirklichkeit übergehe. Und dazu braucht der Mensch keine großen Taten zu vollbringen. Dazu braucht er nur eine innere Anstrengung des Bewusstseins zu machen. 5. Die Wahrheit führt uns auf den rechten Weg Top Kann aber der Mensch diese Anstrengung machen? Nach der bestehenden und für die Heuchelei notwendige Theorie ist der Mensch nicht frei und kann sein Leben nicht ändern. "Der Mensch kann sein Leben nicht ändern, weil er nicht frei ist. Er ist aber nicht frei, weil alle seine Handlungen bedingt sind durch vorhergehende Ursachen. Und was der Mensch auch täte, es gibt immer diese oder jene Ursachen, aus welchen er diese oder jene Taten begangen hat. Und darum kann der Mensch nicht frei sein und sein Leben selbst verändern", sagen die Verteidiger der Metaphysik der Heuchelei. Und sie hätten vollkommen recht, wenn der Mensch in Bezug auf die Wahrheit ohne Bewusstsein und ohne Bewegung wäre, das heisst, wenn er, nachdem er einmal die Wahrheit erkannt, stets bei einem und demselben Grade der Erkenntnis verharrte. Der Mensch ist aber ein Wesen mit Bewusstsein, das einen immer größeren und größeren Grad der Wahrheit erkennt, und wenn daher der Mensch nicht frei ist zur Vollbringung dieser oder jener Taten, weil für jede Tat eine Ursachen vorhanden ist, so binden sich doch die Ursachen dieser Taten, die für den mit Bewusstsein begabten Menschen darin bestehen, dass er diese oder jene Wahrheit als eine genügende Ursache der Tat anerkennt, in der Gewalt des Menschen. So ist der Mensch, der nicht fei ist von der Vollbringung dieser oder jener Handlungen, frei in dem, was die Vollbringung dieser Handlungen hervorruft. Ähnlich wie der Maschinist zwar nicht frei ist, die schon vollzogene oder eben sich vollziehende Bewegung des Dampfwagens zu verändern, doch aber darin, im vorhinein seine zukünftige Bewegung zu bestimmen. Was auch der mit Bewusstsein begabte Mensch tut, er handelt so und nicht anders, nur weil er jetzt anerkennt, dass die Wahrheit darin bestehe, dass er so handeln müsse, wie er handelt, oder weil er sie früher einmal anerkannt hat, jetzt aber aus Trägheit und aus Gewohnheit so handelt, weil er es früher einmal als Pflicht anerkannt hat. In diesem und in jenem Falle war die Ursache seines Handelns nicht eine bestimmte Erscheinung, sondern die Anerkennung dessen, dass eine bestimmte Meinung die Wahrheit war, und somit die Anerkennung dessen, dass die eine oder die andere Erscheinung eine genügende Ursache der Handlung war. Ob der Mensch ißt oder sich der Speise enthält, ob er arbeitet oder ruht, der Gefahr entflieht oder sich ihr aussetzt, er handelt, wenn er ein Mensch mit Bewusstsein ist, wie er handelt, nur weil er im Augenblick das für nötig, für vernünftig hält. Er hält dafür, dass die Wahrheit darin bestehe, so und nicht anders zu handeln, oder er hat schon lange vorher dafür gehalten. Die Anerkennung aber einer bestimmtenWahrheit oder ihre Nichtanerkennung hängt nicht von äußeren, sondern von ganz anderen Ursachen ab, die sich in den Menschen selber befinden, und so kommt es sehr oft, bei allen, dem Anschein nach günstigen Vorbedingungen, zur Anerkennung der Wahrheit, dass der eine Mensch sie nicht anerkennt, ein anderer dagegen unter ganz ungünstigen Bedingungen, ohne jeden erkennbaren Grund sie anerkennt. Wie es auch im Evangelium heisst: "Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater." (Joh. 6,44). Das heisst: Die Anerkennung der Wahrheit, die die Ursache aller Erscheinungen des menschlichen Lebens bildet, hängt nicht von äußeren Erscheinungen ab, sondern von gewissen inneren Eigenschaften des Menschen, die der Beobachtung nicht unterliegen. Und so fühlt sich der Mensch, der in seinen Handlungen nicht frei ist, stets frei in dem, was die Ursache seiner Handlungen bildet, in der Anerkennung oder Nichtanerkennung der Wahrheit, und er fühlt sich frei, nicht nur unabhängig von äußeren Ereignissen, die außerhalb seiner Personen vorgehen, sondern auch von seinen eigenen Handlungen. So bleibt der Mensch, der unter dem Einfluss der Leidenschaft eine Handlung begangen hat, die der Wahrheit wiederspricht, der er sich bewusst ist, doch frei in ihrer Anerkennung oder Nichtanerkennung, das heisst: er kann ohne die Wahrheit anzuerkennen, seine Handlung für notwendig halten und sich ihrethalben rechtfetigen, und er kann, bei Anerkennung der Wahrheit, seine Handlung für schlecht halten und sich für schuldig erklären. So bleibt der Spieler und Trunkenbold, der der Versuchung nicht widerstanden hat und seiner Leidenschaft unterlegen ist, doch frei, um das Spiel und das Trinken für ein Übel oder für eine indifferente Unterhaltung anzusehen. Im ersten Falle macht er sich, wenn er sich nicht sofort von seiner Leidenschaft befreit, um so eher von ihr frei, je aufrichtiger er die Wahrheit anerkennt. Im zweiten Fall vergrößert es seine Leidenschaft und beraubt sich jeder Möglichkeit der Befreiung. Ganz so bleibt der Mensch, der die Glut nicht ausgehalten, und der seinen Kameraden nicht gerettet hat und dem brennenden Hause entflohen ist, die Freiheit, als Wahrheit anzuerkennen, dass der Mensch mit der Gefahr seines Lebens anderen Leben dienen muss, seine Handlung für schlecht zu halten und sie deshalb zu verurteilen oder, ohne die Wahrheit anzuerkennen, seine Handlung für natürlich, notwendig zu halten und sich als schuldlos anzusehen. Im ersten Falle, in dem Falle, dass er die Wahrheit anerkennt, ungeachtet seiner Abweichung von ihr, schafft er sich eine ganze Reihe unvermeidlich aus dieser Anerkenntnis hervorgehender Handlungen der Selbstverleugnung. Im zweiten Falle schafft er eine ganze Reihe von egoistischen, den ersten widersprechenden Handlungen. Nicht etwa, dass der Mensch die Freiheit hätte, stets jede Wahrheit anzuerkennen oder nicht anzuerkennen. Es gibt Wahrheiten, die längst von den Menschen selber anerkannt sind, oder die durch Erziehung oder Überlieferung auf ihn gekommen sind und von ihm auf Treu und Glauben angenommen wurden, deren Befolgung ihm zur Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden ist, und es gibt Wahrheiten, die ihm nur unklar in weiter Ferne vorschweben. Der Mensch ist gleich unfrei in der Nichtanerkennung der ersten und in der Anerkennung der zweiten. Aber es gibt eine dritte Gattung von Wahrheiten, solche, die für den Menschen nocht nicht zum unbewussten Motive des Handelns geworden sind, die ihm aber doch schon mit solcher Klarheit aufgegangen sind, dass er sie nicht umgehen kann und unweigerlich so oder so zu ihnen Stellung nehmen, sie anerkennen oder nichtanerkennen muss. In Bezug auf diese Wahrheiten gerade tritt die Freiheit des Menschen in die Erscheinung. Jeder Mensch befindet sich in seinem Leben in seinem Verhältnis zur Wahrheit in der Lage eines Wanderers, der in der Dunkelheit wandelt bei dem Lichte einer vor ihm schreitenden Fackel. Er sieht nicht, was die Fackel noch nicht erleuchtet. Er sieht auch das nicht, was er schon zurückgelegt hat und was schon wieder in der Dunkelheit liegt. Und er hat nicht die Macht, sein Verhältnis zu dem einen wie zu dem anderen zu verändern. Wohl aber sieht er, an welcher Stelle seines Weges er auch stünde, das, was die Fackel beleuchtet, und besitzt stets die Macht, diese oder jene Seite des Weges, auf dem er schreitet, zu wählen. Für jeden Menschen gibt es stets Wahrheiten, die ihm unsicher sind, die seinem geistigen Auge noch nicht enthüllt sind, und andere Wahrheiten, die er schon durchlebt, vergessen und sich zu eigen gemacht hat, und es gibt bestimmte Wahrheiten, die bei dem Lichte seiner Vernunft vor ihm aufgetaucht sind und seine Anerkennung heischen. Und hier in der Anerkennung oder Nichtanerkennung eben dieser Wahrheiten tritt das in die Erscheinung, was wir als unsere Freiheit empfinden. Die ganze Schwierigkeit und scheinbare Unlösbarkeit der Frage von der Freiheit des Menschen kommt daher, dass die Menschen, die diese Frage lösen wollen, sich den Menschen als unbeweglich in seinem Verhältnis zur Wahrheit vorstellen. Der Mensch ist unzweifelhaft unfrei, wenn wir ihn uns als unbeweglich vorstellen, oder wenn wir vergessen, dass das Leben der Menschen und der Menschheit nur eine fortwährende Bewegung von der Dunkelheit zum Licht ist, von einer niedrigen Stufe der Wahrheit zu einer höheren, von einer mit Irrtümern mehr durchsetzten Wahrheit zu einer von ihnen mehr befreiten Wahrheit. Der Mensch wäre unfrei, wenn er keine Wahrheit kennen würde. Er wäre ganz ebenso nicht frei, ja, er hätte gar keinen Begriff von der Freiheit, wenn ihm die ganze Wahrheit, die ihn im Leben leiten sollte, ein für allemal in ihrer ganzen Reinheit ohne einen Zusatz von Irrtümern enthüllt wäre. Der Mensch aber ist nicht unbeweglich in Bezug auf die Wahrheit, und jeder einzelne Mensch erkennt, sowie auch die gesamte Menschheit, allmählich, nach dem Maße seines Fortschreitens im Leben, einen immer größeren und größeren Grad der Wahrheit und befreit sich immer mehr und mehr von seinen Irrtümern. Daher befinden sich die Menschen stets in einem dreifachen Verhältnis zur Wahrheit: die einen Wahrheiten haben sie sich schon so sehr zu eigen gemacht, dass sie ihnen zu unbewussten Ursachen ihrer Handlungen geworden sind. Andere fangen erst an, sich ihnen zu enthüllen, und noch andere sind ihnen, obwohl sie sich sie noch nicht zu eigen gemacht haben, bis zu dem Grade der Klarheit enthüllt, dass die Menschen unweigerlich so oder so zu ihnen Stellung nehmen, sie anerkennen oder nicht anerkennen müssen. Und in der Anerkennung oder Nichtanerkennung dieser Wahrheiten eben ist der Mensch frei. Die Freiheit des Menschen besteht nicht darin, dass er unabhängig von dem Gange des Lebens und den schon vorhandenen und ihn beeinflussenden Ursachen willkürliche Handlungen vollziehen kann, sondern darin, dass er, indem er die ihm enthüllten Wahrheiten anerkennt und sie bekennt, ein freier und freudiger Vollstrecker des ewigen und endlosen Werkes werden kann, dass durch Gott oder das Leben der Welt vollzogen wird. Und, indem er diese Wahrheit nicht anerkennt, ihr Knecht werden und gewaltsam und qualvoll dorthin gezogen werden kann, wohin er nicht gehen will. Die Wahrheit zeigt nicht nur den Weg des menschlichen Lebens, sie enthüllt ihm auch den einzigen Weg, den das menschliche Leben gehen kann. Und daher werden alle Menschen unweigerlich frei oder unfrei den Weg der Wahrheit wandeln: die einen, indem sie selbst das ihnen vorgeschreibene Werk des Lebens vollbringen, die anderen, indem sie sich, ohne es zu wollen, dem Gesetz des Lebens unterordnen. Die Freiheit des Menschen liegt in dieser Wahl. Eine solche Freiheit in so engen Grenzen erscheint dem Menschen so nichtig, dass sie sie nicht bemerken. Die einen, die Deterministen, halten diesen Bruchteil der Freiheit für so gering, dass sie ihn gar nicht anerkennen. Die anderen, die Verteidiger der vollen Freiheit, schätzen, da ihnen ihre eingebildete Freiheit vorschwebt, diesen Grad der Freiheit, der ihnen nichtig erscheint, gering. Die Freiheit, die zwischen den Grenzen der Unkenntnis der Wahrheit und der Anerkennung eines bestimmten Grades der Wahrheit liegt, erscheint den Menschen nicht als Freiheit, um so mehr, als der Mensch, ob er die ihm enthüllte Wahrheit anerkennen will oder nicht, unweigerlich genötigt sein wird, sie im Leben zu erfüllen. Ein Pferd, das mit anderen vor den Wagen gespannt ist, besitzt nicht die Freiheit, nicht vor dem Wagen zu laufen. Und wenn es nicht anzieht, so wird der Wagen es an die Beine schlagen. Es wird in die Richtung gehen, wo der Wagen hingeht, und wird ihn, ohne es zu wollen, ziehen. Aber abgesehen von dieser beschränkten Freiheit, hat es die Freiheit, den Wagen selbst zu ziehen oder von ihm mitgeschleppt zu werden. So ist es auch mit dem Menschen. Ob diese Freiheit groß oder klein ist im Vergleich zu der phantastischen Freiheit, die wir gern haben möchten, diese Freiheit allein ist unzweifelhaft vorhanden, und diese Freiheit ist Freiheit, und in dieser Freiheit liegt das Glück, das dem Menschen erreichbar ist. Und nicht allein, dass diese Freiheit dem Menschen das Glück gibt, sie ist auch das einzige Mittel zur Vollbringung des Werkes, das durch das Leben der Welt sich vollzieht. Nach der Lehre Christi hat der Mensch, der den Sinn des Lebens in dem Bereiche sieht, in dem er unfrei ist, in dem Gebiete der Folgen, das heisst, der Handlungen, kein wahres Leben. Ein wahres Leben hat nach der christlichen Lehre nur der, der sein Leben in den Breich verlegt hat, in dem er frei ist. In den Bereich der Ursachen, das heisst, des Erkenens und Anerkennens der enthüllten Wahrheiten, des Bekennens und der daraus unweigerlich folgenden, wie der Wagen dem Pferde folgt, Erfüllung der Wahrheit. Wenn der Mensch sein Leben in sinnlichen Dingen sucht, so tut er Dinge, die stets in Abhängigkeit von räumlichen und zeitlichen, außer ihm liegenden Ursachen stehen. Ja, er selbst tut gar nichts, er glaubt nur zu tun. In Wirklichkeit aber geschehen alle diese Dinge, von denen er glaubt, dass er sie tue, durch ihn von einer höheren Kraft. Und er ist nicht der Schöpfer des Lebens, sondern sein Sklave. Wer aber sein Leben in der Anertkennung und Bekennung der ihm enthüllten Wahrheiten sucht, vereinigt sich mit dem Urquell des Alllebens und vollzieht nicht mehr persönliche, einzelne, von den Vorausetzungen des Raums und der Zeit abhängige Dinge, sondern Dinge, die keine Ursache haben und selbst die Ursache alles übrigen bilden und eine unendliche, durch nichts beschränkte Bedeutung haben. Die Menschen, der heidnischen Lebensauffassung, die das Wesen des wahren Lebens, das in der Anerkennung und Bekennung der Wahrheit besteht, verachten und ihre Anstrengungen zur Verbesserung ihres Lebens auf äußere Handlungen richten, gleichen den Menschen auf den Dampfschiffen, die, um ans Ziel zu gelangen, den Dampfkessel ersticken wollen, der sie verhindert, die Ruderer unterzubringen, und die im Sturme sich bemühen wollen, anstatt mit schon fertigem Dampf und fertiger Schraube, mit Rudern, die nicht bis ins Wasser reichen, von der Stelle zu kommen. "Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt tun, die reißen es zu sich" (Matth. 11,12), und eben diese Gewalt der Lossagung von der Veränderung der äußeren Bedingungen, der Anerkennung und Bekennung der Wahrheit, ist die Gewalt, durch die das Himmelreich gewonnen wird, und die in unserer Zeit angewendet werden muss und kann. Die Menschen brauchen nur zu begreifen, dass sie aufhören müssen, sich um die äußeren und allgemeinen Dinge zu kümmern, in denen sie nicht frei sind, und dass sie nur ein Hunderstel der Energie, die sie auf die äußeren Werke verwenden, auf das verwenden müssen, worin sie frei sind, auf die Anerkennung und Bekennung der Wahrheit, die vor ihren Augen steht, auf die eigene und der Menschen Befreiung von der Lüge und der Heuchelei, die die Wahrheit verbergen, damit ohne die Anstrengungen des Kampfes sofort die lügnerische Ordnung des Lebens vernichtet werde, die die Menschen quält und ihnen mit noch schlimmerer Not droht, und damit das Reich Gottes verwirklicht werde oder wenigstens die erste Stufe dazu, zu der die Menschen nach ihrer Erkenntnis schon reif sind. Wie ein Anstoß genügt, damit die ganze von Salz gesättigte Flüssigkeit im Augenblick sich in Kristalle verwandelt, so genügt jetzt auch die kleinste Anstrengung, damit die den Menschen schon enthüllte Wahrheit Hunderte, Tausende, Millionen ergreife, damit die der Erkenntnis entsprechende, öffentliche Meinung sich befestige und infolge ihrer Befestigung die ganze Ordnung des bestehenden Lebens verändere. Diese Anstrengung zu machen, liegt in unserer Hand. Wollte nur jeder von uns sich bemühen, die christliche Wahrheit, die uns in den verschiedensten Formen von allen Seiten umgibt und sich in unser Herz schmeichelt, zu begreifen und anzuerkennen, wollten wir nur aufhören, zu lügen und zu heucheln, dass wir diese Wahrheit nicht sehen, oder dass wir sie zu erfüllen wünschen, nur nicht in dem, was sie vor allen anderen von uns verlangt; wollten wir nur diese Wahrheit anerkennen, die uns zu sich ruft, und sie kühn bekennen, sofort würden wir sehen, dass Hunderte, Tausende, Millionen Menschen sich in der gleichen Lage wie wir befinden, dass sie ebenso wie wir die Wahrheit sehen, ebenso wie wir fürchten, vereinsamt zu bleiben, wenn sie sie anerkennen, und ebenso wie wir erst warten, dass die anderen sie anerkennen. Wollten die Menschen nur aufhören zu heucheln, sofort würden sie sehen, dass diese grausamen Lebensordnung, die sie einzig und allein bindet und ihnen als etwas Festbegründetes, Notwendiges, Heiliges, von Gott eingesetztes erscheint, ganz und gar wankt und sich durch die Lüge der Heuchelei hält, die wir mit anderen unseresgleichen stützen. Aber wenn es so ist, wenn es wahr ist, dass es von uns abhängt, die besondere Ordnung des Lebens zu vernichten, haben wir das Recht, sie zu vernichten, wenn wir nicht klar wissen, was wir an ihre Stelle setzen sollen? Was wird aus der Wahrheit werden, wenn die bestehende Ordnung der Dinge aufhört? Was wird dort hinter den Mauern der von uns verlassenen Welt sein? (Alexander Herzen) Schrecken ringsum, Wüste, Öde, Willkür, wie soll man gehen, wenn man nicht weiß, wohin; wie soll man aufgeben, wenn man nicht sieht, was man erwirbt? Hätte Kolumbus solche Betrachtungen angestellt, er hätte nie den Anker gelichtet. Wahnsinn war es, auf dem Ozean, den noch niemand befahren hatte, nach einem Lande zu steuern, dessen Vorhandensein eine Frage war. Mit diesem Wahnsinn hat er die neue Welt entdeckt. Gewiß, wenn die Völker von einem eingerichteten Hotel garni (Hotel mit Frühstück) in ein anderes, noch besseres, übersiedeln könnten, das wäre leichter, schade nur, dass niemand da ist, der die neuen Quartiere herrichten soll. Die Zukunft ist schlimmer als der Ozean, ein Nichts, sie wird so sein, wie sie die Umstände und die Menschen machen werden. "Seid ihr zufrieden mit der alten Welt, so bemüht euch, sie zu erhalten. Sie ist sehr hinfällig und hat keine Dauer mehr. Ist es euch aber unerträglich, in einem ewigen Widerstreit der Überzeugung und des Herzens zu leben, anders zu denken und anders zu handeln, so geht hinaus aus dem getünchten, mittelalterlichen Gewölben in euren Schrecken. Ich weiß sehr gut, das ist nicht leicht. Ist es denn ein Scherz sich von allem zu trennen, was dem Menschen vom Tag seiner Geburt an gewohnt ist, womit er verwachsen, womit er aufgewachsen ist? Die Menschen sind zu den schrecklichsten Opfern bereit, nur nicht zu denen, die das Leben von ihnen fordert. Sind sie bereit, unsere Zivilisation, unsere Lebensweise, unsere Religion, unsere geltende, bedingte Sittlichkeit zu opfern? Sind sie bereit, auf alle die Früchte zu verzichten, die sie mit solchen Mühen erarbeitet haben, Früchte, mit denen wir uns seit drei Jahrhunderten brüsten? Sind sie bereit, auf alle Bequemlichkeiten und Genüsse unserer Existenz zu verzichten, eine wilde Jugend einem gebildeten Greisenalter vorzuziehen, ihr Erbschloß abzubrechen, nur um die Freude, an dem Aufbau eines neuen Hauses teilzunehmen, das unzweifelhaft spät nach uns gebaut wird?" (Alexander Herzen V,55) So schrieb vor nahezu einem halben Jahrhundert ein russischer Schriftsteller, der mit seinem durchdringenden Geiste schon damals klar sah, was jetzt schon jeder noch so wenig denkende Mensch unserer Zeit sieht: die Unmöglichkeit der Fortführung des Lebens auf den früheren Grundlagen und die Notwendigkeit der Feststellung neuer Lebensformen. Von dem gewöhnlichsten, niedrigsten, weltlichen Gesichtspunkte ist es schon klar, dass es unvernünftig ist, unter dem Gewölbe zu verbleiben, dass die Last des Gebäudes nicht tragen kann, und dass man es verlassen muss. Und in der Tat ist es schwierig, sich eine Lage zu denken, die jammervoller wäre als die, in der sich jetzt die christliche Welt mit ihren gegeneinander gerüsteten Völkern befindet, mit ihren beständig, unaufhaltsam wachsenden Steuern zur Aufrechterhaltung dieser gesteigerten Rüstungen, mit dem immer leidenschaftlicher erglühenden Hass des Arbeiterstandes gegen die Reichen, mit dem über allen Häuptern schwebenden Damoklesschwerte des Krieges, das jeden Augenblick niederzufallen bereit ist und notwendig früher oder später niederfallen muss. Keine Revolution kann für die große Masse des Volkes jammervoller sein als die ununterbrochen bestehende Ordnung oder, besser gesagt, Unordnung unseres Lebens mit seinen täglichen Opfern an unnatürlicher Arbeit, Bettelarmut, Trunkenheit, Ausschweifung und mit all dem Entsetzen eines drohenden Krieges, der in einem Jahre mehr Opfer verschlingen muss als alle Rovolutionen dieses Jahrhunderts. Was wird aus uns und der ganzen Menschheit werden, wenn jeder von uns das erfüllen wird, was Gott durch das in uns gelegte Gewissen fordert? Wird es mir nicht schlimm ergehen, weil ich ganz in der Macht eines Herrn, in der von ihm errichteten und geleiteten Fabrik das ausführe, was er mich tun heisst, was mir aber, der ich die letzten Ziele des Herrn nicht kenne, sonderbar vorkommt? Aber es ist nicht einmal die Frage: "Was wird sein?", die die Menschen beunruhigt, wenn sie zögern, den Willen des Herrn zu vollbringen. Sie beunruhigt die Frage, wie sie, ohne die so gewohnten Vorbedingungen unseres Lebens, die wir Wissenschaften, Kunst, Zivilisation und Kultur nennen, leben sollen. Wir empfinden für uns persönlich die ganze Schwere des gegenwärtigen Lebens. Wir sehen auch, dass die Ordnung dieses Lebens, wenn sie fortdauern sollte, uns unweigerlich zu Grunde richtet. Gleichzeitig aber wollen wir, dass die Vorbedingungen dieses unseres Lebens, die aus ihm herausgewachsen sind: unsere Wissenschaften, unsere Künste, unsere Zivilisation und unsere Kulturen, bei der Veränderung unseres Lebens unversehrt bleiben. Das ist gerade so, wie wenn ein Mensch, der in einem alten Hause wohnt und unter der Kälte und den Unbequemlichkeiten dieses Hauses leidet, der überdies weiß, dass dieses Haus jeden Augenblick einfallen kann, mit einem Umbau nur unter der Bedingung einverstanden wäre, dass er es nicht zu verlassen brauchte, einer Bedingung, die einer Verweigerung des Umbaus gleichkäme. "Was wird geschehen, wenn ich das Haus für eine gewisse Zeit verlasse, aller Bequemlichkeiten beraubt, und das neue Haus nicht gebaut wird, oder wenn es anders gebaut wird und ich darin nicht das finde, woran ich gewöhnt bin?" Je nun, wenn das Material da ist, wenn die Bauleute vorhanden sind, so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass das neue Haus besser wird als das alte, und zugleich ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern unzweifelhaft, dass das alte Haus einstürzen und diejenigen unter seinen Trümmern begraben wird, die darin zurückgeblieben sind. Ob die früheren gewohnten Gegenstände des Lebens sich erhalten, ob sie verschwinden, oder ganz neue, bessere entstehen, aus den alten, unmöglich und verderblich gewordenen Vorbedingungen unseres Lebens muss man unweigerlich herausgehen und der Zukunft entgegenschreiten. "Die Wissenschaften, die Künste, die Zivilisation, die Kulturen werden zunichte werden!" All dies sind ja doch nur verschiedene Erscheinungsformen der Wahrheit. Die bevorstehende Änderung aber wird sich nur im Geiste einer Annäherung an die Wahrheit und ihre Verwirklichung vollziehen. Wie sollten da die Erscheinungsformen der Wahrheit infolge ihrer Verwirklichung zunichte werden? Zu nichte wird das in ihnen werden, was in ihnen lügenhaft war. Was in ihnen Wahrheit ist, das wird nur mehr erblühen und wachsen. 6. Was sind die wahren Pflichten des Menschen? Top Bedenket euch, Menschen, und glaubet an das Evangelium, an die Lehre vom Heil. Wenn ihr euch nicht bedenket, so werdet ihr ganz so zu Grunde gehen, wie die Menschen zu Grunde gingen, die Pilatus11 erschlagen hat, und wie die zu Grunde gingen, die der Turm von Siloah12 unter seinen Trümmern begraben hat, wie die Millionen und Abermillionen Menschen untergegangen sind, die getötet haben und getötet worden sind, hingerichtet haben und hingerichtet worden sind, die gepeinigt haben und gepeinigt worden sind, wie jener Mensch zu Grunde ging, der die Kornkammern zuschüttete und sich auf ein langes Leben vorbereitet und noch in derselben Nacht verstarb, mit der er das Leben beginnen wollte. 11Pontius Pilatus war in den Jahren von 26 bis 36 n.Chr. der Präfekt (Statthalter) des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. Bekannt wurde er vor allem durch die Passionsgeschichte im Neuen Testament der Bibel. Dort wird berichtet, dass er Jesus von Nazaret zum Tod am Kreuz verurteilte.. Quelle: Pontius Pilatus 12Jesus wurde einmal gefragt, wie es um die Schuld derer steht, die bei einem Unglück ums Leben gekommen sind. In der Bibel sind seine Worte wie folgt überliefert: "Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und sie erschlug, schuldiger gewesen sind als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen." (Lukas 13, 4-5) Bedenket euch, Menschen, und glaubet an das Evangelium, hat Christus vor achtzehnhundert Jahren gesagt, und sagt er jetzt mit größerer Überzeugungskraft durch die von ihm prophezeite und jetzt eingetretene Not und Unvernunft unseres Lebens, dass die äußersten Grenzen der Not und Unvernunft erreicht hat. Heute nach so vielen Jahrhunderten vergeblicher Bemühungen, durch die heidnische Ordnung der Gewalt unser Leben zu sichern, sollte man meinen, muss es für jeden einleuchtend sein, dass alle auf dieses Ziel gerichteten Anstrengungen nur neue Gefahren in das Leben, in das persönliche wie das gesellschaftliche, hineintragen, nicht aber es sichern.Wie wir uns auch nennen mögen, was für Gewänder wir auch anlegen mögen, und womit und bei welchen Priestern wir uns salben mögen, so viel Millionen wir auch haben mögen, wieviel Schutzwachen auf unserem Weg stehen mögen, wieviel Polizeimänner unsere Reichtümer bewachen mögen, wieviel sogennante Verbrecher, Revolutionäre und Anarchisten wir auch hinrichten mögen, was für Taten wir selbst vollbrigen mögen, welche Staaten wir gründen, welche Festungen und Türme, vom babylonischen bis zum Eifelturm wir errichten mögen, vor uns stehen stets zwei unabwendbare Bedingungen unseres Lebens, die seinen ganzen Inhalt vernichten: 1. der Tod, der jeden Augenblick jeden von uns treffen kann, 2. die Vergänglichkeit aller von uns vollbrachten Dinge, die gar schnell spurlos zunichte werden. Was wir auch tun mögen, ob wir Reiche gründen, Paläste oder Denkmäler errichten, Gedichte und Lieder schaffen, alles das ist von kurzer Dauer, alles geht vorüber, ohne eine Spur zurückzulassen. Und so sehr wir uns dies auch verbergen müssen, wir können doch nicht blind sein dagegen, dass der Inhalt unseres Lebens nicht in unserem persönlichen Dasein, das unabwendbarem Leiden und dem vermeintlichen Tode unterworfen ist, noch in irgendeiner weltlichen Einrichtung oder Ordnung bestehen kann. Wer du auch seiest, der du dies liest, denke nach über deine Stellung, über deine Pflichten, nicht über die Stellung des Gutsbesitzers, des Kaufmanns, des Richters, des Kaisers, des Präsidenten, des Ministers, des Priesters und des Soldaten, die dir die Menschen für vorübergehende Zeit zuschreiben, nicht über die vermeintlichen Pflichten, die diese Stellung dir auferlegt, sondern an deine wahre, ewige Stellung eines Wesens, das nach eines Willen nach einer ganzen Ewigkeit des Nichtdaseins aus dem Unbewussten hervorgegangen ist, und das jeden Augenblick nach eines Willen zurückkehren kann an den Ort, von dem es ausgegangen ist. (Reinkarnation bzw. Wiedergeburt) Denke nach über deine Pflichten: nicht über deine vermeintlichen Pflichten des Gutsbesitzers gegen seine Habe, des Kaufmanns gegen sein Kapital, des Kaisers, des Ministers, des Beamten gegen den Staat, sondern über deine wahren Pflichten, die aus deiner wahren Stellung eines Wesens hervorgeht, das ins Leben gerufen und mit Vernunft und Liebe begabt worden ist. Ob du auch das tust, was der von dir verlangt, der dich in die Welt gesandt hat, und zu dem du sehr bald zurückkehrst! Ob du auch das tust, was er von dir verlangt? Ob du auch das tust, wenn du als Gutsbesitzer, Fabrikant die Erzeugnisse, die Mühen der Armen an dich nimmst und dein Leben auf dieser Beraubung der Arbeiter aufbaust, oder als Regierender, als Richter den Menschen Gewalt antust und sie verurteilst, oder dich als Krieger zu Kriegen rüstest, kämpst, plünderst und tötest? Du sagst, die Welt ist so eingerichtet, dass dies unvermeitlich ist, dass du dies nicht nach deinem Willen tust, sondern dazu genötigt bist. Aber ist das möglich, dass in dich mit solcher Kraft der Abscheu gegen die Leiden der Menschen, gegen Züchtigung, gegen Todschlag gelegt sei, dass in dich ein solches Verlangen nach Menschenliebe gelegt sei und noch ein größeres Verlangen, von Menschen geliebt zu werden, dass du deutlich sähest, dass nur bei der Anerkennung der Gleichheit aller Menschen, bei der Bereitwilligkeit, einander zu dienen, die Verwirklichung des höchsten den Menschen zugänglichen Glücks möglich ist, das dir dein Herz, deine Vernunft, der Glaube, den du bekennst, dasselbe sagen, dass dir die Wissenschaft dasselbe sagt, und dass du trotz alledem aus irgendwelchen unklaren, wirren Vorstellungen genötigt sein solltest, stets das Entgegengesetzte zu tun. Bist du als Gutsbesitzer oder Kapitalist genötigt, dein ganzes Leben auf der Unterdrückung des Volkes aufzubauen, als Kaiser oder Präsident gezwungen, Heere zu befehligen, das heisst, Führer und Leiter von Totschlägern zu sein? Bist du als Regierungsbeamter gezwungen, den armen Menschen ihr blutig verdientes Geld zu nehmen, um es zu genießen und den Reichen zu verteilen? Bist du als Richter, als Geschworener gezwungen, verirrte Menschen zu Qual und Tod zu verurteilen, weil ihnen die Wahrheit nicht offenbart wurde, oder, worauf vor allem alles Übel der Welt beruht, dass du, jeder junge Mann, zu den Soldaten gehen musst und gegen deinen Willen und gegen alle menschlichen Empfindungen dich verpflichten, dem Willen fremder Menschen zu folgen, alle die zu töten, die jene zu töten befehlen. Das ist unmöglich. Wenn dir die Menschen auch sagen, all dies sei notwendig zur
Erhaltung der besrehenden Ordnung des Lebens, und die bestehende
Ordnung mit ihrer Bettelarmut, ihrem Hunger, ihren Gefängnissen,
Todesurteilen, ihren Heeren und Kriegen sei für die Gesellschaft
notwendig, und wenn diese Ordnung angetatet würde, würde die
schlimmste Not folgen, so sagen das auch nur die, denen diese Ordnung
des Lebens vorteilhaft ist. All die anderen aber, und es sind ihrer
zehn mal mehr, die unter dieser Lebensordnung leiden, denken und sagen
das Gegenteil. Und du selbst weisst im innersten deiner Seele, dass
dies nicht wahr ist, dass die bestehende Ordnung dieses Lebens ihre
Zeit abgelebt hat und unvermeidlich auf neuen Elementen umgestaltet
werden muss, und dass es daher keineswegs notwendig ist, sie unter der
Aufopferung aller menschlichen Empfindungen aufrecht zu erhalten. Vor allem aber, wenn man auch zugeben will, dass die
bestehende Ordnung notwendig ist, warum fühlst du dich
verpflichtet, sie auf Kosten aller besseren menschlichen Empfindungen
aufrecht zu erhalten? Wer hat dich zur Amme dieser zerbröckelnden
Ordnung gemacht? Weder die Gesellschaft, noch der Staat, noch die
Menschen haben dich darum gebeten, diese Ordnung aufrecht zu erhalten.
Dadurch, dass du den Platz eines Gutsbesitzers, eines Kaufmanns, eines
Kaisers, eines Priesters oder eines Soldaten einnimmst, und du
weißt sehr gut, dass du deine Stelle eingenommen, angenommen
hast, nicht etwa mit dem selbstverleugnerischen Zweck, eine für
das Glück der Menschen notwendige Ordnung des Lebens aufrecht zu
erhalten, sondern um deiner selbst willen, um deines Vorteils, deines
Gewinns, deines Ehrgeizes, deiner Ruhmsucht, deiner Trägheit und
deiner Feigheit willen. Wenn du nicht nach dieser Stellung strebst, würdest du
nicht all das tun, was man ununterbrochen tun muss, um diese Stellung
festzuhalten. Versuche nur, höre nur auf, die komplizierten,
schrecklichen, ränkevollen und niederträchtigen Dinge zu tun,
die du unaufhörlich tust, um deine Stellung aufrecht zu erhalten,
und du wirst sie sofort verlieren. Versuche nur, wenn du ein Regent
oder ein Beamter bist, nicht zu lügen, gemein zu handeln, an
Gewalttaten und Todesurteilen teilzunehmen; wenn du ein Priester bist,
nicht zu betrügen; wenn du ein Krieger bist, nicht zu töten;
wenn du ein Gutsbesitzer, ein Fabrikant bist, dein Eigentum nicht durch
Richter und Gewalttaten zu verteidigen, und du wirst sofort die
Stellung verlieren, die, wie du sagst, dir aufgezwungen ist und die dir
eine Last sein soll. Es ist unmöglich, dass ein Mensch gegen seinen Willen in
eine Stellung gebracht wird, die seinem Bewusstsein widerstrebt. Du hättest ja die Gefahr auf dich nehmen können,
dich zu irren, wenn du die Zeit hättest, deinen Irrtum einzusehen
und auszubessern, wenn das, um dessentwillen du dich in die Gefahr
begibst, irgendwelche Bedeutung hätte. Wenn du aber bestimmt
weißt, dass du jeden Augenblick dahinschwinden kannst ohne die
geringste Möglichkeit für dich oder für die, die du in
deinen Irrtum hineinziehst, ihn gut zu machen, und wenn du
außerdem weißt, dass auch alles, was du in der
äußeren Einrichtung der Welt machen würdest, sehr
schnell und ebenso bestimmt wie du selbst dahinschwindet, ohne eine
Spur zurückzulassen, so leuchtet es ein, dass es gar keine Ursache
gibt, sich in die Gefahr eines so schrecklichen Irrtums zu begeben. Das ist doch so klar und deutlich, wenn wir uns durch die
Heuchelei die uns unzweifelhafte Wahrheit nicht verdunkelten. "Teile, was du hast, mit den anderen, sammle keine
Reichtümer, sei nicht hoffärtig (hoffärtig = nach Art
des Hofes = hochmütig und aufwendig), plündere, peinige und
töte niemand; füge keinem andern zu, was du nicht willst, das
man dir tue", ist nicht vor achtzehnhundert, sondern vor
fünftausend Jahren gesagt worden. Und es könnte keinen
Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieses Gesetzes geben, wenn nicht die
Heuchelei bestünde, man dürfte, wenn auch nicht tun, so doch
wenigstens nicht bekennen, dass man dies immer tun muss, und dass, wer
dieses nicht tut, schlecht tut. Du aber sagst, es gibt noch ein allgemeines Wohl, um
dessenwillen man von diesen Regeln abweichen kann und muss. Und
für dieses allgemeine Wohl kann man töten, züchtigen und
plündern. Besser, dass ein Mensch zu Grunde gehe, als das ganze
Volk, sagst du, und unterzeichnest dem einen, dem zweiten und dem
dritten ein Todesurteil, richtest den Lauf deines Gewehres auf diesen
Menschen, der für das allgemeine Wohl sterben muss, setzt ihn ins
Gefängnis und nimmst ihn seine Habe. Du sagst, du tust diese grausamen Dinge, weil du dich als ein
Mensch der Gesellschaft und des Staates fühlst, der verpflichtet
ist, ihm zu dienen und seine Gesetze als Grundbesitzer, als Kaiser und
als Krieger zu erfüllen. Aber außer deiner
Zugehörigkeit zu dem bestimmten Staat und den daraus
entspringenden Pflichten gibt es für dich noch eine andere
Zugehörigkeit zu dem unendlichen Leben der Welt und zu Gott, und
zu Pflichten, die aus dieser Zugehörigkeit entspringen. Und wie deine Pflichten, die aus deiner Zugehörigkeit zu
einer bestimmten Familie, zu einer bestimmten Gesellschaft entspringen,
sich stets den höheren Pflichten unterordnen, die aus der
Zugehörigkeit zum Staate entspringen, so müssen auch deine
Pflichten, die aus deiner Zugehörigkeit zum Staate entspringen,
unbedingt den Pflichten untergeordnet werden, die aus deiner
Zugehörigkeit zum Leben der Welt, zu Gott, entspringen. Deine Pflichten, die aus deiner Zugehörigkeit zu dem Staate hervorgehen, müssen der höheren, ewigen Pflicht untergeordnet sein, die aus deiner Zugehörigkeit, zu dem unendlichen Leben der Welt oder zu Gott hervorgeht, und können ihnen nicht widersprechen, wie das vor achtzehnhundert Jahren die Jünger Christi gesagt haben (Apostelgeschichte IV,19): Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, dass wir euch mehr gehorchen denn Gott, und (V,29): Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen. Man versichert dir, du müsstest, damit die gestern von
einigen Menschen, in einem bestimmten Winkel der Welt eingesetzte,
beständig sich verändernde Ordnung der Dinge nicht angetastet
werde, Handlungen von Züchtigungen, Peinigungen und Totschlag
einzelner Menschen vollziehen, die die ewige von Gott oder der Vernunft
eingesetzte, unveränderliche Ordnung der Welt antasten. Ist das möglich? Und darum kannst du nicht umhin,
über deine Stellung eines Gutsbesitzers, eines Kaufmanns, eines
Richters, Kaisers, Ministers, Priesters und eines Sodaten nachzudenken,
die mit Unterdrückung, Gewalttaten, Betrug, Züchtigungen und
Totschlag verbunden ist, und ihre Unrechtmäßigkeit
anerkennen. Ich sage nicht, du sollst, wenn du ein Gutsbesitzer bist, im
Augenblick deinen Grund und Boden den Armen geben; wenn du ein
Kapitalist bist, du sollst sofort dein Geld, deine Fabrik den Arbeitern
geben, wenn du ein Fürst, ein Minister, ein Beamter, ein Richter,
ein General bist, du sollst sofort auf deine vorteilhafte Stellung
verzichten; wenn du ein Soldat bist (das heisst, wenn du die Stellung
einnimmst, auf die alle Gewalttaten sich stützen), du solltest
ohne Rücksicht auf alle Gefahren der Verweigerung des Gehorsams
sofort auf deine Stellung verzichten. Tust du das, so tust du das allerbeste. Aber es kann sein, und
es ist sehr wahrscheinlich, dass du gar nicht die Kraft haben wirst,
das zu tun. Du hast Verbindungen, Familie, Untergebene und Vorgesetzte.
Du kannst unter so einem starken Einfluss von Versuchungen stehen, dass
du nicht die Kraft haben wirst, das zu tun. Aber die Wahrheit als
Wahrheit anzuerkennen und nicht zu lügen, das kannst du zu jeder
Zeit. Nicht behaupten, du bliebest Gutsbesitzer, Fabrikant,
Kaufmann, Künstler und Schriftsteller, weil das für die
Menschen nützlich ist, du dienest als Gouverneur, als
Staatsanwalt, als Fürst, nicht weil es dir angenehm, weil es
süße Gewohnheit ist, sondern zum Heile des Menschen; du
bliebest Soldat, nicht weil du Strafe fürchtest, sondern weil du
das Heer zur Sicherung des Lebens der Menschen für notwendig
hälst, nicht so vor dir selbst und den Menschen lügen, das
kannst du stets. Du kannst es nicht bloß, du musst es sogar, denn
nur darin allein, in der Befreiung von der Lüge und in der
Bekennung der Wahrheit besteht das einzige Werk deines Lebens. Und gerade dadurch, dass andere ebenso klägliche,
verwirrte Menschen wie du, dir versichert haben, du seiest Soldat,
Kaiser, Gutsbesitzer, Kapitalist, Priester oder General, beginnst du
das Übel, das unzweifelhaft deiner Vernunft und deinem Herzen
widerspricht, einleuchtend zu machen. Du beginnst zu züchtigen, zu
plündern, die Menschen zu töten, dein Leben auf dem Leiden
der anderen aufzubauen, und vor allem, anstatt das einzige Werk deines
Lebens zu erfüllen, die dir bekannte Wahrheit anzuerkennen und zu
bekennen, gibst du dir Mühe, zu heucheln. Du kennst sie nicht,
verbirgst sie dir und anderen und tust damit, was geradewegs dem
einzigen Werk widerspricht, zu dem du berufen bist. Und unter welchen Umständen tust du das? Du, der du jeden
Augenblick sterben kannst, unterschreibst ein Todesurteil,
kündigst Krieg an, ziehst in den Krieg, richtest, peinigst und
beraubst die Arbeiter, schwelgst inmitten von Bettlern und lehrst den
schwachen Menschen, die dir glauben, es müsse das alles so sein,
darin liege die Pflicht der Menschen, und läufst dadurch Gefahr,
dass in demselben Augenblick, wo du dies tust, eine Bakterie oder eine
Kugel dich erfasst, du röchelst und hinstirbst und in alle
Ewigkeit die Möglichkeit verlierst, das Übel gut zu machen
und zu ändern, das du anderen und vor allem dir selbst
zugefügt hast, indem du unnütz das Leben verloren hast, das
dir einmal in der ganzen Ewigkeit gegeben war, da du in ihm nicht das
eine getan hast, was du unzweifelhaft hättest tun müssen. So einfach, so alt dies ist und so sehr wir uns auch durch
Heuchelei und durch die Autosuggestion, die aus dieser hervorgeht,
betäuben, nichts kann die Unzweifelhaftigkeit dieser einfachen und
klaren Wahrheit erschüttern, dass keine äußerlichen
Anstrengungen unser Leben sichern können, dass unvermeidlich mit
unabwendbaren Leiden verbunden ist und das mit dem noch unabwendbareren
Tod endet, der für jeden von uns jeden Augenblick eintreten kann,
und dass unser Leben daher keinen anderen Sinn haben kann, als nur die
stündliche Befolgung dessen, was die Kraft von uns verlangt, die
uns ins Leben gesandt hat und die uns in diesem Leben den einen
unzweifelhaften Führer zur Seite gegeben hat: die vernünftige
Erkenntnis. Und daher kann diese Kraft von uns nicht verlangen, was
unvernünftig und unmöglich ist: die Gestaltung unseres
zeitlichen, fleischlichen Lebens, des Lebens der Gesellschaft oder des
Staates. Diese Kraft fordert von uns das, was einzig unzweifelhaft,
vernünftig und möglich ist: dass wir dem Gottesreiche dienen,
dass heisst, dass wir an der Begründung der größten
Einigung allen Lebens mitwirken, die nur in der Wahrheit möglich
ist und daher an der Anerkennung der uns enthüllten Wahrheit und
ihrer Bekennung. Sie fordert eben das, was allein stets in unserer
Macht ist. "Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner
Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen" (Matthäus
VI,33). Der einzige Sinn des Lebens des Menschen besteht darin, dass er
der Welt diene indem er an der Begründung des Gottesreiches
mitwirke. Das aber kann nur durch die Anerkennung der Wahrheit
geschehen und ihre Bekennung durch jeden einzelnen Menschen. "Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen
Gebärden. Man wird euch nicht sagen, siehe, hier oder da ist es,
denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch." (Lukas XVII, 20) Inhalt Top Kapitel VII: Die Bedeutung der allgemeinen Wehrpflicht Top Die allgemeine Wehrpflicht ist keine politische
Zufälligkeit, sondern die äußerste Grenze des
Widerspruchs, der in der gesellschaftlichen Lebensauffassung liegt. Das
Entstehen der Macht in der Gesellschaft. Die Grundlage der Macht ist
die körperliche Gewalt. Damit die Macht die Möglichkeit habe,
Gewalt zu üben, ist die Organisation bewaffneter Menschen, das
Heer, notwendig. Das Entstehen der Macht, das heisst, der Gewalt in der
Gesellschaft ist der Keim der Zerstörung der gesellschaftlichen
Lebensauffassung. Das Verhältnis der Macht zu den Massen; das
Verhältnis der Regierung zu den Arbeitern, das heisst, den
unterworfenen Menschen. Die Regierungen bemühen sich, die Arbeitenden in der
Überzeugung von der Notwendigkeit der stattlichen Gewalt zum
Schutze gegen äußere Feinde zu erhalten. Das Heer ist aber
hauptsächlich zur Abwehr gegen die eigenen Untertanen, die
unterdrückten Arbeiter, notwendig. Caprivis' (deutscher
Reichskanzler von 1890 bis 1894) Rede (Caprivis: "Man brauche
zuverlässige Unteroffiziere, um gegen den Sozialismus zu
kämpfen."). Alle Privilegien der herrschenden Klasse werden durch
die Gewalt gesichert. Das Anwachsen der Heere vor der allgemeinen
Wehrpflicht. Die allgemeine Wehrpflicht zerstört all die Vorteile
des gesellschaftlichen Lebens, die der Staat zu schützen berufen
ist. Die allgemeine Wehrpflicht ist das äußerste
Maß des Gehorsams, das heisst, sie fordert im Namen des Staates
den Verzicht auf alles, was dem Menschen teuer sein kann. Ist der Staat
notwendig? Die Opfer, die er von den Bürgern durch die allgemeine
Wehrpflicht verlangt, lassen sich durch nichts mehr rechtfertigen. Und
es ist für den Menschen vorteilhafter, sich den Forderungen des
Staates nicht zu fügen, als sich ihnen zu fügen. Kapitel VIII: Es ist unvermeidlich, dass die Menschen unserer Welt die christliche Lehre: "Widerstrebe nicht dem Übel mit Gewalt!" annehmen. Top Das Christentum ist keine Gesetzgebung, sondern eine neue Auffassung des Lebens, und darum war es nicht verbindlich und wurde nicht von allen Menschen in seiner ganzen Bedeutung, sondern nur von wenigen angenommen. Die übrigen haben es nur in verstümmelter Gestalt angenommen. Das Christentum ist außerdem eine Prophezeihung über die Vergänglichkeit des heidnischen Lebens, und darum über die Notwendigkeit der Annahme der christlichen Lehre. Das Nicht-Widerstreben mit Gewalt ist eine der Seiten der christlichen Lehren, die in unserer Zeit unweigerlich von den Menschen angenommen werden muss. Zwei Arten der Entscheidung jedes Kampfes gibt es. Die erste Art besteht darin, allgemeine Definitionen des Übels zu finden, die für alle verbindlich sind, und gegen dies Übel mit Gewalt zu kämpfen. Die zweite Art, die christliche, besteht darin, überhaupt nicht mit Gewalt gegen das Übel zu kämpfen. Obwohl die Erfolglosigkeit der ersten Art schon erkannt war, wurde sie doch weiter angewendet, und erst mit dem allmählichen Fortschreiten der Menschheit wurde es klarer, dass es eine allgemeine Definition des Übels nicht gibt und nicht geben kann. Jetzt aber ist es für alle klar, und wenn es eine Gewalt gibt, die bestimmt ist, gegen das Übel zu kämpfen, so ist das nicht deshalb, weil man es auch jetzt noch für nötig hält, sondern weil die Menschen sich nicht von ihr (der Gewalt) zu befreien vermögen. Die Schwierigkeit von der Befreiung hängt von der listigen und komplizierten Art der staatlichen Gewalt ab. Diese Gewalt wird durch vier Mittel aufrecht erhalten: 1. Einschüchterung, 2. Bestechung, 3. Hypnose, 4. durch Anwendung der militärischen Kraft. Die Befreiung von der staatlichen Gewalt kann sich nicht durch den Sturz der staatlichen Macht vollziehen. Die Menschen sind durch die Gräßlichkeit des heidnischen Lebens zu der Notwendigkeit gebracht, die von ihnen umgangene Lehre Christi mit ihrem Nicht-Widerstreben anzuerkennen. Zu dieser Notwendigkeit der Annahme der christlichen Lehre führt auch das Bewusstsein ihrer Wahrhaftigkeit, die in unserer Welt verbreitet ist. Diese Erkenntnis steht im vollsten Widerspruch mit unserem Leben. Das leuchtet besonders durch die allgemeine Wehrpflicht ein ("Du sollst nicht töten."). Aber die Menschen sehen infolge der Gewohnheit und der Einwirkung der vier Mittel der staatlichen Gewalt diesen Widerspruch des Christentums mit den Pflichten des Soldaten nicht. Die Menschen sehen dieser Widerspruch auch dann nicht, wenn ihnen mit voller Klarheit die Machtvertreter selbst die ganze Unsittlichkeit der Pflichten des Soldaten vor Augen führen. Der Aufruf zur Wehrpflicht ist die äußerste Prüfung für jeden Menschen. Er ist das Angebot der Wahl zwischen der Annahme der christlichen Lehre des Nicht-Widerstrebens und dem knechtischen Gehorsam gegen die bestehende Staatsordnung. Die Menschen sagen sich gewöhnlich von allem Heiligen los und fügen sich den Forderungen der Staatsordnung, als fänden sie keinen Ausweg. Für die Menschen der heidnischen Lebensauffassung gibt es auch keinen anderen Ausweg und wird es keinen geben, wenn auch die Kriegsnöte noch entsetzlicher werden. Eine Gesellschaft, die aus solchen Menschen besteht, muss zu Grunde gehen, und keinerlei gesellschaftliche Umgestaltung kann sie retten. Das heidnische Leben hat die äußerste Grenze erreicht. Sie vernichtet sich selbt. Kapitel IX - Die Annahme der christlichen Lebensauffassung befreit die Menschen von den Nöten unseres heidnischen Lebens Top Das äußere Leben der christlichen Völker ist heidnisch, aber sie sind schon von der christlichen Erkenntnis durchdrungen. Der Ausweg aus diesem Widerspruch liegt in der Annahme der christlichen Lebensauffassung. Nur in ihr ist jeder Mensch frei, und nur sie befreit ihn von jeder menschlichen Macht. Diese Befreiung vollzieht sich nicht durch die Veränderung der Auffassung des eigenen Lebens. Die christliche Lebensauffassung verlangt die Lossagung von der Gewalt und befreit, indem sie den Menschen befreit, der sie angenommen hat, die Welt von jeder äußeren Macht. Der Ausweg aus der gegenwärtigen, scheinbar ausweglosen Lage, liegt darin, dass jeder Mensch, der fähig ist, sich die christliche Lebensauffassung anzueignen, sie annehmen und nach ihr leben muss. Die Menschen aber halten diesen Weg für zu langsam und sehen das Heil in der äußeren Veränderung des Lebens und in der Teilnahme an der staatlichen Macht. Das wird zu nichts führen, da die Menschen selbst das Übel hervorrufen, unter dem sie leiden. Das geht ganz besonders deutlich aus der gehorsamen Erfüllung der Militärpflicht hervor, die zu verweigern für jedermann vorteilhafter ist, als sich ihr zu fügen. Die Befreiung der Menschen wird sich nur dadurch vollziehen, dass jeder einzelne Mensch sich selbst befreit, und die hier und dort auftauchenden Fälle einer solchen Befreiung bedrohen die Staatsordnung mit Erschütterung. Die Lossagung der Menschen von den nichtchristlichen Forderungen der Regierung lockert die Macht der Regierung und befreit die Menschen. Und darum sind die Fälle solcher Lossagung schrecklicher für die staatliche Macht als alle Verschwörungen und alle Gewalt. Die Eidesverweigerung in Russland, die Verweigerung der Steuern, der Pässe, der Polizeipflichten, der Teilnahme am Gericht, der Dienstpflicht. Einzelheiten einer solchen Verweigerung der Dienstpflicht. Fälle solcher Verweigerung in anderen Staaten. Die Regierungen wissen nicht, was sie mit den Menschen beginnen sollen, die auf Grund der christlichen Lehre ihren Forderungen widerstreben, die sie bloßstellen und ohne sie (die Regierung) fertig werden. Diese Menschen zerstören ohne Kampf, von inner heraus, die Grundlage der Regierung. Solche Menschen zu bestrafen, hieße sich selbst vom Christentum loszusagen und die Verbreitung der Erkenntnis fördern, in deren Namen diese Weigerungen geschehen. Damit ist die Lage der Regierung eine verzweifelte, und die Menschen, die die Unnützlichkeit der persönlichen Befreiung predigen, halten die Zerstörung der bestehenden gewalthaberischen, staatlichen Ordnung nur auf. Kapitel X - Die Unnützlichkeit der staatlichen Gewalt für die Vernichtung des Übels. Der sittliche Fortschritt der Menschen vollzieht sich nicht nur durch die Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch durch die Bildung einer öffentlichen Meinung. Top Das Christentum zerstört den Staat. Aber was ist
notwendiger: die Annahme des Christentums oder der Bestand des Staates?
Es gibt Menschen, die die Notwendigkeit der staatlichen Ordnung
verteidigen, und es gibt Menschen, die, auf die gleiche Grundlagen
gestützt, die Notwendigkeit der staatlichen Ordnung leugnen. Mit
abstrakten Betrachtungen kann man weder das eine noch das andere
beweisen. Die Frage wird durch den Grad der Erkenntnis der Menschen
gelöst, der ihm gestattet oder verbietet, an der staatlichen
Ordnung teilzunehmen. Die Erkenntnis der Unnützlichkeit und Unsittlichkeit der
Teilnahme an der staatlichen Ordnung, die den christlichen Forderungen
widerspricht, löst für jeden diese Frage unabhängig von
der Teilnahme des Staates. Beweis der Verteidiger des Staates als einer
Form des gesellschaftlichen Lebens, die zum Schutze der Guten gegen die
Bösen so lange nötig sind, als nicht alle Völker und
alle Mitglieder des Staates Christen geworden sind. Es herrschen, das
heisst, es sind im Besitze der Gewalt, stets die Schlechtesten. Die
ganze Geschichte ist eine Geschichte der Ergreifung der Macht durch die
Schlechteren zu Ungunsten der Besseren. Die Anerkennung der
Notwendigkeit des Kampfes gegen das Übel mit Hilfe der Gewalt
durch die Machthaber ist gleichbedeutend mit ihrer Selbstvernichtung. Die Vernichtung der staatlichen Gewalt kann die Menge der
Gewalt nicht vergrößern. Die Vernichtung der Gewalt ist
nicht nur möglich, sie vollzieht sich sogar vor unseren Augen.
Aber sie vernichtet sich nicht durch die staatliche Gewalt, sondern
dadurch, dass die Menschen, wenn sie mit Gewalt die Macht erlangt
haben, ihre Eitelkeit und die Eitelkeit ihrer Früchte einsehen,
immer besser werden und unfähig werden, die Gewalt zu gebrauchen.
Diesen Prozess machen die einzelnen Menschen und ganze Völker
durch. Auf diesem Wege dringt das Christentum in das Bewusstsein der
Menschen ein, und nicht nur trotz der von der Macht angewandten Gewalt,
sondern durch sie. Und darum ist die Beseitigung der Macht nicht nur
nicht gefährlich, sondern vollzieht sich beständig durch das
Leben selbst. Der Einwurf der Verteidiger der staatlichen Ordnung, dass die
Verbreitung des Christentums kaum je möglich sei. Die Ausbreitung
der christlichen Wahrheiten, die die Gewalt verwerfen, vollzieht sich
nicht bloß auf dem innern stetigen Wege der Erkenntnis der
Wahrheit durch das prophetische Gefühl und durch die Erkenntnis
der Eitelkeit der Macht und der Lossagung der einzelnen Menschen von
ihr, sondern auf einem andern, äußerem Wege, durch den auf
einmal größere Massen von Menschen von niedriger Entwicklung
bloß aus Vertrauen zu den ersten die neue Wahrheit annehmen. Ein
bestimmter Grad der Ausbreitung der Wahrheit schafft eine
öffentliche Meinung, die eine große Masse von Menschen, die
sich bis dahin dieser Wahrheit widersetzt hat, auf einmal zwingt, die
neue Wahrheit anzuerkennen. Dabei kann sich der Verzicht aller Menschen
auf die Gewalt sehr bald vollziehen, und zwar dann, wenn die
christliche öffentliche Meinung sich gebildet hat. Die Anerkennung
der Notwendigkeit der Gewalt verhindert die Bildung einer christlichen
öffentlichen Meinung und trübt sie. Die Gewalt veranlasst die Menschen, der geistigen Kraft, die
allein die Menschen bewegt, zu misstrauen. Weder einzelne Menschen noch
Völker sind durch die Gewalt unterworfen worden. Sie sind nur
durch die öffentliche Meinung unterworfen worden, der keine Gewalt
widerstehen kann. Wilde Menschen und wilde Völker kann man nur
dadurch unterwerfen, dass man unter ihnen die christliche
öffentliche Meinung verbreitet. |