Das
neue Zölibat
Startseite
Zur freien Verteilung - Kopien erlaubt
Inhaltsverzeichnis
1. Das Zölibat etabliert sich
2. Das alte Zölibat
3. Zölibat und das Wachstum des Bewusstseins
4. Einige
Überlegungen über die heutige Jugend
5. Zehn Argumente für das Zölibat
6. Als die Religion noch nicht lamgweilig war
7. Der Säulenheilige Simeon
1. Das Zölibat etabliert
sich Inhaltsverzeichnis
Ein Auszug aus dem Buch. The
new Celibacy (Das neue Zölibat) von Gabrielle Brown (New York:
McGraw-Hill, 1989 - 1st ed. 1980)
Eine Auseinandersetzung über Liebe, Intimität und Gesundheit
in einem neuen Zeitalter.
Das Zölibat bezog sich ursprünglich auf die Zeit, in der man
nicht verheiratet war. Es war die Zeit, in der man als Single lebte und
keine sexuellen Kontakte hatte. Ich benutze den Begriff „neues
Zölibat“ in einem breiteren Sinne, um einen psychophysischen
Zustand, ohne einen Bezug zum Familienstand oder zu anderen
soziologischen Faktoren, zu bestimmen. Was versteht man unter diesem
psychophysischem Zustand? Es ist zuallererst ein sexueller Zutand. Denn
die Erfahrung lehrt uns, dass das Zölibat nicht Asexualität
bedeutet. Es bedeutet nicht, keine sexuellen Gefühle mehr zu
haben, obwohl das sexuelle Empfinden sich tiefgreifend verändert.
Wir können vielleicht sagen, dass die Sexualität sich
während des Zölibats in einem Ruhezustand befindet, in der
sie sich in viele Richtungen, über die genitale Sexualität
hinaus entwickelt. Unter einigen Umständen kann das Zölibat
als Unterdrückung betrachtet werden, das zum Rückzug aus dem
Leben und zu persönlichem Wachstum führt. Aber im
allgemeinen, wenn es aus positiven Gründen gewählt wird, kann
es genau die gegenteilige Wirkung besitzen, seien die Gründe
sozial, spirituell oder gesundheitsbedingt.
Entsprechend dem sexuellen Jahrbuch von 1988, über das im
kanadischen Maclean's Magazine berichtet wurde, gab es zwischen 1987
und 1988 eine 50 prozentige Zunahme der Menschen, die nur wenig
Sexualität praktizieren und eine 25 prozentige Zunahme der
Menschen, die vollkommen auf Sexualität verzichten. Gleichzeitig
zeigten etwa 40 Prozent aller Menschen, trotz der allgemeinen Angst vor
Aids, eine erhöhte sexuelle Aktivität. Dadurch lassen sich
aber nicht die Veränderungen in den anderen Gruppen erklären.
Entsprechend einer Langzeituntersuchung über das sexuelle
Verhalten, die auf der Forschungsarbeit des Psychologen Srully Blotnick
beruht, zeigte sich folgendes:
Die Zahl den Frauen, die sich
für das Zölibat entschieden haben, hat sich in den letzten 10
Jahren vervierfacht. Von etwa 2 bis 3 Prozent stieg sie auf
ungefähr 10 Prozent.
Weit weniger Frauen würden sich, Mitte der achtziger Jahre,
für gelegentlichen Sex (Sex mit jemanden, den sie nicht lieben)
entscheiden (28 Prozent), als dies noch in den sechsiger Jahren (43
Prozent) oder in den siebziger Jahren (37 Prozent) geschah.
1980 wurde davon ausgegangen, dass etwa 0,5 Prozent aller Männer
das Zölibat praktizierten. Bis 1986 verachtfachte sich die Zahl
auf etwa 4 Prozent. Heute beträgt sie etwa 8 Prozent unter
heterosexuellen Männern und etwa 10 Prozent unter homosexuellen
Männern.
Das Interesse an gelegentlichem Sex unter den Männern verringerte
sich innerhalb von 10 Jahren auf etwa ein Drittel. Waren es in der 70er
Jahren noch etwa 74 Prozent aller Männer, die gelegentlichen Sex
hatten, so waren es Mitte der 80er Jahre nur noch 48 Prozent.
Sogar unter verheirateten Paaren, die keine Angst vor Krankheiten zu
haben brauchen, gibt es eine bedeutende Abnahme der sexuellen
Tätigkeit. Entsprechend einer kürzlich erschienen
Übersicht (1986?), haben über 40 Prozent aller verheirateten
Frauen nur einmal in der Woche oder noch seltener Sex. 1974 dagegen
waren es nur 28 Prozent aller verheirateten Frauen.
In einer demographischen Studie, die 1.550 Antworten auswertete, wurde
die Frage gestellt, was einem das größte Vergnügen, die
größte Freude, bereitet. 68 Prozent aller Befragten
wählten den Fernseher. 59 Prozent sahen die größte
Freude darin, anderen zu helfen. 58 Prozent wählten den bezahlten
Urlaub, 56 Prozent hatten an ihrem Hobby die größte Freude
und 55 Prozent am Lesen. Die Sexualität lag bei 42 Prozent, fast
punktgleich mit dem Essen, welches mit 41 Prozent folgte. Der Studie
zufolge haben die Menschen mehr Vergnügen am Fernsehen, daran,
anderen zu helfen, am Urlaub, am Lesen, an ihren Hobbies, als daran,
sich sexuell zu vergnügen.
1987
berichtete das amerikanische „Center for Disease Control“ (Zentrum
für Krankheits-Kontrolle), dass sich jedes Jahr etwa 12 Millionen
Menschen mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken. Seit
1980 gibt es einen Anstieg um 33 Prozent, um 4 Millionen Erkrankungen.
Zusätzlich infizieren sich etwa 20 Millionen Menschen mit
genitalem Herpes, und schätzungsweise 6 Millionen Menschen mit
Chlamydia, eine ansteckende Bakterieninfektion. Chlamydien sind die
häufigste Ursache für vermeidbare Erblindungen in
Entwicklungsländern. In deutschen Großstädten sind bis
zu zehn Prozent der jungen Frauen mit Clamydia infiziert, ohne etwas
davon zu wissen. Diese unerkannten Infektion führen leicht zu
weiteren Ansteckungen. Aber unter den vielen sexuell übertragenen
Krankheiten, ist keine erschreckender oder verheerender als Aids. 1988
gab es, entsprechend der CDC (Center for Disease Control), in den
Vereinigten Staaten über 50.000 Erwachsene, die an Aids erkrankt
waren. Etwa 1,5 Millionen Amerikaner tragen das Immunschwächevirus
(HIV) in sich, das schliesslich zum Aids führen kann.
In einer Zölibats-Studie, die durch das Erotikmagazin „Penthouse“
geleitet wurde, wurde berichtet, daß das Zölibat ein neues
Ansehen erfährt: Fast die Hälfte der Männer und etwa 40
Prozent der Frauen sagten, dass sie aus Angst vor sexuellen
Erkrankungen zölibatär leben würden. Sie sahen im
Zölibat, besonders für den emotionalen und spirituellen
Bereich, Vorteile. 74 Prozent der Frauen und 68 Prozent der Männer
glaubten, daß sich ihre Ansichten über das andere
Geschlecht, durch die Erfahrung des Zölibats, erweitert haben.
Mehr als die Hälfte glaubte, dass das Zölibat eine gesunde
Sache sei. Das Zölibat greift in unser soziales Leben ein, es wird
Teil unserer psychischen Verfassung. Seit 1980 erkennen wir einen Trend
zu weniger Sexualität, aus „Mangel an Interesse“. Die verminderte
sexuelle Lust wird als Problem der psychischen Gesundheit betrachtet.
In einer Studie über verheiratete Paare berichtete das „New
England Journal of Medicine“ dass etwa ein Drittel der Paare, zwei-
oder dreimal im Monat, oder noch weniger, Sex haben. In einer anderen
Studie berichtet das „American Journal of Psychiatry“, dass ein Drittel
der verheirateten Männer und Frauen im Durchschnitt für zwei
Monate abstinent leben, viele davon für drei Monate oder
länger.
Es wird eine wachsende nationale Tendenz zu weniger Sexualität,
sowohl unter den Singles als auch unter den Verheirateten,
festgestellt. Mitglieder der „American Association of Sex Educators,
Counselors and Therapists“ (Amerikanische Gesellschaft für
Sexual-Erzieher, Berater und Therapeuten) berichteten, dass fast die
Hälfte ihrer Patienten, die mangelnde sexuelle Lust, als
Hauptgrund für die Beratung, angaben. Einige Sexualtherapeuten
neigen dazu, dieses mangelnde sexuelle Interesse als krankhaft zu
betrachten. Andere Fachleute bemerkten, daß weder Männer
noch Frauen mehr Sex wünschen oder benötigten würden.
Viele seien dem sozialen Druck, sexueller zu sein, erlegen, und
hätten ihre realen Wünsche, nach weniger Sexualität,
dadurch unterdrückt. Nun aber betrachten sie ihren neuen
zölibatären Status als einen positiven Weg. Der Konzentration
auf den Sex bedeutet, daß wir ununterbrochen mit allerlei
Trugbilder von sexueller Erfüllung bombardiert werden. Dieses
führt, wie die Sexualforscher John Gagnon and William Simon in
ihrem Buch „Sexual Conduct“ (Sexuelles Verhalten) bescheiben, zu einer
übersteigerten Auffassung des sexuellen Verhaltens. Die Menschen
glauben am Ende, sie seien sexueller, als sie es wirklich sind. Und sie
glauben, dass sie diesem falschen Bild der Sexualität folgen
sollten, da es in der Öffentlichkeit als Standard betrachtet wird.
Die Rolle
der Sexualität wurde durch die Überbetonung in der
Psychotherapie weiter verzerrt. Viele Therapeuten neigen dazu, ihre
Patienten zu ermuntern, beim Thema Sexualität zu verweilen,
möglicherweise auf Kosten anderer, dringenderer, Probleme. Ein
Resultat dieser einengenden Sichtweise besteht darin, dass die Mehrheit
der Leute, die professionelle Hilfe suchen, zu der Erkenntnis gelangt,
dass ihre Unzufriedenheit, durch eine sexuelle Blockade verursacht sein
könnte. Da der Sex häufig benutzt wird, um sich von
Frustrationen zu befreien, die in anderen Bereichen aufgetreten sind,
ist es nicht überraschend, dass viele Männer und Frauen zu
der Ansicht gelangen, alle Arten von Frustrationen, als sexuell zu
betrachten. Uns wird gelehrt, dass Sex nicht nur für die
psychische Gesundheit gut ist. In gleicher Weise werden wir angeleitet,
zu glauben, dass Sex für uns ebenso gut ist, wie eine gesunde
Ernährung, Leibesübungen, Meditation, und andere Dinge, die
die Lebensqualität und die Langlebigkeit verbessern. Es wird der
trügerische Eindruck erweckt, dass man sexuell aktiv sein muss, um
gesund zu bleiben. Die „use-it-ot-lose-it“ (benutz-es-oder-verlier-es)
Schule der Sexualwissenschaftler, instrumentalisiert die Angst vor dem
Älterwerden, um den Eindruck zu erwecken, dass die sexuelle
Leistungsfähigkeit, das einzig wahre Kriterium für Jugend und
Lebensqualität darstellt. In Wirklichkeit, glauben viele Kulturen,
besonders östliche Kulturen, dass der Sex einen schwächenden
Effekt auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten auf
Menschen jeden Alters haben kann.
Es hat sich herausgestellt, dass Menschen weder soviel Sex brauchen,
noch wünschen, wie manche Sexualwissenschaftler dies glauben.
Entsprechend den Forschungsergebnissen von Gagnon and Simon, ist
nachweisbar, dass die sexuelle Aktivität in Wirklichkeit kein sehr
leistungsfähiger Antrieb ist. Hier scheint das Wort „Antrieb“
sogar eine Fehlbezeichnung zu sein. Sie behaupten, die Sexualität
ist in Wirklichkeit ein besonderer Aspekt der menschlichen Entwicklung,
in der der Triumph der soziokulturellen Entwicklung über die
biologische Entwicklung, am besten gelungen sei. So wie unsere Ideen
und Einstellungen sich gegenüber der Sexualität entwickeln,
so entwicklelt sich auch unsere Physiologie. Sex, so ist erwiesen, ist
weniger interessant für Menschen, die vielfältige Interessen
entwickelt haben. Der amerikanische Psychologe und Verhaltenforscher
Dr. Abraham Maslow, der als der wichtigste Gründervater der
Humanistischen Psychologie gilt, fand, daß Sex kein
beherrschender Gedanke innerhalb der Gruppe der Selbstverwirklichten
sei. (Anmerkung: In der Bedürfnispyramide nach Maslow stellt die
Gruppe der Selbstverwirklichten, die höchste menschliche
Entwicklungsstufe dar.) Er berichtete, dass ein selbstverwirklichter
Mensch, ohne schädliche Effekte, abstinent sein könne, weil
er oder sie, diese Erfahrung als sehr angenehm und nicht als Verlust
empfinden würden.
Alle sexuellen Tätigkeiten folgen einem Sinnesrausch, einer
erotischen Phantasie. Um sexuell zu sein, bedarf es beim Menschen weit
mehr, als des körperlichen Aktes. Es erfordert ein geistiges
Beurteilen und eine emotionale Orchestrierung, die eine Situation
sexuell erscheinen lässt. Brust- und Genitaluntersuchungen, sowie
Mund-zu-Mund-Beatmungen, finden im allgemeinen ohne sexuelle Erregung
statt, aber in einer erotischen Gemütsverfassung, werden sie im
hohen Grade sexuell. Der Verstand regt, aus dem Ablauf des Geschehens
heraus, die Phantasie an. Die Tatsache, dass Sexualität in erster
Linie eine geistige Erfahrung ist, durch die der Körper
manipuliert wird, bedeutet, dass es sinnlos ist, zu argumentieren, dass
das sexuelle Sein, lediglich ein physiologischer Reflex ist. Der
Wunsch, miteinander intim zu sein, ist zuerst ein sexueller Gedanke,
bevor er zur Tätigkeit wird. So entscheiden sich im allgemeinen
die Menschen, wenn sie sich sexuell einander nähern. In dieser
Hinsicht ist Sexualität, nicht nur eine Geistestätigkeit,
sondern auch eine freiwillige Tätigkeit.
Manchmal
vergessen wir, daß das Sexuellsein, eine Wahl ist. Wenn wir uns
sexy fühlen, denken wir, wir müssten etwas dagegen
unternehmen, andernfalls würden wir dieses unkontrollierte
Drängen unterdrücken, was zu Angst und Enttäuschung
führen würde. In Wirklichkeit besteht aber keine
Notwendigkeit, sexuell zu sein, soweit die menschliche Physiologie
davon betroffen ist. Das Drängen wird höchstwahrscheinlich
schon bald wieder abklingen. Anders als Hunger und Durst, und die
Sehnsucht nach Geborgenheit, die wirklich notwendig sind, ist die
sexuelle Befriedigung, weit weniger erforderlich, als eingebildet. Der
Grund, warum die meisten von uns sich dafür entscheiden, so oft
wie möglich sexuell zu sein, liegt darin, dass man uns lehrte,
dass die Sexualität die Strasse zur persönlichen
Erfüllung ist. Es ist eines der zerstörerischten Mythen
über die Sexualität, dass es eine dauerhafte Erfüllung
durch permanente sexuelle Befriedigung gibt.
Egal, wie schön der Orgasmus war, den man hatte, egal, wie
schön der Orgasmus für den Partner war, die sexuelle
Befriedigung bringt keine dauerhafte Erfüllung. Egal, ob jemand
eine tiefe und dauerhafte Liebe in der Sexualität erfährt
oder nicht, am Ende fühlt man sich nach dem Akt doch
unerfüllt oder gar traurig. Es gibt eine eindeutige psychologische
Beschreibung dieses Gefühls, die als „postcoitale (nach dem
Koitus) Traurigkeit“ oder als „Traurigkeit nach dem Sex“ beschrieben
wird. Viele Menschen glauben, dass die Sexualität der einzige Weg
ist, Erfüllung zu finden. So verbringen sie Jahre, um nach dem
dauerhaften Glück in der Sexualität zu suchen. Von diesem
fixierten Verhaltensmuster, bleibt am Ende nur das Gefühl der
Sinnlosigkeit, das nirgendwo hinführt. Früher oder
später, egal wie sehr du deinen Partner liebst, wirst du davon
gelangweilt sein, und du erkennst, dass die Sexualität dir nicht
die Erfüllung schenkt, die du dir erhofft hast. Dieses wird nicht
nach einer Woche des Geschlechtsverkehrs geschehen. Aber es kann leicht
nach fünf oder zehn Jahren einer Partnerschaft auftreten. An
diesem Punkt, könnte ein Paar beginnen, die Aufrichtigkeit der
Beziehung zu hinterfragen. Sie könnten sich fragen, ob sie sich
noch wirklich lieben.
Dies ist ein normales Geschehen in einer Ehe, aber leider ein
großes und tragisches Mißverständnis. Wenn die
Eheleute nämlich die sexuelle Aktivität, als den
Schlüssel für eine erfolgreiche Beziehung betrachten, so
haben sie nun selber erfahren, dass dies nicht der Fall ist. In
Wirklichkeit können sie über die Notwendigkeit der sexuellen
Befriedigung, über das sexuelle Niveau, hinauswachsen. Dies ist
vielleicht der richtige Moment, die Ehe auf eine völlig neue Basis
zu stellen. Künstler, Geschäftsleute, Wissenschaftler,
Autoren, Menschen, die kreativ sind, die meditieren, die religiös
sind, Kinder, und viele andere Menschen, haben von ihren spirituellen
Erfahrungen berichtet, die unter ganz normalen Umständen
stattfinden. Diese Momente der Erhabenheit, können in der Tat auch
während der Sexualität auftreten. Aber wir erweisen uns und
unserer/unserem Geliebten einen Bärendienst, wenn wir fortfahren,
die spirituellen Erfahrungen unendlich im sexuellen Bereich zu suchen.
Anstatt unser Denken auf die Schätze der Erde zu richten, deren
Gipfelpunkt die Sexualität ist, sollten wir unserer Hauptaugenmerk
auf unsere spirituelle Entwicklung richten, die einzige Erfahrung, die
uns wirkliche Zufriedenheit bescheren kann. Wenn wir so verfahren, dann
erreichen wir die Erfüllung, nach der wir uns so lange gesehnt
haben.
Irgendwann
wird uns vielleicht bewusst, dass wir durch den Sex eigentlich etwas
ganz anderes als Sex suchen. Nun könnten wir uns entscheiden,
unsere Aufmerksamkeit vollkommen von der Sexualität zu lösen,
um zu erforschen, was sonst noch vorhanden ist. Diese Verschiebung der
Aufmerksamkeit, geschieht normalerweise dann, wenn eine zunehmende
Befriedigung durch andere Erfahrungen eintritt. Dies kann durch die
Entwicklung der Liebesfähigkeit, durch die Entwicklung der
Kreativität oder durch den Erfolg in irgendeiner anderen
Tätigkeit geschehen. Während man innerlich wächst, macht
man zwangsläufig die Erfahrung der tiefgründigen Freude, die
vielen Aspekten des Lebens innewohnt. Wenn man der Sexualität
nicht mehr so viel Bedeutung beimisst, verliert man sie langsam aus dem
Blickfeld. Der Hauptgrund, warum Menschen eines Tages das Zölibat
in ihr Leben integrieren, liegt darin, weil sie etwas anderes, als die
Sexualität, von ihrer eigenen Natur, erfahren und ausdrücken
möchten. Es kann als Wunsch nach etwas Dauerhaftem, etwas Ewigem,
betrachtet werden. Wenn das Individuum beginnt, sich diese
erfülltere Art des Selbstausdrucks zu wünschen, muss alles
Bisherige, im Lichte dieses neuen Wunsches, neu bewertet werden.
Das Zölibat ist ein Zustand des Lebens, der nur den Menschen
bekannt ist. Die Tatsache, dass man sich für das Zölibat
entscheiden kann, wenn man dies möchte, ist ein Hinweis, über
die Zunahme der Freiheit, die nur der Mensch besitzt. Das
natürliche Leben hat sich aus den festgelegten sexuellen
Erfahrungen,
der niederen Tierarten heraus, zu einem Zustand der möglichen
Sexualität, entwickelt, wobei der Mensch frei ist, zu entscheiden,
ob er sexuell sein möchte oder nicht. Dieses Buch ist
hauptsächlich an die adressiert, die das Zölibat als eine
positive Lebenserfahrung gewählt haben, obwohl sie nicht
notwendigerweise ein lebenslanges Zölibat anstreben. Zwei
Hauptkategorien des Zölibats sollten unterschieden werden. Die
eine entspricht dem Zölibat, welches frei gewählt wurde, die
andere entspricht dem Zölibat, das durch Unterdrückung und
aus Angst vor der Sexualität, geschieht.
Das meiste des traditionellen Wissens über das Zölibat,
stammt aus der spirituellen Gruppe von Männern und Frauen, die ihr
Leben vollkommen dem zölibatären Leben verschrieben haben, um
höhere spirituelle Ziele zu verwirklichen. Häufig waren es
sehr religiöse Menschen. In verschiedenen Religionen und auf
einigen spirituellen Wegen, wählte ein Mensch ein lebenslanges
Zölibat, um seine Aufmerksamkeit, seine Erfahrung, sein Wissen und
seine Hingabe, vollkommen auf Gott zu richten. Die Reinheit und
Würde solch einer tiefen persönlichen Verpflichtung
gegenüber Gott, diente in den verschiedenen Traditionen des
religiösen Zölibats, oft dazu, die Gesellschaft zu einem
höheren Bewusstsein, zu inspirieren. Selbst Sigmund Freud, der es
scheinbar nicht unterlassen konnte, selbst einen sexuell
unterdrückten Felsen zu untersuchen, gab zu, dass viele Menschen,
die ein lebenslanges Zölibat praktizierten, über die normalen
sexuellen Wünsche und Bedürfnisse hinausgewachsen sind. Er
schrieb: „Was diese Menschen, in sich selbst, auf diese Weise
hervorbringen, ist ein Zustand des gleichmäßigen,
unerschütterlichen und liebevollen Gefühls, das nur wenig
Ähnlichkeit mit der stürmischen Leidenschaft der sexuellen
Liebe hat.“ Jedoch erzielten nicht alle Menschen, die im Namen der
Religion zölibatär lebten, solche positiven spirituellen
Resultate. (Anmerkung: Solche Resultate sind allerdings auch ohne
religiöse Orientierung möglich.)
Menschen,
die ein lebenslanges Zölibat praktizieren, sind normalerweise
Individualisten, die physisch, geistig und sozial, unabhängig
sind, und die keiner anderen Menschen bedürfen, um glücklich
zu sein, obwohl sie anderen gerne behilflich sind. Es gibt aber auch
eine andere Dimension des zölibatären Lebens, das als
weltliches Zölibat betrachtet werden kann. Es beinhaltet einige
Aspekte des religiösen Zölibats und einige Aspekte des
täglichen Soziallebens. Der wichtigste Grund, das Zölibat
seiner Wahl zu praktizieren, liegt darin, dass wir erkennen, was wir
sein möchten. Ebenso, wie man sich entscheiden kann, sexuell zu
sein, kann man sich entscheiden, enthaltsam zu sein, für eine
Woche oder zwei, für einen Monat, für ein Jahr oder für
viele Jahre. Wie weisst du, wann es eine gute Zeit für dich sein
könnte, ein Zölibat zu beachten? Ein Möglichkeit besteht
dann, wenn der Wunsch nach Sexualität nachlässt. Wenn deine
Aufmerksamkeit nicht auf die Sexualität gerichtet ist, ist es
einfach, das Zölibat zu praktizieren. Wenn du aber andererseits
immer an die Sexualität denkst und dein Leben voller sexueller
Phantasien ist, dann ist es vielleicht nicht die richtige Zeit für
ein Zölibat.
Anmerkung richtige Zeit:
In diesem Punkt denke ich genau entgegengesetzt. Gerade dann, sollte
man das Zölibat praktizieren, wenn man nichts als Sex im Kopf hat.
Wie die Folgen eines solchen Denkens und Handeln aussehen, kann sich
jeder selber ausmalen. Es ist ein Weg, der zwangsläufig ins Leid
führt. Aber trotz des erlittenen Leides ist die sexuelle
Verhaftung in der Regel stärker, und die betreffende Person, wird
weder die Kraft, noch die Einsicht haben, sich von ihrer sexuellen
Verhaftung zu lösen. Der Schritt zum Zölibat, beruht einzig
und allein auf einem entwickelten Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist
in der Regel eng mit dem Leid verbunden, welches durch eine
praktizierte Sexualität entsteht. Um so stärker man sich zur
Sexualität hingezogen fühlt, um so stärker ist
normalerweise auch die sexuelle Aktivität und das dadurch
entstandene Leid. Viele Menschen verdrängen dieses Leid allerdings
über viele Jahre oder Jahrzehnte, die meisten gar ein Leben lang,
weil sie niemals ein Bewusstsein entwickeln, dass sie in höhere
spirituelle Ebenen führt. Wenn das sexuelle Begehren dagegen
abnimmt, braucht man sich eigentlich nicht speziell um das Zölibat
bemühen. Es stellt sich, nach einer gewissen Zeit, von selber ein.
Ende Anmerkung
Es ist angenehmer nicht-sexuell, als sexuell zu sein. Dies ist eine
natürliche Art des Zölibats. Die sexuellen Phantasien
verschwinden langsam, wenn man sich für das Zölibat
entscheidet. Die Aufmerksamkeit wendet sich dann anderen Quellen der
Lebensfreude zu. Praktiziert jemand rein physisches Zölibat, denkt
aber immer noch an Sexualität und ist voller sexueller Phantasien,
dann kann das Zölibat nicht als natürlich empfunden werden.
Zölibatäre Leute berichten, dass es zunehmend leichter
fällt, zölibatär zu leben, um so länger man
zolibatär lebt. Andererseits gibt es keinen Beweis dafür,
dass die Fähigkeit, Sex zu haben, darunter leiden würde. Ganz
das Gegenteil ist der Fall. Kürzere Perioden der Enthaltsamkeit,
könnten die beste Heilung bei sexuellen Problemen, wie etwa bei
Impotenz, sein. Was dabei allerdings verloren gehen könnte, ist
der Wunsch nach Sexualität (der bei der Impotenz in der Regel
vorhanden ist, aber mangels Errektionsschwierigkeiten nicht praktiziert
werden kann). Entschließt sich jemand enthaltsam zu leben, dann
verliert er nicht sofort alle sexuellen Wünsche, aber er verliert
nach und nach den Wunsch, alle sexuellen Wünsche ausleben zu
wollen. In unserer Kultur, wird die Möglichkeit, den Wunsch nach
Sexualität, zu verlieren, mit einem stillen Tod gleichgesetzt.
Aber die Natur ist viel gutmütiger geartet. Enthaltsam lebende
Leute sagen, dass dann, wenn die sexuellen Wünsche entfallen sind,
sie dem Wunsch nach anderen, viel wichtigeren Erfahrungen, Platz machen.
Für
einige Menschen bedeutet, das Zölibat zu praktizieren,
Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Die Realisierung des
Zölibats kann dadurch zustande gekommen sein, dass sie die
Sexualität nicht als so erfreulich empfanden, wie sie es sich
wünschten, aber dennoch irgendwelche sexuellen
Aktivitäten praktizierten. Wenn die Sexualität als
unbefriedigend erfahren wird, man sie aber trotzdem weiterhin
praktiziert, dann wird sie als etwas Unnatürliches
empfunden. Das bedeutet, dass die Sexualität zu dieser Zeit
als unpassendes Mittel des individuellen Ausdrucks angesehen wird.
Die tieferen Ebenen der Gefühle, die tieferen Ebenen der
Zärtlichkeit und Intimität, können leicht durch die
Sexualität verloren gehen, weil die sexuelle Aktivität so
beherrschend ist und dazu tendiert, dass die Liebe sich am
Ende in der Sexualität verliert. Du magst dich danach
sehnen, diese tieferen Ebenen, zu deinem Partner Ausdruck zu verleihen,
aber am Ende kommt dann doch nur das Sexuelle zum Ausdruck. Es
kann sich sowohl das Individuum als auch ein Paar jederzeit
für das Zölibat entscheiden. Es muss nicht
unbedingt sofort für eine längere Periode der
Enthaltsamkeit sein. Vielleicht sind anfangs nur eine oder zwei
Wochen angebracht. Das Zölibat ist ein Weg, um mit den bisher
geltenden Regeln zu brechen, alte Verhaltensmuster aufzulösen. Es
ermöglicht einem, sich von der Sexualität zu befreien, um die
Freuden des Lebens auch ohne Sexualität neu zu bewerten und zu
erfahren.
2. Das alte Zölibat
Inhaltsverzeichnis
Im Leben der religiösen Menschen, wird das Zölibat als eine
spirituelle Disziplin betrachtet, als eine Übung, die dem
spirituellen Sucher, spirituelles Wachstum ermöglicht. Das
Zölibat bietet für den religiösen Menschen einen Weg,
der seine Aufmerksamkeit vollkommen auf die Suche und Erfahrung Gottes
lenkt. Von allen vergangenen und gegenwärtigen Weltreligionen, ist
das Zölibat am meisten in den östlichen Weltreligionen,
besonders im Hinduismus, verbreitet. Da man aber nicht unbedingt ein
Priester sein muss, um ein religiöses Leben innerhalb des
Hinduismus zu führen, muss man ebenfalls kein Priester sein, um
das Zölibat zu praktizieren. Die Männer und Frauen, die
Anhänger des Zölibats, egal ob Priester oder nicht, sind die
Sadhus, die Mönche, der verschiedenen hinduistischen Orden.
In der 5.000 Jahre alten hinduistischen Tradition, besteht das ideale
spirituelle Leben aus 4 Lebensstadien (Das Konzept der 4 Lebensstadien),
die vier Entwicklungsstufen, die das menschliche Wachstums
repräsentieren. Es beginnt mit dem Brahmacharya, dem Zölibat,
dem Lebensstadium des Schülers. Im Alter von etwa 10 Jahren
beginnt der Bramachari mit der spirituellen Ausbildung, wobei sein
zölibatärer Status ihm als Basis für sein wachsendes
Bewusstsein dient. Er studiert, normalerweise bei einem Meister (Guru),
wobei er in den nächsten 12 Jahren das Zölibat weiterhin
aufrecht erhält. Diesem Lebensabschnitt folgt normalerweise der
zweite Lebensabschnitt, der Lebensabschnitt des verheirateten Mannes,
des Familienvaters. Aber nicht alle Männer heiraten im zweiten
Lebensabschnitt. Einige entscheiden sich, Mönche zu werden und
halten das Zölibat ein Leben lang aufrecht. Aber die meisten
Männer heiraten und gründen eine Familie. Beide Wege, sowohl
der Weg des Mönches, als auch der Weg des Ehemannes, werden im
Hinduismus respektiert.
Von denen, die geheiratet haben (die Familienväter beachten
normalerweise ebenfalls das Brahmacharya, Sexualität nur zur
Zeugung des Nachwuchses), fahren einige Familienväter nach der Ehe
mit der spirituellen Hingabe fort und beschließen, ihre
religiöse Hingabe im dritten Lebensstadium, dem Lebensstadium des
Vanaprastha (siehe Anmerkung), um sich auf ein Leben als
religiöser Einsiedler vorzubereiten. Einige verheiratete Paare
gehen zusammen in den Wald oder in die Berge (Himalaya). Im dritten
Lebensstadium ist das Zölibat selbstverständlich. (Anmerkung:
Aber es dürfte den meisten Eheleuten ohnehin nicht weiter schwer
fallen, weil die meisten hinduistischen Eheleute in der Regel ohnehin
in der Ehe das Brahmacharya, das Zölibat, beachtet haben.) Es ist
eine Zeit, von der sich der/die Vanaprashta von seinem/ihrem weltlichen
Besitz und von den familiären Verpflichtungen trennt, um in den
vierten Lebensabschnitt, dem Abschnitt des Sannyasa,
(Einsiedler/Mönch) überzuwechseln.
Anmerkung Vanaprashta
Das dritte Lebensstadium, Vanaprastha, folgt etwa ab 50, 60 Jahren bis
etwa 75. Lebensjahr. Es ist ein langsames Eintreten in den Ruhestand.
Dieser Übergang findet allmählich statt, nicht abrupt wie im
Westen, wo man bis 60 oder 65 seinen Acht-Stunden-Tag hat und danach
von einem Tag auf den anderen nichts mehr, was für viele Menschen
eine schwierige Umstellung ist. Klassischerweise zieht man sich im
Vanaprastha langsam aus dem Beruf zurück, übergibt das
Geschäft oder den Hof an die Kinder oder die Nachfolger. Und man
löst sich langsam körperlich und emotionell aus der
Partnerschaft, um sich später ganz zu trennen und so im hohen
Alter in den vierten Lebensabschnitt, dem Sannyas, der vollkommenen
Entsagung, einzutreten.
Ende Anmerkung
Ein Sannyasin lebt normalerweise vollkommen allein oder in einer
Mönchsgemeinschaft. Er hat alle familiären Verbindungen,
sowie alle Verbindungen zu anderen Menschen (Freunde, Bekannte,
Verwandte) abgelegt und sich von weltlichem Besitz gelöst. Der
Sannyasin genießt die Ruhe der Meditation und strebt nach der
Reinheit seines spirituellen Bewusstseins. In der östlichen
Tradition, ist das Zölibat eine Disziplin, um Erleuchtung zu
erlangen, wobei die physische, die geistige und die emotionale Energie,
des Körpers, des Geistes und der Sinne, auf die höheren
spirituellen Ebenen (auf Gott) ausgerichtet sind.
Anmerkung Sannyasa
In jeder Religion gibt es Einsiedler, die in Zurückgezogenheit und
Meditation leben. Es gibt Bhikkus (Mönche) im Buddhismus, Fakire
im Islam, Fakire im Sufismus und Patres und Pfarrer im Christentum. Die
Großartigkeit einer Religion geht vollkommen verloren, wenn man
die Eremiten (Einsiedler) oder Sannyasins wegnimmt, oder diejenigen,
die ein Leben der Entsagung und Kontemplation über das
Göttliche leben. Diese Menschen erhalten die Religion und bewahren
die Weltreligionen. Diese Menschen bringen den Hausvätern Trost,
wenn sie in Schwierigkeiten und Verzweiflung sind. Sie geben den
Verzweifelten Hoffnung, den Niedergeschlagenen Freude, den Schwachen
Kraft und den Furchtsamen Mut, indem sie das Wissen der Vedanta
(heiligen Schriften) lehren.
Sannyasins leben von ein paar Stücken Brot und dafür gehen
sie von Tür zu Tür und verbreiten überall im Land die
erhabene Vedantalehre und die erhabene Philosophie der Verwirklichung
Brahmans (Gottes). Die Welt schuldet ihnen großen Dank. Wer kann
ihnen diese Schulden vergüten ? Ihre Schriften führen uns
noch immer. Lies einige Shlokas (altindische Verse) der Avadhuta Gita
(heilige Schrift, hinduistische Bibel). Du wirst dich sofort in die
wunderbaren Höhen göttlichen Glanzes und göttlicher
Herrlichkeit erhoben fühlen. Du wirst ein anderer Mensch sein.
Niedergeschlagenheit, Schwäche, Ängste und Kummer
verschwinden sofort.
Ein wirklicher Sannyasin ist der einzig mächtige Herrscher dieser
Erde. Er nimmt nie etwas. Er gibt immer. Nur Sannyasins vollbrachten in
der Vergangenheit wunderbare Taten. Nur Sannyasins können in der
Gegenwart und auch in der Zukunft Wunder wirken. Ramakrishna
Paramahamsa, Rama Tirtha, Dayananda und Vivekananda verbreiteten die
erhabene Lehre der Schriften und hielten die Hindureligion am Leben.
Nur die Kühnheit der Sannyasins, die alle Bindungen und
Beziehungen gelöst haben, furchtlos sind und frei von
Täuschung, Leidenschaft und Selbstsucht, können der Welt
wirklich dienen. Nur ein Sannyasin kann wirklich Loka Sangraha
(selbstlosen Dienst) tun, denn er hat göttliches Wissen und widmet
seine ganze Zeit! Ein einziger wirklicher Sannyasin kann das Schicksal
der ganzen Welt verändern! Ein einziger mächtiger Shankara
(Philosoph) errichtete die Lehre der Adwaita Philosophie. Er lebt in
unseren Herzen weiter. Sein Name kann nie verlöschen, solange die
Welt besteht.
So wie es in Wissenschaft, Psychologie, Biologie und Philosophie
Forscher und Wissenschaftler gibt, so sollte es auch Forscher und
Wissenschaftler bei den Yogis und Sannyasins geben, die ihre Zeit dem
Studium und der Meditation widmen, der Forschung über den Atman
(Seele). Diese wissenschaftlich tätigen Yogis geben der Welt ihre
Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet der Religion. Sie bilden
Schüler aus und schicken sie in die Welt, um zu predigen. Es ist
die Pflicht von Hausvätern, Zamindars (reicher
Großgrundbesitzer) und der Verwaltung, für die
Bedürfnisse dieser Sannyasins zu sorgen. Dafür sorgen diese
Sannyasins für ihre Seelen. So wird sich das Rad der Welt
ungehindert drehen. Es wird Frieden im Land herrschen.
Ende Anmerkung
Im allgemeinen wird der Sex in der östlichen Philosophie, als eine
Vergeudung sexueller Energien, das Brahmacharya (Zölibat) dagegen
als eine Bewahrung sexueller Energien betrachtet.
Übermässiges sexuelles Interesse, gilt zwar nicht als eine
Sünde, wird aber als eine menschliche Schwäche betrachtet,
die notwendigerweise zur Vergeudung der geistigen und physischen
Energien führt, während das Zölibat, die Erhaltung der
Energie und damit geistige und physische Stärke
repräsentiert. Um sich dem Zölibat zuzuwenden, muss man sich
von der Sexualität abwenden.
3. Zölibat und das Wachstum des
Bewusstseins Inhaltsverzeichnis
Entschließt man sich zum Zölibat, so kann dies wie andere
natürliche Ereignisse, gewissermaßen wie von selber
eintreten, in Übereinstimmung mit bestimmten sozialen, emotionalen
und spirituellen Erfordernissen, Bedürfnissen und Wünschen
und mit einer entsprechenden Verminderung der sexuellen Lust. Diese
Beschreibung der zölibatären Erfahrung, ist die Kernaussage
fast aller Diskussionen, die man mit Menschen hat, die selber das
Zölibat praktizieren. (Anmerkung: An dieser Aussage habe ich so
meine Zweifel. Ich kann mir vorstellen, dass dies auf Frauen, die sich
zum Zölibat entschlossen haben, sehr wohl zutreffen kann. Bei
Männern hingegen, kann ich es mir sehr schlecht vorstellen, dass
der Wunsch nach Sexualität, wie aus heiterem Himmel verschwindet.
Sicherlich gibt es einige wenige Männer, bei denen dies geschieht,
die haben dann, so würde ich vermuten, aber bereits zuvor, schon
mehr oder weniger enthaltsam gelebt.) Wenn die Möglichkeit des
Zölibats, für einige Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt
natürlich ist, dann muss es irgendeinen Aspekt in der menschlichen
Entwicklung geben, der diese Erfahrung ermöglicht.
Das Zölibat außerhalb der Religion, ist eine neue
Entwicklung unserer Gesellschaft. Es erscheint in einem Zeitalter, das
zunehmend den Schwerpunkt auf Selbstverwirklichung, die Entwicklung der
spirituellen Grenzen, die Ganzheit des Lebens und das innere Erstarken
der Gesellschaft, anstrebt. Der Schwerpunkt ist immer stärker auf
eine neue Weise der Beziehung zu anderen Menschen gerichtet. Neue Wege
der zwischenmenschlichen Beziehung, die Menschen über die
gewöhnlichen Erfahrungen der täglichen Routine
hinausträgt, sollen erkundet werden. Während persönliche
Ziele sich in Übereinstimmung mit der inneren Entwicklung
verändern, verändert sich ebenfalls die Einstellung zur
Sexualität. Dr. June Singer schrieb dazu: „Evolutionäres
Bewusstsein kündigt das neue Zeitalter an. Wir werden uns bewusst,
wie sehr wir unsere Sexualität steuern können und was das
für Folgen für unser Leben hat.“ Sie fährt weiter fort:
„Die neue Ära, in die wir eintreten, erfordert eine Verschiebung
der persönlichen Sichtweise, hin zu einer transpersonalen
Sichtweise (siehe Anmerkung: Transpersonale Psychologie), eine
Verschiebung von der egozentrischen Position (sich selbst in den
Mittelpunkt stellen, damit einhergehend, eine übertriebene
Selbstbezogenheit), hin zu einer universalen Orientierung.“
Anmerkung: Transpersonale Psychologie
Die Transpersonale Psychologie und die darauf aufbauende Transpersonale
Psychotherapie erweitern die klassische Psychologie und Psychotherapie
um philosophische, religiöse und spirituelle Aspekte. Die
Transpersonale Psychologie untersucht Bewusstseinszustände
„jenseits“ (trans) der personalen Erfahrung: Bewusstsein, Mysterium,
Übersinnliches, Bewusstseinserweiterung, Irrationales,
Transzendenz, Spiritualität, Religion, etc.. In der
Transpersonalen Psychotherapie werden neben Elementen verschiedener
humanistischer Therapieverfahren vor allem meditative und hypnotische
Techniken sowie Methoden der Körpertherapie (Lauftherapie,
Rolfing, Rebalancing, Polarity oder Rebirthing. Diese Techniken werden
zum Teil ergänzt durch Anleihen aus der Gestalttherapie
(Anpassungsprozess des Organismus/der Psyche an die Umwelt) nach Fritz
Perls, dem Voice Dialogue (Dialog mit der „inneren Stimme“), der Arbeit
mit dem „inneren Kind“, sowie Meditation.), der initiatischen Therapie
von Graf Dürckheim (es geht darum, Verspannungen und Blockaden
abzubauen), psycholytische Psychotherapie (die psycholytische
Psychotherapie nutzt psychoaktive Substanzen, wie LSD, Ecstasy,
Psilocybin, Meskalin, Ketamin und andere psychoaktive Drogen als
Werkzeug), schamanische Techniken und andere spirituelle Techniken
eingesetzt. Dadurch sollen bewusstseinserweiternde Erfahrungen
möglich werden, die sich dann auf das Leben des Menschen
nachhaltig auswirken. In der klassischen Psychologie wird die
Transpersonale Psychologie oft aufgrund dieser Kombination spiritueller
und psychologischer Konzepte kritisch gesehen.
In einer
Untersuchung über die sexuelle Enthaltsamkeit Anfang der 50er
Jahre, stellte der amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey fest,
dass Abstinenz für ein paar Tage oder eine Woche, bei Männern
unter 30 nichts außergewöhnliches ist. Aber nur 11 Prozent
gaben an, sich länger als zwei Wochen zu enthalten, und nur 3
Prozent waren 10 Wochen oder länger abstinent. Kinsey beobachtete
ferner, dass die meisten Männer, die er befragte, sich geniert
hätten, einen Mangel an sexueller Betätigung zuzugeben, weil
der gesellschaftliche Druck, sexuell aktiv zu sein, zu groß war.
Er war sich daher nicht sicher, ob seine Zahlen stimmten. In ihrem Buch
„The virile man“ (Der männliche Mann) beurteilten der Urologe Dr.
Sheldom Fellman und Paul Neimark den Verzicht auf die Ehe für
einige Männer als äußerst erfreuliche Alternative. Dr.
Fellman fand heraus, dass etwa jeder 30. oder 40. Mann (2 bis 3
Prozent) mit Sexualität nichts zu tun hat. Dabei handelt es sich
häufig um Männer, die ihre ganze Energie, der Arbeit widmen.
Isaac Newton, Immanuel Kant, William Pitt (1766, Premierminister in
Grossbritanien), Martin Luther, Beethoven, Sigmund Freud, Anthelme
Brillat-Savarin (1755, französischer Philosoph, Schriftsteller und
Richter), George Bernhard Shaw, Henry David Thoreau (amerikanischer
Philosoph und Schriftsteller), und Alfred Hitchcock, sind einige der
bekannten Männer, die ihr ganzes Leben, oder einen Teil davon
ehelos blieben. Ohne Frage hat es viele erfolgreiche weltliche
Zölibatäre gegeben, die nicht zwangsläufig ihr
gesellschaftliches Leben oder gar die Ehe aufgaben, um sich der
Sexualität zu enthalten. Höchstwahrscheinlich ist das
Zölibat für den Mann annehmbarer geworden, indem immer mehr
Männer seine Nützlichkeit für ihr Leben entdecken. Diese
Nützlichkeit reicht von einer Kur bei Impotenz bis zum Wunsch,
seine gesamte sexuelle Energie auf ein geistiges Leben zu konzentrieren.
Die Enthaltsamkeit als Mittel gegen Impotenz, ist seit Jahrhunderten
bekannt. In seinen Schriften zur männlichen Sexualität pries
der jüdische Arzt und Philosoph des Mittelalters Maimonides die
Ehelosigkeit als notwendiges Mittel gegen die Impotenz, für die er
eine Reihe von Ursachen nannte, unter anderem sexuelle
Erschöpfung. Heute empfehlen viele Ärzte und Therapeuten die
Enthaltsamkeit für Männer, um den mit der Sexualität
verbundenen Streß und den Druck zu mildern, auf bestimmte Arten
zu funktionieren. Die Enthaltsamkeit soll den impotenten Mann
„zentrieren“, indem sie ihm ermöglicht, in sich zu bleiben, zu
ruhen, die Kräfte neu zu ordnen und die blockierte Energie in
andere Kanäle zu lenken. Betrachten wir es, wie es ist. Bestimmt
ist es um einiges interessanter, sexuell enthaltsam zu leben, als
impotent.
Möglicherweise existiert eine Neigung, eine Verbindung zwischen
der „neuen Impotenz" und dem „neuen Zölibat“ herzustellen, aber
sie sind völlig verschieden. Das Zölibat ist das genaue
Gegenteil von der Impotenz. Ein impotenter Mann möchte sexuelle
aktiv werden, kann es aber nicht. Der zölibatäre Mann, kann
sexuell aktiv werden, möchte es aber nicht. Man kann das
Zölibat in der Tat als Quelle höchster Potenz betrachten. Die
1897 in Budapest geborene Yogalehrerin Elisabeth Haich (Sexualität
und Yoga) schildert die erleuchteten Zölibatäre, deren
Energie auf andere als auf sexuelle Ziele gelenkt worden sind. Auf
dieser höheren Energiestufe, sagt sie, lebt der Körper viel
intensiver und hat weit mehr Kraft, als der eines Mannes, der sich noch
in den Klauen der Sexualität befindet und lebensspendende Energie
vergeudet. Im übrigen betont sie mit Nachdruck, dass diese
erleuchteten Männer nicht impotent wurden, auch wenn das von
Unwissenden immer wieder behauptet wurde.
4. Einige Überlegungen über die heutige
Jugend Inhaltsverzeichnis
Schauen wir uns einmal die Kinder und Jugendlichen aus
der heutigen Zeit an. Sie wachsen mit dem Bewusstsein auf, dass Liebe
und Sexualität identisch sind. Bereits im Alter von 12 Jahren,
sind die meisten dieser Kinder vollkommen mit der Sexualität
infiziert. Zum Erwachsensein gehört die Sexualität dazu. Und
da man besonders gerne im Kindesalter Erwachsen sein möchte,
möchte man selbstverständlich auch alle Attribute und
Freiheiten der Erwachsenen besitzen. Dazu gehört das Rauchen, der
Alkohol und natürlich die Sexualität. Was tun also die
Kinder, Jugendlichen, wenn sie zeigen wollen, dass sie eigentlich schon
erwachsen sind? Sie brechen die Tabus, die Regeln, die ihre Eltern
ihnen setzen. Es beginnt mit den Zigaretten und endet mit der
Sexualität. Einerseits werden diese Jugendlichen von der
körperlichen Veranlagung immer früher erwachsen, wenn auch
die geistige Reife keineswegs im gleichen Maße mitwächst.
Aber um sich herum sehen sie in ihrem Freundeskreis, wie ihre
gleichaltrigen Freunde und Bekannten die ersten Freundschaften zum
anderen Geschlecht knüpfen. Die beginnt heute oft bereits im
zwölften Lebensjahr. Diese Jugendlichen haben also gerade einmal
ihre Kindheit abgeschlossen, befinden sich am Beginn ihres jugendlichen
Wachstumsprozesses, der, um sich in Ruhe entwickeln zu können,
eigentlich der Schonung bedarf. Dieser Wachstumsprozess wird nun durch
permanente sexuelle Aktivität immer wieder
durcheinandergerüttelt.
Wer heute mit 15 Jahren noch keinen sexuellen Kontakt zum anderen
Geschlecht hatte, wird im allgemeinen als Aussenseiter angesehen und
meist auch ebenso behandelt. Um nicht als Aussenseiter abgestempelt zu
sein, versucht natürlich jeder Jugendliche sich in dieses
allgemeine Werteschema, hinter dem, von Seiten der Mitschüler,
Kameraden, ein gewaltiger (Gruppen-)Druck steht, der eigentlich nur das
wiederspiegelt, was in der Gesellschaft an Werten geachtet wird. Das
was früher, durch die Grenzen zum Erwachsensein, erst im Alter von
21 Jahren stattfand, findet heute bereits im Alter von 12 bis 15 Jahren
statt. Ein Jugendlicher, der heute mit 15 Jahren noch keinen Sex hatte,
steht also als Aussenseiter am Rand einer Gruppe. Möchte ein
junger Mensch heutzutage aber ganz bewusst keine Sexualität, weil
er/sie das für zu früh hält, dann muss er/sie über
ein enormes Selbstbewusstsein verfügen, um nicht dem Spott der
Mitschüler/Freunde zu verfallen.
Anmerkung: Volljährigkeit
Die Volljährigkeit wurde in Deutschland durch das Reichsgesetzt
vom 17. Februar 1875 auf 21 Jahre festgelegt. Seit dem 1. Januar 1900
regelte dies das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), § 2, gleichen
Inhalts. Weiterhin legte § 3 fest, dass durch das
Personenstandsgericht Personen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet
hatten, die Volljährigkeit zugesprochen werden konnte; Rechte und
Pflichten ergaben sich dementsprechend schon früher. Vor 1875 trat
sie in vielen Gegenden Deutschlands erst mit 25 Jahren ein. Am 1.
Januar 1975 wurde das Alter der Volljährigkeit in der
Bundesrepublik Deutschland von zuvor 21 Jahren auf 18 Jahre
herabgesetzt.
Ende Anmerkung
Es ist fast dasselbe, wie mit der Gewaltspirale an den Schulen.
Entweder man macht mit, oder wird möglicherweise selber zur
Zielscheibe, zum Opfer von Gewalt. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, der
Politik, der Erziehungsministerien auf bundes- und landesebene, der
Schulen, der Lehrer- und Elternverbände dafür zu sorgen, dass
in den Schulen ein gewaltfreies Klima herrscht. Geschieht dies nicht,
so ist über entsprechende Sanktionen nachzudenken. Ich glaube, wir
bräuchten viel Zeit, um darüber nachzudenken, warum uns diese
wichtigen Erziehungsideale in den vergangenen Jahrzehnten verloren
gingen. Sollten wir diese Entwicklung einfach so hinnehmen, sollten wir
sie als natürlich und gegeben akzeptieren, sollten wir uns mit
diesen Zuständen abfinden? Sollten wir es akzeptieren, dass unsere
Kinder zukünftig mit diesen Werten, mit diesen Vorstellungen, in
einer für sie rauhen, herzlosen und gefühlskalten Welt
aufwachsen, in der Gewalt, Leistungsdenken, Rücksichtslosigkeit
und frühkindliche Sexualität an der Tagesordnung sind? Oder
sollten wir einmal darüber nachdenken, warum das so ist und wie
wir dies verändern können? Warum wachsen z.B. Kinder in den
ländlichen Gebieten, so viel behüteter, liebevoller,
geschützter und mit viel weniger Gewalt, Aggressionen und
wenigstens mit einer etwas zurückhaltenderen Sexualität auf?
Oder hat bereits auch in den ländlichen Regionen, die
Sexualisierung der Kindheit Einzug gehalten? Ich weiß es nicht,
da ich diesbezüglich keinen Einblick habe.
Ich habe mir überlegt, wie wohl diese Veränderungen
entstanden sind. Wahrscheinlich gibt es sehr viele Faktoren, die zu
diesem Wandel beigetragen haben. Was mir dabei allerdings aufgefallen
ist, dass es diese Probleme vor 50, 60 Jahren noch nicht gegeben hat,
jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Damals existierte
gewissermaßen noch eine heile Welt. Dafür gab es andere
Probleme. Der Zweite Weltkrieg war einige Jahre zuvor beendet worden
und Deutschland war eine Trümmerwüste und stand vor dem
Wiederaufbau. Man hatte also ganz andere Probleme. Man stelle sich
diese Situation einmal vor. Die Menschen stehen gewissermaßen vor
dem Nichts, es mangelt am allernötigsten, deshalb hat man nicht
einmal Zeit, die Entnazifiezierung voranzutreiben. Viele Väter
sind im Krieg gefallen, viele Mütter und Kinder haben in den
Bombennächten ihr Leben lassen müssen. Aber der Wiederaufbau
bedarf natürlich jeder helfenden Hand, um zu überleben. An
Nachwuchs ist zunächst noch gar nicht zu denken, dazu fehlen
einfach die allernotwendigsten Lebensgrundlagen. Viele haben ja nicht
einmal eine eigene Wohnung, sondern wohnen in irgendwelchen Lagern, bei
Verwandten, Freunden und Bekannten, bei fremden Menschen oder irgendwo
in der Ferne, wo sie der Krieg gerade hingetrieben hat.
Zehn Jahre später, 1955, sieht die Situation schon wieder ganz
anders aus. Die Not hat ein Ende. Man hat es durch die alten deutschen
Tugenden, Fleiß, Sparsamkeit und Dank der amerikanischen Hilfe
geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen. Amerika schwelgte in den
50er-Jahren im Reichtum und war den deutschen ein Vorbild, dem sie
nachahmten. So wie die Amerikaner lebten, so wollten die Deutschen auch
leben. Was dabei ins Auge stach, war vor allen Dingen der Reichtum, der
"American way of life". Das wurde zum Vorbild für die Deutschen.
Alles glänzte so schillernd und golden, dass man die
Schattenseiten dieses Lebens gar nicht sah. Auch wenn es den Ausdruck
"Shareholder Value" (Aktienvermögen) noch gar nicht gab, so war es
doch der amerikanische Dollar, der den Deutschen den Kopf verdrehte.
Sie träumten den Traum von einem deutschen Dollarparadies, in dem
jeder Mensch sich jeden Traum erfüllen konnte, der niemals endete
und alle Menschen für alle Zeiten glücklich machte. Gab es
nicht vor einigen Jahren denselben Traum, als die Aktienkurse geradezu
explodierten und alle Menschen glaubten, sie könnten innerhalb
kürzester Zeit alle zu Millionären werden? Was sie nicht
ahnten war, dass dieser steile Aktienanstieg ein künstliches
Produkt, eine Seifenblase war, die schon bald zerplatzen sollte. Und so
kam es dann auch nach einem kurzem Traum von Leben als Millionär,
dass die Aktienkurse innerhalb kürzester Zeit zu Tal stürzten
und viele Menschen gewissermaßen fast über Nacht ihr ganzes
Hab und Gut verloren, oder zumindest einen Teil davon, weil sie dem
Aktienschwindel aufgesessen waren.
Und genau so, wie in den 50er-Jahren, die Menschen glaubten, die
Zukunft könne nur rosarot oder gold aussehen, so sahen sie nicht
die Nachteile, die sich auch schon bald in Amerika zeigten.
Zunächst ging es aber noch weiter aufwärts. Vielleicht sollte
man sich einmal die Frage stellen, warum es den Amerikanern über
solch einen langen Zeitraum eigentlich so gut ging? Amerika war eine
Weltmacht und hatte Einfluss auf die ganze Welt. Sie hatten auf der
ganzen Welt Handelspartner, die durch entsprechende militärische
Macht unterstützt wurde. Es soll an dieser Stelle gar nicht weiter
untersucht werden, wie die Macht und der Reichtum der USA zustande kam.
Es soll aber darauf hingewiesen werden, dass die USA an vielen Orten
der Welt militärische Stützpunkte errichtete, sich an Kriegen
beteiligte, sie selber führte und besonders oft gegen demokratisch
gewählte Regierungen vorging, weil ihnen sonst offensichtlich die
Gewinne verloren gingen. Es sei an einige Kriege erinnert: 1946 in
Bolivien, 1950 in Korea, 1953 im Iran, 1959 in Kuba, 1960 im Kongo,
1963 in der Dominikanischen Republik. Näheres dazu unter: Liste der Auslandsinterventionen
der Vereinigten Staaten
Diesem Vorbild der USA eiferte die Bundesrepublik nach. Und auch in den
ersten Jahrzehnten ging es in der Bundesrepublik wirtschaftlich und in
vielen anderen Bereichen aufwärts. Allmählich löste man
sich von der Not, dem Hunger, der Armut und eine gewisse
Lebensqualität breitete sich aus. Man hatte also offensichtlich
auf's richtige Pferd gesetzt, als man dem American way of life folgte.
Aber auch die Zeiten blieben in den USA nicht immer golden. Die von den
USA ausgebeuteten Staaten, vor allem die mittel- und
südamerikanischen Staaten entwickelten neues Selbstbewusstsein und
wehrten sich gegen die amerikanische Politik. Es kam vielfach zu
Guerilla-Kriegen. Auch im Innren der USA gab es Probleme. In den 50er
und 60er Jahren gab es Rassenkrawalle, in der die Farbigen Amerikas
ihre Gleichberechtigung forderten. Ausserdem gab es nach dem zweiten
Weltkrieg einen kalten Krieg mit der Sowjetunion der zur
militärischen Aufrüstung führte, wobei viel Geld in die
Rüstung floss. Es soll hier gar nicht im einzelnen betrachtet
werden, warum auch in den Vereinigten Staaten nur mit Wasser gekocht
wird. Auf alle Fälle breiteten sich auch in den USA immer
stärker an den Rändern der Großstädte Ghettos aus,
die von Armut, Gewalt, sozialer Not, Verrohung, Kriminalität und
Rauschgift bestimmt waren, die natürlich nicht an der Grenzen der
Stadtteile halt machten, sondern allmählich in ganz Amerika zum
Problem wurden.
Langsam und allmählich wandelte sich also das Bild der USA und es
war zu erwarten, dass diese Veränderungen auch irgendwann in
Deutschland, das dem amerikanischen Vorbild so eifrig folgte, Einzug
halten würden. So kam es dann auch mit einigen Jahren
Verzögerung, dass auch die negativen Erscheinungen, die sich
zuerst in den USA ausbreiteten, sich bald in Deutschland zeigten. War
es also wirklich so klug, dem amerikanischen Vorbild zu folgen? Aber
wahrscheinlich gab es keine andere Möglichkeit, zumal die
langfristige Entwicklung nicht vorherzusehen war. Heute aber haben wir
mit den schwerwiegenden Folgen zu kämpfen. Die
Orientierungslosigkeit vieler Jugendlicher, ihr Hang zur
Gleichgültigkeit, zur Lustlosigkeit, ihre Neigung, alles nach dem
Lustprinzip zu beurteilen, ihre Leistungsverweigerung an den Schulen,
aber auch ihre Perspektivlosigkeit, die ihnen unsere Gesellschaft
teilweise zu bieten hat, sind ein weites Feld, über das wir uns
Gedanken machen sollten.
Kapitel 4 ist nicht aus dem Buch
von Gabrielle Brown. Es ist eine Überlegung des Übersetzers.
Fortsetzung
folgt.
Quelle: The new celebacy - (Deutsch: Liebe ohne Sex)
Inhaltsverzeichnis
Noch ein Hinweis auf zwei andere Bücher mit
gleicher/ähnlicher Thematik:
5. Zehn
Argumente für das
Zölibat Inhaltsverzeichnis
Das vielleicht ungewöhnlichste Buch über den Zölibat von
Hans Conrad Zander
Das Zölibat ist
skandalös, abenteuerlich, erotisch, frech, natürlich,
feministisch und lustig. Es macht schlank, glücklich und
männlich.
Das Zölibat ist skandalös, abenteuerlich, erotisch, frech,
natürlich - und er macht glücklich. Schon Franz von Assisi
und Robinson Crusoe waren Helden des Zölibats und folgten seinen
Weisungen. Und wer heute das große Abenteuer sucht, die wilde,
freie und heilige Männlichkeit, für den gibt es nur eine
Lösung: den Zölibat - sagt Hans Conrad Zander, ehemaliger
Dominikaner und ein exzellenter Großmeister des Humors. Witzig
und geistreich ergreift er Partei für das Keuschheitsgelübde.
Eine hintersinnige und kenntnisreiche Satire.
"Ein Lesevergnügen der besonderen Art: frech, gescheit, witzig"
(Das Sonntagsblatt)
"Mit zahlreichen Anekdoten und harten Fakten aus der Kirchengeschichte
kann Zander auf humorvolle und überzeugende Weise zeigen, dass
sexuelle Selbstverwirklichung und Ehe total langweilig sind. Der wahre
Kick kommt, wenn man's nicht (mehr) macht! Wer beim Argument Nr. 10
angekommen ist, hat sich nicht nur köstlich über eine
unkonventionelle Argumentationsweise amüsiert, sondern auch
Erstaunliches über Zölibat und Katholizismus gelernt. Und
nebenbei liefert Zander auch noch eine Kulturgeschichte des
Zölibats, gesalzen mit Kraftausdrücken und gepfeffert mit
einem ungewöhnlichen Blick auf Jesus, der einfach die Frechheit
besaß, keine Familie zu gründen: Zölibat -- die wahre
männerbewegte Existenz.
...
Das Buch ist sowohl eine Fundgrube für Liebhaber schwarzen Humors
als auch die Bitte eines tief im Herzen Getroffenen, Priester wieder
als Menschen zu achten. Diese sind weder abartig noch krank, sondern
einfach sexlos glücklich. Zander schlägt eine Bresche
für die friedliche Koexistenz der sexuellen Orientierungen.
10 Argumente
Inhaltsverzeichnis
6. Als die Religion noch nicht
langweilig war Inhaltsverzeichnis
Ich habe gerade gesehen, dass es vom selben
Autor ( Hans Conrad Zander) noch
ein anderes Buch gibt, dass auch sehr interessant sein könnte:
Die Geschichte der Wüstenväter
Die Geschichte der 'Wüstenväter' - die Geschichte der ersten
Aussteiger, die unzufrieden waren mit der Erstarrung der frühen
christlichen 'Amtskirche', auf eigene Faust den Sinn des Lebens in der
Einsamkeit suchten und ungewollt zu den religiösen 'Stars' der
späten Antike wurden. Eine Story von verblüffender
Aktualität!
So spannend wie heute das Internet, ein Pop-Konzert oder der
Fußball war für die Menschen der späten Antike die
Religion. Und nichts hat sie so fasziniert wie die Abenteuer der
'Stars' ihrer Zeit, der 'Wüstenväter'. Zu tausenden waren sie
hinausgezogen in die Wüsten Ägyptens und Syriens, um in einer
Landschaft, die zuvor als tödlich galt, zu meditieren und 'bei
sich selber zu sein' (secum esse). Die Sensation war so groß,
dass rund um die Einsiedelei des Ägypters Antonius eine
regelrechte 'Wüstenstadt' von Fans und Jüngern entstand. Und
in Syrien umbrandete ein 'Ozean von Menschen' die zwanzig Meter hohe
Säule, auf die sich der Wüstenvater und 'Säulenheilige'
Simeon gerettet hatte ...
Der Leser erfährt alles Wissenswerte über diese
Gründerväter des christlichen Mönchtums, aber z. B. auch
über die höllischen erotischen Anfeindungen der einsamen
Männer in der Wüste, die wir aus den berühmten
Gemälden des Hieronymus Bosch und des Matthias Grünewald
kennen.
Die Geschichte der
Wüstenväter
Inhaltsverzeichnis
7. Der Säulenheilige Simeon
Inhaltsverzeichnis
Im Buch über die
Wüstenväter von Hans Conrad Zander wird gesagt: In Syrien
umbrandete ein 'Ozean von Menschen' die zwanzig Meter hohe Säule,
auf die sich der Wüstenvater und 'Säulenheilige' Simeon
gerettet hatte. Mich interessierte, was eigentlich ein
Säulenheiliger ist. Als Säulenheiliger wurde zunächst in
der Ostkirche ab dem 4./5. Jahrhundert ein Mönch bezeichnet, der
zum Zeichen besonderer Askese sein Leben auf dem Kapitell einer Säule (Bild) zubrachte. (das
Römische Reich, spaltete sich in der Spätantike in ein
weströmisches und ein oströmisches Reich auf) Das Kapitell ist der obere Abschluss einer
Säule. Die Säulenheiligen folgten drei asketischen
Prinzipien: dem Verweilen an einem Ort, dem Unbehaustsein und dem
Stehen. Die Säulen waren unterschiedlich hoch (drei Meter und weit
mehr), auf dem Kapitell (an der Spitze) war eine Platte so angebracht,
dass der Asket sich in Ruhe ausstrecken konnte. Vor dem Absturz
schützte ein Geländer. Schutz vor Regen und Sonne wurden
abgelehnt. Einige gingen beim "Stehen" so weit, dass sie sich lange
Zeit nicht hinlegten. Nahrung und Eucharistie (Abendmahl, heute Hostie)
erhielten die Säulenheiligen über Leitern. Ab dem 6.
Jahrhundert wurden verschiedene Säulenheilige zum Priester geweiht
oder stiegen erst nach der Priesterweihe auf ihre Säulen. Einige
verließen die Säulen nie wieder, andere nur aus bedeutenden
Anlässen, bei Verfolgungen oder weil sie zum Bischof gewählt
worden waren.
Der erste Säulenheilige war Symeon (Simeon), der aus dem
Grenzgebiet zwischen Syrien und Kilikien stammte. ( Kilikien entspricht in etwa den heutigen
türkischen Provinzen Adana und Mersin) Früh in ein Kloster
eingetreten, wurde er 414 gezwungen, dieses wieder zu verlassen, da er
sich zu exzessiven asketischen Übungen unterzog. So hatte er sich
beispielsweise für zwei Jahre eingraben lassen. Er begann nun ein
Eremitendasein, zeitweise eingemauert, bis er 422 in Qal'at Sim'an
(frühchristliches Kloster) eine zunächst nur 3 m hohe
Säule bezog, um nicht mehr ständig von ratsuchenden Besuchern
gestört zu werden. Die Säule wurde bald auf etwa 20 m
erhöht. Sie entwickelte sich mit ihrem Bewohner zu einem
vielbesuchten Pilgerort; prominente Besucher wie Kaiser Theodosius II.
kletterten gar zu Symeon auf das Kapitell, um sich von ihm Rat zu
holen. Symeon wurde für die verfolgten Christen im Perserreich
(heute Iran) ein Hort der Hoffnung und trat stets für die Armen
und Unterdrückten ein. Der himmlische, d. h., zwischen Himmel und
Erde lebende Zeuge/Märtyrer starb 459. Teile seines Leichnams
wurden als Reliquien (Überbleibsel) verehrt und seine extreme
Lebensweise fand bis etwa ins 10., vereinzelt sogar bis ins 19.
Jahrhundert ihre Nachahmer. Das frühchristliche Kloster, die
"heilige Festung" Qal'at Sim'an war eine gigantische Anlage, deren
Überreste noch heute zu sehen sind.
Säulenheiliger
Hier noch der Bericht über
Symeon Stylites (Simeon)
Symeon Stylites (Säule) der Ältere: Der syrische Asket Symeon
Stylites der Ältere, der erste »Säulenheilige«,
ist um 390 in Sis (Sisam) im Grenzgebiet zwischen Syrien und Kilikien
in einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Als kleines Kind getauft,
hütete er, ohne irgendeine Schulbildung zu erhalten, die Schafe
seiner Eltern. Um 403 trat er in das Kloster Eusebona bei Teleda ein,
das er aber im Februar 412 wegen seiner exzessiven Askese wieder
verlassen mußte. Er hatte sich zwei Jahre hindurch eingraben
lassen und sich durch andauerndes Stehen dem Schlaf entzogen. Symeon
wurde nun Eremit bei Telneshin Telanissos (Deir Sim an) 60 km
östlich von Antiochia. Er hauste zwar in einer Zelle, ließ
sich aber während der 40 Tage der Fastenzeit einmauern. Bald
übersiedelte er in das nahe Gebirge, wo ihn ungezählte
Ratsuchende besuchten. Um solchen Störungen zu entgehen und um dem
Himmel näher zu sein, setzte er sich um 422 auf eine Säule,
auf der er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Die Säule war
zunächst nur 3 Meter hoch, wurde aber dann mit Hilfe kaiserlicher
Bauleute bis auf ca. 20 Meter erhöht. So konnte ihm niemand mehr
wundertätige Fäden aus der Kutte ziehen. Die Plattform
maß 2 x 2 Meter. Symeon lebte in beständigem Gebet, das von
rhythmischem Niederfallen aus Knie und Stirn begleitet war. Theodoret
von Kyros hat sage und schreibe 1244 solche Proskynesen (Gesten der
Anbetung, Ehrerbietung und Unterwerfung.) gezählt, dann aber das
Zählen aufgegeben.
Der Ruf der Heiligkeit breitete sich aus und große Volksmassen
drängten um den »Friedensstifter der Wüste«, der
jeden Tag zwei Ansprachen an die Volksmasse richtete. So entwickelte
sich rings um die Heiligensäule ein permanenter Kirchentag, der
Pilger aus der gesamten Ökumene anlockte. Der stets von Freude
erfüllte Vater ging auch auf hochgerufene Fragen ein. Manch ein
Besucher, wie Kaiser Theodosius II., kletterte sogar zu dem lebenden
Heiligen hoch, um sich dort beraten zu lassen. Symeon hatte so
erhebliches politisches Gewicht. Für die verfolgten Christen im
Perserreich wirkte er wie ein Fanal der Rettung. Er trat stets für
die Armen und Unterdrückten ein. So forderte er, es dürften
generell nur sechs Prozent Zinsen genommen werden. Theodoret von Kyros,
der ganz in der Nähe Bischof war, berichtet vom Fasten des
lebenden Heiligen: »Von dieser Zeit an bis heute - 28 Jahre sind
seitdem verstrichen - verbringt er das vierzigtägige Fasten ohne
Nahrung zu sich zu nehmen. Zeit und Übung haben ihm bei seiner
Anstrengung sehr geholfen. Die ersten Tage pflegte er nämlich zu
stehen und laut Gottes Lob zu singen. Danach, wenn sein Leib durch
Mangel an Nahrung nicht mehr die Kraft zum Stehen hatte, setzte er sich
nieder und verbrachte so seinen heiligen Dienst. Die letzten Tage
lehnte er sich auch an. Und wenn dann allmählich seine Kraft sich
erschöpfte und erlosch, war er gezwungen, halbtot am Boden zu
liegen.
Aber als er seinen Platz auf der Säule eingenommen hatte, wollte
er von dort nicht mehr herabsteigen und dachte sich darum etwas aus, um
auf andere Weise stehenzubleiben. Er brachte einen Balken an der
Säule an und band sich selbst mit Tauen an den Balken fest. So
hielt er die vierzig Tage durch. Später aber, als er mehr
Gnadenkräfte von oben empfangen hatte, war er auf dieses
Hilfsmittel nicht mehr angewiesen, und jetzt steht er vierzig Tage
lang. Er braucht keine Nahrungsmittel, sondern schöpft seine Kraft
aus seinem eigenen Willen und Gottes Gnade« (Phil. Hist. 24). -
Noch zu seinen Lebzeiten stellten Handwerker im weit entfernten Rom
Bilder des Symeon als Schutzzeichen in den Eingang ihrer
Werkstätten. - Der »zwischen Himmel und Erde lebende
Märtyrer«, der aérios martyr, starb am 2.9. 459 in
kal 'at Siman. Sein Tod wurde zunächst dem Volk verheimlicht. Der
Leichnam wurde dann mit allem Pomp nach Antiochia überführt,
wo man 30 Tage lang die Totenfeier hielt. Ein Teil der kostbaren
Gebeine kam 10 Jahre später nach Konstantinopel. Sein Fest wurde
im Westen am 5. Januar begangen, im Osten am 1. September.
Das Beispiel des »Wunders des Erdkreises« fand bis zum 10.
Jahrhundert Nachfolger. Anfängliche Kritik an der extremen
Lebensweise war schnell verstummt. Symeon verkörperte mit seiner
»Ortsaskese« das syrische Ideal des Einsiedlers in
höchster Übersteigerung. - Die »heilige Festung«
Kal at Siman (459 ff.) ist in der seit dem 7. Jahrhundert
verödeten Gegend 60 km östlich von Antiochia gut erhalten.
Freilich stand 1862, als Vicomte de Vogüé das Ganze
wiederentdeckte, noch wesentlich mehr, wie die graphischen
Darstellungen jener Zeit bezeugen. Zentrum des Ganzen ist die
Säule des Heiligen: Die originale Basis und mehrere Trommeln des
Säulenschafts sind erhalten. Darum errichtete man ein Oktogon, das
sich in acht gigantischen Triumphbögen öffnet, die durch die
gleiche Bauornamentik miteinander verbunden sind. Von diesem Zentrum
aus ging nach jeder Himmelsrichtung eine dreischiffige Basilika. Die
Ost-Basilika mit ihren drei Apsiden war die eigentliche Pilgerkirche.
Die drei anderen Basiliken dienten zur Betreuung der Pilgerströme.
Um 500 wurde dem Riesen-Heiligtum ein Kloster zugeordnet, das eine
eigene Klosterkirche hatte, die zwischen dem Kloster und der
Pilgerkirche lag. Am Fuß des Symeon-Festungshügels findet
man Xenodochien, also einen Herbergskomplex mit Ställen. Ein mit
einem Tor verbundenes Baptisterium in diesem Bereich steht noch bis
obenhin. Daran hing noch eine kleine Basilika.
Wer hat die gigantische Anlage, an der tausend Arbeiter gleichzeitig
haben wirken müssen, errichtet? Die Riesenanlage sprengt die
Möglichkeiten eines Klosters oder eines Patriarchen. So kommt
für diese exorbitante Baumaßnahme nur der vielfach
angefeindete Kaiser Zeno der Isaurier in Frage, der so seine
Legitimität demonstrieren konnte. Er suchte so offenbar den Ruhm
des Heiligen für seine Kirchenpolitik zu nutzen. Zeno baute auch
sonst in gewaltigen Ausmaßen. Im 7. Jahrhundert eroberten die
Araber das Gebiet. Seit dem 11. Jahrhundert schweigen die Quellen ganz.
Im 19. Jahrhundert nutzte ein Scheich das Ganze als Palast.
Symeon Stylites
Inhaltsverzeichnis
Startseite
|